SCHWEIZ: Das Drama am «Hore» neu inszeniert

Zermatt feiert diesen Sommer 150 Jahre Erstbesteigung des Matterhorns. Ein Freilichtspiel soll an die dramatischen Ereignisse erinnern und die Geschichte zurechtrücken.

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Ein Skigebiet mit imposanter Kulisse: Wintersportler auf einer Aufnahme vom März 1956. (Bild: Keystone)

Ein Skigebiet mit imposanter Kulisse: Wintersportler auf einer Aufnahme vom März 1956. (Bild: Keystone)

Artur K. Vogel

In der Mitte des gepflasterten Dorfplatzes steht ein mächtiger Nadelbaum. Darum herum gruppieren sich wackelige Holzbänke, auf denen Bergler mit Hut und dickem Vollbart hocken, gerollte Seile um die Schultern, an den Füssen genagelte Bergschuhe. Taucht ein Engländer im teuren Tweed auf, bieten sie ihm in kargem Englisch ihre Dienste an. Das alles vor der Kulisse des Hotels Monte Rosa und einer Kollektion von der Sonne gebeizter Walliser Holzhäuser.

Genau so könnte die Szene Mitte des 19. Jahrhunderts gewesen sein, in die man hier, im Matterhorn-Museum, eintaucht. Nur der Baum, gibt Edy Schmid, der pensionierte Lehrer und ehrenamtliche Kurator des Museums, zu, habe auf dem echten Dorfplatz nicht existiert. Er ist aus Kunststoff und verdeckt einen Stützpfeiler des modernen Gebäudes, dessen gläserner Aufbau mit der danebenliegenden alten Kirche und dem mächtigen Fünfsternehotel Zermatterhof um die Aufmerksamkeit der flanierenden Touristen buhlt. Für wenige Jahre war hier ein unrentables Casino installiert; im Untergeschoss kann man nun in die museale Dorfszene eintauchen.

Der fatale Schnitt

Edy Schmid, 69, ist ein wandelndes Zermatt-Lexikon. Er weiss alles über die Geschichte des weltberühmten Dorfes. Wie Alexander Seiler in den 1850er-Jahren hierherkam, ein Seifensieder aus dem Goms; wie dieser Seiler Zermatts Entwicklung vorhersah und, misstrauisch beäugt von den Einheimischen, die kleine lauberische Herberge am Dorfplatz übernahm und an ihrer Stelle das Hotel Monte Rosa baute, das heute noch steht. In diesem nahm am 14. Juli 1865 ein epochales Ereignis seinen Anfang: Peter Taugwalder Vater und Sohn, zwei einfache Zermatter Bauern und Bergführer, brachen zusammen mit den Engländern Edward Whymper, Reverend Charles Hudson, Lord Francis Douglas und Robert Hadow sowie dem Bergführer Michel Croz aus Chamonix zum «Hore» auf, wie es im lokalen Dialekt genannt wird. 200 Meter unter dem Gipfel schnitt der ex­trem ehrgeizige Whymper das Seil durch und spurtete los, um als erster Mensch oben zu stehen.

Aus Verbitterung ausgewandert

Die Tragödie jenes Tages der tödliche Absturz von Hudson, Douglas, Hadow und Croz wegen eines Seilrisses beim Abstieg – hat den Mythos der Erstbesteigung erst richtig begründet: Plötzlich war Zermatt international präsent, vor allem in der damals führenden englischen Presse, in der Whymper, ein glänzender Schreiber, seine Abenteuer in den buntesten Farben darstellen konnte. «Die anderen Briten waren ja tot», sagt Edy Schmid: «Also bestritt niemand seine Darstellung.»

Vater Taugwalder wurde beschuldigt, den Unfall verursacht zu haben. Er zerbrach fast daran, wanderte verbittert in die USA aus und kam erst viele Jahre später zurück. Seine Erklärung des Unfalls war, dass man beim Abstieg ein Hilfsseil verwenden musste, weil Whymper ja beim Aufstieg das Hauptseil durchtrennt hatte. Niemand mochte ihm glauben. Das originale Corpus Delicti kann heute im Matterhorn-Museum besichtigt werden; Edy Schmid ist ein wortreicher Verteidiger von Taugwalder.

Ab dem 9. Juli wird auf dem Riffelberg ob Zermatt das Drama ums Matterhorn neu inszeniert: Livia Anne Richard, Berns bekannteste Theaterfrau, erzählt im Stück «The Matterhorn Story» von den Welten, die hier Mitte des 19. Jahrhunderts aufeinanderprallten: «Hier die jungen, durchtrainierten, reichen Engländer, die nicht zu arbeiten brauchten und sich auf Rekordjagd in den Alpen tummelten, dort die armen Bergbauern; Analphabeten, die die Mittel für ihr karges Leben mühsam zusammenkratzen mussten.» Richard will mit ihrem Freilichttheater das Geschichtsbild korrigieren. Das ist den beiden Laien­darstellern, die Vater und Sohn Taugwalder verkörpern, nur allzu recht: Josef Taugwalder als Peter senior und sein Sohn David in der Rolle von Peter junior sind direkte Nachkommen der beiden Bergführer. Ihre Berufe illustrieren allerdings, dass aus dem ärmlichen Bergdorf längst eine reiche Jetset-Destination geworden ist: Josef und David Taugwalder arbeiten in der eigenen Treuhandfirma.

Wie einst Alexander Seiler begannen vor etwa 20 Jahren junge Unternehmer und Kreative, ihre modernen Zermatt-Visionen zu verwirklichen. Thomas Sterchi zum Beispiel, 46, ein ursprünglich aus Bern stammender Internet- und Gastro-Unternehmer und Multimillionär, hat das Festival Zermatt unplugged mitgegründet, das vom 14. bis 18. April mit internationalen und lokalen Stars zum achten Mal über die Bühne geht. Oder Heinz Julen, 51, Künstler, Kreateur und begnadeter, wenn auch nicht ausgebildeter Architekt: Er wurde Ende der 1990er-Jahren mit seinem extravaganten «Into the Hotel» bekannt, einem Hotel an Zermatts exponiertester Stelle, das 2000 sieben Wochen geöffnet war, dann stillgelegt und später abgebrochen wurde. Heute befindet sich dort das «Omnia», immer noch ein vorzügliches Haus, aber ohne die kreative Handschrift des Heinz Julen.

Zermatt bewegt sich

Julen ist im Ferienort trotzdem präsent. Ihm gehören das Kulturlokal Vernissage, wo Zermatt unplugged einst seine Anfänge nahm, darüber ein Restaurant, dem der Guide Michelin einen Stern verliehen hat, und das Lifestyle-Hotel Backstage. Weil sich das Dorf neu belebt hat, wurden in den vergangenen Jahren mehrere hundert Millionen Franken in Zermatts Hotels investiert, wie Daniel Lauber sagt, der 35-jährige Besitzer des exklusiven Resorts Cervo und gleichzeitig Präsident des Hoteliervereins. Weitere neue Häuser heissen Firefly, Omnia, Backstage oder Coeur des Alpes. Zermatt bewegt sich. Zum 150-Jahr-Jubiläum wolle man nicht nur zurück, sondern auch nach vorn schauen, sagt Tourismusdirektor Daniel Luggen.

Luzerner Bruno Bieri liefert Musik zum Theater

Freilichtspiel akv. Das Matterhorn-Drama von Livia Anne Richard, das vom 9. Juli bis 29. August oberhalb von Zermatt aufgeführt wird, ist untermalt von sphärischer, geheimnisvoller Musik. Dahinter steckt Bruno Bieri (52) aus Escholzmatt im Entlebuch. Bieri, freischaffender Musiker in Bern und Dozent, spielt auf dem Alphorn sowie auf dem Hang, dessen Name sehr exotisch klingt. Das Hang besteht aus zwei miteinander verklebten Halbkugeln aus Stahlblech. Auf der oberen Halbkugel befinden sich Klangfelder, die durch Hämmern ins Blech eingearbeitet worden sind. Das Instrument sehe aus «wie zwei asiatische Woks mit ein paar Dellen drin», schrieb die «Zentralschweiz am Sonntag» vor vier Jahren: «Was die Faszination des Hangs ausmacht, ist der Klang, der einen unmittelbar berührt und erschaudern lässt.» Effektiv klingt das Instrument ähnlich wie die karibischen Steeldrums, von dem es einst abgeleitet wurde. Das Instrument ist eine Berner Erfindung, und «Hang» heisst auf Berndeutsch nichts anderes als «Hand».

Hinweis: Freilichtspiele auf dem Riffelberg, 9. Juli bis 29. August: www.freilichtspiele-zermatt.ch

Horu oder Hore?

Dialekt bu. Wie heisst es heisst richtig: «Horu» oder «Hore»? «Das ist eine gute Frage», sagt Edith Zweifel von Zermatt Tourismus: «Richtig ist beides.» Die Zermatter nennen das Matterhorn liebevoll «Hore», Oberwalliser aus anderen Gegenden «Horu». Edith Zweifel: «Wir in Zermatt ziehen somit das ‹Hore› vor. Aussprache: Hoorä mit langem O und kurzem Ä.»

Hinweis
Zum 150-Jahr-Jubiläum der Matterhorn-Erstbesteigung sind eine Reihe von Veranstaltungen geplant. Am 14. Juli soll, im Andenken an die vier toten Erstbesteiger und die mehr als 500 Todesopfer seither, ein Tag lang Ruhe herrschen: Niemand darf dann aufs Matterhorn. Dafür ist am 17. Juli auf dem Gipfel eine gemeinsame Feier von Schweizern und Italienern geplant: Die Italiener waren 1865 drei Tage zu spät gekommen. Weitere Informationen gibt es auf: www.zermatt.ch