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«Schweiz wäre ein Wolfsparadies»

Immer mehr Wald, viele Hirsche und Rehe, trotzdem leben nur ganz wenige Wölfe in der Schweiz. Der Tessiner Populationsforscher Gabriele Cozzi hat untersucht, warum der Wolf so selten bleibt.
Bruno Knellwolf
Der Wolf: fehlende Akzeptanz und Unwissen. (Bild: Benjamin Manser)

Der Wolf: fehlende Akzeptanz und Unwissen. (Bild: Benjamin Manser)

Bruno Knellwolf

Raubtiere sind sein Spezialgebiet. Der Tessiner Populationsforscher Gabriele Cozzi von der Universität Zürich hat in Botswana das Verhalten von Löwen, Leoparden, Wildhunden, Geparden und Hyänen untersucht. In seiner Doktorarbeit legte er im Jahr 2008 den Fokus auf die afrikanischen Wildhunde.

Cozzi untersuchte, wie Löwen und Hyänen die Population der Wildhunde beeinflussen. Denn Löwen sind deren natürlichen Feinde und töten sie. Die Hyänen stehlen den afrikanischen Wildhunden die Beute und dezimieren so deren Population.

Entspanntes Verhältnis in der Türkei

Danach kümmerte sich Cozzi um die Population von Bären in der Türkei. Er untersuchte den Einfluss ein Mülldeponie auf die Bären in einer Region im Nordosten der Türkei. Die Deponie liegt nahe bei einem Naturreservat. Zwischen diesen beiden Orten liegen 80 Kilometer Weg, deren Durchquerung für die Bären eine Gefahr darstellt, weil sie auf diesem keine natürliche Deckung durch den Wald haben. Trotzdem wandern die Bären hin und her, weil sie sich bei der Mülldeponie Essbares erhoffen, bevor sie im Naturreservat ihren Winterschlaf beginnen.

Darum werden Bären und auch Wölfe in diesen türkischen Dörfern oft gesehen. Einige Bären seien zwar über all die Jahre erschossen worden, aber generell gingen die Menschen entspannt mit den Raubtieren um. Hirten und anatolische Schutzhunde bewachten das Vieh, deswegen würde nicht viel Aufhebens gemacht. Die Bären und Wölfe sind Teil des kulturellen Lebens. Obwohl sie dort viel weniger natürliche Beute haben und von den wenigen Wildschweinen in der Gegend leben müssen. Die Akzeptanz der Bevölkerung hätten sie allerdings nicht wissenschaftlich untersucht.

1960 war Population auf einem Tiefpunkt

Das hat Cozzi danach in der Schweiz gemacht mit Forschern des Instituts für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften der Universität Zürich. Untersucht haben sie die Akzeptanz des zurückkehrenden Wolfs in der Schweiz. Bis 1700 hatten Wolf und Mensch friedlich nebeneinandergewohnt, der Wolf war über ganz Europa verbreitet. Danach begann eine tödliche Hetze auf den Verwandten des Haushundes. 1960 war die Population in Europa auf ihrem Tiefpunkt. Nur noch an wenigen Orten hatte er überlebt und sich nun in diesem Jahrhundert wieder über Europa ausgebreitet. Auch in die Schweiz, wo er meist von Italien her einwandert.

Die Schweiz ist wie geschaffen für den Wolf, hier hat es Hirsche und Rehe in Fülle. Zudem breitet sich der Wald, sein na­türlicher Lebensraum immer weiter aus. Betrug der Waldanteil im Jahr 1840 20 Prozent, beträgt er heute 30 Prozent. Die Forscher stellten fest, dass sich in der Schweiz eine Fläche von 13800 Quadratkilometern für den Wolf als Lebensraum eignet. «Die Schweiz ist eigentlich ein Wolfsparadies», sagt der Populationsforscher.

Den Forschern stellte sich deshalb die Frage, war­um trotzdem nur so wenige Wölfe in der Schweiz leben. Gezählt werden lediglich drei grosse Rudel im Wallis, Bündnerland und im Tessin mit insgesamt rund 30 Wölfen. «In Italien und Frankreich gibt es im Verhältnis auf kleinerer Fläche und weniger Beutetieren viel mehr Wölfe», sagt Cozzi, im Rahmen der neuen Wolf-Ausstellung im Zoologischen Museum der Universität Zürich.

Ablehnung im Wallis und in Uri

Der Grund liegt vor allem in der fehlenden Akzeptanz der scheuen Tiere. Die Forscher der Uni Zürich fanden heraus, dass nur auf 2500 Quadratkilometern der Wolf wirklich geduldet wird. «Keine Akzeptanz hat der Wolf im Wallis und in Uri», sagt Cozzi. Besser sieht es gemäss der Karte der Populationsforscher in Graubünden und im Tessin aus. Auf die ganze Schweiz bezogen, bewerten 60 Prozent der Bevölkerung den Wolf positiv.

Die feh­lende Akzeptanz in gewissen Regionen von Bauern, Jägern und Hirten sei rational nicht zu erklären. Wölfe attackieren keine Menschen, der letzte Fall stammt aus dem 18. Jahrhundert. «Und bei diesen Fällen hat es sich um tollwütige Tiere gehandelt», sagt Cozzi.

Auch die Verluste an Schafen und Ziegen seien sehr klein. In den Zentralalpen sind im Jahr 2015 0,04 Prozent der Nutztierverluste auf den Wolf zurückzuführen. Die anderen sind die Felsen hintergestürzt oder wegen Krankheit gestorben. Auch als Konkurrenz der Jäger ist der Wolf nicht wirklich relevant. 2015 haben die Jäger doppelt so viele Hirsche geschossen wie im Jahr 2000, als noch kaum ein Wolf in unser Land zurückgekehrt war.

«Es hat sich eine Antikultur gegen den Wolf etabliert, und das Thema ist stark politisiert worden», sagt Cozzi. Der Hauptgrund sei die Angst vor dem Tier. Das Rotkäppchen-Märchen wirke immer noch stark nach. Die Menschen seien zu wenig informiert. Das will die Wolf-Ausstellung ändern.

Ausstellung

«Wolf – Wieder unter uns», Zoologisches Museum der Universität Zürich, bis 10. Juni 2018

Gabriele Cozzi, Populationsforscher, Institut für Evolutionsbiologie, Universität Zürich. (Bild: PD)

Gabriele Cozzi, Populationsforscher, Institut für Evolutionsbiologie, Universität Zürich. (Bild: PD)

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