SEELSORGE: «Wir haben alle den gleichen Gott»

Pilot wollte er nie werden. Dennoch hat er eine spezielle Beziehung zum Fliegen. Pfarrer Walter Meier hat am Zürcher Flughafen Schönes und Tragisches erlebt. An Weihnachten ist sein Einsatz besonders gefragt.

Harry Ziegler
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Der evangelisch-reformierte Flughafenseelsorger Walter Meier beim Check-in 1. (Bild Philipp Schmidli)

Der evangelisch-reformierte Flughafenseelsorger Walter Meier beim Check-in 1. (Bild Philipp Schmidli)

Schon früh stand fest, was Walter Meier werden sollte: Posthalter. Wie sein Vater und sein Grossvater. Heute arbeitet der 62-Jährige jedoch als evangelisch-reformierter Seelsorger am Flughafen Zürich. Und damit wieder praktisch dort, wo er aufwuchs. Meier stammt aus dem Dorf Winkel, gleich beim Flughafen gelegen. Er erinnert sich gerne an seine Kindheit. Und daran, wie er in den 1950er-Jahren mit seinen Onkeln – fast alle Landwirte – auf den Feldern zwischen den Pisten des Flughafens Kartoffeln erntete. «Besonders eindrücklich war, wenn jeweils eine Super Constellation startete oder landete», sagt Meier. Pilot hingegen wollte Meier nie werden. Fliegen an sich sei recht faszinierend, aber das Technische an solchen Maschinen habe ihn nie sonderlich interessiert. «Ich bin eher der Scholle verbunden.» Einer seiner Schulkameraden sei dann aber tatsächlich Pilot geworden. Er hingegen wurde Pfarrer und – Flight-Attendant.

Die Haare geopfert

Als die Swissair in den 1970er-Jahren auf Grossraumflugzeuge wie die Boeing 747 (Jumbo-Jet) umstellte, fehlte es an Flugbegleitern. Deshalb rekrutierte die Fluglinie Studenten. Meier, der damals Theologie studierte, meldete sich und wurde als Steward, wie die männlichen Flight-Attendants damals hiessen, angenommen. Es sei ein mulmiges Gefühl gewesen, sagt der gross gewachsene Pfarrer. Damals waren die Haare länger, und die Swissair hatte diesbezüglich sehr strenge Vorschriften. «Ich habe meine schulterlangen Haare geopfert und es nicht bereut», lacht Meier. Sein erster Flug führte ihn 1974 nach New York. Ab 1988, als er als Bülacher Pfarrer das fliegende Personal der Swissair zu betreuen hatte, habe er in Teilzeit wieder als Flight-Attendant gearbeitet. «Auch um zu wissen, welche Sorgen und Nöte das fliegende Personal plagen.»

Seinen letzten Flug als Flugbegleiter absolvierte Walter Meier übrigens im September 2010. Er führte nach Mombasa in Kenia. Flight-Attendants werden in der Regel mit 58 Jahren pensioniert. «Den Angehörigen des fliegenden Personals und allen anderen Menschen am Flughafen wird Walter Meier weiterhin als Pfarrer und Betriebsseelsorger zur Verfügung stehen», schrieb die Reformierte Kirche Kanton Zürich damals in einer Mitteilung.

Seit 1997 offiziell

Zusammen mit seinen drei Kolleginnen aus der römisch-katholischen, der evangelisch-reformierten sowie der christkatholischen Kirche nimmt Meier zahlreiche Aufgaben wahr. Das Flughafenpfarramt gibt es offiziell seit dem 1. Februar 1997. «Das ist ziemlich spät», so Meier. In den USA beispielsweise sei die Notwendigkeit solcher Institutionen bereits viel früher erkannt worden. Und sogar der relativ kleine Flughafen in Genf führte zur Zeit der Inbetriebnahme des Zürcher Flughafenpfarramts bereits über 20 Jahre eine solche Stelle. Er sei aber schon seit 1988 für die Swissair seelsorgerisch verantwortlich gewesen. «Damals als Pfarrer von Bülach. Der Flughafenseelsorger hiess zu dieser Zeit Betriebsseelsorger», erklärt Walter Meier.

An Grenzen gestossen

«Als Flughafenseelsorger habe ich neben vielen schönen Erlebnissen auch erschütternde Ereignisse zu bewältigen gehabt», sagt Meier im Gespräch merklich leiser. Das Blutbad von Luxor (1997), den Swissair-Absturz vor Halifax (1998), die Crossair-Unglücke von Nassenwil (2000) und Bassersdorf (2001) sowie das Flugzeugunglück in Überlingen (2002) hätten ihn an seine Grenzen geführt. Psychisch wie physisch. Meier führte viele Gespräche mit traumatisierten Angehörigen. «Oft habe ich mich ohnmächtig und hilflos gefühlt.» Mit Symptomen wie Albträumen, Schlaf- und Appetit­losigkeit. «Ich habe mich auch gefragt, warum das alles geschehen musste. Mein Glaube hat mir aber die Kraft gegeben, nie an Gott zu zweifeln», sagt Meier ernst. Für ihn sei klar, Gott sei nicht derjenige, der zauberhaft ins Geschehen eingreife. Er sei den Menschen vielmehr nahe und teile die Freude mit ihnen, er leide aber auch mit ihnen.

Am Flughafen Zürich arbeiten rund 25 000 Menschen verschiedener Nationalitäten. Pfarrer Walter Meier ist aufgefallen, dass unter den Angestellten immer mehr Muslime sind. Er plant deshalb, auf Betreiben eines muslimischen Mitarbeiters, die Errichtung einer interreligiösen Gruppe. «Wir haben alle den gleichen Gott», sagt er. Und möglicherweise könne dies ein Beitrag sein, damit sich die verschiedenen Religionen und Menschen besser verstehen.

Flughafengeschichten

Der Flughafenseelsorger hat seine Erlebnisse – traurige, bewegende, amüsante – im letzten Jahr in Buchform herausgebracht. «Flughafengeschichten» heisst der Band. Eine der Geschichten lässt auch Meier immer wieder schmunzeln. Auf dem Flughafen werden regelmässig Gottesdienste abgehalten. «Herr S., ein Alkoholiker mit besonderem Charme», habe sich einst als Aushilfssigrist angeboten. In Anzug und Krawatte begrüsste er die Gottesdienstbesucher «mit einer deutlichen Alkoholfahne», schreibt Meier. Während des Gottesdienstes schlief Herr S. laut schnarchend. Beim Empfang der Hostie sagte er «höflich und laut: Danke vielmals! und beim Empfang des Kelches: Prost!» Walter Meier freut sich auf die Weihnachtstage. «Da wird es am Flughafen sehr, sehr ruhig.» Aber trotzdem ist an Heiligabend immer etwas Betrieb. Vor allem die «Airport Colors» sorgen dafür. Die «Airport Colors» – Farben des Flughafens – sind Randständige oder die Musiker, die den Flughafen beleben, ihm Farbe verleihen, aber auch die freiwillig im Flughafenpfarramt Mitarbeitenden. Mit einem von ihnen verbindet den Flughafenseelsorger eine besondere Geschichte (siehe Box).

Hinweis

Walter Meier: Flughafengeschichten. 127 Seiten. 27 Franken. Jordan-Verlag.