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SELBSTHILFE: Wenn der Partner nicht lieben kann

Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung kann verheerende Folgen haben – nicht nur für die Narzissten selber, sondern auch für deren Umfeld. Betroffene Angehörige erzählen vom Kampf gegen die Demütigung.
Anja Knabenhans
Narzissten – Männer wie Frauen – sehen nur sich selbst. Die Gefühle des anderen? Spielen keine Rolle, solange sie nicht der eigenen Bestätigung dienen. (Bild: Illustration: Patric Sandri)

Narzissten – Männer wie Frauen – sehen nur sich selbst. Die Gefühle des anderen? Spielen keine Rolle, solange sie nicht der eigenen Bestätigung dienen. (Bild: Illustration: Patric Sandri)

Anja Knabenhans

Wir wundern uns zurzeit über alternative Fakten, sind erschüttert über die Dreistigkeit der Trumpschen Lügen. Manche Menschen kennen so etwas schon lange. Sie leben oder lebten mit einem Narzissten zusammen. Zum Beispiel Silvia, Mira, Karin und Julian*.

«Du bist einfach ein Traummann! Ich wünsche mir so sehr, dass wir heiraten!» – «Dich heiraten? Wann soll ich das denn gesagt haben, im Schlaf? Das wäre dann wohl ein Albtraum gewesen.» Zwischen diesen zwei Aussagen liegt ein Tag. 24 Stunden, in denen nichts Besonderes passiert ist, kein Streit, nicht mal eine Diskussion. Aber irgendwas muss doch der Grund sein für den abrupten Meinungswechsel? Julian zermartert sich das Hirn, was er falsch gemacht hat. Er kommt nicht drauf – auch in vielen folgenden Situationen nicht. Seit zwei Jahren ist er mit dieser Frau liiert, die er anfangs einfach für sehr temperamentvoll hielt, und versucht deren irrationales Verhalten zu entschlüsseln. Es wird ihm nicht gelingen, sie ist eine Narzisstin.

Kleine Narzissten sind wir alle, bis zu einem gewissen Grad ist Selbstbezogenheit nützlich. Der Unterschied zwischen gesundem und pathologischem Narzissmus liegt hauptsächlich in der Intensität des Verhaltens. Im Buch «Die Masken der Niedertracht» zählt die Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen neun Kriterien auf, die in übersteigerter Form auf eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hinweisen, etwa mangelnde Empathie und Überheblichkeit.

Der Narzisst erniedrigt und destabilisiert andere

Krankhafte Narzissten haben Mühe mit der Selbstwertregulierung. Ausbalanciertes Selbstbewusstsein, ein Gefühl der Verlässlichkeit sich selber gegenüber, auf andere eingehen zu können, ohne sich dabei zu verlieren – solche Dinge sind für sie fast nicht zu meistern. Als Schutzmassnahme verfallen sie in Selbstüberschätzung bis zum Grössenwahn, kreisen ständig um die eigene Person, neigen zu Risikoverhalten, Rechthaberei, Allmachtansprüchen. Ihre innere Zerrüttung projizieren sie auf andere. Und versuchen, ihren hilflosen Gemütszustand im Gegenüber zu spiegeln, mittels Manipulation, Erniedrigung, Destabilisierung.

Silvia war 30 Jahre mit einem ausgewachsenen Narzissten zusammen. Er log Unglaubliches zusammen, interpretierte ganze Lebensabschnitte um, behauptete am einen Tag dieses, am anderen das Gegenteil. «Ich will unser Haus verkaufen.» – «Was? Von einem Hausverkauf war nie die Rede!»

Die geschilderten Begebenheiten wirken als Einzelfälle nicht dramatisch, es kommt ja in jeder Beziehung zu Uneinigkeiten oder Missverständnissen, manchmal auch zu gemeinen Worten. Das Perfide am Vorgehen von Narzissten: Sie betreiben eine schwer durchschaubare Destabilisierung. Denn wenn solche Dinge ständig passieren, verliert man den Glauben an die eigene Wahrnehmung. Silvia sagt: «Irgendwann begann ich, Dinge aufzuschreiben, damit ich Beweise hatte. Aber dann sagte er, ich hätte alles falsch notiert.» Sogar Tonaufnahmen halfen nichts, wurden ignoriert.

Wie hilflos muss man sich fühlen, um Gespräche mit dem Lebenspartner aufzuzeichnen? Und wie verzweifelt, wenn sogar das nichts nützt? «Spinne ich?», fragte sich auch Mira, wenn ihr Partner mal wieder alles zuvor Gesagte leugnete. «Ein normaler Mensch, zu Selbstreflexion fähig, beginnt zu zweifeln, sich zu hinterfragen», sagt sie. Oft sucht man den Fehler bei sich – auch weil der andere vehement die Schuld von sich weist.

Genau das will der Narzisst: so viel Verunsicherung stiften, dass das Gegenüber handlungsunfähig wird. «Ich war lange nur noch damit beschäftigt, mir Strategien zu überlegen, wie ich meinen Mann möglichst zufriedenstelle», sagt Silvia. Nur: Was heute richtig ist, kann morgen total verkehrt sein, und für Silvias Mann reichten Kleinigkeiten wie der Kauf von Rinds- und Gemüsebouillon für einen Zusammenschiss. Sie könne nicht sparen, schimpfte er, der sich gerade ein teures Auto geleistet hatte.

Das Opfer muss sich rechtfertigen gegenüber dem Aggressor

Ein Grund, weshalb es Opfern von Narzissten schwerfällt, sich zu lösen: Sie sind entkräftet von der ständigen Suche nach dem richtigen Verhalten, von den fruchtlosen Rechtfertigungsversuchen gegenüber dem Aggressor. Genau deshalb hat Karin in Basel eine Selbsthilfegruppe gegründet, als Ausweg aus der Hilflosigkeit. Auch in St. Gallen und Winterthur gibt es solche Gruppen. Karin selber hat es nach Jahren geschafft, sich von einem Narzissten scheiden zu lassen. Den gemeinsamen Sohn versucht sie von den Manipulationsversuchen des Vaters abzuschirmen, «aber ich kann ihn nicht ganz vor seelischen Misshandlungen schützen, das macht mich kaputt». Die Selbsthilfegruppe soll «nicht nur gut sein, um sich gegenseitig das Leid zu klagen, sondern auch, um Tipps auszutauschen, etwa zu Sorgerechtsfragen».

Dass sie überhaupt so eine Macht entwickeln können, verdanken die Narzissten ihrer ausserordentlichen Manipulationsfähigkeit. Erst verführen sie ihre Objekte der Begierde mit allen Mitteln der Kunst, nebeln sie mit Aufmerksamkeit und Zuneigung quasi ein. Der französische Psychoanalytiker Paul-Claude Racamier nennt den Vorgang «Enthirnung». Silvia, Mira und Karin sagen, ihr Narzisst könne unwiderstehlich wirken: «der charmanteste Mann, den es gibt», «nach aussen ein super Typ», «alle Frauen himmeln ihn an». Und Julian dachte beim ersten Date: «Diese Frau ist der Jackpot.» Die ersten Tage und Wochen sind fast zu schön, um wahr zu sein. Wunderschön, deshalb schiebt man ein ungutes Gefühl beiseite.

Zuerst Verführung, dann Verweigerung von Kommunikation

Wenn dann der Angriff folgt, mit boshaften Äusserungen, Verweigerung von Kommunikation, Wertschätzung und so weiter, gerät das Gegenüber erst mal in eine Art Schockzustand und Verteidigungshaltung. Es versucht, den plötzlichen Wandel zu ergründen, und verliert nach und nach den Boden unter den Füssen. «Wie schleichendes Gift» ist der passende Titel eines Buches zum Thema Narzissmus. Weil die Narzissten so gewieft vorgehen, kann es wirklich jeden treffen. Silvia, Mira, Karin und Julian waren weder naiv noch labil, als sie ihre Partner kennen lernten. Aber sie erlagen dem Charme und der Liebenswürdigkeit. Und wenn sie sich trennen wollten, kam die Verführungskunst wieder zum Einsatz, wundervolle Worte und Gesten.

«Ich bin eine eigenständige, realistische Person», sagt Mira, die sechs ­Jahre mit einem Narzissten zusammen war. Aber auch sie hörte immer wieder auf seine Besserungsbeteuerungen. «Er log wie wild – so übersteigert, wie es einem normalen Menschen gar nicht in den Sinn käme. Deshalb glaubt man es.» Irgendwann suchen viele Betroffene nach Hilfe, etwa bei Freunden. Dann erhalten sie oft wohlmeinende Ratschläge. «Leg doch nicht jedes seiner Worte auf die Goldwaage.» «Es braucht immer zwei.»

Die Ungläubigkeit des Umfelds belastet zusätzlich

Karin rief einmal während einer heftigen verbalen Attacke die Polizei. «Ich war hochschwanger, ertrug sein Geschrei, seine Bosheiten nicht mehr.» Was machte ihr Partner? Er wurde sofort ruhig, setzte sich mit einer Flasche Wein in den Garten und wartete auf die Polizisten. Die sahen eine aufgelöste Schwangere und einen entspannten Mann und dachten, da seien ein paar Hormone durchgegangen. Eine weitere Demütigung.

Zerpflückt durch die Angriffe und zerfressen von Selbstzweifeln, fehlt den Opfern von Narzissten oft die Energie, auch noch gegen die Ungläubigkeit des Umfeldes anzukämpfen. «Ich habe die meisten gemeinsamen Freunde verloren. Keiner glaubt mir, dass dieser nach aussen grossartige Mann so abwertend und böse sein kann», sagt Silvia. Karin: «Nicht mal Fachleute wie Ärzte oder Opferhilfe nehmen die Hilferufe wirklich ernst.» Silvia, Mira und Karin leben nun vom Narzissten getrennt. Sie haben in Selbsthilfegruppen ( www.selbsthilfe schweiz.ch ) erfahren, dass sie nicht allein sind mit ihrer Geschichte. Dass nicht sie das Problem sind.

*Namen geändert

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