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SEX-SHOPS: Tote Hose bei Beate Uhse

Der Name Beate Uhse war jahrzehntelang ein Synonym für sexuelles Vergnügen. Doch jetzt droht das Vermächtnis der Aufklärerin und Unternehmerin ganz zu zerfallen.
Rebecca Wyss
us heutiger Sicht wirken die ersten Läden von Beate Uhse recht bieder, doch damals waren sie eine Revolution. (Bilder: Alamy, Patrick Piel/Getty)

us heutiger Sicht wirken die ersten Läden von Beate Uhse recht bieder, doch damals waren sie eine Revolution. (Bilder: Alamy, Patrick Piel/Getty)

Rebecca Wyss

Es gab Zeiten in Deutschland, da war Beate Uhse bekannter als der Bundeskanzler. Damals war Helmut Kohl an der Macht, und die Mauer in Berlin hatte noch keine Risse. In der DDR badeten aufgeschlossene Ossis an den FKK-Stränden, und zum Hochzeitstag gab’s bei den Wessis sexy Herrenslips à la «Rüssel-Rudi» für ihn oder «Muschi-Verwöhn-Sets» für sie. Made by Beate Uhse.

In diesen Zeiten versorgte die «Sex-Mutter der Nation» die ganze Republik mit ihren Spielzeugen. Am besten lief das Geschäft jeweils an Weihnachten. «Dann sind die Säle voll, weil die Männer die Nase voll haben von Mutti», sagte sie einmal trocken einem Journalisten des «Spiegels». Das war 1993.

Kurz vor Weihnachten 2017 sah alles anders aus. «Beate Uhse vor der Pleite» – war zu lesen. Die Konzernleitung gab bekannt, dass sie Insolvenz anmelden wolle. Das Vermächtnis der Grande Dame des Sex zerfällt. Zwar sprang im Januar noch ein Investor ein. Aber auch nur, damit die Firma nach Weihnachten ihre Lagerbestände auffüllen konnte und den Laden nicht sofort dichtmachen musste.

Zum Sex kam sie zufällig

Was für ein Widerspruch zu dem, was die Beate Uhse einmal war: eine Ikone. Die Mutter der sexuellen Befreiung Deutschlands. Einer, der man es aber nicht ansah. Anders als die Mädchen in ihren Sexfilmen trug sie weder Ausschnitt noch knappe Miniröcke. Uhse war eine hagere, zierliche Frau mit einem Garçon-Haarschnitt, als alle ihre Haare lang trugen.

Ihr ging es nie um den Sex an sich, sagte sie. «Das ergab sich zufällig.» Sie wollte ihr eigenes Ding durchziehen. Schon von ganz jung auf. «Meine Mutter war eine der drei ersten deutschen Ärztinnen. Sie musste auf eine Jungenschule gehen, um ihr Abitur zu machen. Sie war emanzipiert, bevor es dieses Wort gab, Für mich war es immer selbstverständlich, dass ein Mädchen seinen Weg machen kann», sagte sie vor Jahren der «Annabelle».

Die am 25. Oktober 1919 in Ostpreussen geborene und unter anderem an der hessischen Odenwaldschule ausgebildete Beate Köstlin wusste früh, was sie wollte. Während ihre Freundinnen mit 16 davon träumten, sich allmählich nach einem potenziellen Ehemann umzuschauen, um später «hinter dem Herd zu versauern», hatte die hessische Speerwurfmeisterin ganz anderes im Sinn. Sie wollte Pilotin werden. Mit 18 und mit einem Au-pair-Jahr in England im Gepäck machte sie den Pilotenschein. Sie war dort angekommen, wo sie hinwollte. Vorerst.

Im fliegenden Einsatz für die Nazis

Schon in ihren Zwanzigern arbeitete sie für die deutsche Luftwaffe. Der Zweite Weltkrieg war in vollem Gange, als sie für die Nazis Kampfflugzeug um Kampfflugzeug an die Front flog. Davon liess sie sich auch nicht abhalten, nachdem ihr erster Ehemann Hans-Jürgen Uhse 1944 tödlich verunglückt war. Während eines Kampfeinsatzes. Er war der Mann, der ihr das Fliegen beigebracht hatte, und der Vater ihres Sohnes Uwe.

«Dann war der Krieg zu Ende, und mir gelang es, mit der letzten noch flugfähigen kleinen Maschine uns von Berlin nach Schleswig-Holstein zu fliegen», erinnerte sie sich in späteren Jahren. Die Sowjets versuchten, die Maschine abzuschiessen. Mit waghalsigen Manövern entkam Uhse dem Kugelhagel. Doch mit ihrer Pilotenkarriere war’s vorbei. Nach dem Krieg war den Deutschen das Fliegen fünfzehn Jahre lang verboten.

Frauen vom Land fragten um Rat

Nach einer kurzen Zeit in britischer Kriegsgefangenschaft liess sich Uhse in Flensburg nieder. Die Nachkriegszeit war hart, die Butter war knapp und Kondome sowieso. Da kamen «die Lisa, die Bettina und die Hertha» gerade richtig, wie es in ihrer Biografie heisst. Die Frauen vom Land baten das Berliner Grossstadtmädchen um Rat. Sie wollten wissen, wie man «Tragödien verhütet» – ungewollte Schwangerschaften.

Als Tochter einer Frauenärztin liess sich die Beate nicht lange bitten. In der Bibliothek suchte sie Informationen zusammen, wie Frauen ihre fruchtbaren und unfruchtbaren Tage berechnen können. Daraus schrieb sie eine Anleitung über die Knaus-Ogino-Verhütungsmethode und gab diese als «Schrift X» heraus. Die Frauen rissen sie ihr aus den Händen. Und Beate war angeknipst. «Ich war eine Avantgardistin. Aber davon konnte ich nicht leben. Ein Unternehmen wächst nur, wenn das Angebot wächst.»

Beate Uhse wurde langsam zu einem Synonym für Sex. Daran änderte sich auch nichts, als sie 1949 zum zweiten Mal heiratete und mit Ulrich einen zweiten Sohn bekam. (Die Ehe mit Ernst-Walter Rotermund wurde 1972 geschieden.)

Bereits zu Beginn der 1950er-Jahre vertrieb Uhse Reizwäsche, Sexhefte und Kondome, vorerst nur über ihren Katalog. Dann eröffnete sie 1962 ins Flensburg das «Fachgeschäft für Ehehygiene», den ersten Sexshop der Welt.

Später ploppte Shop um Shop auf. Anfang der 1980er-Jahre besass Uhse dann auch noch zwölf Sexkinos mit roter Leuchtschrift. Zu sehen gab’s da Uhses eigene Produktionen. Mit 140 Pornofilmen war sie Marktleaderin in Deutschland. Uhse traf einen Nerv. Sie wusste genau, wie man den Hunger nach Sexartikeln stillt. Oder überhaupt erst einen schafft. Das zumindest wurde ihr immer wieder vorgeworfen.

Im Visier der Gesetzeshüter

Die Hüter der Moral versuchten sie mehr als einmal «wegen Aufpeitschung geschlechtlicher Reize» vor Gericht zu zerren. «Wenn Sie, liebe Gemeinde, von einer gewissen Beate Uhse eine Schrift erhalten – das ist obszönes Material! Wir wollen ihr das Handwerk legen», wetterte der Kölner Bischof von der Kanzel. Und der Flensburger Tennisclub wollte sie wegen «allgemeiner Bedenken» nicht als Mitglied akzeptieren. Daraufhin baute sie sich einen eigenen Tennisplatz.

In all den Jahren hatte die «unzüchtige Uhse» 2000 Anzeigen am Hals, 700-mal sass sie auf der Anklagebank, nur einmal wurde sie verurteilt: Sie hatte in ihren Kinos Bier für weniger als den Mindestpreis verkauft.

«Ich hatte nicht viel zu verlieren», erklärte sie später, «ich fühlte mich nur für mich selbst und meine Familie verantwortlich, nicht jedoch einer prüden Gesellschaft verpflichtet.»

Um Aufklärung und Ehehy­giene ging es ihr bald nicht mehr. Während in den Fünfzigern die Hausfrauen bei der Uhse noch ihre Kondompackungen bestellten oder sich übers Telefon Rat holten, schlichen ab den Siebzigern fast nur noch Männer aller Couleur mit hochgeschlagenen Mantelkrägen in die hinter dicken Filzvorhängen versteckten Sex-Shop-Eingänge. Oder in die Sexkinos. Die zeigten grossbusige Mädchen, die mit Handschellen spielten oder in Lederkluft den Hintern versohlt bekamen. Mit einem modernen Frauenbild hatte das nichts zu tun. Das war der Anfang vom Ende. Der Konzern geriet zunehmend in die Schmuddelecke.

Altbackenes Image

In der Schweiz liess man den Namen Beate Uhse 2004 fallen, fortan gingen die Läden in die Erotikkette Magic X über. Der bisherige Lizenznehmer hatte genug vom schon damals altbackenen Uhse-Image. Hinzu kam das Aufkommen des Internets. Heute holen sich die Leute ihre Vibratoren und Sexfilme im Netz.

Die Konkurrenz ist riesig, und die Beate-Uhse-Konzernleitung hat den Onlinetrend verschlafen. Viel zu spät machten die Strategen aus den ehemaligen Sexschuppen moderne Wellness­oasen in Form von Stores, die sich auch an Frauen und Paare richten. Viel zu spät bauten sie ihren Onlineshop aus.

Am 16. Juli 2001 starb Beate Uhse in St. Gallen an den Folgen einer Lungenentzündung. Sie war 81. Der Jahresumsatz ihres Unternehmens – des grössten Erotikkonzerns Europas – betrug zu dem Zeitpunkt 220 Millionen Euro. 2016 war es noch ungefähr die Hälfte. Jetzt droht der Beate Uhse AG ihre Pleite. Ihre Gründerin war einst ihrer Zeit voraus. Doch auf Dauer konnte ihr Unternehmen mit der ganzen Entwicklung trotzdem nicht Schritt halten.

Beat Uhse inmitten von Magazinen mit ihrem Namen. (Bilder: Alamy, Patrick Piel/Getty)

Beat Uhse inmitten von Magazinen mit ihrem Namen. (Bilder: Alamy, Patrick Piel/Getty)

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