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SEXUALITÄT: «Auch Sex lebt vom Machtgerangel»

Mit dem Kinostart von «Shades Of Grey» erreicht die Sadomaso-Welle einen neuen Höhepunkt. ­Weshalb fasziniert dieses Thema dermassen? Und machen jetzt wirklich bald alle SM?
Interview Susanne Holz
Eine Spielart des Sadomasochismus ist der Einsatz einer Peitsche. Das funktioniert aber nur, wenn beide Partner daran Gefallen finden. (Bild Getty)

Eine Spielart des Sadomasochismus ist der Einsatz einer Peitsche. Das funktioniert aber nur, wenn beide Partner daran Gefallen finden. (Bild Getty)

Weltweit mehr als 70 Millionen Exemplare wurden von «Shades of Grey», verkauft. Die Trilogie der britischen Autorin E. L. James aus den Jahren 2011/12 handelt von einer 21-jährigen Studentin und ihrem sechs Jahre älteren, milliardenschweren Liebhaber Christian Grey. Dessen sexuelle Vorlieben sind sadomasochistischer Natur. Von der Literaturkritik durch die Bank als Kitsch oder Schund verworfen, zog und zieht die Story unzählige Leserinnen und Leser in ihren Bann.

Und nun also der Film: Ab dem 12. Februar läuft «Fifty Shades of Grey» in den Schweizer Kinos. Hauptdarstellerin Dakota Johnson soll sich bei den Dreharbeiten gar ein Schleudertrauma zugezogen haben, als ihr Filmliebhaber sie mit zu viel Schwung aufs Bett warf. Die Zeitschrift «Grazia» zitiert sie mit den Worten: «Manchmal bin ich vom Set gegangen und war etwas geschockt.»

Das Thema Sadomasochismus (SM) bewegt ganz offensichtlich. Glaubt man den Betreibern von Online-Partner­börsen, sind SM-Praktiken bald eher der Regelfall als die Ausnahme. Wer nicht mitmachen mag, kriegt fast schon das Gefühl, ein verklemmter Zeitgenosse zu sein, zumal jetzt nicht mehr nur Sexshops, sondern Warenhäuser wie Manor entsprechende Utensilien anbieten.

Wir sprachen mit dem Zuger Paar- und Sexualtherapeuten Friedemann Haag über das Phänomen Sadomasochismus. Aus seiner 30-jährigen Praxiserfahrung weiss er: Manches wird heisser gekocht als gegessen.

Herr Haag, es heisst, Fesselspiele, Liebeshiebe oder Peitschenschläge seien salonfähig geworden. Haben Sie in Ihrer Praxis entsprechende Beo­bachtungen gemacht, beziehungsweise werden Sie als Sexualtherapeut mit Fragen zu SM konfrontiert?

Friedemann Haag: Einen reinen Trend zum Sadomasochismus kann ich nicht beobachten, jedoch sehr wohl einen Trend hin zu mehr Offenheit. Einerseits streben wir nach fairen, ausbalancierten Beziehungen, in denen wir Partner uns absolut gleich ­behandeln. Andererseits lebt Sex auch von ganz anderen Qualitäten: vom Machtgerangel, Erobern und Erobertwerden. Es gibt im sexuell-erotischen Spiel Elemente von Ungleichheit, Macht, Besitz – das ganze Spektrum politisch unkorrekter Bedürfnisse. Mit dem Partner hier zu spielen, kann äusserst reizvoll sein. Auf der sexuellen Speisekarte eines Paares ist vieles möglich, solange beide damit einverstanden sind. Sexuelle Wünsche sind verhandelbar.

Aber einen eigentlichen SM-Boom stellen Sie nicht fest?

Haag: SM halte ich eher für einen momentanen Hype, gepusht gerade durch den «Fifty Shades»-Film, der nun in die Kinos kommt. Generell kann man sich aber vom alten Klischee verabschieden, dass nur politisch korrekter Sex guter Sex ist. Mit zu vielen Regeln im Kopf ist die Liebe schliesslich nicht sehr erregend. Doch keine Angst vor den geheimen Wünschen des anderen: Bitte ich Paare in meiner Praxis darum, diese einander mitzuteilen, so ist der Schrecken meist kleiner als erwartet – oft handelt es sich um Dinge wie in den Arm genommen oder gestreichelt zu werden.

Wie würden Sie als Sexualtherapeut SM definieren?

Haag: Ohne Wertung: Wenn ich Lust und Erregung daran habe, den anderen zu dominieren. Oder Lust daran, mich ihm zu unterwerfen. Wichtig ist: Die Lust am Schmerz muss unter klaren und sicheren Bedingungen stattfinden. Es braucht eine Reissleine, ein Ausstiegsszenario. Zu diesem Zweck wird ein Codewort vereinbart, das dem Partner unmissverständlich signalisiert: Stopp.

Wo liegt die Grenze zu «normalem» Sex?

Haag: Ich denke, die Grenze ist fliessend. Heftiger, leidenschaftlicher Sex kann in den SM-Bereich übergehen, ohne dass Peitsche oder Maske im Spiel sind. Wichtig ist immer das Feedback, und das auch beim Blümchensex. Wenn Paare über Sex reden, nehmen sie sich mehr Raum für die eigenen Wünsche, und das wiederum ist ein Trend unserer Zeit.

Der ICD (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten) klassifiziert Sadomasochismus als Störung der sexuellen Präferenz. Wie sehen Sie das?

Haag: Wenn SM zum Zwang wird, mir selbst und anderen Schaden zufügt, nach einer Dosissteigerung verlangt, dann kann er sicher als Störung bezeichnet werden, die nach professioneller Hilfe verlangt. Im Allgemeinen habe ich aber Mühe, im sexuellen Bereich von Krankheit zu reden. Beispiel Sexsucht: Sie kann für den Einzelnen Gewinn oder Leiden mit sich bringen – ich würde sie aber nicht als Krankheit bezeichnen. Vor 50 Jahren galt Oralsex oder Sex vor der Ehe noch als unmoralisch. Noch früher hat man die Masturbation verteufelt und als schädlich hingestellt.

Was macht den Reiz des Sadomasochismus aus? Macht auszuüben? Das Opfer zu sein?

Haag: Vermutlich ist es das Rollenspiel, das viele fasziniert. Mal aktiv, mal passiv zu sein. Man sollte das Phänomen SM nicht unnötig aufbauschen. Viele Paare haben eher harmlose Varianten im Sinn und keinen Hardcore-Sadomasochismus.

Es gibt ja das Klischee des tyrannischen Chefs, der sich privat gerne mal von einer Domina erniedrigen lässt. Ist da was dran?

Haag: Diese Klischees (lacht). Klar, Menschen in machtvollen Positionen sind vielleicht auch gerne einmal devot. Aber dieses Klischee funktioniert natürlich auch andersherum – vorstellbar ist alles.

Wer fühlt sich zu SM hingezogen? Gewisse Leute eher als andere?

Haag: Ich würde sagen, das hängt jeweils von der sexuellen Landkarte ab – welche Körpererfahrungen habe ich bereits gemacht, auf welche inneren Glaubens­sätze höre ich, wie lautet meine sexuelle Lerngeschichte? Wohin hat mich meine Reise schon geführt? Bin ich überhaupt reiselustig? Meine Erfahrung als Therapeut sagt mir, dass Männer wie Frauen an SM interessiert sein und auch in beide Rollen schlüpfen können.

Wann ist bei dieser sexuellen Spielart Gefahr im Verzug?

Haag: Jede Körper- oder Persönlichkeitsverletzung ist ein No-Go. Voraussetzung ist immer, dass beide Partner diese Spielart wirklich wollen, ansonsten ist es Missbrauch und Ausübung von Gewalt.

Was tun, wenn der eine sich für SM interessiert, der andere aber nicht?

Haag: Es kommt darauf an, dass man wahrhaftig ist und mutig genug. Bestimmte Wünsche äussert man vor allem deshalb nicht, weil man fürchtet, den anderen zu verletzen oder zu ängstigen. Es gilt, diese innere Schwelle zu überwinden. Nicht jeder Wunsch geht in Erfüllung – kommt von einer Seite ein klares Nein, dann ist die Sache vom Tisch. Ist einer aber unsicher, kann man darüber reden und sich vielleicht mal auf eine andere Sichtweise einlassen und etwas anderes ausprobieren. Manchmal ist es nur schon wichtig, dem Partner zuzuhören und seine Wünsche nicht abzuwerten. Die Freiheit in der heutigen aufgeklärten Sexualität besteht darin, dass man nicht alles tun muss, was man tun kann.

Jeder scheint momentan auf den SM-Zug aufzuspringen, unter anderem bietet die Kaufhauskette Manor neuer­dings Handschellen und Co. an. Übt das nicht Druck zum Mitmachen aus, gerade bei jungen und sexuell unerfahrenen Menschen?

Haag: Dass Warenhäuser nun Peitschen verkaufen, halte ich für eine amüsante, aber nicht bedrohliche Nebenerscheinung. Ein Marketinggag. Der Konsument ist mündig und muss das nicht kaufen. Was die Jugend betrifft, so ist es interessant zu wissen, dass das Alter für ersten Sex im Steigen begriffen ist. Die Jugend fragt, wie die Erwachsenenwelt auch, in der Sexualität wieder nach mehr Qualität. Jugendliche nehmen sich für das erste Mal mehr Zeit füreinander.

Eine letzte Frage. Die israelische Kultursoziologin Eva Illouz sieht den Erfolg von «Shades of Grey» auch darin begründet, in SM-Praktiken einen Weg gefunden zu haben, unsicher gewordene Geschlechtsidentitäten zu restabilisieren. Sehnen wir uns etwa nach festen Rollenbildern?

Haag: Im sexuellen Bereich sind Unterschiede – gerade in Bezug auf Wünsche und Verhalten – das Salz in der Suppe. Unterschiede erweitern das Feld, machen es spannend und halten es lebendig. Wenn ich Paare nach ihren Top-3-Wünschen frage, löst das meist Freude und Überraschung aus. Oftmals bewegen sich Paare in der Komfortzone und im vertrauten Bereich – und empfinden Langeweile. Wirklich sagen, was man möchte, und den anderen verführen, sich auf dieses Wunschprogramm einzulassen, schafft Wege aus der verkehrsberuhigten Zone im Bett.

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