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SEXUALITÄT: Schwule Liebe im Geheimen

Drei Männer erzählen von ihren mehr oder weniger heimlichen Beziehungen zu anderen Männern. Klar wird: Es ist nicht gesund, gegen seine Gefühle zu leben. Und mit Toleranz und Mitgefühl ist jede Liebe möglich.
Homosexuelle Neigungen offen zu zeigen, ist immer noch alles andere als akzeptiert. (Symbolbild: Getty)

Homosexuelle Neigungen offen zu zeigen, ist immer noch alles andere als akzeptiert. (Symbolbild: Getty)

Susanne Holz

Der wohl schönste Liebesfilm seit langem – «Moonlight» – erzählt derzeit in den Kinos von schwuler Liebe. Er erzählt aber nicht von einer offenen homosexuellen Beziehung, sondern zeichnet die Biografie eines Mannes nach, von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter, der verunsichert ist und benachteiligt wird – nicht nur wegen seiner dunklen Hautfarbe, sondern auch wegen seiner Gefühle für männliche Mitmenschen.

«Moonlight» trifft einen voll ins Herz: Weil dieser Film ein wunderbar grosses Plädoyer für Toleranz und Liebe ist. Dass unsere Gesellschaft auf der Gefühlsebene noch immer Zwängen und Normen verhaftet ist, beweist nicht zuletzt die Tatsache einer hohen Dunkelziffer an Männern, die andere Männer im Geheimen lieben. Für diese Männer wird heute oft der Begriff MSM (Männer, die Sex mit Männern haben) verwendet, obwohl genau genommen auch der geoutete Homosexuelle in offizieller Partnerschaft zur Gruppe der MSM gehört.

Wir möchten an dieser Stelle aber drei Männer zu Wort kommen lassen, die die gleiche Verunsicherung erlebt ­haben und teilweise immer noch erleben wie der eingangs erwähnte Protagonist im oscargekrönten Drama. Diese Männer sind real und auf der Suche nach ihrem individuellen Happy End, das sie teils schon gefunden haben – ihre Namen haben wir geändert.

«Kein Versteckspiel mehr. Ich kann nicht ohne Männer.»

Martin S. wuchs in der Zentralschweiz in einer «sehr konservativen Umgebung» auf: «Sexualität war tabu.» In der Pubertät fühlte sich der heute 48-Jährige erstmals zu anderen Knaben hingezogen. «Ich habe das verdrängt», erzählt Martin S. «Es durfte nicht sein.» Frauen ­hätten ihn nie wirklich angezogen, doch habe er «einen Haufen Kolleginnen» gehabt: «Männern ging ich aus dem Weg, aus Angst, sie merkten mir was an.»

Mit 19 hatte Martin S. zum ersten Mal Sex mit einem Mann: «Es war nicht wirklich das, was ich mir vorstellte.» An einschlägigen Treffpunkten nahm er immer wieder mal Kontakt zu Männern auf. ­Irgendwann lernte er seine heutige Frau kennen und heiratete. Seine Frau habe bald mal Anspielungen gemacht, er sei womöglich schwul – er habe das stets abgestritten. «Fünf Jahre ging es gut – dann wurde das Verlangen nach Männern zu stark.» Und das Internet-Zeitalter begann. «Zum Glück», sagt Martin S., der stets auch Mitglied in einem Verein war und nun nach den Vereinstreffen statt ins Restaurant auf Raststätten ging.

«Ich war völlig triebgesteuert und hatte ein permanent schlechtes Gewissen. Viele Männer sind in dieser Situation, führen solch ein Doppelleben.» Martin S. entdeckte auch die Schwulen-Sauna für sich. Und alle halbe Jahre ­hakte seine Frau nach: «Hast du was mit Männern?» Martin S. leugnete das konsequent – bis er es beichten musste, weil er sich die Syphilis eingefangen hatte. «Die Beichte war schlimm», sagt der 48-Jährige, «nach 20 Jahren Ehe.» Und er fügt an, in Bezug auf seine Infektion: «Ich war völlig naiv, dachte, Oralverkehr sei ungefährlich. Zum Glück habe ich meine Frau nicht angesteckt.»

Das Paar besuchte in der Folge eine Ehetherapie, Martin S. auch noch einen Psychologen sowie die MSM-Beratung (siehe Interview auf Seite 24). Er habe sich endlich offen gefragt: «Was will ich?» Und sei zum Schluss gekommen: «Kein Versteckspiel mehr. Ich kann nicht ohne Männer.» Er habe aber auch bei Frau und Kindern bleiben wollen: «Wir haben gute und schlechte Zeiten durchgemacht. Verstehen uns ohne Worte.»

Martin S. erzählt, dass seine Ehe von der Therapie profitiert habe und jetzt viel besser sei. «Wir drehen uns nicht mehr im Kreis. Sind offener.» Seine Sauna­besuche melde er jetzt zu Hause an. «Das erste Mal war meine Frau neben den Schuhen und ich im Zweifel. Das zweite Mal ging es schon viel besser.» Er sei sehr dankbar, dass seine Frau die Grösse habe, seine Beziehungen zu Männern zu tolerieren. Sex hat Martin S. auch nach wie vor mit seiner Frau. Bescheid über seine Kontakte zu Männern wissen nur die Familie und die beste Freundin der Frau: «Es ist besser so, unsere Gesellschaft ist noch nicht tolerant genug.»

Der 48-Jährige wünscht sich ganz allgemein mehr Verständnis für Lebensweisen, die nicht der Norm entsprechen. «Es gibt in der Liebe nicht nur Schwarz und Weiss – es gibt Feinnuancen.» Auch findet er, dass man Homosexualität nicht als Randerscheinung abtun sollte, dass man in Familien offener sein und die ­Fragen der Kinder beantworten sollte, anstatt dumme Witze zu machen. Martin S. ist ein sehr herzlicher Mensch. Weshalb es nicht verbittert klingt, wenn er sagt: «Homosexuell zu sein, das wird ja noch akzeptiert. Aber die Mischformen, die werden leider immer noch als völlig krank betrachtet.»

«Als ich jung war, war es normal, eine Frau zu heiraten.»

Reto M. ist Angestellter im Ruhestand. Er hat eine Frau und zwei erwachsene Kinder. Der 65-Jährige erzählt: «Ich war schon immer bisexuell. Vor meiner Ehe führte ich eine feste Beziehung zu einem jungen Mann.» Als er seine heutige Frau kennen lernte, war diese Freundschaft schon vorüber – seine Lebenspartnerin wusste erst einmal nichts über die Gefühle ihres Mannes für andere Männer. «Als ich jung war, war es normal, eine Frau zu heiraten», sagt Reto M. «Ich bin auf dem Land aufgewachsen, auf dem Dorf riss man Witze über Schwule – ich selber machte da auch mit.» In der Pubertät wiederum habe er darunter gelitten, dass seine Freundschaften zu ­Meitli von der Familie ins Lächerliche gezogen wurden. «Einer der Gründe, warum ich meistens mit Knaben zusammen war.»

Ein paar Jahre nach seiner Heirat ging Reto M. wieder eine Beziehung zu einem Mann ein – heimlich. «Kannst du es deiner Frau nicht erzählen?», habe sein Freund gemeint. Man habe doch ­lediglich Sex zusammen. Reto M. blickt zurück: «Ich sagte zu meinem Freund, eine solche Offenheit sei Wunschdenken. Weil Eifersucht einer offenen Beziehung im Wege stünde.» Etwas später – die Beziehung zu dem Mann ist da bereits Vergangenheit – gesteht Reto M. seiner Frau seine Bisexualität. «Es war ein Schlag für sie. Aber sie steht hinter mir, wie auch meine Kinder. Wir diskutieren in der Familie nicht darüber – ich bin in einer komfortablen Situation.»

Der 65-Jährige ist froh, sich zu seinen Gefühlen für andere Männer bekannt zu haben: «Es zu verschweigen, ging mir an die Gesundheit. Ich hatte psychosomatische Störungen.» Heute sage er sich einfach: «Ich bin so.» Ganz befreit von Geheimnissen hat sich Reto M. aber noch nicht: «Meine Frau weiss nichts davon, dass ich ab und zu sexuelle Kontakte zu Männern habe. Es wäre ein zweiter Schlag für sie.» Ein schlechtes Gewissen hat er deshalb, andererseits: «Ich kann nicht immer Schuldgefühle haben.»

Er verbiege sich nicht mehr, weil das krank mache. Er habe sich arrangiert und sei nun ausgeglichen. Nach den sexuellen Kontakten mit Männern fühle er sich gut. Und manchmal frage er sich sowieso: «Wer ist eigentlich nicht bisexuell?» Heterosexualität entspreche halt der Norm. Dass die Gesellschaft bezüglich gelebter Liebesformen toleranter wird, das hält er für Wunschdenken. Reto M. achtet bei seinen Kontakten auf Safer Sex. Gegen acht bis zehn seien es pro Jahr. Er hat mit seiner Sexualität Frieden geschlossen – auch weil er gemerkt hat: «Ich kann nicht sagen: Hör doch jetzt auf, schwul zu sein. Das geht nicht.»

«Stimmen Sympathie und Person, sind die Kontakte schön.»

Als bisexuell bezeichnet sich auch Dominik K. aus dem Aargau. Der leitende Angestellte ist verheiratet, die Kinder sind erwachsen. Der heute 55-Jährige hatte im Alter von 14 Jahren den ersten sexuellen Kontakt zu einem anderen Knaben. «Es war recht belanglos», erinnert sich Dominik K. Als beide Männer 30 waren und Dominik K. bereits verheiratet, funkte es erneut. Der eine nahm den anderen mit in die Gay-Sauna. «So ergab es sich, dass ich Lust bekam, regelmässig in eine solche Sauna zu gehen», erzählt Dominik K. «Stimmen Sympathie und Person, sind die Kontakte schön. Sie erinnern mich an meine ersten sexuellen Versuche als Teenager. Analverkehr allerdings mag ich nicht.»

Der 55-Jährige sagt: «Es gibt sehr viele Männer, die derartige sexuelle Kontakte mit anderen Männern mögen.» In einer Sauna treffe man auf Anwälte, Ärzte, Polizisten, die das gleiche Verlangen teilten. Oft seien das verheiratete Männer: «Man sieht es am Ehering.» Leider sei es heutzutage immer noch erforderlich, homosexuelle Neigungen im Geheimen auszuleben. «Von meiner Neigung weiss ausser einem Schulkollegen niemand etwas, auch meine Frau nicht.»

Der Aargauer bezeichnet sich zudem als Familienmensch: «Ich stehe zu meiner Familie. Sie ist mir wichtig. Sexuelle Kontakte zu Männern habe ich nie ungeschützt – ich möchte keine Geschlechtskrankheit nach Hause tragen.» Das Ausleben seiner homosexuellen Neigungen sieht Dominik K. als «kleines Laster», als eine «kleine Halblüge». Er habe in der Sauna auch noch nie Natelnummern ausgetauscht. «Keine Verpflichtungen. Für mich stimmt es so.» Der 55-Jährige vermutet: «Wüsste meine Frau von meinen sexuellen Kontakten mit Männern, wäre das Vertrauen weg. Sie könnte es nicht verstehen, auch meine männlichen Kollegen könnten es nicht.» Dann fügt er noch an: «Ab und zu habe ich einfach das Bedürfnis, einen Mann zu spüren, und nicht die Frau.»

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