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SHOPPING: Das Einkaufswägeli rollt und rollt – bald nicht mehr?

Das Einkaufswägeli galt in der Nachkriegszeit als Statussymbol. Doch seine Tage könnten bald einmal gezählt sein. Zeit für eine Würdigung.
Alexandra Fitz
Ein vollgepacktes Einkaufswägeli. (Bild: Getty)

Ein vollgepacktes Einkaufswägeli. (Bild: Getty)

Alexandra Fitz

Kinder strahlen, wenn sie den Einfränkler mühsam rausgeklaubt haben und fürs Kässeli behalten dürfen. Wenn sie eine Süssigkeit in den Wagen schmuggeln und es bei der Kasse zu spät ist, enttäuscht zu werden. Jugendliche entführen ihn und chauffieren Bier und Chips direkt zum Grillfest. Oder sie deponieren ihn als Zeichen von (Anti-)Konsum mitten in der Stube. Erwachsene stossen ihn stolz vor sich her (alles Bio, alles gesund, seht doch!) oder schupfen einen, der sich dominant vor dem Regal positioniert hat, mit einem noch dominanteren «Äxgüsi» zur Seite.

Unser liebes Einkaufswägeli. Zum engmaschigen Korb aus Stahldraht auf Rollen hat jeder eine Erinnerung. Doch wer nicht auf dem Land lebt oder eine Grossfamilie ernährt, stöpselt immer seltener ein Wägeli los. Unser Einkaufsverhalten entwickelt sich weiter, und das färbt auf die Daseinsberechtigung des Einkaufswagens ab. Sind die Tage des Chrom-Wägelis gezählt?

Heute gilt beim «Poschte»: schnell, wenig, oft. Das ist das Einkaufsverhalten der jungen, arbeitenden, städtischen Singlehaushalt-Generation. «Heute wird spontaner eingekauft», sagt Martin Hotz vom Marktforschungsunternehmen Fuhrer & Hotz, spezialisiert auf Detail- und Grosshandel. Hotz spricht vom unberechenbaren Konsumenten. Dieser würde vagabundieren. Das heisst: keine Treue dem Einkaufsort, keine Treue gegenüber Marken.

Relikt aus der Nachkriegszeit

Und eben auch keine Treue zum Wägeli. Wer sich abends schnell in einem kleinen Laden eindeckt, braucht kein sperriges Gefährt. «Dort sind Einkaufswagen tabu. In diesen Geschäften hat der Einkaufswagen keine Zukunft», resümiert Hotz. Neben dem Mini-Einkauf macht auch die verkleinerte Ladenfläche dem Wagen den Garaus.

Laut Hotz geht der Trend Richtung kleine Läden. Kleine Fläche, Convenience-Angebot, ausgedehnte Öffnungszeiten. Das beweisen Untersuchungen. «Die Schweiz ist sogar ‹overstored›, was das Verhältnis der Nachfrage zur Verkaufsfläche betrifft», sagt Hotz. Der Detailhandel ist unter Druck, der Wert des Einkaufs nimmt gemäss Hotz ab. Seit zehn Jahren verändert sich das Einkaufsverhalten der Konsumenten massiv. Der Schweizer kauft weniger aufs Mal ein.

Auch Wirtschaftspsychologin Anne Hermann von der Fachhochschule Nordwestschweiz sieht das Wägeli unter Druck. «Die Konsumenten neigen dazu, häufiger ein Lebensmittelgeschäft zu besuchen, jeweils aber weniger zu kaufen», erklärt sie. Darauf haben die Lebensmittelketten reagiert. «In den kleineren Geschäften trifft man tatsächlich kaum noch Einkaufswagen: Die engen Gänge machen es unmöglich, die eher kleineren Einkaufsmengen unnötig.»

Auch der Onlinehandel erschwert das Leben der Einkaufswagen. Zwar beträgt der Anteil an Lebensmitteln, die im Netz gekauft werden, aktuell nur 1,9 Prozent (Non-Food-Bereich: 15,3 Prozent), aber die Kurve zeigt nach oben.

Erst mit Models kam das Wägeli auf Touren

Wie konnte es nur so weit kommen, war doch die Erfindung des Einkaufswagens eine rollende Revolution. Ausgelöst vom Amerikaner Sylvan Goldman. Er war es, der vor 80 Jahren den Einkaufswagen in Oklahoma City erfand. Eine Wende in der Einkaufswelt.

Der Geschäftsmann wollte, dass die Kundschaft in seiner Supermarkt-Kette Humpty Dumpty mehr einkauft. Sein Einfall: zwei Klappstühle mit Rollen und ein Warenkorb auf der Sitzfläche. Stolz verkündete er: «Es ist neu – es ist sensationell.» Die Einführung war aber ein Flop. Die Männer wollten nicht als Weicheier gelten, die Frauen hatten das Gefühl, einen Kinderwagen vor sich her zu schieben, und modisch war das Drahtgestell auch nicht. So engagierte der tüchtige Geschäftsmann Models, die den ganzen Tag Wägeli durch die Läden schoben. Es funktionierte, 1940 meldete er das Patent an.

In den 1950er-Jahren rollte die Revolution auch in die Schweiz. Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler sah die Helfer in den USA und führte die ersten 1959 in einer Filiale in Zürich-Höngg ein. Dies war nur eine logische Konsequenz seiner eingeführten Selbstbedienung. Das Einkaufserlebnis war geboren. Das «Migros-Magazin» widmete dem Einkaufswagen vor zwei Jahren eine vierteilige Serie. Dort ist zu lesen, dass Duttweiler 1948 den Selbstbedienungsladen in der Schweiz einführte. Die Kunden konnten die Waren selbst aus dem Regal nehmen und in Drahtkörbe legen. Und bald eben in den Wagen. Die Vorzüge waren damals schon bekannt: Taschenhalter, Regenschirmständer, kein schweres Schleppen mehr und Kindersitz (damit Mami mit beiden Händen einkaufen kann).

Der Einkaufswagen war ein Zeichen für Wohlstand. Der Krieg war vorbei, die Kunden hatten mehr Geld, kauften grössere Mengen an Waren ein. Auch die Grösse der Wagen wuchs. «Je grösser der Wagen, desto mehr wurde eingekauft. Man wollte die Leute verführen», sagt Martin Hotz. Ein leerer Wagen signalisierte seinem Benutzer: He, hier ist noch unendlich Platz, mach mich voll! Zudem wollten die Leute nicht knausrig wirken.

Früher, so Hotz, habe sich der Konsument noch mehr geniert und auf die Etikette geachtet. Und auch darauf, was andere über ihn denken: «Man konnte sagen: Zeig mir deinen Einkaufswagen, und ich sag dir, wer du bist.» Heute sei es uns weitgehend egal, wenn man in unseren Wagen schaue. Oder eben nun wieder vermehrt in den Korb.

Tausende von Wägeli lässt man mitlaufen

Das Körbli, das einst dem Wagen Platz machen musste, drängt ihn nun wieder weg. Und erst diese Zwitter! Ein grösserer Korb mit Mini-Plastikrollen und langem Bügel. Dabei ist doch davon auszugehen, dass diese Art von Einkaufen in der Summe stressiger und teurer ist. Sinnvoller wäre es vermutlich schon, ein- bis zweimal die Woche einen Grosseinkauf. Mit Wägeli.

Diese aber stehen heute häufig mit verdrehten, blockierten und verrosteten Rädern gelangweilt irgendwo in der Gegend rum. Die Migros gibt an, dass pro Jahr rund 2500 geklaut werden. Sie werden mit Erde und Blumen zum Beet umfunktioniert, mit Polstern zum Kinderwagen oder landen auf dem Grund von See und Fluss. Mit einem Ein- oder Zweifränkler macht man für einen Wagen, der bis zu 300 Franken kosten kann, auch ein feines Geschäft.

Weltmarktführer ist die deutsche Firma Wanzl. Die Metallfabrik aus Leipheim bei Ulm produziert jährlich rund 2 Millionen Stück, und über 25 Millionen Exemplare sollen gemäss dem Magazin «Brand Eins» insgesamt unterwegs sein. Die Migros hat im ganzen Land 150000 Wägeli im Umlauf. Herr der Flotte ist ein gewisser Schnellmann, erfährt man in der Migros-Serie. Und: Würde man alle aneinanderreihen, wäre die Kette 150 Kilometer lang. Das ist ungefähr die Luftlinie zwischen Bern und St. Gallen. Coop teilt mit, über 100000 Einkaufswagen im Einsatz zu haben (Luftlinie Luzern–Chur).

«Ami-Schlitten» sind die Grössten

Ende Mai postete die Migros ein amüsantes Video aus einer Filiale in Lenzburg. Man könnte fast meinen, der Detailhändler wolle dem Wägeli auf diese Weise wieder Raum bieten. Ein Mitarbeiter stellt den Fahrzeugpark vor, insgesamt neun unterschiedliche Modelle. «Mit welchem Einkaufswagen kurvst du am liebsten durch die Migros?», wird gefragt. Und siehe da, die Nutzer fangen eine rege Diskussion an über Trennwände für Joghurts, über die Liebe zum Wagen mit Zwillingssitzen und den Sinn des Rollstuhl-Andockers.

Ein Liebling ist auch der kleinste Wagen im Rennstall. Das Kinder-Einkaufswägeli. Mancherorts werden auch grosse Kunden mit dem Wagen mit Stange und Wimpel gesichtet. Übrigens passt sich die Wagenflotte der Bevölkerung an. Dort, wo viele Familien einkaufen, gibt es grössere Modelle, die bis zu 220 Liter fassen. Der EL212 ist so etwas wie der Van. Für die Stadt gibt es kleinere, wendigere Modelle.

Die Draht- oder – mittlerweile des Öfteren – auch Plastikkörbe auf Rollen sind auch länderspezifisch. Wen wundert es, Ami-Einkaufsschlitten haben doppelt so viel Fassungsvermögen. In Südeuropa dagegen sind die Wagen deutlich kleiner, da es an jeder Ecke einen Supermarkt gibt.

Zukunft: Hightech-Modelle oder Symbol

In Frankreich und Portugal testet man gerade Einkaufsroboter auf Rädern. Ein Wagen, der mitdenkt, mitrechnet, mitredet und vor allem: selbst fährt. Auch die Wagen der Zukunft werden bald smart: Wagen mit integriertem Tablet, sprechendem Einkaufsassistenten, Navigationshilfe.

Und auch wenn wir am Ende Eier, Milch und Konfitüre online bestellen und uns die Drohne alles nach Hause liefert, bleibt der Einkaufswagen ziemlich sicher noch einige Zeit in unserem Kopf. Wenn auch bloss als Symbol. Denn wohin legt man die im Onlineshop ausgewählten Waren? Genau, in den virtuellen Einkaufswagen.

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