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SILVESTER: «Jeden Tag beginnt ein neues Jahr»

Fragen und Denken gehören für ihn zum Alltag: Der Luzerner Rayk Sprecher ist als Philosoph, Manager und gelegentlicher Philo-Kabarettist tätig. Alles gute Gründe, um mit ihm über den Jahreswechsel zu sprechen.
Pirmin Bossart
«Ich misstraue jenen, die immer genau wissen, wie es sich verhält»: Rayk Sprecher, hier in einem Sitzungszimmer der Uni Luzern – mit guter Aussicht. (Bild: Pius Amrein (27. Dezember 2017))

«Ich misstraue jenen, die immer genau wissen, wie es sich verhält»: Rayk Sprecher, hier in einem Sitzungszimmer der Uni Luzern – mit guter Aussicht. (Bild: Pius Amrein (27. Dezember 2017))

Interview: Pirmin Bossart

piazza@luzernerzeitung.ch

Rayk Sprecher, heute ist der letzte Tag des Jahres. Wie gestalten Sie den Silvesterabend?

Auch dieses Jahr fällt die Silvesterparty aus. Wir sind heute Abend einfach als Familie zusammen, was sehr schön ist.

Werden Sie besinnlich, wenn ein altes Jahr zu Ende geht und ein neues vor der Tür steht?

Es ist schon ein Anlass zum Nachdenken: Was war, was kommt? Aber man sollte die Momente des Innehaltens nicht nur auf die Zeit von Weihnachten und Neujahr beschränken. Es ist eine philosophische Haltung, die man das ganze Jahr praktizieren kann.

Soll man am Jahresende Rückschau halten und sich bestimmte Vorsätze für die Zukunft machen?

Wer seine Vorsätze am 30. Dezember nicht einzuhalten versteht, wird das sehr wahrscheinlich auch am 1. oder 2. Januar nicht können. Zudem: Dass am 1. Januar das neue Jahr anfängt, ist eine zufällige Festlegung. Genau besehen, beginnt jeden Tag ein neues Jahr.

Der Jahreswechsel ist häufig auch eine Zeit der Bilanz. Welche Note von 6 (himmlisch) bis 1 (unterirdisch) geben Sie dem Jahr, persönlich und aufs grosse Ganze gesehen?

In der grossen Dimension war das Jahr alles zwischen 1 und 6. Am schwierigen Ende denke ich an zunehmende Ungleichheiten, neue Konflikte und auch daran, wie stark sich Unsicherheiten Bahn brechen, siehe etwa die Erfolge des Rechtspopulismus. Persönlich war das ein Jahr der Veränderung, in dem ich meine drei beruflichen Identitäten in Balance zu bringen suchte: meine Aufgabe als Fakultätsmanager an der Universität Luzern, der Aufbau der eigenen Beratungsfirma sowie die neue Rolle als philosophischer Kabarettist.

Gab es ein besonderes Ereignis?

Vor zwei Monaten bin ich Schweizer geworden. Vor 14 Jahren bin ich in die Schweiz gekommen. Da merkte ich zum ersten Mal, dass ich ja auch ein Deutscher bin. Und jetzt bin ich eben auch ein Schweizer und gespannt, was das heisst.

Es gibt Leute, die von diesem ganzen Festtagsstress über Weihnachten/ Neujahr überfordert sind und eher traurig oder missmutig werden.

An Weihnachten und Neujahr werden Gemeinschaft, Liebe, Zusammenhalt sehr betont. Menschen, die das nicht ­haben, werden sich dessen in dieser Zeit verstärkt bewusst. Einsamkeit ist etwas, das es auszuhalten gilt. Nicht jede Person kann das gleich gut. Mit sich sein zu können, ist eine rechte Herausfor­derung.

Wie hoffnungsvoll für ein gutes Jahr sind Sie, wenn Sie an die gegen­wärtige Weltlage denken?

Wenn sich Menschen engagieren, politisch, gesellschaftlich, nachbarschaftlich, habe ich durchaus Hoffnung. Die grosse Politik ist nicht nur die Bühne der sogenannt Mächtigen, sondern hat mit uns allen zu tun. Wie wir agieren, was wir entgegensetzen. Es gibt für mich Anzeichen, dass viele Menschen widersprechen, nach Fakten suchen und nicht nur simplen Botschaften hinterherlaufen. Das ist ein hoffnungsvolles Zeichen.

Weshalb sind Sie Philosoph ­geworden?

Ich hatte erstens eine sehr gute Philosophielehrerin an der Schule. Doch bei der Studienwahl entschied ich mich für Jurisprudenz. Ich liebäugelte dann trotzdem wieder mit Philosophie. Zwei Monate vor Studienbeginn hat mir ein Studienberater, der selber Philosoph war, dringend abgeraten, Philosophie zu studieren. Aber dann habe ich es trotzdem gemacht. Warum? Ich hatte entschieden mehr Lust, philosophische Texte zu lesen. Und ja: Ein Jahr später bin ich studentischer Mitarbeiter des Philosophen geworden, der mir vom Studium abge­raten hatte.

Sie bezeichnen sich auf der Homepage als «strukturierten Quer­denker». Wie und wo denken Sie quer? Was bringt das für Vorteile?

Die Essenz des Querdenkens ist der Pers­pektivenwechsel. Das kommt mir in allen drei Tätigkeiten zugute. Wichtig ist, dass das Querdenken strukturiert erfolgt. Wenn es bloss assoziativ bleibt, ist mir das zu wenig. Da ist die Philosophie eine starke Lehrmeisterin, die einen zwingt, genau hinzuschauen und lieber nochmals zu fragen, als sich mit einfachen Antworten zu begnügen.

Ist Querdenken überhaupt gefragt? In unserer Welt haben doch jene am ehesten Chancen auf Erfolg, die selbstbewusst auftreten, gut reden können und simple Botschaften verbreiten.

Vielleicht sind das auch Querdenker, aber nicht solche, die auf Argumente setzen oder neue Ideen generieren. Ich bin überzeugt, dass die Überzeugungskraft von Argumenten stärker ist als die simple Marketingbotschaft. Wenn sich Menschen Zeit zum Nachdenken nehmen, ist schon viel erreicht. So lassen sich auch überraschende Einsichten gewinnen, die möglicherweise unsere Haltungen und Handlungen verändern. Allein das Miteinanderreden ist bereits ein Prozess, der neue Einsichten generiert.

Sie betreiben mit Ihrer Frau eine eigene Beratungsfirma. Dabei tut sich – laut Ihrer Homepage – der «strukturierte Querdenker» mit der «lebensklugen Allroun­derin» zusammen. Die perfekte Ergänzung?

Es ist tatsächlich eine interessante Kombination. Meine Frau ist Coach und Supervisorin und geht methodisch anders vor. Ich bearbeite Themen begrifflich und vor dem Hintergrund philosophischer Klassiker. Coaching ist konkreter und lösungsorientierter. Insofern ist das eine optimale Zusammenarbeit.

Welche Kunden kommen zu Ihnen? Wie können Sie ihnen helfen?

Das sind Einzelpersonen, aber auch Unternehmen oder Organisationen, die zum Beispiel ihr Leitbild verstehen wollen. Dort gibt es viele schöne Begriffe, doch was bedeuten sie konkret für den jeweiligen Betrieb? Auch bei Fragen der Strategie kann ein philosophischer Ansatz helfen. Ein anderer Teil der Kunden ist interessiert am Thema Rhetorik und Gesprächskultur. Wie sprechen wir miteinander? Was sind gute Argumente? Wie können wir überhaupt Argumente finden? Da hilft zum Beispiel ein Philosoph wie Aristoteles.

Auch für den Alltag 2018?

Durchaus: Der Werkzeugkasten von Aristoteles kann helfen, um beispielsweise Mitarbeitende von einer Neuerung zu überzeugen oder den Partner zu Hause davon, dass er die Spülmaschine ausräumt.

Coachen Sie und Ihre Frau sich auch gegenseitig?

Selbstverständlich. Aufträge werden besprochen und methodisch hinterfragt. Auch meine Kinder habe ich schon gefragt.

Das müssen Sie ausführen.

Als ich einen Vortrag zum Thema Gerechtigkeit vorbereitete, wollte ich von meinen Kindern wissen, wie sie eine Geburtstagstorte verteilen würden. Die Antwort war klar: Alle bekommen ein gleich grosses Stück, nur das Geburtstagskind erhält ein grösseres. Der einzige Grund, den sie gelten liessen: weil alle einmal Geburtstag haben! Das belegt, wie stark das Gleichheitsempfinden in uns verankert ist.

Sind Sie innerhalb der Philosophie auf bestimmte Gebiete oder Fragestellungen spezialisiert?

In den letzten Jahren waren das immer wieder Fragen der Ethik und der Moral. Was entscheidet über gut und böse, richtig und falsch? Auch sozialphilosophische Fragen interessieren mich, etwa die Frage wechselseitiger Anerkennung. Unser Selbstwertgefühl ist wesentlich von der Anerkennung anderer abhängig, und wir tragen umgekehrt zum Selbstwertgefühl anderer bei. Diese Mechanismen interessieren mich. Oder die Auseinandersetzung mit Entscheidungen: Was sind Entscheidungen, wie treffen wir sie, was machen sie mit uns?

Entscheidungen sind ja vielfach sehr individuell, gibt es eine übergeordnete Entscheidungshilfe?

Schwierige Entscheidungen entscheiden darüber, welcher Mensch ich sein möchte. Sie sind häufig so gelagert, dass keine der Alternativen von sich aus die bessere ist. Wir selber müssen unsere Wahl zur besseren Alternative machen. Das ist eine hohe Verantwortung, aber auch ein Zeichen unserer Freiheit.

«Selber denken lohnt sich», sagen Sie. Inwiefern lohnt sich das?

Es lohnt sich immer. Denken zu können, ist etwas, das uns Menschen auszeichnet. Auch das ist ein Ausdruck unserer Freiheit und macht uns zu Individuen. Für mich denken und entscheiden zu lassen, das kann ich als Philosoph nie akzeptieren.

Macht Denken glücklich?

Es macht dann glücklich, wenn ich zu akzeptieren bereit bin, dass es nicht einfach immer eine Antwort und nicht immer eine einfache Antwort gibt. Wenn ich meine, ich müsste mit Denken definitive Antworten finden, dann macht es unglücklich.

Die Philosophie stellt Fragen. Auch Ihre Kinder stellen Fragen. Welche fordern Sie mehr heraus?

Bei naturwissenschaftlichen Fragen enden bisweilen meine Kompetenzen. Aber Kinder stellen auch grundlegende Fragen über die Welt und unser Dasein. Insofern sind Kinderfragen oft philosophische Fragen. Kinder stellen solche Fragen ohne Hemmungen; und sie geben sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden. Erwachsene brauchen etwas Anlauf, um philosophische Fragen zu stellen.

Mit den beiden Philosophen Yves Bossart und Roland Neyerlin treffen Sie sich alle drei Monate im Kleintheater Luzern zu einer «Quartals­bilanz». Was gefällt Ihnen an diesem Bühnenprogramm?

Die Freiheit der Texte. Die Diversität der Themen, die uns dreien einfallen und oft schon in der Vorbereitung Heiterkeit auslösen. Dann auch das Echo aus dem Publikum. Es ist wunderbar, einen Raum voller Menschen lachen zu hören.

Machen Sie auch kritische oder sarkastische Ausflüge zu lokalen Ereignissen und Persönlichkeiten?

Natürlich. Wir spannen den Bogen von der Weltpolitik bis zu regionalen Begebenheiten. Wir haben uns schon zur Kulturpolitik des Kantons geäussert, zum Programm der Luzerner Messe oder zur Mall of Switzerland. Aber auch die Poesie des Realen soll Platz haben: So habe ich beim letzten Mal Geschichten aus Postauto-Haltestellen erzählt, was komisch klingt und auch genauso war. Wir performen subtil, nicht mit dem Vorschlagshammer.

Zum Beispiel: Was ist der Sinn des Lebens?

Genau. Exakt zu diesem Thema habe ich für die «Quartalsbilanz» mal einen Text geschrieben, der so kompliziert war, dass ihn niemand mehr verstehen sollte. Will sagen: Philosophen sind nicht zuständig für den Sinn des Lebens.

Wer denn?

Auch da hilft selber denken.

Haben Sie zu allen aktuellen Fragen immer eine Meinung?

Selbstverständlich nicht. Dann wäre ich besser Guru geworden. Aber ich versuche immer, eine zu finden, und dann offen zu bleiben, sie zu verändern. Es ist wichtig, Prinzipien zu haben, aber genauso wichtig ist es, mit ihnen brechen zu können.

Prinzipien sind etwas Vorläufiges?

Ich misstraue jenen, die immer genau wissen, wie es sich verhält. Was nicht heisst, dass man keine vorläufige Meinung haben darf. Aber man muss auch in der Lage sein, sie zu überdenken und zu revidieren. Meinungen sind Momentaufnahmen.

Sie waren Fakultätsmanager der Kultur- und Sozialwissenschaft­lichen Fakultät in Luzern. Seit 2016 sind Sie für den Aufbau der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät mitverantwortlich. Sie bewegen sich anscheinend ohne Scheuklappen zwischen Geisteswissenschaften und Ökonomie.

Ja, natürlich. Ich habe einiges gelernt bei den Wirtschaftswissenschaften. Und dass sich die Disziplinen etwas zu sagen haben, belegt zum Beispiel der Studiengang «Philosophy, Politics, Economics». Der Aufbau einer Fakultät von Grund auf ist tatsächlich eine seltene Chance. Als Geschäftsführer der Fakultät arbeite ich eher im Hintergrund. Ich schaue mit meinem Team, dass das Budget eingehalten wird, die Prozesse funktionieren, die Abläufe verbessert werden.

Sie sind in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Hat Sie das geprägt?

Zur Zeit der Wende war ich 14, bis dahin also kaum Repressionen oder Einschränkungen ausgesetzt. Aber ich habe klare Erinnerungen an diese Zeit. Geblieben von damals ist wahrscheinlich eine gewisse Skepsis gegenüber Autoritäten. Und gegen Vereinnahmungen bin ich bis heute etwas allergisch.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Joggen ist ein guter Ausgleich für mich. Ich kann dabei sehr gut denken. Selbstverständlich geniesse ich es, mit meiner Familie zu sein. Und zu lesen.

Haben Sie eine Lieblingslektüre?

Ich bin ein grosser Fan von guter Fantasy-Literatur. Ich bewundere die Fähigkeit, eine Welt von Grund auf neu zu erfinden.

Sie fahren auch jedes Jahr ans Filmfestival in Berlin. Was zieht Sie hin?

Die Berlinale ist eine Art meditative Übung für mich. Ich schaue dann so viele Filme, wie es der Tagesplan und mein Kopf zulassen. Oft sind das Werke, die gar nie in die hiesigen Kinos gelangen. Die Berlinale ist meine Portion Realitätsverlust, die ich mir wenn möglich jährlich leiste.

Wie sind Sie eigentlich zu Ihrem besonderen Vornamen gekommen?

Rayk ist verwandt mit dem holländischen Rijk, was so viel wie reich bedeutet. Rayk ist eine Schreibweise, die im Baltikum vorkommt. Aber mein Name steht in keinem besonderen Bezug zu Holland oder dem Baltikum. Er entspringt allein dem Innovationswillen meiner Eltern.

Zur Person

Rayk Sprecher, geboren am 14. Juli 1975, ist in Chemnitz in der ehemaligen DDR aufgewachsen, das zu dieser Zeit Karl-Marx-Stadt hiess. Er studierte Philosophie, Politikwissenschaft und Französisch in Chemnitz und Freiburg im Breisgau. Seit 2003 ist er an der Universität Luzern tätig, seit 2016 als Fakultätsmanager der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät.
Rayk Sprecher ist seit 2006 regelmässig als Philosoph in Vorträgen, Moderationen, Cafés Philo, Organisationsberatungen und Weiterbildungen engagiert. Zusammen mit seiner Frau Simone führt er die Kriteria GmbH. Mit Yves Bossart und Roland Neyerlin steht er im Kleintheater Luzern mit der Philo-Kabarett-Reihe «Quartalsbilanz» auf der Bühne (nächster Termin: 11. März 2018).
Sprecher lebt mit seiner Frau und zwei Kindern (7 und 5 Jahre ) in Luzern. (pb.)

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