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SILVESTER: Kitsch, Kultur und Kunstschnee im Iran

Unser Autor ist über die Festtage in den Iran gereist. Und stellte verblüfft fest, dass auch dort beinahe alle unsere Weihnachts- und Neujahrsbräuche zelebriert werden. Natürlich ist er dem Rätsel auf die Spur gegangen.
Haymo Empl
Die Iraner setzen auf kulturelle Fusion: Das Lichterfest Yalda mit den fruchtigen Dekors trifft auf den christlichen Weihnachtsbaum.

Die Iraner setzen auf kulturelle Fusion: Das Lichterfest Yalda mit den fruchtigen Dekors trifft auf den christlichen Weihnachtsbaum.

Haymo Empl

kultur@luzernerzeitung.ch

Es ist schwierig, «unsere» Weihnachtsfeiertage auf komplett andere Kulturkreise zu übertragen. Das liegt schon mal an den verschiedenen Kalendern: Im Iran etwa gilt der persische Kalender. Dieser richtet sich wesentlich stärker nach dem Umlauf der Sonne und beginnt mit der Auswanderung des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina. Die iranische Zeitrechnung schreibt aktuell also das Jahr 1396 und ist im zehnten Monat des Jahres. Und dennoch sieht man das christliche Symbol für die Geburt Jesu – Weihnachtsbäume – überall im Iran.

Nicht nur die Strassen des mondänen Teheran sind im Dezember mit Weihnachtsbäumen geschmückt, sondern beispielsweise auch diejenigen der iranischen Küstenstadt Bandar Abass. Im Restaurant Borkah, direkt am Meer, steht ein grosser, weisser Weihnachtsbaum. Und weil es hier gerade über 50 Grad werden kann, hat die heimische Tanne wenig Wachstumschancen. Also greift man zu Plastikbäumen und viel Schnee aus der Sprühdose.

Die Iraner übernehmen, was ihnen gefällt

Der Besitzer des Restaurants erklärt, dass er Weihnachten einfach «schön» finde und er den ­geschmückten Baum daher seit einigen Jahren regelmässig aufstelle. Nun passt der christliche Klassiker eigentlich so gar nicht in ein Land, das sich «Islamische Republik» nennt, möchte man meinen. Kennt man aber die Iraner, weiss man, dass diese äusserst aufgeschlossen und neu­gierig sind. Was gefällt, wird übernommen.

Passenderweise liegt Weihnachten zeitlich nahe am iranischen Lichterfest Yalda, das dieses Jahr am 20. Dezember stattgefunden hat. Die längste Nacht des Jahres wird hier traditionellerweise im Kreis der Familie zelebriert. Der Wohnzimmertisch wird festlich geschmückt: Wassermelonen, Granatäpfel ... möglichst rote Früchte kommen auf ein rotes Tischtuch oder einen ­roten Teppich. Dazu erklingt von einer CD einer der grossen iranischen Dichter wie Hafis oder ­Saadi. An manchen Orten werden die Weisheiten der von den Iranern so verehrten Dichter (Poesie ist ein Schulfach der Perser) auf kleine Zettel geschrieben. Jeder zieht einen solchen Spruch und soll sich diesen für die Zukunft zu Herzen nehmen. Und weil ein grüner, kleiner Tannenbaum auch gerade noch so schön passt, wird in manchen Haus­halten das Bäumchen direkt danebengestellt.

Nach Yalda geht es am 25. Dezember dann weiter mit einer abgewandelten Version von Weihnachten, denn Jesus ist im Koran ebenfalls ein Prophet, und entsprechend wird auch im Iran seine Geburt gefeiert. Allerdings ­zurückhaltender als bei Yalda: Zu essen gibt es Fisch, und natürlich ist auch dieser Tag ein guter Grund, sich wieder im Kreise der Familie zu treffen und zu feiern. Geschenke verteilt man höchstens in Form von Gastgeschenken, diese gibt es aber eigentlich sowieso bei jeder Gelegenheit.

Immer bereit, auch für unangekündigte Besuche

Spannend ist der iranische Silvester, der folgerichtig nicht an unserem 31. Dezember stattfindet – die Perser richten sich auch hier nach der Sonne; in diesem Fall nach dem astronomischen Frühlingsbeginn. Dieser liegt, bezogen auf unseren gregorianischen Kalender, zwischen dem 19. und dem 21. März. Wann dieses Nouruz-Fest, also das Neujahrsfest, effektiv stattfindet – wird jeweils im Vorfeld mitgeteilt.

Die Festivitäten zum neuen Jahr im Iran sind überschäumend und opulent. Die Familien besuchen sich erneut gegenseitig, bringen die üblichen Gastgeschenke, es wird praktisch durchgehend und überall gegessen. Alle haben mehr als genug (vor)gekocht, weil über die Neujahrstage immer wieder mit unangekündigtem Besuch gerechnet werden muss. Abgesehen von der für den Westler manchmal nervenzehrenden Spontaneität der Perser kommen noch unvorhergesehene Ereignisse hinzu wie Verkehrschaos oder kaputte Autos.

Entsprechend gibt es über Neujahr mindestens eine Woche Ferien. Die Grösse des Landes bedingt, dass für Verwandtschaftsbesuche oft grosse Distanzen ­zurückgelegt werden müssen. Feuerwerk gibt es keines, dafür wird am Mittwoch vor dem eigentlichen Fest auf den Strassen und Plätzen ein Feuer gezündet.

An Neujahr Schmutzli ohne Samichlaus

Das «Tschahar Schanbe Suri» ist ein alter Brauch, der bereits lange vor der Islamisierung des Landes gepflegt wurde. Als besondere Mutprobe springen die jungen Iraner über das noch brennende Feuer. Und dann taucht da noch ein alter Bekannter auf: Der Schmutzli (ohne Samichlaus) ist in dieser Zeit ebenfalls unterwegs. «Hajji Firuz» heisst dieser im Iran, ist gleich gekleidet wie der Samichlaus und hat sein Gesicht schwarz geschminkt. Und sogar eine iranische Form der Sternensinger gibt es, diese ziehen an Neujahr von Haus zu Haus und spielen beispielsweise Flöte. Betrachtet man all diese einzelnen Elemente, kann man unschwer feststellen, dass beinahe sämtliche (christlichen) Traditionen mit den iranischen (in diesem Fall schiitischen) Bräuchen lediglich mit marginalen Unterschieden übereinstimmen.

Warum ist das so? Vielleicht, weil der Mensch von jeher als Erstes die Natur wahrnimmt. Sie bestimmt die Kultur: Alle freuen sich, wenn die Tage wieder länger werden. Und mit dem Aufkommen der monotheistischen Religionen – das ist eine Tatsache – wurden die bestehenden Bräuche in die Religionsstrukturen gepresst und diesen angepasst. Dass diese Strukturen ausgerechnet im Iran mit «Merry Christmas» in neuerer Zeit aufgebrochen werden, ist bemerkenswert.

Die iranische Version der Sternsinger, welche musizierend von Tür zur Tür ziehen. (Bild: Haymo Empl (Dezember 2017))

Die iranische Version der Sternsinger, welche musizierend von Tür zur Tür ziehen. (Bild: Haymo Empl (Dezember 2017))

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