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SITTENGESCHICHTE: «Im Minimum en Gummi drum»

Aids in der Schweiz: Ein neues Buch erinnert daran, wie die Krankheit in unser Land gekommen ist und wie sie bekämpft wurde. Eine wichtige Rolle spielten die bekannten Anti-Aids-Kampagnen.
Urs Bader
Bilder, Informationsblätter und Logos der international vielbeachteten, aber in der Schweiz oft umstrittenen Anti-Aids-Kampagnen. (Bild: Ralph Ribi)

Bilder, Informationsblätter und Logos der international vielbeachteten, aber in der Schweiz oft umstrittenen Anti-Aids-Kampagnen. (Bild: Ralph Ribi)

Urs Bader

«Der Schrecken, den Aids in den 1980er-Jahren verbreitete, ist längst verblasst. Aids ist für Presse und junge Leute kein grosses Thema mehr.» Dies schreibt Nadine Jürgensen im eben erschienenen Buch «Positiv. Aids in der Schweiz». Sie schränkt aber ein: «Doch auch wenn HIV aus den Schlagzeilen verschwunden ist: Die Neuansteckungen bleiben. 2016 wurden in der Schweiz 542 neue HIV-Diagnosen gestellt.» Tatsächlich verbreitete das Kürzel HIV damals Angst und Schrecken. Wer sich mit dem Virus infizierte, erkrankte an Aids, einem Bündel von Krankheiten – und starb. Es gab keine Rettung. Betroffen waren zunächst vor allem homosexuelle Männer, dann auch Fixer und Heterosexuelle. Das Virus wird unter anderem beim ungeschützten Geschlechtsverkehr übertragen.

Die neue, lange nicht behandelbare Krankheit – es war damals oft von einer «Homosexuellen-Seuche», einer «neuen Pest» oder gar einer «Strafe Gottes» für einen unmoralischen Lebenswandel die Rede – forderte die Gesellschaft vielfach heraus. Die Verunsicherung, die herrschte, ist heute kaum mehr nachvollziehbar. Im Juni 1985 gründeten 14 Schwulenorganisationen die Aids-Hilfe Schweiz. Präsident wurde André Ratti, ein schweizweit bekannter Fernsehmoderator. Am Bildschirm outete er sich, wie im Buch zitiert wird: «Ich bin selber homosexuell, 50, und seit April weiss ich, dass ich Aids habe.» Er starb am 25. Oktober des folgenden Jahres.

Für die ganze Gesellschaft eine Herausforderung

In einem Interview, das ich im Dezember 1985 mit Ratti führte, skizzierte er die Herausforderungen so: «Die speziellen Merkmale der Krankheit Aids haben zur Folge, dass wir es mit grosser Angst, Unsicherheit und Verdrängung zu tun haben, nicht nur bei den Homosexuellen, sondern auch ganz allgemein. Aids hat mit Sexualität, vor allem mit Homosexualität zu tun, die Krankheit führt zum Tod.» Aids zwinge die Gesellschaft, sich mit diesen beiden Themen auseinanderzusetzen, mit beiden tue sie sich aber schwer. «Trotz des seit bald zwanzig Jahren scheinbar liberalen Umgangs mit Sexualität sind wir nach wie vor eine schlecht aufgeklärte Gesellschaft. Den Tod andererseits haben wir aus unserem Alltag verdrängt.» Diese Situation erschwere es, die Leute überhaupt zu erreichen, erschwere das sachliche Gespräch. Jede Massnahme müsse sehr gut überlegt sein, damit sich die Verhältnisse für die Betroffenen nicht noch verschlechterten.

Wie die Schweiz mit dieser Lage umgegangen ist, davon handelt das neue Buch. Es vergegenwärtigt, wie initiative Ärzte, schwule Aktivisten, unkonventionelle Beamte und kluge Werber gegen Aids angetreten sind. Und es berichten von Aids in irgendeiner Form betroffene Leute über ihre Erfahrungen, unter ihnen zwei Seelsorger. Das Ganze ist ein spannendes, oft irritierendes Stück Kultur- und Sittengeschichte der Schweiz. Carlos Hanimann beschreibt, wie stark die Medizin durch Aids gefordert war. Allmählich stieg die Zahl der Fälle auch in der Schweiz, und die Medizin war noch immer hilflos. Der Arzt Ruedi Lüthy, der sich am Universitätsspital Zürich von Anfang an gegen Aids engagierte, sagt zu seiner damaligen Verfassung: «Das hat bei mir zu einer enormen persönlichen Krise geführt. Ich verstand meine Rolle als Arzt plötzlich nicht mehr. Diagnostizieren und therapieren – das war nicht möglich. Ich musste mir eingestehen, dass wir nichts tun konnten. Wir waren hilflos.» Es gab weder ein Heilmittel noch eine Impfung gegen Aids. Die Wende kam erst 1996. «Nach Jahren der Frustration hatten Ärzte und Wissenschafter endlich das Mittel, die Infektion in den Griff zu bekommen», schreibt Barbara Reye. Mit dem HI-Virus Infizierte müssen die Medikamente aber regelmässig und lebenslang einnehmen, sonst bricht die Krankheit aus.

Die eindringlichen Anti-Aids-Kampagnen

Angesichts der Hilflosigkeit der Medizin musste vordringlich die Ausbreitung von Aids eingedämmt werden. Der Gebrauch von Kondomen spielte dabei eine zentrale Rolle. Roger Staub, ein homosexueller Anti-Aids-Aktivist der ersten Stunde, der dann auch für das Bundesamt für Gesundheit (BAG) arbeitete, stellte einmal fest: «Es waren die Homosexuellen, die als Erste litten. Und es waren die Homosexuellen, die als Erste handelten.» Sie stellten Informationsbroschüren her und gründeten die Aids-Hilfe Schweiz. Auch das BAG sprang über seinen Schatten und verschickte Anfang 1986 an alle Haushalte eine Broschüre. Doch als man feststellte, dass der Wissensstand bald wieder abnahm, entschied das BAG, eigene Aidskampagnen zu lancieren, zusammen mit der AHS. Das war der Anfang von «Stop Aids» mit dem Kondom-O, das bis heute in den stets wieder aktualisierten Kampagnen vorkommt, die im Buch auch gezeigt werden. Einzelne Slogans wurden so populär wie Polo Hofers vom BAG initiierter Ohrwurm «Im Minimum en Gummi drum». Die Kampagnen sind oft kritisiert worden, wegen ihrer expliziten Botschaften und Darstellungen, ihrer Kosten oder ganz grundsätzlich als ungehöriges Engagement des Staates. Dass sie aber bis heute nicht entbehrlich sind, belegen die vielen Neuansteckungen, aber auch die nach wie vor sich zeigende Stigmatisierung von Betroffenen.

Positiv. Aids in der Schweiz, hrsg. v. Constantin Seibt, Echtzeit, 144 S., Fr. 37.–

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