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SKISPORT: «Der Sieg kann dein Feind sein»

Franz Heinzer ist einer der erfolgreichsten Skirennfahrer. Der Schwyzer trainiert junge Talente und prophezeit eine rosige Zukunft. Und erzählt, wie er vom Pechvogel zum Glückspilz wurde.
Interview Robert Bossart
Heute bringt er jungen Skitalenten bei, wie man Rennen gewinnt, früher raste er selber die Pisten runter: Ski waren und sind für Franz Heinzer treue Begleiter in seinem Leben. (Bild Roger Grütter)

Heute bringt er jungen Skitalenten bei, wie man Rennen gewinnt, früher raste er selber die Pisten runter: Ski waren und sind für Franz Heinzer treue Begleiter in seinem Leben. (Bild Roger Grütter)

Die Skisaison geht jetzt so richtig los. Letzten Winter hatten wir zwei Olympiasieger, Sandro Viletta und Dominique Gisin. Geht das nun so weiter, ist die Schweiz wieder im Hoch?

Franz Heinzer: Es sind nicht viele, aber wir haben einzelne Athleten, die zu Spitzenleistungen bereit sind. Es gibt ja wieder ein Highlight diese Saison, die Weltmeisterschaften in Beaver Creek im Februar. Wir haben ein paar Athleten und Athletinnen, die es drauf haben, ganz nach vorne zu fahren.

An welche Fahrer denken Sie da?

Heinzer: Beat Feuz zum Beispiel, das ist ein Riesentalent. Wenn sein Knie hält, ist der zu vielem fähig. Patrick Küng oder Michelle Gisin und Wendy Holdener, aber auch Marianne Abderhalden und andere. Ich denke, wir können wieder einigermassen mithalten.

Sie haben vor 20 Jahren aufgehört. Spüren Sie immer noch ein Kribbeln, wenn es wieder losgeht mit den ­Rennen?

Heinzer: Ich habe immer noch viel Herzblut für den Skisport. Da ich ja als Trainer noch tätig bin bei den Junioren, interessiert es mich sehr, was läuft. Und das Kribbeln? Ich gehe selber immer noch sehr gerne Skifahren, das gebe ich zu. Aber leider komme ich nicht mehr so viel zum Fahren – meistens bin ich mit Stangen, Bohrmaschinen und Videokamera unterwegs (lacht).

Aber wenn, dann fahren Sie immer noch gerne schnell hinunter?

Heinzer: Ich fahre gerne rassig, schön gecarvte Kurven, das stimmt.

Ein Pistenrowdy?

Heinzer: Nein, ich habs ja im Griff. Ich kann natürlich Gefahren sehr gut einschätzen.

Das tönt nach gelegentlichen Stürzen.

Heinzer: Nein, nein. Ich stürzte auch damals kaum. Während meiner besten Zeiten, in denen ich vier Jahre lang mehrere Rennen pro Saison gewann, habe ich den Schnee höchst selten berührt, auch nicht im Training. Das ist auch die Voraussetzung, um mit grosser Sicherheit ans Limit zu gehen und gewinnen zu können. Ein Sturz ist nie gut, das ist für den Körper ein Schock, der mental zuerst verarbeitet werden muss.

Ist das das Problem der Schweizer, dass sie zu viel stürzen?

Heinzer: Nein, ich hatte als junger Fahrer auch viele Stürze, dieses Limit zu suchen braucht es einfach, um an die Spitze zu kommen. Die Jungen, die sich an die Weltspitze herantasten, müssen ab und zu an ihre Grenzen gehen. Klar, muss dann die Sicherheit kommen, damit man weiss, wie weit man gehen kann.

Auf welche Rennen sind Sie besonders gespannt?

Heinzer: Nebst der WM auf die grossen Klassiker, die ich alle gewinnen konnte: Val Gardena, Kitzbühel, Lauberhorn und Garmisch. Das sind die Rennen, bei denen das Publikum voll mitgeht.

Genau. Wir gehören auch zu den Familien, die ihr Mittagessen am Samstag jeweils vor dem Fernseher einnehmen, wenn zum Beispiel das Lauberhorn-Rennen übertragen wird. Gehören Sie auch zu dieser Spezies?

Heinzer: Ja, klar, auch ich fiebere vor dem Fernseher mit. Ich höre oft, wie die Leute mir sagen, dass wir wieder einmal einen aus der Innerschweiz haben sollten, bei dem man so richtig mitfiebern kann. Bei den Frauen sind wir mit Fabienne Suter, Nadia Kamer, Corinne Suter und weiteren sehr guten Nachwuchstalenten stark vertreten.

Sie galten lange als Pechvogel und ewiges Talent, schafften es aber schlussendlich doch, einer der erfolgreichsten Schweizer Skirennfahrer zu werden. Warum?

Heinzer: Es war ein Reifeprozess. Mit 25 Jahren war ich in Crans Montana 1987 zum dritten Mal WM-Abfahrts-Vierter geworden.

Wie fühlten Sie sich da?

Heinzer: Am Boden zerstört, da kann einen niemand mehr trösten. Eine Woche lang haderte ich mit mir und dachte an den Rücktritt. Aber dann wurde mir bewusst, dass ich auch schon drei Siege eingefahren hatte. Das schaffen schlussendlich nur ganz wenige – und das hat mich bewogen, weiter zu kämpfen. Ich habe mit allen möglichen Mitteln versucht, noch mal einen Schritt nach vorne zu machen. Das ging auf, und ich konnte das Blatt noch wenden. Dann kamen fünf wunderbare Jahre mit einer grossen Siegesserie und dem Weltmeister-Titel.

Sehen Sie sich rückblickend eher als Pechvogel oder als Glückspilz?

Heinzer: Beides, ich bekam damals einen hölzernen Pechvogel, den ich immer noch in der Vitrine aufbewahre. Gleich daneben ist die WM-Goldmedaille, die ich in Österreich gewonnen habe.

Und privat? Pechvogel oder Glückspilz?

Heinzer: Eher der Glückspilz würde ich sagen. Ich habe eine liebe Familie, mit drei gesunden Kindern ...

Sie sind auch berühmt für das schnellste Ausscheiden an einer Olympiade, 1994 in Lillehammer. Träumen Sie heute noch davon?

Heinzer: Damals schon, ich habe einen Monat lang mit dem Schicksal gehadert. Aber wissen Sie: Vielleicht hätte die Bindung nicht gleich am Start, sondern irgendwo auf der Strecke mit 120 Stundenkilometern brechen können, wer weiss. So gesehen habe ich vielleicht auch Glück im Unglück gehabt. Es war Schicksal.

Glauben Sie an Vorsehung?

Heinzer: Ich bin ein gläubiger Mensch und habe viel Kraft daraus geschöpft. Nur so konnte ich auch mal über meine Verhältnisse fahren. Und nur, wenn du das tust, hast du eine Chance auf den Sieg. Es gibt immer vier, fünf Konkurrenten, die an diesem Renntag alles riskieren – wenn du nicht zu denen gehörst, bist du schon mal höchstens Sechster.

Sie waren etwa zehn Jahre nach Ihrer Karriere während fünf Jahren Trainer beim A-Team, heute arbeiten Sie mit Nachwuchsfahrern im B-Team. Ein Abstieg?

Heinzer: Überhaupt nicht. Ich habe die Aufgabe übernommen, junge Talente zu akquirieren. Das ist bis heute eine sehr interessante Aufgabe. Mark Gisin und Patrick Küng waren bei mir und haben dann den Sprung in den Weltcup geschafft. Ich weiss genau, wie sich ein Fahrer fühlt, wenn er verliert oder gewinnt. Der Sieg kann übrigens auch ein Feind sein.

Wie meinen Sie das?

Heinzer: Der Erwartungsdruck von aussen, aber auch gegenüber mir selber, wächst enorm. Ein Sieg braucht auch viel Energie, er macht euphorisch und kann von der nächsten Aufgabe ablenken.

Sie trainieren auch Ihre 15-jährige Tochter Carina. Wie ehrgeizig ist der Vater?

Heinzer: Sie wird vom Swiss-Knife-Valley-Ski-Team, einem regionalen Leistungscenter, betreut und hat den Plausch. Es ist ihre Laufbahn, und es ist nicht gut und für sie auch nicht schön, wenn sie an mir gemessen wird. Ich weiss nicht, ob ich Freude gehabt hätte, wenn mein Vater ein bekannter Rennfahrer gewesen wäre. Ich bin nicht der übermässig ehrgeizige Vater, zudem sehe ich auch die Gefahren.

Haben Sie Angst, wenn Ihre Tochter mit hohem Tempo runterbolzt?

Heinzer: Ich «bibbere» schon mit.

Was sind Sie für ein Vater?

Heinzer: Gutmütig, vielleicht manchmal etwas konservativ.

Konservativ?

Heinzer: Ja, damit meine ich Dinge wie Anstand und Respekt. So falsch kann meine Erziehung nicht sein, sie sind jedenfalls bis jetzt alle drei gut rausgekommen (lacht).

Was bedeutet Ihnen die Familie?

Heinzer: Sehr viel. Als meine Frau kurz vor dem Ende meiner Karriere schwanger wurde, konnte ich nicht mehr so viel riskieren auf der Piste.

Sie wohnen hier in Brunnen in einem schönen Haus mit herrlichem Blick auf den See – wird man reich im Skisport?

Heinzer: Nein, gemessen am Risiko, das wir eingehen, ist es nicht viel. Es ist halt keine Weltsportart wie Fussball, Tennis oder Golf. Ich konnte mir ein Polster für die nahe Zukunft zulegen, mehr nicht.

Welches Leben ist spannender: Die Aktivzeit als Rennfahrer oder die letzten 20 Jahre?

Heinzer: Das Leben ist genauso spannend wie früher, als ich noch Rennen fuhr. Das Risiko und das Adrenalin brauche ich aber überhaupt nicht mehr, das konnte ich zur Genüge ausleben. Ich brauche nirgends mehr Risiko in meinem Leben.

Haben Sie es gerne ruhig heute?

Heinzer: Ja. Ich muss mich nicht mehr beweisen und bei Schweizer Meisterschaften als Vorfahrer volle Pulle die Piste runterbrettern. Heute sagen mir der Speed, das Risiko, nicht mehr viel – damals waren das Highlights in meinem Leben.

Wie sieht denn der normale Franz-Heinzer-Alltag aus?

Heinzer: Seit drei Jahren betreibe ich den «kyBoot & Joya»-Shop mit Gesundheits- und Wohlfühlschuhen in Schwyz, wo ich zwei Angestellte habe, zudem bin ich zu 100 Prozent im Europacup als Trainer bei Swiss-Ski tätig. Jetzt, während der Saison, dauern die Tage oft von sechs Uhr morgens bis elf Uhr abends, und das jeden Tag inklusive Wochenenden. Ich muss sehr viel Auto fahren, manchmal bis nach Andorra, in die Slowakei, nach Nord- oder Osteuropa. Und natürlich ist mir die Familie das Wichtigste. Wenn ich mal frei habe, bin ich auch zu Hause. Dann bin ich voll und ganz für meine Kinder und meine Frau da.

Packen Sie zu Hause auch mit an im Haushalt?

Heinzer: Ich helfe gerne zu Hause und putze auch mal, wenn nötig. Ich bin so viel ausser Haus, da muss meine Frau oft alles alleine organisieren, darum unterstütze ich sie nach Kräften, wenn es möglich ist. Vor allem die Aussenarbeiten mache ich gern. Ich fühle mich wohl hier, ich bin ja auch aufgewachsen in diesem Talkessel.

Und was gibt es sonst noch in Ihrem Leben?

Heinzer: Golf ist ein Hobby geworden, das gefällt mir sehr. Und sonst? Wenn, dann ist es etwas mit den Kindern, indem ich zum Beispiel meinen Sohn an ein Fussballspiel begleite.

Was freut Sie am meisten?

Heinzer: Wenn Fahrer, die ich trainiert habe, erfolgreich sind, wie etwa Patrick Küng. Und wenn Carina oder unser Sohn Franco im Sport Erfolg haben, dann freut mich das sehr.

Und der Mensch Franz Heinzer? Ihre Tochter Carina sagte mal im Fernsehen, Sie seien unpünktlich, zudem singen und schwimmen Sie schlecht. Sie selbst gaben zu, dass Sie als Kind «viel Mist» gebaut haben. Stimmt das?

Heinzer: Stimmt alles (lacht). Als junger Typ gab es schon den einen oder anderen Streich, bei dem ich mit dabei war. Generell muss ich sagen, dass die Jungen es heute nicht einfacher haben als wir damals. Wir konnten uns viel mehr auf ein Ziel fokussieren. Heute haben sie so viele Einflüsse von aussen durch die sozialen Medien. Wenn heute ein junger Fahrer ein schlechtes Rennen fährt, hat er sofort das Gefühl, er müsse das auf allen möglichen Kanälen rechtfertigen. Das kann eine Belastung sein.

Jetzt hätte ich doch gerne noch ein paar Adjektive zu Ihrem Charakter ...

Heinzer: Ich glaube, ich bin eher ein besonnener Mensch. Aber ich war nicht umsonst so ehrgeizig im Sport: Innerlich brodelt es manchmal schon, und ich kann auch mal laut werden, wenn mich etwas stört. Explodieren kann ich auch, auch bei positiven Dingen.

Sind Sie glücklich?

Heinzer: Sehr – und ausgeglichen.

Was braucht es dazu?

Heinzer: Harmonie ist mir wichtig. Ich brauche Luft zum Atmen und Freiheit, darum bin ich gerne und viel draussen in der Natur.

17 Weltcupsiege

Zur Person Franz Heinzer (11. April 1962) wuchs in Rickenbach SZ auf. Schon bald wurde sein Talent fürs Skifahren entdeckt, und ab 1981 fuhr er im Skiweltcup mit. Bis zu seinem Karriereende 1994 konnte er vor allem in der Disziplin Abfahrt viele Erfolge feiern. Er gewann alle bedeutenden Abfahrtsstrecken mindestens einmal und stand insgesamt 17-mal zuoberst auf dem Podest. Heinzer gewann dreimal hintereinander den Abfahrtsweltcup (1991–93), 1991 zusätzlich den Super-G-Weltcup. Im selben Jahr wurde er an der WM in Saalbach-Hinterglemm Weltmeister. Bei den Olympischen Winterspielen 1994 in Lillehammer hatte er viel Pech: Kurz nach dem Start brach die Skibindung.

Bis 2007 führte Franz Heinzer während 16 Jahren ein Sportgeschäft. Von 2003 bis 2008 war er als Trainer bei Swiss-Ski im Weltcup tätig, seither ist er im Europacup als Trainer im Einsatz. Franz Heinzer wohnt heute in Brunnen, ist verheiratet und hat drei Kinder (Carina, 15, Franco, 17, und Cindy, 20).

Interview Robert Bossart

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