Soll ich jetzt auch meine Autobiografie schreiben?

Hans Graber über Lebensgeschichten.

Hans Graber
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Hans Graber (Bild: PD)

Hans Graber (Bild: PD)

Aus Zürich – woher auch sonst – mailt mir ein Dr. oec. publ. Erich Bohli. Er betreibt die Autobiografie-Plattform www.meet-my-life.net. Man kann dort seine Lebensgeschichte niederschreiben und sie der ganzen Menschheit zugänglich machen. Wer sich harttut mit Formulieren, nimmt ein Beratungsgespräch mit «Prof. Dr. Alfred Messerli» in Anspruch. Der war möglicherweise in den Ferien, als die Pressemitteilung verfasst wurde.

Volksautobiografien können dienlich sein. Zum einen ist es vielleicht tröstlich, zu lesen, dass es anderen auch nicht viel besser ging/geht im Leben. Zum anderen profitiert laut Bohli die Wissenschaft: Angehende Volkskundler können auch noch in 500 Jahren aus dem Vollen schöpfen, wenn sie eine Arbeit über die Menschheit des 21. Jahrhundert schreiben müssen. Ob das harte Studentenleben dadurch erträglicher wird, bleibt abzuwarten.

Rund 140 Lebensgeschichten sind bei«meet my life» bereits zu lesen. Erwähnt im Pressetext sind «zwei Metzgermeister», «zwei Homosexuelle mit beeindruckenden Coming-outs» oder «die von Krankheiten, finanziellen Schwierigkeiten und dem Kampf mit den Institutionen geplagte Christina Künzli».

Mein Vater war nicht Metzer-, sondern Bäckermeister, er war nicht homosexuell und führte keinen Kampf gegen Institutionen. Gewerkelt an einer Art Autobiografie hat aber auch er in seinen letzten Lebensjahren, auf meinem alten PC. Ich habe mich mit meinem Vater, vielleicht mit Ausnahme meiner marxistisch-leninistischen Ära, immer recht gut verstanden. Ohne viele Worte zwar, aber es war viel gegenseitiges Wohlwollen da. Etwas irritiert war ich deshalb schon, dass ich in seiner «Lebensgeschichte eines biederen Zeitgenossen» (Titel) nicht aufscheine, mit Ausnahme der Nennung meiner Geburt, samt Vorname.

War ich ihm zu naheliegend? Hat er sich dieses Kapitel zum Schluss aufsparen wollen (wobei dann eben nicht er bestimmen konnte, wann Schluss ist)? Oder hat Vater, stets praktisch denkend, sich überlegt, seine Biografie würde ja eh nur von der Familie gelesen, und insbesondere ich wüsste über mich selber sowieso viel besser Bescheid als er?

Ich habe Vater die Nichterwähnung längst vergeben, aber – leichte Irritation bleibt. Stoff für meine eigene Autobiografie? Eine solche habe ja immer auch einen «therapeutischen Wert», sagt der Bohli-Mann. Das ist eine Aufforderung zum Schreiben. Man kann es aber auch als Drohung für den Rest der Menschheit verstehen. Krankengeschichten gibt es doch schon mehr als genug.

Hans Graber