SOZIALES: Das Christentum auf der Gasse

Seit 35 Jahren ist Sepp Riedener in der kirch­lichen Gassenarbeit tätig. Ein neuer Dokfilm zeigt, inwiefern diese eine moderne Umsetzung des Evangeliums ist.

Arno Renggli
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Sepp Riedener setzt das Christentum am Rand der Gesellschaft in die Praxis um.

Sepp Riedener setzt das Christentum am Rand der Gesellschaft in die Praxis um.

«De Sepp, do chani nor säge, topp, en Schatz.» Die Stimme der drogensüchtigen Frau ist rau, gebrochen, schwer verständlich. Aber das ehrliche Gefühl ist unüberhörbar, wenn sie diese Aussage über Sepp Riedener macht. Und anschliessend die Tränen nicht zurückhalten kann.

Bedingungslose Barmherzigkeit

Es ist nicht die einzige sehr emotionale Passage im neuen Dokfilm «Gassenarbeit – Gassenleben», der am Sonntag erstmals gezeigt wird (siehe Box). Und oft steht Sepp Riedener dabei im Zentrum. Der Luzerner Theologie, der kürzlich seinen 70. Geburtstag feierte, begann vor 35 Jahren mit der kirchlichen Gassenarbeit. Seither hat er nicht nur viele Menschen begleitet, sondern auch erfolgreich Behörden für den Einsatz zu Gunsten randständiger Menschen sensibilisiert. Im Film kommt etwa auch der ehemalige Stadtpräsident Franz Kurzmeyer zu Wort, der sich damals überzeugen liess, dass man in dieser Thematik etwas tun müsse. Oder es wird gezeigt, wie Vertreter von Gassenarbeit und Polizei zusammenarbeiten.

Sepp Riedeners Engagement war stets christlich motiviert. «Es ist für mich eine Umsetzung des Evangeliums», sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung und nennt als Beispiel Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter, zu lesen im Lukasevangelium. Der Mann, der an der Not eines ihm völlig unbekannten Mitmenschen nicht vorbeiläuft, sondern ihm bedingungslos hilft, ist bestes Sinnbild für die Tätigkeit der Frauen und Männer in der Gassenarbeit.

Was heisst Erfolg?

Diese braucht auch deshalb viel Kraft, weil sie nicht immer erfolgreich ist. Sepp Riedener räumt ein: «Ich habe mehr Leute beerdigen müssen als heilen können.» Und doch gibt es auch Fälle wie den Mann, der drogensüchtig war und dank der Hilfe der Gassenarbeit den Ausstieg schaffte. Kürzlich hat der Vater einer kleinen Tochter sein Studium abgeschlossen. Ein grosser Erfolg.

Doch was heisst Erfolg? Darf man die Messlatte nicht auch anders ansetzen? Riedener sagt klar: Nicht jeder Randständige, vor allem wenn er schon jahrelang auf der Gasse ist, schafft den Ausstieg und kann wieder in die Normalität integriert werden. Dann bedeutet Erfolg schon, dass jemand möglichst gut weiterleben kann. Und seine Würde als Mensch behält. So geht es in der Gassenarbeit auch darum, dass Leute regelmässig zu essen erhalten, etwa in der «Gassechuchi». Dass man saubere Kleider beziehen kann. Dass einem jemand hilft im Umgang mit Angehörigen oder Behörden. Und vielleicht am Ende, mit möglichst viel Würde zu sterben.

Totenbücher zum Erinnern

Denn der Tod gehört zur Arbeit von Sepp Riedener und seiner Mitstreiter. «Gerade Menschen, die niemanden mehr haben, begleiten wir auch im Sterben. Und darüber hinaus.» So führt Riedener Totenbücher, in denen er etwa Todesanzeigen, Fotos und andere Dokumente über verstorbene Klienten festhält. Und damit auch ihre jeweilige Geschichte. «Damit sie nicht vergessen werden», sagt er.

Nie mit Gott gehadert

Sein langes Engagement für Menschen in Extremsituationen hat ihn geprägt, aber nicht gezeichnet. «Klar gab es ab und zu Frustrationen. Aber ich erlebte nie Schwermut oder gar so etwas wie ein Burn-out. Sondern fühlte stets die Motivation, im Sinne von Jesus tätig zu sein. Und auch, den Menschen zu zeigen, dass Kirche etwas anderes sein kann als Ideologie und Hierarchie.»

Auch mit Gott habe er nie gehadert, warum dieser die Not überhaupt zulasse. «Es sind wir Menschen selber, die als Geschöpfe mit freiem Willen Not mitverursachen.» Und somit auch berufen sind, gegen die Not anzutreten. Sepp Riedener und andere tun genau dies. Aus einer Position der mitmenschlichen Augenhöhe. Oder wie im Film ein ehemaliger Süchtiger über Riedener sagt: «Er steht nicht über einem. Er ist einfach jemand, der einem den Strick vom Hals nimmt.»

Infos und DVD-Kauf: www.gassenarbeit.ch. Die DVD ist ab Montag auch in der Buchhandlung Hirschmatt in Luzern erhältlich.