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SOZIALHILFE: «Ich kämpfe gerne»

Er wird «Der gute Mensch von Bern» genannt, setzt sich für die Schwachen ein – und wird dafür kritisiert. Nun tritt Walter Schmid (60) als Präsident der Schweizerischen Sozialkonferenz zurück – frustriert sei er nicht, betont er.
Interview Andrea Elmer und Robert Bossart
Walter Schmid in der Hochschule Luzern: «Es nervte mich ehrlich gesagt schon ab und zu, dass immer wir von der Schweizerischen Sozialkonferenz den Sozialstaat verteidigen mussten.» (Bild Pius Amrein)

Walter Schmid in der Hochschule Luzern: «Es nervte mich ehrlich gesagt schon ab und zu, dass immer wir von der Schweizerischen Sozialkonferenz den Sozialstaat verteidigen mussten.» (Bild Pius Amrein)

Walter Schmid, Weihnachten steht vor der Tür. Sind Sie überhaupt in Feierstimmung?

Walter Schmid: Wie meinen Sie das?

In diesem Jahr haben Sie als Präsident der Schweizerischen Sozialkonferenz Skos einige unerfreuliche Situationen erlebt, unter anderem wegen des Falls Berikon, bei dem es um einen nichtkooperativen Sozialhilfebezüger ging. Sie unterstützten den Entscheid des Bundesgerichts, auch schwierigen Menschen Sozialhilfe zu gewähren. Vielleicht hat die harsche Kritik Ihre Stimmung getrübt.

Schmid: Die Angelegenheit hat sich ja zum Glück wieder etwas beruhigt. Aber es war in der Tat sehr unangenehm, als ich merkte, dass es bei der Kritik nicht mehr um die Sache, sondern um meine Person ging. Deshalb habe ich mich aus dem Schussfeld genommen und beispielsweise einige Monate keine Interviews mehr gegeben und andere reden lassen. Das hat der Sache die Spitze genommen.

In den Medien kennt man Sie als sachlichen, nüchternen Menschen. Momentan leben wir in der Jahreszeit der Gefühle und Emotionen – mögen Sie diese rührselige Zeit?

Schmid: Ja, eigentlich schon. Ich finde es gut, dass es eine Phase im Jahr gibt, die mit mehr Emotionalität besetzt ist. Es gibt genug graue Zeiten. Allerdings ist für viele Menschen gerade die Weihnachtszeit besonders grau. Aber ich begrüsse es, wenn die Leute dann eher in Stimmung sind, etwas zu geben und Geschenke zu machen. Das mache ich im Prinzip auch gerne.

Im Prinzip?

Schmid: Ich habe meistens kaum Zeit und denke mir erst zwei, drei Tage vorher etwas aus. Ich bin aber nicht unter Druck und mache mir keinen «Gschänkli-Stress». Ich muss niemandem etwas schenken, aber ich tue es gern. Trotzdem: Es ist niemand verschnupft, wenn es einmal nichts gibt.

Sie haben zwei erwachsene Kinder. Ihre Frau ist Pfarrerin. Wie sieht denn Weihnachten bei Ihnen aus?

Schmid: Meistens muss meine Frau dann arbeiten. Wir feiern konventionell im weiteren Kreis der Angehörigen und Freunde. Dieses Jahr werden unsere Kinder erstmals nicht dabei sein. Sie reisen in Lateinamerika und Asien.

Gehen Sie an Weihnachten in die Kirche, um Ihre Frau predigen zu hören?

Schmid: Ich gehe eigentlich regelmässig in den Gottesdienst, wenn meine Frau predigt. So kann ich etwas an ihrem Berufsleben teilhaben.

Sie treten auf Mitte Mai als Skos-Präsident zurück. Als Sie dies bekannt gaben, hiess es in einem Zeitungsbericht: «Der gute Mensch von Bern». Sind Sie ein Gutmensch, oder schmeichelt Ihnen der Begriff?

Schmid: Ich bin keineswegs ein Gutmensch. Aber ich finde, es gibt Schlimmeres, als ein guter Mensch zu sein. Von daher stört mich der Begriff nicht.

Gleichwohl ist es unüblich, sich während 30 Jahren für sozial schwächer gestellte Menschen einzusetzen, wie Sie es getan haben. Woher kommt dieses Engagement?

Schmid: Das kann ich nicht so genau herleiten. Ich hatte eine ganz normale Ausbildung als Jurist und Anwalt und habe auch eine kurze Zeit als Anwalt gearbeitet. Dass mich das Schicksal der sozial Benachteiligten immer besonders beschäftigte, war dann allerdings wohl der Grund, dass ich, ohne viel zu Überlegen, die Anwaltskarriere gegen die Leitung der Schweizerischen Flüchtlingshilfe eintauschte. Das meiste danach war berufsbiografischer Zufall.

Obwohl Sie immer wieder mal als oberster Sozialarbeiter der Schweiz bezeichnet wurden, haben Sie gar nie als Betreuer von Sozialhilfeempfängern gearbeitet, sondern immer auf der Institutionsebene. Weshalb?

Schmid: Wie gesagt, ich bin nicht Sozialarbeiter. Ich habe seit über dreissig Jahren Führungsaufgaben gehabt. Als Skos-Präsident sehe ich mich eher als Vermittler. Dort sind Kantone, Gemeinden, der Bund und private Werke dabei. Da braucht es immer wieder den Ausgleich der Interessen. Dabei haben wir alle gemeinsam das Ziel, die Sozialhilfe wirksam und fair auszugestalten.

Stehen Sie überhaupt im Kontakt mit Sozialhilfeempfängern?

Schmid: Bei diesem Punkt wurde ich immer wieder einmal angegangen. Man warf mir vor, dass ich aufgrund meiner gegenwärtigen Tätigkeit als Direktor in einer Hochschule die Bodenhaftung verloren habe.

Stimmt denn der Vorwurf?

Schmid: Nein. Ich habe immerhin zehn Jahre lang das grösste Sozialamt der Schweiz mit rund 800 Mitarbeitenden geleitet und habe auch seither immer wieder Kontakt zu den Sozialdiensten, was mir Einblick in die Praxis verschafft. Auch privat habe ich, wie viele der Leser wohl auch, Kontakt zu Menschen, die an der Armutsgrenze leben.

Man warf Ihnen vor, sich als Skos-Präsident mehr um die Sozialhilfeempfänger zu kümmern als um die Interessen der Sozialämter. War die Kritik Grund für Ihren Rücktritt?

Schmid: Nein. Ich habe diesen Entscheid bereits früher gefällt. Ich trete nicht zurück, weil ich gefrustet bin. Im Gegenteil: Ich hätte durchaus auch Spass, weiterzumachen. Aber es macht nach 15 Jahren einfach Sinn, dass es im Präsidium einen Wechsel gibt. Ich will ja nicht zum Sepp Blatter der Sozialhilfe werden. 15 Jahre sind eine lange Zeit.

Die Sozialhilfe wird weiterhin unter Beschuss sein – nicht zuletzt, weil es immer wieder zu Missbrauchsfällen kommt.

Schmid: Nicht nur wegen der Missbräuche! In der Sozialhilfe werden sehr viele Probleme der Gesellschaft wie in einem Brennglas verdichtet sichtbar. Ob dies nun Arbeitslosigkeit, knapper Wohnraum und teure Mieten oder Sucht- oder Generationenprobleme sind. Dabei wird vieles der Sozialhilfe angelastet, das nur wenig mit ihr zu tun hat. Auch grundsätzliche Fragen der Eigenverantwortung und der Solidarität gehören dazu. Das macht die Sache so spannend und die Sozialhilfe zur natürlichen Zielscheibe! Zudem: Missbräuche und auch Enttäuschungen über Sozialhilfeempfänger gab es auch schon früher.

Wie meinen Sie das?

Schmid: Ich habe eben eine amüsante Passage aus einem Bericht von 1902 gelesen, wo ein Fürsorger einen undankbaren Armen schildert: Dieser klopft an die Tür eines bürgerlichen Hauses und bittet um Almosen. Er wird von der Frau des Hauses freundlich ins Treppenhaus hereingebeten und bekommt dort eine Suppe. Sie lässt ihn allein. Als sie wiederkommt, ist die Schüssel leer und der Mann weg. Erst am Nachmittag entdeckt der Ehemann der Wohltäterin, der in die Stadt gehen und sich den Kittel überziehen wollte, dass der Bettler die Suppe einfach in die Tasche des Kittels geleert hatte. Er hatte offenbar Geld erwartet und wollte sich nicht mit einer Suppe abspeisen lassen.

Sie wurden oft als Systemverteidiger bezeichnet.

Schmid: Ja, aber dies stimmt nur bedingt. Tatsächlich muss man sehen, dass unser Sozialstaat im Wesentlichen gut funktioniert. Das gilt besonders auch für die Sozialhilfe. Ich gehöre aber auch zu den kritischen Geistern. Ich habe immer wieder Reformen gefordert.

Zu einer Ihrer Aufgaben gehörte es, das System zu erklären. War es nicht frustrierend, immer wieder den Sozialstaat verteidigen zu müssen?

Schmid: Es nervte mich ehrlich gesagt schon ab und zu, dass immer wir von der Skos den Sozialstaat verteidigen mussten. Denn Fakt ist: Wir brauchen für das Funktionieren unserer Wirtschaft und einer modernen Gesellschaft eine gut ausgebaute soziale Infrastruktur. Statt sie dauernd schlechtzumachen, sollten wir stolz sein. Sie gehört genauso zum Erfolgsmodell Schweiz. Es gibt viele, die das klar sehen, aber nur wenige, die das klar sagen. Früher gab es noch mehr Sozialpolitiker mit hohem Sachverstand und Autorität, auch in den bürgerlichen Parteien. Doch diese wurden unter dem Einfluss der populistischen Kampagnen rar. Man fährt offenbar besser, wenn man den Sozialstaat schlechtredet und ihn als Last darstellt. Das ist schade.

Weshalb sind Sie eigentlich nie in die Politik eingestiegen?

Schmid: Das habe ich mich auch schon gefragt (lacht). Aber zum einen war ich nie in einer Partei. Zum anderen konnte ich 30 Jahre lang an den Themen arbeiten, die mich interessiert haben. In einer politischen Karriere spielen auch immer viele Zufälle mit, in welche Bereiche es einen verschlägt. Aber ich bin ein durchaus politischer Mensch. In meinen verschiedenen Funktionen habe ich immer an der Schnittstelle zur Politik gearbeitet und mich aus fachlicher Sicht am politischen Diskurs beteiligen können. Das ist spannend.

Apropos: Sie waren auch immer mal wieder im Fernsehen zu sehen, wo Sie sich vor allem mit Politikern aus dem rechtsbürgerlichen Lager verbale Schlagabtausche geliefert haben. Mögen Sie solche Streitdiskussionen?

Schmid: Es machte mir gar nichts aus, für unsere Anliegen zu kämpfen. Ich habe Debatten sehr gerne. In der Arena treffen allerdings zunehmend eingeübte holzschnittartige Argumente aufeinander, ohne dass sich viel entwickelt.

Im Zusammenhang mit diesen Diskussionen wurden Sie auch schon als überheblich bezeichnet. Sind Sie das?

Schmid: Das überraschte mich. Aber wie man wirkt, hat man eben nicht immer in der Hand (lacht). Überheblich? Nein, so sehe ich mich nicht.

Über Jahre hinweg standen Sie im Rampenlicht, wenn es sich um Diskussionen über Sozialhilfebezüger oder Flüchtlinge drehte. Woher nahmen Sie die Energie?

Schmid: Ich arbeite gerne und habe das Glück gehabt, beruflich Dinge tun zu können, die ich für sinnvoll hielt. Das motiviert. Gleichwohl war ich in gewissen struben Zeiten froh, mich gelegentlich in unser Ferienhaus im Bergell zurückziehen zu können. Das war für uns eine sehr wertvolle Entspannungsmöglichkeit. Abschalten kann ich aber auch beim Wandern oder bei der Musik. Ich singe auch in einem klassischen Chor, mit dem wir intensiv proben.

Für Ihre Kinder war es vermutlich nicht immer leicht mit einem Vater als oberstem Sozialhelfer und einer Mutter als Pfarrerin?

Schmid: Beides haben sie erstaunlich gut überstanden (lacht). Gelegentlich hören wir heute von ihnen Geschichten, die sich in der Jugend wegen unserer Berufe zugetragen haben. Aber das waren eher Ausnahmen. Keine Freude hatten sie, als einmal ein Familienfoto von uns in der Zeitung erschienen ist.

Haben Sie ein besonderes Augenmerk darauf gerichtet, dass nur ja keines der beiden sich auf einmal selber mit Armut oder Drogen konfrontiert sah?

Schmid: Nicht mehr als andere Eltern auch. Aber dass es gut herauskommt, ist ja weniger das Verdienst der Eltern. Wir sind heute glücklich, dass die Kinder unsere Anliegen teilen und in gesellschaftlich spannenden Bereichen tätig sind. Interesse für einander und gegenseitiges Vertrauen verbinden uns. Dafür kann man nur dankbar sein.

Sie geben Ihre Aufgabe als ehrenamtlicher Skos-Präsident nun ab und können etwas kürzertreten.

Schmid: Sie sagen selber: Es ist ein Ehrenamt, was viele Leute nie wahrgenommen haben, die meinten, ich sei dort angestellt. Beruflich bin ich aber Direktor hier an der Hochschule Luzern, und da stehen mir noch einige Jahre bevor.

Gibt es denn schon Pläne für die Zeit nach der Pensionierung?

Schmid: Nein. Die steht im Moment noch nicht ins Haus. Ich bin einfach schon einmal froh für jeden Abend und die Wochenenden, die ich ohne Arbeit verbringen kann. Ich habe während eines Sabbaticals auch die Erfahrung gemacht, dass es schön ist, wenn nicht jeder Tag und jede Woche durchgetaktet ist und es Freiräume gibt. Es gibt so viel Schönes und Interessantes, das in der Vergangenheit zu kurz kam.

Was denn?

Schmid: Die Natur, die Kultur, das Pflegen von Freundschaften. Oder auch Zeit für die Angehörigen und Menschen, die einem wichtig sind. Und es ist auch schön, einmal Dinge im Leben zu tun, die man noch nie gemacht hat.

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