SPANIEN: Tourist macht Sensationsfund

Ein Tourist erstand auf einem Flohmarkt in Barcelona für 3.50 Euro ein paar Negative und stellte fest: Die Fotos sind ein Vermögen wert. Dann fing eine jahrelange Suche nach dem Schöpfer der Werke an.

Nemanja Novkovic
Drucken
Teilen
Eine der Aufnahmen der spanischen Fotografin, die jetzt aufgetaucht sind. (Bild: Milagros Caturla)

Eine der Aufnahmen der spanischen Fotografin, die jetzt aufgetaucht sind. (Bild: Milagros Caturla)

Nemanja Novkovic

Es ist eine dieser Geschichten, die man hört und nicht glauben kann, weil sie zu schön sind, um wahr zu sein. Diese handelt von Tom Sponheim, einem amerikanischen Touristen, der im Jahre 2001 unweit der Sagrada Familia in Barcelona auf einem Flohmarkt einer alten Frau einige Briefumschläge mit ein paar Dutzend Fotonegativen abkaufte. Kostenpunkt: 3.50 Euro.

Wieder zu Hause angekommen, stellte er fest: Die Bilder waren Meisterwerke. Es handelte sich um Schwarz-Weiss-Aufnahmen, die mit einer Klein­bildkamera irgendwann Mitte des 20. Jahrhunderts aufgenommen worden sind. Die meisten Bilder waren intime Porträts, Aufnahmen von Strassenszenen, Volksfesten – kurz: Zeugnisse einer längst vergangenen Zeit.

Erst mit Facebook kam der Tourist einen Schritt weiter

Von da an liessen Sponheim die Fotos nicht mehr los. Da er jedoch weder den Namen der Verkäuferin kannte, noch auf den Negativen irgendwelche Hinweise fand, stiess er auf der Suche nach dem Fotografen schnell an seine Grenzen. Erst als Facebook seinen Siegeszug antrat, kam Sponheim einen Schritt weiter. 2010 richtete er die Facebook-Seite «Las fotos perdidas de Barcelona» (Die verlorenen Fotos Barcelonas) ein. Viele Menschen erkannten sich oder Bekannte auf den Bildern. Doch wer die Fotos gemacht hatte, wusste er immer noch nicht. Darauf kam er erst 2017, also 16 Jahre nachdem Sponheim die Fotos auf dem Flohmarkt in Barcelona gekauft hatte. Die Spanierin Begoña Fernández stiess relativ zufällig auf Sponheims Facebook-Seite, war begeistert von den Aufnahmen und beschloss, sich auf die Suche nach dem Fotografen zu machen. In den Archiven des Agrupació Fotográfica de Catalunya, einem der ältesten Fotografie-Vereine Spaniens, stiess sie dann schlussendlich auf den Namen: Milagros Caturla. Sie belegte mit einem ihrer Bilder im Jahre 1961 bei einem Wettbewerb den 4. Platz. Als eines von sieben Kindern liess sich Caturla zur Lehrerin ausbilden, übte den Beruf aber nie aus. Stattdessen arbeitete sie als Sachbearbeiterin in der Bezirksverwaltung von Barcelona, fotografierte zeitlebens, nahm an mehreren Fotowettbewerben teil und gewann einige davon. Sie starb 2008, an Alzheimer erkrankt, unentdeckt und ohne Nachkommen.

Tom Sponheim freut sich, dass einer so grossen Künstlerin wenigstens posthum die Ehre zuteil wird, die ihr und ihren Bildern gebührt. «Meine eigenen Familienfotos sind bei einem Umzug gestohlen worden. Auf einmal waren die für uns unbezahlbaren Bilder einfach weg. Wahrscheinlich war diese Erfahrung mitverantwortlich dafür, dass ich das unbedingte Bedürfnis hatte, die Urheberin der Fotos aus Barcelona ausfindig zu machen», sagt der Amerikaner gegenüber unserer Zeitung.

Erstmals öffentlich in Ausstellung gezeigt

Es ist dem langen Atem Tom Sponheims und Begoña Fernández’ zu verdanken, dass die Bilder von Milagros Caturla identifiziert worden sind und nun einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden können. Ende Mai zeigte das Revela-T, eines der weltweit wichtigsten Festivals für zeitgenössische analoge Fotografie, ihre Bilder erstmals in einer grossen Ausstellung. Wenn es nach dem Willen von Sponheim geht, soll das erst der Anfang sein.