SPAREN: Geschichte einer deutschen Tugend

Die Deutschen gelten als besonders sparsam. Sie legen seit Jahrhunderten Geld auf Sparbücher an, immer wieder ging das Ersparte verloren. Dennoch sparen sie munter weiter. Eine Ausstellung in Berlin widmet sich der deutschen Sparsamkeit.

Christoph Reichmuth, Berlin
Drucken
Teilen
Die Ausstellung «Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend» zeigt auch, wie andere Länder wie Frankreich früher mit dem Thema Sparsamkeit umgingen. (Bild: DHM/Siesing)

Die Ausstellung «Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend» zeigt auch, wie andere Länder wie Frankreich früher mit dem Thema Sparsamkeit umgingen. (Bild: DHM/Siesing)

Christoph Reichmuth, Berlin

Den Deutschen haftet das Image des besonders sparsamen Volkes an. In Europa steht sinnbildlich für diese deutsche ­Tugend der ehemalige Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Schäuble steht für die schwarze Null im deutschen Haushalt. Und er steht auch mit «seiner Politik der schwäbischen Hausfrau» («Die Welt») für eine Spardoktrin in der Europäischen Union. In Griechenland, Spanien oder Portugal hält man nicht allzu grosse Stücke auf die von Wolfgang Schäuble vorangetriebene Austeritätspolitik.

«Sparen hilft dem Führer»

Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum widmet sich dieser typisch deutschen Art, behutsam mit dem verdienten Geld umzugehen und den «Notgroschen» für schwerere Zeiten beiseitezulegen. «Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend» geht der Frage nach, wie die Sparsamkeit zum Habitus der Deutschen werden konnte. Die Ausstellung führt chronologisch durch die Geschichte, zeigt auch Spardosen der alten Römer, geht auf die Gründung der ersten deutschen Sparkasse 1778 in Hamburg ein.

In der vorindustriellen Zeit des Pauperismus wurden Sparkassen vor allem für die breite, mittellose Bevölkerung eingerichtet, damit sich diese vor Not, Elend und totaler Verarmung im Alter schützen konnte. Im Ersten Weltkrieg zeichneten die Deutschen fleissig Kriegsanleihen, dank denen das Deutsche Kaiserreich den Krieg finanzieren konnte. Das Geld der Sparer wurde durch die Hyperinflation 1923 fast vollständig verbrannt, dennoch legten die Menschen nach wirtschaftlicher Erholung wieder Groschen auf die Sparbücher.

In den NS-Zeiten wurde das Bild fleissig arbeitender Deutscher gezeichnet, die ihr Geld auf Sparkassen sicher anlegten («Dein Sparen hilft dem Führer»). Freilich schlachtete die NS-Propaganda die Spartätigkeit auf Kosten der jüdischen Bevölkerung aus, welche als raffgierig, verschwenderisch und Teil des unmoralischen Finanzkapitals gezeichnet wurden. Die Einlagen der Bevölkerung flossen abermals zu grossen Teilen – wie schon im Ersten Weltkrieg – in die Rüstungsindustrie. «Im Gegensatz zur Bevölkerung, die zur Sparsamkeit erzogen worden war, hat der Staat selbst durch seine Ausgabentätigkeit hohe Schulden angehäuft», sagt Johannes Bähr, Professor an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Deutsche Kriegsfinanzierung lief über Gelder der Sparkassen

Die Finanzierung des Krieges erfolgte laut Bähr durch eine «geräuschlose Rüstungsfinanzierung, die Spartätigkeit der Bevölkerung war für das Dritte Reich elementar». Der überwiegende Teil der Sparkassenkunden habe nicht mit­gekriegt, wofür ihre Gelder tatsächlich verwendet wurden. Ein Drittel der ­deutschen Kriegsfinanzierung lief über Gelder der Sparkassen. Dass die Bevölkerung trotz schlechter Erfahrungen in der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus der Spardoktrin nachgekommen ist, sei ökonomisch betrachtet nicht rational, sagt der Historiker. Die nationalsozialistische Ideologie, wonach der rechtschaffene «Volksgenosse» hart arbeite und Geld auf die Seite lege, habe aber nur seine Wirkung entfalten können, da das Sparen bereits zur deutschen Tugend gehört habe, so Bähr weiter. «Die Nazis haben dies bloss ideologisch überhöht.» Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in Schulen Kinder zur Sparsamkeit erzogen. «Diese Sparerziehung hat das Denken geprägt, dass Vermögen angespart werden muss für schlechtere Zeiten.» Hinzu kamen diverse Sparmodelle, denen sich die Menschen kaum entziehen konnten – Sparkonten für die Hitler-Jugend, Sparkonten für Konsum durch das «Kraft durch Freude»-Programm (KdF).

Die Spartätigkeit im Dritten Reich lasse keine Rückschlüsse darauf zu, ab welchem Zeitpunkt die Menschen das Vertrauen in das NS-Regime verloren haben. Nach der Kriegswende durch die Niederlage bei Stalingrad erlosch die Spartätigkeit zwar vorübergehend, weil die Menschen befürchteten, der Staat würde in der Not die Gelder seiner Bevölkerung beschlagnahmen. Doch wenig später legten die Deutschen ihre Gelder wieder auf den Banken an – in den Grossstädten nicht zuletzt aus Furcht, das angesparte Barvermögen könnte im Bombenhagel vernichtet werden. Zugleich aber klammerten sich viele Menschen nach wie vor an das Versprechen des Regimes von Wohlstand und Konsumgütern in Hülle und Fülle, sobald der Krieg zu Ende sei.

Nach Kriegsende verloren die deutschen Sparer bei der Währungsreform 1948 schon wieder einen grossen Teil ihres Ersparten. Der Drang, das eigene Geld in Banken auf die hohe Kante zu legen, wurde dadurch nicht erschüttert. Im Wirtschaftswunder sparten die Deutschen umso erbitterter weiter. Und selbst in Zeiten der Nullzinspolitik haben die Deutschen keine Lust, ihr Geld anderweitig anzulegen als auf wenig einträglichen Sparkonten.

Auch Schweizer legen viel Wert auf Erspartes

«Bei den Deutschen ist eine gewisse ­protestantische Ethik ausgeprägt. Das schlägt sich im Sparverhalten nieder», sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. «Es ist wohl auch so, dass bei den Deutschen ein starkes Sicherheitsbedürfnis herrscht.» Dieser Mentalitätsunterschied etwa zu den USA sei im mitteleuropäischen Raum allgemein erkennbar, auch in der Schweiz legen die Bürger viel Wert auf Erspartes.

Bemerkenswert sei, dass die Menschen in Deutschland trotz der niedrigen Zinsen auf Sparkonti unverdrossen weitersparen, sie legen beträchtliche Mengen an Geld nach wie vor in klassische, wenig Ertrag bringende Anlageformen wie Sparbücher oder Festgeldkonten. Auch die Politik der schwarzen Null für den deutschen Haushalt sei in diesem Zusammenhang zu sehen, sagt Brenke: «Das Verständnis, dass man für die Zukunft vorsorgen muss, ist bei uns in Deutschland stark ausgeprägt. Das gilt auch für den Staat.» Allerdings liegt die Staatsverschuldung nach wie vor über den Kriterien von Maastricht, doch in den letzten Jahren liess sich durch Ausgabendisziplin die Staatsschuldenquote senken. Die auf Sicherheit setzende Tugend setzt Deutschland international aber auch der Kritik aus. Die Spardoktrin Wolfgang Schäubles in der Eurokrise ist etwa in Griechenland auf Widerstände gestossen. «Die Mentalitätsunterschiede in der Europäischen Union haben Sprengkraft», mahnt Brenke. Darüber hinaus steht Deutschland international auch wegen des enormen Leistungsbilanz-Überschusses am Pranger. Der Export-Weltmeister Deutschland müsse den inländischen Konsum und die inländischen Investitionen anregen, heisst es unter anderem.

Laut Brenke hängt die Tugend der Sparsamkeit allerdings nur teilweise mit der im Vergleich zu den Exporten geringen Menge an Importen zusammen. «Im Vergleich zur Leistungsfähigkeit der Wirtschaft haben sich in Deutschland die Löhne schwach entwickelt. Das hat die Wettbewerbsfähigkeit der Exportwirtschaft verbessert.»