SPIELZEUG: Schütteln und Träumen: Miniwelt im Schneegestöber

Ihr Ursprung ist unklar. Das tut ihrer Bekanntheit aber keinen Abbruch: Schneekugeln sind ­Kindheitserinnerung, Souvenir, Werbemittel und Sammlerobjekt. Die berühmtesten kommen aus Wien.

Jacqueline Schilling
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Der Schneemann in der Kugel – ursprünglich waren die Motive religiös, heute können es auch Comicfiguren sein und statt Schnee rieselt Glitter. (Bild: Kerstin Riesbeck/Getty)

Der Schneemann in der Kugel – ursprünglich waren die Motive religiös, heute können es auch Comicfiguren sein und statt Schnee rieselt Glitter. (Bild: Kerstin Riesbeck/Getty)

Jacqueline Schilling

«Eine Schneekugel ist ein mit Wasser gefüllter Behälter aus Glas oder Kunststoff, in dem sich ausserdem kleine Partikel befinden, die beim Schütteln aufwirbeln und sich dann wie Schnee langsam wieder setzen. Die Kugeln enthalten kleine Figuren oder Miniaturlandschaften, die beim Schütteln ‹eingeschneit› werden.» Diese Erklärung findet, wer sich bei Wikipedia die Schneekugel erklären lässt. So weit, so gut. Ungleich weniger klar ist die Geschichte der Schneekugel, die übrigens auch «Schüttelglas», «Schüttelkugel» oder «Schütteldom» heisst. Warum, erklärt sich selbst. Allerdings: Am schönsten wirken sie, wenn man sie nicht schüttelt, sondern nur auf den Kopf dreht und wieder hinstellt.

Über ihren Ursprung gibt’s verschiedene Theorien. Eine davon ist, dass die Schneekugel eine weiterentwickelte Briefbeschwerer-Kugel ist. Darauf deutet auch die englische ­Bezeichnung fürs Schüttelglas hin: Snowstormpaperweight. Als eins der ersten, bekannten «Schneegestöber» gilt jenes, das an der Weltausstellung in Paris 1878 zu sehen gewesen war. Es zeigte einen Mann mit aufgespanntem Regenschirm. Noch älter sind die sogenannten «Heiliggeist-Kugeln» aus dem Erzgebirge. Dabei wird eine Taube – die Heiliggeist-Taube eben – in eine Glaskugel gesetzt.

Die Schneekugel ist eine Erfindung aus Versehen

Dann gibt es aber auch eigentliche Schneekugelerfinder: Erwin Perzy aus Wien zum Beispiel. Er liess die «Glaskugel mit Schnee-Effekt» patentieren. Und das kam so: Perzy war Werkzeugmacher für chirurgische Instrumente und hatte den Auftrag, eine besonders helle Lichtquelle für Operationssäle zu entwickeln. Er experimentierte mit einer Schusterkugel. Das war eine Glaskugel mit rohrförmigem Ende, die mit Wasser gefüllt wie eine Lupe wirkte. Perzy fügte dem Wasser unter anderem Glasspäne zu. Diese bündelten das Licht zwar, sanken aber schnell ab. Der erfinderische Werkzeugmacher experimentierte weiter, unter anderem mit Griess. Das verstärkte das Licht zwar auch nicht genug, rieselte dafür nur langsam auf den Grund des Glases – wie Schneeflocken. Der Rest ist schnell erzählt: Perzy sollte zu ­jener Zeit für einen Freund, der am Wallfahrtsort Mariazell Andenken verkaufte, eine Basilika im Miniaturformat giessen. Die setzte er in eine mit Wasser gefüllte Kugel mit Holzsockel und Griess-Schneeflocken. Schwuppdiwupp war die Schneekugel verkauft, und die Pilger wollten mehr davon. Das war um 1900. Perzy gründete mit seinem Bruder die Schneekugelmanufaktur. Die Manufaktur gibt es heute noch, ergänzt durch ein Schneekugelmuseum. Beides ist noch in Familienhand. Erst später – nämlich in den 1950er-Jahren – beginnt die Geschichte der Traumkugeln aus Kunststoff in Deutschland, auch sie ein eingetragenes Warenzeichen. Als Erfinder der Traumkugel gilt Bernhard Koziol. Hier wie dort haben sich die Schneegestöber weiterentwickelt. Die Motive in den Schneekugeln sind nicht mehr ausschliesslich winterlich und religiös. Es gibt Märchen- und Comicfiguren im Glas. Und der Schnee wird schon mal durch Glitter oder Sterne oder fliegende Miniwürstchen ersetzt.Die Werbeindustrie entdeckte die Schneekugeln, die zum beliebten Souvenir wurden und heute Sammlerobjekte sind. Warum? «Wenn man das jetzt ein bisserl philosophisch sieht, ist die Schneekugel ein Mikrokosmos. Alles, was sich da drinnen befindet, ist geschützt vor allem, was draussen passiert», sagt Erwin Perzy III.