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SPIONAGE: Der Vatikan verschwört sich gegen Hitler

Man hat Papst Pius XII. oft vorgeworfen, er habe sich zu wenig deutlich gegen den Holocaust gestellt. Im Hintergrund freilich tat er alles, um Hitler zu stürzen. Ein Buch zeigt, wie geschickt er dabei vorging.
Rolf App
Ein Schreiben auf dem Briefpapier des Papstes stürzt seinen Geheimagenten Josef Müller beinahe ins Verderben.

Ein Schreiben auf dem Briefpapier des Papstes stürzt seinen Geheimagenten Josef Müller beinahe ins Verderben.

Rolf App

Am 8. April 1945 gehen in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs zwei Vertraute Hitlers vor die Tür seines Bunkers, um ein wenig frische Luft zu schnappen und zu rauchen. Es sind Hans Rattenhuber, der Chef von Hitlers Leibwache, und Ernst Kaltenbrunner, der an der Spitze des Reichssicherheitshauptamts steht. Aus neu aufgefundenen Dokumenten gehe hervor, dass sich viele Gefährdungen von Hitlers Leben und Macht bis in den Vatikan verfolgen liessen, erzählt Kaltenbrunner. Hitler habe angeordnet, alle noch lebenden Verschwörer des ­ 20. Juli still und heimlich hinrichten zu lassen. «Streichst du mir den Josef Müller von der Liste?», bringt Rattenhuber eine dringende Bitte an. Über Müller könne man vielleicht den Papst dazu bringen, einen Separatfrieden zu erreichen. Und ausserdem sei es dieser Mann gewesen, der 1933 Heinrich Himmler habe erschiessen wollen, den mächtigen Herrn über Polizei, SS und Konzentrationslager. Rattenhuber weiss: Kaltenbrunner hasst Himmler aus tiefstem Herzen.

Öffentlich schweigt Pius XII., aber im Stillen tut sich viel

Der Mann, von dem hier die Rede ist, kommt tatsächlich mit dem Leben davon. «Ochsensepp», wie man Josef Müller in seiner bayerischen Heimat nennt, wird später zum Mitbegründer der ­ CSU – und zum wichtigsten Zeugen für jene geheimen Vorgänge, die tatsächlich in den Vatikan führen, und zwar ganz nach oben: zu Papst Pius XII. Der ist von der Nachwelt oft und heftig kritisiert worden, weil er sich so selten öffentlich gegen die Nazis gestellt hat. Dass Hitler ihn und die katholische Kirche insgesamt für einen Hort des Widerstands hielt, hat aber seinen Grund. Der – unter anderem an der Päpstlichen Universität Gregoriana lehrende – Autor Mark Riebling zeigt es in einem genau recherchierten und spannend geschriebenen Buch. Für «Die Spione des Papstes» taucht er tief ein in die Archive, schöpft aus Erinnerungen – und aus jenen Dokumenten der Verschwörer, die in der Schlussphase des Krieges zur lebensgefährlichen Bedrohung auch für Josef Müller werden. Der hat denn auch frühzeitig verlangt, dass alles Schriftliche vernichtet wird. Vergeblich, denn für den Fall ihres Scheiterns wollen die Verschwörer einen ­Beweis dafür hinterlassen, dass es auch anständige Deutsche gegeben habe.

Die Wahl von Kardinal Eugenio Pacelli zum Papst ist am 2. März 1939 schon ein politischer Akt. Als Nuntius in München und später in Berlin kennt Pius XII. Deutschland gut. Er hat deutsche Vertraute in seiner allernächsten Umgebung. Und er ist schon früh zum vehementen Gegner des Nationalsozialismus geworden. Am 20. Oktober 1939 setzt er die Unterschrift unter die Enzyklika «Summi pontificatus», die sehr deutlich die deutschen Gräuel in Polen brandmarkt. «Es war», schreibt Riebling, «der erste Tag, für den sich seine historische Entscheidung belegen lässt, die Ermordung Adolf Hitlers zu unterstützen.»

Zu seinem wichtigsten Mitarbeiter wird der Münchner Anwalt Josef Müller, den 1979 ein Nachruf als einen «2-farbigen, listenreichen, jovialen und trinkfesten Mann» beschreibt. Früh ist seine Kanzlei für die Opfer der Nazis da, und als 1933 Hitler in Gestalt Heinrich Himmlers auch nach der Macht in ­Bayern greift, rät Müller dem Ministerpräsidenten, den in dessen Vorzimmer wartenden Himmler erschiessen zu lassen. Müller gesteht das auch im Jahr darauf in einem Verhör ganz freimütig. Seine Offenheit verblüfft Himmler derart, dass er ihn laufen lässt. Aber er hat Müller immer im Verdacht, ein doppeltes Spiel zu treiben.

Josef Müller trinkt gern Bier – zu seinem Glück

Der Verdacht ist richtig. Da Josef Müller gern und oft mit seinem guten Bekannten Hans Rattenhuber ein Bier trinkt, erfährt er auch einiges darüber, was die Nazis gegen die Kirche planen. Das meldet er weiter und wird so Teil eines geheimen Nachrichtensystems, das Pius XII. aufbaut. Er nutzt Müllers Berichte, um Protestnoten an Berlin zu richten. Der wird eines Tages vom Abwehroberst Hans Oster vorgeladen. «Wir wissen sehr viel mehr über Sie, als Sie über uns wissen», sagt Oster zunächst drohend. Um ihm dann klarzumachen, dass er zu einem Kreis von Verschwörern um Admiral Canaris gehört, der ein Attentat auf Hitler plant. Und der nun nach einem Draht in den Vatikan sucht. Der Papst soll für sie in geheimem Kontakt zu den Alliierten erkunden, unter welchen Bedingungen sie zu einem Frieden bereit sind. Pius weiss: Einige deutsche Bischöfe sehen in Hitler noch immer den ­Verteidiger christlicher Werte. Er weiss auch: Es gibt im Vatikan eine Menge deutscher Spione. So geht er vorsichtig vor. Die deutschen Verschwörer bitten ihn, öffentliche Proteste zu unterlassen, um ihre Kontakte nicht zu gefährden, und schicken Josef Müller, als Agent der Abwehr getarnt, immer häufiger nach Rom zu Gesprächen.

Doch was sie planen, das will und will nicht gelingen. Zuerst zögern die Verschwörer selbst, dann lassen Hitlers Siege in der Anfangsphase des Krieges ihr Unterfangen als aussichtslos erscheinen. Schliesslich hat Hitler selbst auch immer wieder ein unwahrscheinliches Glück. Weil er Versammlungen oft unerwartet früh verlässt, entgeht er manch einem Attentat. Auch den Anschlag vom 20. Juli 1944 hätte er nicht überlebt, hätte er nicht kurzfristig eine Besprechung mit dem Grafen Stauffenberg verlegt.

Dem Papst ist Hitler schon länger auf der Spur – und Josef Müller auch. Im September 1944 wird er verhaftet. Ein bei den Verschwörern gefundener Brief auf päpstlichem Briefpapier scheint sein Schicksal zu besiegeln. Doch der Mann, der ihn vernimmt, lässt das Beweisstück absichtlich liegen und sagt, er komme in zehn Minuten wieder. Müller zerreist das Papier in viele kleine Stücke und würgt es herunter. Es ist der erste Akt in seiner wundersamen Rettung. Den zweiten Akt aber verdankt der «Ochsensepp» Hans Rattenhuber, seiner Trinkfreundschaft aus den Münchner Zeiten.

Mark Riebling: Die Spione des Papstes – Der Vatikan im Kampf gegen Hitler. Piper 2017, 493 S., Fr. 38.90.

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