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SPRACHE: Der Ort im Wort

Wiener essen keine Wienerli, Römer trinken nicht aus Römern, und der Pariser wurde nicht von einem Pariser erfunden. Manche Begriffe haben ein kompliziertes Verhältnis zu ihrem «Herkunftsort».
Annette Wirthlin
Gleiche Namen, völlig verschieden: zweimal Pariser (oben), zweimal Engländer (unten). (Bilder Getty)

Gleiche Namen, völlig verschieden: zweimal Pariser (oben), zweimal Engländer (unten). (Bilder Getty)

Wo wurde die Finnenbahn erfunden? Genau. In Finnland. Woher stammt die Perserkatze? Logisch, aus Persien. Wo tragen auch Geschäftsmänner Bermudas? Auf den Bermuda-Inseln, wo denn sonst? Steckt ein Land, eine Stadt oder eine Nationalität in einem Wort drin, liegt die Vermutung nahe, dass das nicht von ungefähr kommt. Denn es heisst ja: Nomen est omen.

So ist es auch beim Berliner. Besagt jedenfalls die Legende. Die Hefeteigknollen sollen 1756 von einem Berliner Zuckerbäcker erfunden worden sein, der als Kanonier unter Friedrich dem Grossen dienen wollte. Obwohl er untauglich war, durfte er als Feldbäcker beim Regiment bleiben. Aus Dankbarkeit schuf er den Pfannkuchen in Kanonenkugel-Form.

Mit Sicherheit nach seinem Ursprungsort benannt ist auch das Schwyzerörgeli. Ob der Name allerdings auf den Kanton Schwyz oder aber auf die mundartliche Form von «Schweiz» zurückgeht, ist nicht belegt. Wir vermuten mal Ersteres, da der erste Schwyzerörgelibauer, Robert Iten (1859–1918), aus Pfäffikon im Kanton Schwyz stammte.

Ein Werkzeug für alle Fälle

Der stufenlos verstellbare Schraubenschlüssel, der im Volksmund Engländer genannt wird, heisst so, weil in Werkstätten in Kontinentaleuropa für die weniger verbreiteten zölligen (englischen) Schrauben und Muttern aus Kostengründen auf dieses Werkzeug zurückgegriffen wurde, wenn nur metrische Maul- oder Ringschlüssel zur Verfügung standen. Zudem sollen die ersten verstellbaren Schlüssel dieser Art wohl tatsächlich in England entwickelt worden sein. Wieso aber der Schraubenschlüssel mit beidseitig vorhandenem Maul Franzose genannt wird, darüber kann nur spekuliert werden.

Manchmal liegen die Bedeutungen der ursprünglichen Ortsbezeichnung und des damit benamsten Gegenstandes eben weit auseinander, und die Verbindung ist nicht mehr unbedingt nachvollziehbar. «Begriffe können sich über die Jahrhunderte verselbstständigen», weiss Christoph Landolt vom schweizerdeutschen Wörterbuch «Idiotikon». So werde sich ein Bewohner des Kantons Appenzell vermutlich zu Recht fragen, weshalb im Nachbarkanton St. Gallen ein Fehlschuss auf der Kegelbahn als Appenzeller bezeichnet wird. Das «Idiotikon» weiss es auch nicht, aber wir vermuten mal, dass es nicht auf besonders gute nachbarschaftliche Beziehungen schliessen lässt. Ähnlicher Spott unter Nachbarn kommt zum Ausdruck, wenn in der Innerschweiz unüberlegtes Handeln mit folgender Bemerkung quittiert wird: «Jetzt hör mal auf zu gersauern!»

Schokoraspeln wie ein Wald

Und wenn die Geschichte hinter einer Wortschöpfung vergessen gegangen ist, beginnen die Menschen halt Theorien darüber anzustellen. Wie etwa bei der Schwarzwäldertorte. Dass sie eine Spezialität aus dem Schwarzwald ist, scheint naheliegend – ist aber umstritten und vermutlich falsch. Eine Theorie beruft sich auf den Schokoladeraspelbelag, der entfernt an einen «dunklen Wald» erinnert. Eine andere vermutet, dass sich der Name der Torte an eine Frauentracht aus dem Schwarzwald anlehnt, welche farblich an die Schokoraspeln, den Schlagrahm und die Kirschen erinnert. Laut Christoph Landolt besteht in der grossen Mehrheit der Fälle ein ursprünglicher Bezug zwischen Appellativ (Gattungswort) und Orts- beziehungsweise Ländername. «Namensgebungen sind selten blosse Willkür.»

Wer den Florentiner in Florenz beheimatet sieht, täuscht sich. Die bei uns beliebten Guetzli sind in Italien unbekannt. Ebenso wenig stammen die typischen Schweizer Weihnachtsguetzli Mailänderli aus Mailand. Trotzdem: «Nur weil das identische Gebäck im andern Land nicht existiert, darf man nicht daraus schliessen, dass überhaupt kein Zusammenhang besteht», so Landolt. «Rezepte wurden vielfach verändert, sodass sich die Bezüge stark gelockert haben. Der Florentiner heisst womöglich so, weil kandierte Früchte einfach typisch sind für italienische Backwaren.» Italienische Städtenamen sind überhaupt auffallend oft «Inspirationsquelle», wenn es um Kulinarisches geht. Aber versuchen Sie mal, Spaghetti bolognese in Bologna zu bestellen! Unmöglich! Dies hat jedenfalls die Buchautorin Felicia Englmann festgestellt: «Wo ich auch auf die ausgehängte Speisekarte blicke – es gibt sie nicht.» Wer die heiss geliebte Hackfleischsauce sucht, sollte in Bologna nach «Spaghetti al ragù» Ausschau halten.

Anstossen auf die Ewige Stadt

In ihrem Buch «Sorry, das haben wir nicht» (Süddeutsche Zeitung Edition, 2011) hat die Münchnerin gleich einer Reihe von Dingen nachgespürt, die es an den Orten, nach denen sie vermeintlich benannt sind, nicht gibt. Etwa den Jerusalemkerzen, dem Toast Hawaii (alles ausführlich dort nachzulesen) oder – um noch etwas in Italien zu bleiben – den Römern. Wieso bezeichnet man das traditionelle Trinkgefäss für Wein mit dem grünen, geriffelten Stiel eigentlich so? Der Name leitet sich, wie Englmann erklärt, vom niederländischen Verb roemen ab. Und das kam von der Sitte des «Rühmens»: Diese Trinkgläser, die im 16. Jahrhundert noch «Berkenmayer» hiessen, eigneten sich besonders gut, wenn man einen Trinkspruch auf jemanden ausbringen wollte. Sprachwissenschaftler Landolt und seine Herkunftswörterbücher bezweifeln dies allerdings und vermuten doch eine Verbindung mit der Ewigen Stadt. Der Name sei wahrscheinlich von dem Material entlehnt, aus welchem man die Gläser fertigte, nämlich «Bruchstücke altrömischen Glases, wie man sie in Deutschland zur Schmelze benutzte».

Wie dem auch sei: So wie einem in Rom niemand mit einem Römer zuprostet, wird einen in Wien niemand auf ein Wienerli einladen. Das klassische Würstchen, das wir in unsere Hot Dogs stecken, wurde zwar in Wien erfunden, dies jedoch von einem ausgewanderten Deutschen. Der besagte Metzger brachte Anfang 19. Jahrhundert aus seiner Heimat das Rezept für die seit dem Mittelalter bekannten Frankfurter Würstchen mit, bot diese aber in Wien in einer aufgepeppten Rezeptur inklusive Rindfleisch an. Zu jener Zeit war es in Frankfurt noch verboten, Schweine- und Rindfleisch in einem Darm zu mixen – in Wien nicht. Das neu erfundene Würstchen reiste an die Weltausstellungen in Paris und Chicago, und schon bald wurde das «Würstel» rund um den Globus kopiert. In Wien und anderswo wird es bis heute beharrlich als Frankfurter bezeichnet, was uns eigentlich Wurst sein kann.

Apropos: Ob hierzulande jeder weiss, was ein Berner Würstchen ist? Es ist die Bezeichnung für ein aufgeschnittenes, mit Käse gefülltes und mit Speck umwickeltes Wienerli (übrigens bei Migros und Coop erhältlich). Mit der Stadt Bern hat das alles wenig zu tun, sondern mit dem Namen des Würstel-Erfinders, Erich Berner. Dieser war Koch und stammte aus Österreich, genauer aus Zell am See. Dort, in seinem Tiroler Weinstüberl, pflegte in den 1950er-Jahren der grösste Männerchor des Bundeslandes Salzburg jeweils nach der Probe einzukehren und die eigens zu diesem Anlass entwickelten Würstchen als schnell zubereitete Jause zu geniessen.

Tibetanische Verjüngungskur

Aber wenden wir uns Gesünderem zu. Der Begriff Fünf Tibeter steht bekanntlich für eine Abfolge von fünf Übungen, die nach Ansicht ihrer Anhänger die Chakra-Energien harmonisieren. Angeblich werden sie seit Jahrhunderten von Mönchen in Tibet praktiziert. So wird es jedenfalls in einem Buch beschrieben, das 1939 erschienen sein soll und dem Weltenbummler Peter Kelder zugeschrieben wird. Darin wird von einem Colonel erzählt, der aufbricht, um die ewige Jugend zu finden und nach einigen Jahren stark verjüngt aus einem Himalaja-Kloster zurückkommt, wo er in den «Fünf Tibetern» unterwiesen wurde. Dumm nur: Von diesen hat im wahren Tibet nie jemand etwas gehört.

Denkwürdige «Übungen» absolvieren auch die Russen. Oder vielleicht doch nicht? Das Glücksspiel mit dem harmlosen Namen russisches Roulette wurde erstmals 1937 in einer Kurzgeschichte von Georges Surdez (geboren in Biel) erwähnt. Darin wird das potenziell tödliche Revolverspiel den Soldaten der russischen Armee im Ersten Weltkrieg zugeschrieben. Dass Armeeangehörige im Zarenreich tatsächlich russisches Roulette gespielt haben sollen, dafür gibt es jedoch keine Beweise. Später spielte russisches Roulette auch in anderen fiktionalen Werken eine Rolle, und es kam auch im realen Leben – längst nicht nur in Russland – immer wieder zu vereinzelten Todesfällen.

Und was hat eigentlich der negativ konnotierte Familientürk mit dem Land am Bosporus zu tun? Nicht viel, ausser dass es sicher auch dort unliebsame Familienausflüge gibt, an denen es gilt, seinen Verwandten ein bisschen «was vorzumachen». Genau mit dieser Bedeutung ist das Verb türken aus der deutschen Soldatensprache überliefert: vortäuschen, fälschen. Unter dem preussischen König Friedrich Wilhelm IV. liessen Kommandeure bei Truppenbesichtigungen gerne eindrucksvolle Gefechtsübungen abhalten, deren Ablauf zuvor einstudiert wurde, um vor den Besichtigenden gut dazustehen. Von den Offizieren wurden die zum Freilichtspiel mutierten Übungsabläufe laut Wikipedia bald «Türkenmanöver» genannt, weil ein gewisser Major mit seinem Bataillon in einem Berliner Ortsteil oft eine türkische Grabstätte in den Übungslauf einzubeziehen pflegte.

Nur eine Verballhornung?

Zu guter Letzt haben wir uns gefragt, woher der Pariser seinen Namen hat. Einige Quellen behaupten, dass es schlicht eine Verballhornung der Kurzform Präser für «Präservativ» sei. Andere berufen sich schlicht auf Frankreichs Hauptstadt als «Stadt der Liebe schlechthin». Tatsache ist: Erfunden hat das erste Gummi-Kondom (Latex kam erst später) nicht etwa ein Pariser, sondern der Amerikaner Charles Goodyear, und zwar im Jahr 1855. Des Weiteren lässt sich belegen, dass Ende des 19. Jahrhunderts die Firma Maison A. Claverie, Paris, aufgerollte und mehrfach verwendbare Kondome unter dem Artikelnamen «Le Parisien» verkaufte. Haben wir den Namen also bloss übersetzt?

In der französischen Stadt Condom (die sonst eigentlich nichts mit den Kondomen zu tun hat) gibt es übrigens ein Verhütungsmuseum. Dies, so ist auf Wikipedia zu lesen, sei wohl den Touristen zu verdanken, die sich immer wieder über den Namen der Stadt lustig gemacht hatten.

Annette Wirthlin

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