SPRECHER: Der unsichtbare Fernseh-Star

Alle kennen seine Stimme, kaum jemand aber sein Gesicht: Seit 40 Jahren ist Peter Kner der Sprecher der Sendung «Kassensturz». Seine Stimme ist Synonym für Em­pörung – dabei ist er ein fried­liebender Zeitgenosse.

Interview Robert Bossart
Drucken
Teilen
Jeden Dienstag vor der Sendung liest Peter Kner die Texte der «Kassensturz»-Beiträge. Seine charakteristische Stimme dürfte vielen Menschen bekannt sein. (Bild SRF)

Jeden Dienstag vor der Sendung liest Peter Kner die Texte der «Kassensturz»-Beiträge. Seine charakteristische Stimme dürfte vielen Menschen bekannt sein. (Bild SRF)

Vor zehn Jahren fielen Sie wegen einer Operation einen Monat als «Kassensturz»-Stimme aus. Es gab viele Reaktionen mit dem Tenor: Holt die «Kassensturz»-Stimme zurück! Macht Ihnen das manchmal Angst?

Peter Kner: Mir macht es keine Angst, solange ich meine Arbeit gut machen kann. Aber natürlich sucht das Fernsehen bereits nach einem Nachfolger.

Fürchten Sie um Ihre Stelle?

Kner: Nein, nein, ich hoffe einfach, dass sie jemand Geeigneten finden.

«Wenn ich merke, dass meine Stimme zittrig wird oder nicht mehr gut klingt, höre ich auf», sagten Sie mit 70. Heute sind Sie 74 und klingen immer noch gut ...

Kner: Da haben Sie Recht, wenn man Aufnahmen hört, die vor 30 Jahren gemacht worden sind, tönen diese fast gleich wie meine aktuelle Stimme. Wir haben für die Jubiläumssendung letzten Dienstag alte Aufnahmen ausgegraben – die Differenzen, die man hört, haben technische Gründe, keine stimmlichen. Eigentlich ist das fast schon merkwürdig.

Tatsächlich. Machen Sie täglich Stimmübungen?

Kner: Heute nicht mehr, aber als junger Schauspieler habe ich die ersten Jahre regelmässig Stimmübungen gemacht, so konnte ich meine Stimme offenbar bis heute erhalten. Es ist eine Atemfrage: Wenn man richtig atmet, entlastet das die Stimmbänder entscheidend.

Sie sind seit sage und schreibe 40 Jahren die Stimme der Sendung, seit es den «Kassensturz» gibt. Ist Ihnen nie langweilig geworden dabei?

Kner: Wenn ich all die Jahre nichts anderes als «Kassensturz» gemacht hätte, wäre ich erstens verarmt (lacht), und zweitens wäre ich mit Sicherheit auch für die Zuschauer langweilig geworden.

Wie meinen Sie das?

Kner: Weil ich mich nicht verändert hätte und ich alles immer auf die gleiche Art sprechen würde. Da ich aber zur selben Zeit an verschiedensten Orten Theater gespielt und viele spannende Rollen interpretiert habe und Hörspiele am Radio und andere Dinge gemacht habe, konnte ich mich weiterentwickeln und war beruflich ständig in Bewegung. Diese Einflüsse und Entwicklungen haben sich auch auf meine Arbeit beim «Kassensturz» niedergeschlagen. So konnte ich für mich die Sprechrolle immer wieder neu erfinden.

Wie fühlt sich das an, wenn man eigentlich berühmt ist, aber trotzdem von niemandem erkannt wird?

Kner: Das macht mir nichts, denn die Arbeit des Journalisten, der den Bericht recherchiert und verfasst hat, macht den wesentlich grösseren Anteil der Arbeit aus. Ich bin sozusagen nur das letzte Pünktchen auf dem i. Und ich hoffe, dass es ein gutes Pünktchen ist (lacht).

So bescheiden? Als Schauspieler muss man doch eine gewisse Portion Eitelkeit haben.

Kner: Natürlich, ich würde lügen, wenn das nicht so wäre, aber Befriedigung finde ich beim Theaterspielen, bei Hörspielen – und natürlich auch beim «Kassensturz».

Sie sprechen die Beiträge jeweils kurz vor der Sendung ein. Verplappern Sie sich nie?

Kner: Doch, natürlich, aber dann kann man es erneut aufnehmen. Knifflig wird es dann, wenn die Redaktion noch zusätzliche Sätze beifügt und ich den längeren Text in gleicher Zeit sprechen muss, dann pressiert es jeweils.

Wird Ihre Stimme auf der Strasse nie erkannt?

Kner: Nein, denn da spreche ich Schweizerdeutsch, das klingt anders.

Ihre Stimme tönt perfekt für eine kritische Sendung: Schon nach den ersten Worten spürt man, dass etwas nicht stimmt, auch wenn vom Inhalt her noch gar nichts Derartiges gesagt wurde. Ist das Schauspielkunst?

Kner: Wahrscheinlich schon (schmunzelt). Es ist so: Da ich den Text kenne und damit auch den Ausgang der Geschichte, kann ich schon zu Anfang den passenden Tonfall einbringen. Wenn ich etwa lese: Wir waschen die Wäsche besonders weiss mit «Sowieso» – je nachdem, wie ich das spreche, verrät mein Tonfall bereits etwas darüber, ob das, was der Hersteller verspricht, auch tatsächlich stimmt oder eben nicht. Wenn etwas tatsächlich nicht stimmt, dann soll es der Zuschauer an meiner Stimme merken.

Ihre Stimme ist synonym für Empörung: Wenn man Sie hört, weiss man, dass da etwas Unrechtes geschehen ist. Alles nur Schauspielerei, oder sind Sie ein Mensch, der sich über Ungerechtigkeiten ärgert?

Kner: Die Art der Gestaltung hat mit meinem Beruf als Schauspieler zu tun. Aber warum ich mich in vielen Beiträgen engagiere mit meiner Stimme, das hat schon mit einer persönlichen Betroffenheit zu tun. Wir haben versteckte Aufnahmen von Tierzuchtanstalten in Deutschland gemacht und gezeigt, wie die armen Viecher da behandelt werden, Kamerateams gingen nach Bangladesch, um die dort gängige Kinderarbeit zu dokumentieren – solche Sachen anzuklagen, auch mit Hilfe meiner Stimme, das ist mir wichtig.

Wofür würden Sie Ihre Stimme nicht hergeben?

Kner: Da gibt es im Prinzip nichts. Ich bin als Sprecher angestellt und kann auch mal anderer Meinung sein und es dennoch professionell lesen. Sicher würde ich keine Propaganda für nationalsozialistische Tendenzen machen – aber ich würde einen SS-Offizier in einem Hörspiel durchaus sprechen und auch versuchen, diesen so klar und scharf wie möglich darzustellen.

Welches ist Ihre Lieblingsrolle als Schauspieler?

Kner: Grundsätzlich würde ich mich als Charakterschauspieler bezeichnen. Zwei, drei Mal in meiner Laufbahn habe ich auch einen Liebhaber gespielt. Das war immer ein Reinfall.

So? Warum?

Kner: Vielleicht war ich zu lieb? Ich weiss es nicht, aber Rollen wie «Der Geizige» oder «Der eingebildete Kranke» liegen mir besser.

Dafür können Sie es im realen Leben gut mit der Liebe. Sie sind glücklich liiert mit Ihrer grossen Jugendliebe. Das hört man selten.

Kner: Das ist so, ja. Nachdem meine erste Frau nach langer Krankheit gestorben war, musste ich ein neues Leben anfangen. Ich habe meine Frau viele Jahre gepflegt und dadurch viele Kontakte verloren. Auch Theaterspielen war in dieser Zeit nicht mehr möglich. Mit 52 stand ich dann vor der Frage, was ich nun mit meinem Leben anfangen will. Dann habe ich begonnen, einige alte Freundschaften wiederzubeleben. So habe ich meine Jugendliebe Barbara wiedergesehen.

Barbara Lehner: Letztlich war es meine Mutter, die uns wieder zusammengebracht hat. Damals, als ich 18 war, hat er mich immer fürsorglich nach Hause gebracht, das hat sie so beeindruckt, dass sie Feuer und Flamme war, als er sich nach so vielen Jahren wieder gemeldet hat. Er müsse mich sofort in Wien anrufen, hat sie gesagt (lacht). Das hat er dann gemacht, nun sind wir seit über 20 Jahren ein Paar.

Kner: Ein äusserst glückliches!

Zurück zum «Kassensturz»: Was war die grösste Enthüllung, an die Sie sich erinnern können?

Kner: Es war ein Fall mit einem schwer behinderten Kind, das aus irgendeinem nicht nachvollziehbaren Grund kein IV-Geld mehr erhalten sollte, wenn es zu Hause bei der Mutter bleibt. Man hätte es in ein Heim abschieben müssen, aber die Mutter wollte es selber pflegen. Als ich über diesen Fall berichten musste, war ich so berührt, dass ich eine völlig andere Stimme hatte als sonst.

Die Sendung ist auch heute noch sehr beliebt, gleichzeitig steht sie immer wieder in der Kritik, sie rufe gezielt Empörung hervor. Dazu trägt auch Ihre Stimme bei ...

Kner: Manchmal muss man etwas zuspitzen, damit eine Diskussion ausgelöst wird. Die, die uns angreifen, sind meist die Kritisierten, welche die Lebensmittel oder was auch immer herstellen.

Sie hatten in all den Jahren nie einen Stellvertreter – sind Sie einfach unersetzlich?

Kner: Nein, natürlich nicht. Vielleicht habe ich mich so lange gehalten, weil ich so wandlungsfähig bin.

Bloss, ein ganz akzentfreies Schweizerdeutsch haben Sie nicht gelernt in all den Jahren in der Schweiz ...

Kner: Da haben Sie Recht, als Norddeutscher ist das halt nicht so einfach. Aber soo schlecht ist mein Schweizerdeutsch nun auch wieder nicht.

Es ist fast perfekt. Heute leben viele Deutsche in der Schweiz, Sie sind bereits seit den Sechzigerjahren hier. Manche Deutsche beklagen sich, sie würden nicht so gut aufgenommen hier. Wie sehen Sie das?

Kner: In Bern, wo ich 1961 hinkam, wurde ich sehr gut aufgenommen, und heute bin ich sehr gut assimiliert, was nach all den Jahren ja auch kein Wunder ist. Zürich ist eher eine kühle Stadt, da ist es etwas schwieriger, Freundschaften zu schliessen.

Und Luzern?

Kner: Wer Luzern nicht kennt, hat etwas verpasst, es ist eine wirklich wunderschöne Stadt. Traumhaft. Leider habe ich da nie Theater gespielt, aber ich glaube, die Menschen sind sehr offen und freundlich.

Wie sind Sie zur Schauspielerei gekommen? Waren Sie als Schüler immer der Klassensprecher?

Kner: Nein, ich bin vorbelastet: Mein Vater war Schauspieler. Solange er lebte, wagte ich es aber nicht, diesen Beruf zu erlernen, darum machte ich zuerst eine Lehre.

Hatten Sie Angst vor Ihrem Vater?

Kner: Nein, aber er war erstens ein sehr guter Schauspieler – davor hatte ich grossen Respekt –, und zweitens hätte er mir sicher abgeraten, auf diesen Beruf zu setzen, weil die Entbehrungen zu gross sind.

Nun sind Sie doch in seine Fussstapfen getreten und haben auch die Nachteile dieses Berufes in Kauf genommen. Haben Sie darum keine Kinder?

Kner: Zuerst muss ich sagen, dass ich es keinen Moment bereut habe, es ist ein wunderbarer Beruf. Und ja: Ich wollte keinem Kind das zumuten, was ich erlebt habe. Ich bin während des Krieges aufgewachsen. Nach dem Krieg haben wir das bisschen Heimatgefühl und Nestwärme, als wir bei unserem Grossvater in Thüringen lebten, aufgegeben und sind nach Hamburg gezogen wegen eines Engagements meines Vaters. Wir kamen in die zerbombte Stadt und fanden keine Unterkunft. Bis 1957 wohnten wir mit drei weiteren Familien in einer Wohnung. Und in der Schule kam ich mit meinem sächsischen Dialekt schlecht an – ich habe den Hamburger Dialekt sehr schnell gelernt (lacht). Diese Entwurzelung hat mich geprägt, das wollte ich keinem Kind antun.

Heute sind Sie in einem Alter, in dem andere längst im Ruhestand sind. Wie sieht Ihr Alltag aus?

Kner: Neben dem «Kassensturz» lese ich im Blindenverein und mache auch noch Hörspiele, Dok-Filme und Lesungen. Aber ich habe schon zurückgesteckt.

Und Ihre Freizeit?

Kner: Meine Frau und ich unternehmen sehr viel, zudem hat sie immer noch einen Wohnsitz in Wien. Einmal monatlich besuche ich sie da, aber immer zwischen zwei «Kassensturz»-Sendungen! Wir walken und gehen ins Fitnessstudio, das tut uns gut. Wir lesen beide viel, und ab und zu schauen wir auch Fernsehen. Ich schwimme auch gerne, aber nie im Hallenbad. Im Sommer in der Limmat und der Reuss. Früher habe ich bei 12 Grad angefangen, heute eher ab 14 Grad.

Das tönt hart.

Kner: Das bin ich noch gewohnt aus der Zeit, als wir als Kinder in der Nordsee badeten.

Video: So tönt die Stimme von Peter Kner: www.luzernerzeitung.ch/bonus