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STÄDTEBAU: Von der Plan- zur Geisterstadt

Planstädte haben derzeit wieder Konjunktur. Doch die Geschichte lehrt, dass aus Idealstädten schnell Geisterstädte werden können. So wie zur Zeit Städte in China oder einst «Fordlândia» in Brasilien.
Adrian Lobe
Die chinesische Planstadt Ordos. Von den Menschen verlassene Geisterstadt. (Bild: Keystone)

Die chinesische Planstadt Ordos. Von den Menschen verlassene Geisterstadt. (Bild: Keystone)

Adrian Lobe

Städte stehen hoch im Kurs bei Technologieunternehmen. Nachdem Google den Bau einer intelligenten Stadt in Toronto ankündigte, wurde nun bekannt, dass auch Bill Gates Interesse an einer Planstadt hat. Der Microsoft-Gründer hat laut Medienberichten über eine seiner Investmentfirmen für 80 Millionen Dollar einen Landstrich in Arizona erworben, wo er eine Planstadt für 100000 Einwohner aus dem Boden stampfen will.

Im Wüstensand von Saudi-Arabien soll in den nächsten Jahren unter der technischen Leitung des ehemaligen Siemens-Chefs Klaus Kleinfeld eine 500 Milliarden Dollar teure Mega-City (Neom) entstehen, in der Passagierdrohnen verkehren und Häuser aus dem 3D-Drucker konstruiert werden. Es gibt in der jüngeren Vergangenheit einige gelungene Beispiele von Planstädten, etwa die von Le Corbusier entworfene Metropole Chandigarh in Indien mit ihrem gitterartigen Strassennetz, die von Architekt Lúcio Costa geplante brasilianische Hauptstadt Brasília mit ihrem Flugzeuggrundriss oder die australische Hauptstadt Canberra. Auch Bagdad wurde im achten Jahrhundert nach Christus von den Abbasiden auf dem Reissbrett geplant.

Der Charme von Planstädten besteht darin, dass man bestimmte Gesellschaftsmodelle erproben und Planungsfehler vermeiden kann. Man kann eine Stadt von Grund auf neu entwerfen: autofrei, klimaneutral, autark. Doch die Gefahr dieses Modells liegt darin, dass an den Bedürfnissen der Menschen und des Marktes vorbeigeplant wird. In China gibt es reihenweise Geisterstädte, die unbewohnt sind. Ordos ist auf den ersten Blick eine Stadt, wie sie Investoren gern in Broschüren bewerben: Saubere Strassen, geometrisch gezirkelte Wohnblöcke, ein schmuckes Stadion. Das Problem ist nur: Es fehlen die Bewohner. Eigentlich sollte New Ordos eine blühende Wüstenmetropole werden, ein Handelsplatz wie zu Zeiten Dschingis Khans. Ordos spielte in den Planungen der Staatsführung in Peking, die Menschen durch Anreize (Arbeitsplätze, billige Wohnungen) aus den überbevölkerten Agglomerationen an der Ostküste ins Landesinnere umzusiedeln, eine zentrale Rolle. Doch zuerst sprangen die Investoren ab. Und dann blieben auch die Menschen aus. Häuser sind verlassen, Museen stehen leer, die Strassen sind wie leergefegt. Der Architekturkritiker Dan Howarth schrieb bei einem Lokalaugenschein, der Ort fühle sich wie eine «postapokalyptische Raumstation in einem Science-Fiction-Film an». «Mauern ohne Märkte» nennen chinesische Wissenschafter solche Geisterstädte.

Chinesische Kopie einer Alpenstadt

Ordos ist nicht das einzige Beispiel. Auch die Siedlung Hallstadt in der Stadt Luoyangzhen, ein kitschiges Alpen-Idyll mitten in ­China, eine perfekte Kopie des österreichischen Vorbilds, ist unbewohnt – eine Kulisse mit Disneyland-Charakter. Der amerikanische Fotograf Kai Caemmerer hat diese städtebaulichen Sünden in seiner Fotoreihe «Unborn Cities» dokumentiert. Auch Planstädten wie Songdo oder Masdar City, die als Blaupause für smarte Städte gelten, fehlen die Bewohner.

Schon viele Investoren sind mit ihren Utopien baden gegangen. 1928 liess der Autopionier Henry Ford in Amazonien die Mustersiedlung «Fordlândia» errichten – eine Company Town mitten im brasilianischen Urwald mit Kino, Pools und Golfplatz. Dächer, Feuerhydranten, sogar Türgriffe wurden aus den USA importiert. Nur Alkohol gab es nicht. Fords Idee war es, den Kautschuk für die Reifenproduktion seiner Fahrzeugmodelle selbst zu produzieren und die Abhängigkeit von englischen und niederländischen Kautschukproduzenten zu verringern.

Anfangs lebten gut 5000 Arbeiter in der Siedlung. Doch die Versorgung der Stadt bereitete aufgrund der Lage im Regenwald Schwierigkeiten. Lebensmittel wurden knapp. 1930 probten die Arbeiter den Aufstand: Sie zerstörten Maschinen und Häuser. Das brasilianische Militär musste die Revolte niederschlagen. Fords Vision endete im Fiasko. Bis heute wurde kein Gramm Kautschuk in der Siedlung produziert. Fordlândia steht heute als Mahnmal einer Geisterstadt im Urwald.

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