STEFANIE GLASER: «Ich wollte einmal Frau Pfarrer werden»

Am 22. Februar feiert Stephanie Glaser ihren 90. Geburtstag. Wir sprachen mit der Schauspielerin über ihren Alltag, ihr Lieblingsmenü, ihre späte Filmhauptrolle, ihre Pläne und über den Tod.

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Stefanie Glaser in ihrer Wohnung in Zürich. (Corinne Glanzmann/Neue LZ)

Stefanie Glaser in ihrer Wohnung in Zürich. (Corinne Glanzmann/Neue LZ)

Stephanie Glaser, was werden Sie am 22. Februar 2010 machen?
Stephanie Glaser (lacht):
Das weiss ich ganz sicher nicht. Ich unternehme nichts, ich schlafe. Ist das eigentlich ein Montag?

Richtig.
Glaser: Also, es kommt aufs Wetter drauf an. Wenn es ganz schön ist, fantasiere ich jetzt mal, gehe ich an den Waldrand und geniesse das herrliche Wetter. Und wenn das schlecht ist, bleibe ich in der warmen Stube. Oder ich gehe in die Küche und koche etwas, vielleicht ein Gulasch.

Aha, ein feines, aber zeitlich aufwändiges Menü?
Glaser: Eigentlich könnte ich es ja bereits am Sonntag, also am Tag vorher, zubereiten. Gulasch sind ja bekanntlich berühmt dafür, dass sie aufgewärmt noch besser schmecken.

Sie kochen,  waschen und putzen also noch selber?
Glaser: Ja klar! Ich arbeite sehr gerne im Haushalt. Einmal in der Woche habe ich jemanden, der mir beim gründlichen Putzen meiner Vier-Zimmerwohnung, in der ich nun seit 40 Jahren hier in Zürich-Witikon wohne, behilflich ist. Alles andere erledige ich selber. Das ist ja keine Sache, es gibt ja auch Maschinen dafür?

Wie sieht denn der ganz normale Alltag von Stephanie Glaser aus?
Glaser: Meistens stehe ich so kurz vor acht Uhr morgens auf und gehe einkaufen, auf die Post und erledige meine Besorgungen. Sehr viel und gerne bin ich einfach gemütlich zu Hause, lese, sehe fern und erledige meine administrativen Sachen. Zu Bett gehe ich jeweils so gegen Mitternacht. Sieben Stunden Schlaf genügen mir heute. Als ich jung war, schlief ich am Morgen lieber noch etwas länger. Ich stand nämlich nie gerne früh auf.

Blenden wir etwas zurück. Sind Sie heute, wie früher, immer noch eine eher schüchterne Frau?
Glaser:
Ja, das ist sehr gut beobachtet, denn eigentlich sagt man mir das selten, man merkt es auch nicht. Aber es stimmt, wenn etwas zu nahe an mich herankommt, werde ich in der Tat zum introvertierten Menschen. Wenn man zu viel wissen will von mir, schotte ich mich einfach ab.

Wie kann man sich als schüchterne Frau in der harten Welt des Schauspiels behaupten?
Glaser:
Vielleicht machst du einfach ein paar Schlangenkurven, damit du darum herum kommst. Oder du ziehst dich einfach zurück, denn alles verläuft sich mal, alles wird mal gegessen. In legendären Filmen wie Ueli der Knecht oder Ueli der Pächter war die Welt noch in Ordnung, als Sie die Trinette mimten.

War die Welt denn damals so heil wie es der Film zeigt?
Glaser:
Also wie die Welt war, als die Bücher geschrieben wurden, weiss ich nicht, denn da war ich ja noch nicht auf der Welt. Zu jener Zeit, als ich in der Nähe von Burgdorf drehte und mit dem Auto stets dahin fuhr, stand ich in Zürich mitten in der Federal-Cabaretbühne. An beiden Orten erlebte ich damals in der Tat eine Welt, die in Ordnung war. Es war eine interessante Zeit, wir alle verstanden uns sehr gut, sowohl am Set wie auch auf der Bühne.

Mit dem Auto? Sie meinen mit Ihrem Mini-Cooper?
Glaser: So ist es! Damals war es mein erster Mini. Bis heute bin ich dieser Automarke treu geblieben und fahre nach wie vor sehr gerne Auto. Nicht weit, einfach um Kommissionen zu machen hier in der Gegend. Am weitesten geht die Fahrt ab und an ins deutsche Jestetten, um Einkäufe zu tätigen. Noch dreht sich nicht jeder nach mir um, wenn ich am Steuer sitze – und solange freue ich mich an meinen kurzen Autofahrten. Sollte ich wegen meinem hohen Alter mal die Fahrerlaubnis abgeben müssen, mach mir das keine Angst. Auch wenn ich bisher ganz selten, und eigentlich ganz ungern, die Bahn oder den Bus benütze.

Welche Rolle hat die Liebe in Ihrem Leben gespielt?
Glaser (schmunzelt):
Die hat immer eine grosse Rolle gespielt, klar. Aber ich rede nicht über sie?

Hatten Sie früher nie den Wunsch nach Kindern?
Glaser:
Ja sicher, aber es hat eben keine gegeben. Ich sehe das heute ganz einfach so: Es ist sicher richtig so, wie es gekommen ist.

Welches war denn die schwierigste Zeit in Ihrem Leben?
Glaser: Das waren immer jene Zeiten, als es galt, durchzuhalten. Es hat sicher Tiefen gegeben in meinem Leben. Eine Zeit lang hattest du zu tun, dann änderte sich alles, plötzlich warst du nicht mehr gefragt. Dann musstest du schauen, was jetzt ist, warten. Aber das ging immer vorbei, auch wenn es für den Moment sicher hart war.

Wie war denn Ihr Rezept, um aus dem Tief rauszukommen?
Glaser: Für mich galt immer das Prinzip Hoffnung. Zur Ablenkung hat es mir immer geholfen, einfach etwas zu machen, etwas anzustellen. Und sei es nur, die Wohnung aufzuräumen – einfach aktiv sein, um wieder Tritt zu fassen.

Und welches war Ihre glücklichste Zeit?
Glaser:
Da gab es zum Glück viele davon. Im meinem Beruf finden die glücklichste Zeiten dann statt, wenn sich etwa erste Erfolge einstellen. Aber keine Angst: Es wurde, so habe ich es erlebt, schon dafür gesorgt, dass ich nicht zu schnell wachse. Einer meiner glücklichsten Momente war sicher vor wenigen Jahren der Erfolg in der Hauptrolle von «Die Herbstzeitlosen».

Ihre erste Film-Hauptrolle kam mit 86 Jahren sehr spät.
Glaser:
Ja, und zuerst, als wir mit der Filmemacherin Bettina Oberli zusammen kamen, war ich erst noch nicht für diese, sondern für eine Nebenrolle vorgesehnen. Dann sagte sie aber plötzlich: Nichts da, du musst die Martha spielen. Ich nickte nur und sagte: Okay, gut, wenn du meinst, mache ich das. Als der Film fertig gedreht war, hatten wir das Gefühl, es sei ein nettes und ehrliches Werk. Eher unerwartet stellte sich dann der grosse Erfolg ein. Das war natürlich herrlich, denn ich konnte mir nichts Besseres wünschen, als Alter noch einen derartigen Erfolg zu haben. Ich gebe offen zu: Ich geniesse es!

Hatten Sie denn vorher immer nur geträumt von einer Hauptrolle?
Glaser:
Ja sicher, das ist bei jedem Schauspieler so. Vor allem wenn man jung ist, kann es nicht schnell genug werden, dass man ankommt und irgendwo entdeckt wird und jemand wird im Geschäft. Bei mir schlummerte dieser Traum auch, nur so sporadisch, seit meinen Anfangszeiten.

Sind denn weitere Filme geplant?
Glaser: Geplant ist, so glaube ich, viel. Aber wir haben ja da jemanden in Bundesbern, oder auch mehrere, der hemmt, der kein Geld hat und keines geben will. Man muss immer warten und schauen, dass es Geld gibt. Was schliesslich kommt, ist ungewiss. Denkbar ist es auch, dass ich nochmals etwas mit Bettina Oberli machen darf. Sie ist ja so etwas wie eine Enkelin für mich. Wir treffen uns viel und haben viele Reisen. Von Japan über Amerika bis nach Spanien unternommen.

Weitere Werke – für weitere Preise und Ehrungen nach dem Swiss Award und dem Spezial-Leopard von Locarno 2006?
Glaser (lacht herzhaft): Nein, diese beiden Preise sind genug. Eine Uhr und ein Leopard – das reicht.

Haben Sie zu Hause einen Goldfisch namens «Traugottli»?
Glaser: Den gibt?s lange nicht mehr, sicher seit 30 Jahren nicht mehr. Früher gab es mehrere «Traugottlis», aber denen hat es offenbar bei mir einfach nicht so richtig gefallen. Im Gegensatz zu meinem Jack Russel-Hund «Ach», der aber vor etwa 10 Jahren gestorben ist.

Sind Sie stolz auf Ihr Leben? Was würden Sie anders machen?
Glaser:
Stolz auf mein Leben? Ich verstehe diese Frage nicht so richtig. Ich freue mich über mein Leben und bin dankbar, dass ich es leben durfte und bin sehr glücklich, dass es mir noch so gut geht. Anders machen? Da gibt es sicher vieles, aber man muss auch Sachen falsch machen und aus Fehlern lernen dürfen.

Ist der Tod ein Thema für Sie? Wie denken Sie darüber, haben Sie Angst vor dem Tod?
Glaser:
Angst haben vor dem Tod, das macht gar keinen Sinn, denn der Tod, der kommt so oder so. Wann, das wissen wir nicht. Ich hatte diesbezüglich immer das Gefühl der Neugierde. Was wird denn kommen? Ich wünsche mir nach dem Tod etwa das Geschenk viele Naturwunder, etwa eine wunderschöne Rotbuche, die Schatten gibt und viele Geräusche macht, wenn der Wind weht.

Sind Sie heute glücklich? Was macht Sie glücklich?
Glaser:
Ja, das bin ich. Die Sonne, wenn sie strahlt, das macht mich glücklich. Jeden Morgen, den ganzen Tag.

Und was ärgert Sie?
Glaser:
Wenn ich etwas vergesse, dann könnte ich die Wände hoch gehen.

Welche Träume haben Sie noch?
Glaser: Also nachts, da träume ich ganz selten. Sonst habe ich konkret keine Träume. Wenn mir etwas einfallen würde, dann würde ich es vermutlich einfach machen.

Wie denken Sie über die heutige Jugend?
Glaser:
Sie ist sicher nicht mehr so gehemmt, wie wir es damals waren. Die heutige Jugend ist offener, empfänglicher auch für alle möglichen Dinge.

Was sagen Sie einem jungen Menschen, der ihnen sagt, er möchte Schauspielerin oder Schauspieler werden?
Glaser:
Ich frage zurück: Bist du ganz sicher? Und: Lernst du gerne auswendig? Denn man muss wissen: Da fängt es an! Und wenn es da schon hapert, ist es besser, man hört gleich auf. Je früher, desto besser. Wenn dann die Wahl aber getroffen ist, muss man einfach fest dabei bleiben und darf sich auf keinen Fall und durch nichts entmutigen lassen.

Wollten Sie nie einen anderen Beruf ergreifen?
Glaser:
Doch, im Alter von 7 oder 8 Jahren wollte ich einmal Frau Pfarrer werden. Damit ich in der Kirche in der ersten Reihe sitzen darf, das war der Grund. Dann aber hatte ich bald und nur noch das Theater im Kopf.

Sie wohnen in Zürich. Welche Beziehung haben Sie zu Ihrem Geburtsort Neuenburg noch?
Glaser:
Zu Neuenburg habe ich keinen Bezug mehr. Denn schon als ich 2 Jahre alt war, zügelten wir nach Spiez und dann bald einmal für längere Zeit nach Bern. Aber von den Hotels, die meine Eltern geführt haben, gibt es heute keine mehr.

Und zur Zentralschweiz?
Glaser:
In erster Linie ist das natürlich eine herrlich schöne Region. Die Stadt Luzern kenne ich durch zahllose Auftritte, unter anderem natürlich in Emil Steinbergers Kleintheater. In Luzern hatte ich vor Jahrzehnten aber auch meinen allerersten Cabarett-Auftritt. Der bleibt mir deshalb so gut in Erinnerung, weil er ein Flop war– und ich heilfroh war, dass der Vorhang endlich fiel?

Interview: André Häfliger. Zürich