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STERNENKIND: Wenn ein Kind still zur Welt kommt

Jessica Kieliger hat zwei Söhne, doch eigentlich sind es drei – der kleine Gabriel starb kurz vor der Geburt. Da hatte ihn seine Mutter bereits fest in ihr Herz geschlossen. Die Geschichte einer Ankunft, die schon wieder Abschied ist.
Susanne Holz
Jessica Kieliger mag Berge. Irgendwann möchte sie die Asche ihres tot – oder behutsamer gesagt – still geborenen Sohnes auf einem Berg verstreuen und danach Blumen in seine Urne pflanzen. (Bild: Nadia Schärli (Ried/Muotathal, 23. November 2017))

Jessica Kieliger mag Berge. Irgendwann möchte sie die Asche ihres tot – oder behutsamer gesagt – still geborenen Sohnes auf einem Berg verstreuen und danach Blumen in seine Urne pflanzen. (Bild: Nadia Schärli (Ried/Muotathal, 23. November 2017))

Susanne Holz

susanne.holz@luzernerzeitung.ch

Jede Mutter weiss: Sein Kind liebt man nicht erst, wenn es auf der Welt ist. Man liebt es schon lange vorher. Man fängt an, es zu lieben, wenn der Bauch beginnt, sich zu wölben. Man verliebt sich in das erste Ultraschallbild. Man verliebt sich in die ersten Bewegungen, die das Kind im Bauch vollführt. Man überlegt sich einen Namen, der zu dem passen könnte, was man fühlt, denkt man an dieses bestimmte und einzigartige Wesen. Denn jedes ungeborene Kind ist bereits ein Individuum. Stirbt ein Kind kurz vor der Geburt, müssen Eltern von einer kleinen Persönlichkeit Abschied nehmen, zu der sie meist schon eine enge Bindung aufgebaut haben. Dieser Abschied ist schwer und notwendig – und vermutlich nie ganz vollzogen.

Jessica Kieliger (29) und ihr Mann Marcel haben im September 2016 ihr drittes Kind verloren – es starb im Bauch der Mutter nur wenige Tage vor der Geburt. Gut ein Jahr später erzählt die aufgeschlossene junge Frau vom tief traurigen Verlust. Man sitzt in ihrem Esszimmer in Ried im Muotathal (SZ), beim Gespräch immer wieder mit dabei sind die Söhne Florian (7) und Philipp (3). «Ich weiss nicht, wo ich heute wäre, wären da nicht meine anderen zwei Kinder», sagt die auf den ersten Blick sympathische Frau in Gedanken an ihren dritten Sohn, Gabriel, den sie tot auf die Welt bringen musste. Beziehungsweise still. «Das ist der schönere Ausdruck», erklärt Jessica Kieliger. «Den verwenden auch die Hebammen – weil er nicht so hart klingt.»

Jessica gegenüber hat ihre Hebamme Platz genommen, die auch vor über einem Jahr an ihrer Seite war, als sie viel Trost und Halt brauchte: Susanne Leu vom Geburtshaus Stans. In diesem Geburtshaus kam Gabriel Leandro zur Welt, am errechneten Geburtstermin, und so, wie es geplant war, wäre es eine «normale» Geburt gewesen.

Eine furchtbare Ahnung: «Etwas ist nicht mehr gut.»

Jessica Kieliger blickt zurück: «Der errechnete Geburtstermin war ein Sonntag, der 25. September 2016. Die Tage vor diesem Termin waren turbulent, es war die erste Zeit im Kindergarten unseres Sohns Florian. Ich war ständig in Bewegung und abgelenkt. Erst am Samstag kam ich zur Ruhe. Und spürte plötzlich, dass etwas nicht mehr stimmt.» Sie habe meist auf der linken Seite geschlafen, ihrer Lieblingsseite, erzählt die junge Frau. «Drehte ich mich nach rechts, hat sich das Kind im Bauch sofort bewegt, weil es diese Lage nicht gewohnt war. An diesem Samstag jedoch rührte es sich nicht mehr – auch nicht, wenn ich mich auf die rechte Seite legte.» Da hätten sie und ihr Mann die furchtbare Ahnung gehabt: «Etwas ist gar nicht gut.»

Es war für beide ein Schock. In diesem Zustand hilfloser Angst und stummer Gewissheit beschlossen die Ehe­leute, mit den zwei Söhnen Florian und ­Philipp noch wie geplant eine Modellauto-Ausstellung zu besuchen: «Wir wollten uns noch einmal vom Schrecklichen ablenken und den Kindern einen schönen Tag machen.» Nach diesem Besuch nahm die Tante die Söhne zu sich, und das Paar machte sich auf ins Spital in Schwyz. Eine Ultraschalluntersuchung bestätigte, was Jessica und Marcel instinktiv schon wussten: Gabriel war gestorben, ganz unbemerkt, irgendwann in den Tagen zuvor. Es gab keine Herztöne mehr und keine Kindsbewegungen.

Erzählt Jessica Kieliger dies gut ein Jahr später, ist sie sehr gefasst, auch wenn sie sagt: «Dieses Jahr um den Geburtstermin hat es mich noch einmal total zurückgeworfen – ich bekam auch Nierenschmerzen, das war die Psyche.» Während sie redet, merkt man: Das alles ist noch sehr präsent, der Schreck, die Geburt, der Verlust. Das kleine Wesen, das nie in diesem Raum war, ist doch da. Es wird geliebt, es ist Teil der Familie.

«Man trägt das Kind immer in seinem Herzen.»

Es still auf die Welt zu bringen, war eine starke Leistung einer sehr starken Frau, die sichtlich in sich selber ruht, trotz allem, was passiert ist. Auf eine unauffällige Schwangerschaft mit sechs unauffälligen Kontrollen war eine Geburt ­gefolgt, die Jessica auf Anraten ihrer Hebamme mit Rizinusöl in Gang brachte und die sie als unkompliziert und eigentlich «wunderschön» erlebte. Ihre Hebamme Susanne Leu sagt: «Dass Ungeborene einfach so sterben, kommt leider vor. So ist das Leben halt auch. Rund dreihundert Totgeburten nach ausgetragenen Schwangerschaften gibt es pro Jahr in der Schweiz. Ist das tote Kind geboren, ist man trotzdem verliebt in es und muss Abschied nehmen. Das ist mühsam. Weil man das Kind immer in seinem Herzen tragen wird und es tragisch ist, es loslassen zu müssen.»

So mussten die Kieligers im Herbst 2016 vom jüngsten Familienmitglied Abschied nehmen, kaum dass es auf dieser Welt angekommen war. «Es war der Weg dieses Kindes, es wollte nur neun Monate leben», sucht die Mutter nach einem Trost. Eine Obduktion des kleinen Leichnams lehnte die Familie ab – man habe einfach gewusst, dass die Mediziner nichts finden würden. Im Geburtshaus kann Jessica von Sonntag bis Dienstag Abschied nehmen von Gabriel. Zu Besuch kommen Geschwister und Grosseltern, Götti und beste Freundin. «Diese Zeit zusammen mit dem Kind ist wichtig», betont die Hebamme. Damit man eine gemeinsame Geschichte habe, werde das angezogene Baby fotografiert, man mache Fussabdrücke, lade nahstehende Menschen ins Geburtshaus ein. «Es muss einen geschützten Raum geben zum Weinen wie zum Lachen, jedes Gefühl muss Platz haben.»

«So ein Verlust ist eine emotionale Katastrophe.»

Susanne Leu weiss: «So ein Verlust ist immer eine emotionale Katastrophe und nimmt auch die Hebamme mit. Man kann sich nur ansatzweise vorstellen, was für eine Katastrophe.» Der Glaube an Gott könne helfen: «Man fühlt sich getragener.» Und helfen könne eben auch: sich Zeit zu nehmen. «Die Seele geht immer zu Fuss», sagt Leu. «Das Herz muss verstehen, dass das Kind gestorben ist. Und das geht nicht von heute auf morgen.» Susanne Leu vernetzt – wie andere Hebammen auch – die Eltern früh verstorbener Kinder. Sie verlinkt zum Verein Regenbogen Schweiz, der diesen Eltern unter anderem Selbsthilfegruppen bietet. Seit drei Jahren organisiert Leu zudem den Trauergottesdienst in Luzern mit, der jeweils am zweiten Sonntag im Dezember, dem Tag des «Worldwide Candle Lighting» (siehe Box), verstorbener Kinder gedenkt. Diese Gottesdienste gibt es von St. Gallen bis Bern, von Basel bis Schaffhausen.

Im Fotobuch ist ein fester Platz für den toten Sohn

Im Wohnzimmer der Kieligers steht eine kleine braune Urne, darin befindet sich die Asche von Gabriel. Irgendwann möchte Jessica Kieliger diese Asche auf einem Berg verstreuen und danach in der Urne Blumen pflanzen. Im Muotathal aufgewachsen, liebt die Frau aus dem Kanton Schwyz die Berge.

Auf dem Tisch wiederum liegt ein Fotobuch in der Farbe Hellblau. Darin befinden sich Bilder einer überglücklichen Schwangeren, aufgenommen von einer Freundin, die leidenschaftlich gerne fotografiert. Und Bilder des kleinen Gabriel Leandro, aufgenommen am 25. September 2016, dem Tag seiner Geburt. 50 Zentimeter war er gross, 3430 Gramm war er schwer. Das alles ist dokumentiert im Fotobuch. Das Buch gibt Gabriel einen festen Platz in der Familie. Es hält ihn fest als dritten Sohn von Jessica und Marcel und kleinen Bruder von Florian und Philipp. «Ein Kind ist immer ein Geschenk», sagt Susanne Leu. «Manche kommen nicht klar mit diesem Fotobuch», sagt Jessica Kieliger. «Weil es auf eine Art makaber ist. Zwei oder drei Personen in unserem Umfeld wollten sich das Buch nicht anschauen. Sie sagten, nicht stark genug dafür zu sein.»

Die 29-Jährige hat lange gesucht und schliesslich sehr schöne Worte gefunden, die das Fotobuch beschliessen: «Vergangenheit ist Geschichte, Zukunft ist Geheimnis, aber jeder Augenblick ist ein Geschenk.» Und: «Es geschieht, dass eine kleine Seele die Erde nur streift. Ihr Ankommen und Gehen fallen nahezu in eins. Ihr kurzes Verweilen ist nicht umsonst, denn sie verändert die Erde. Sie hinterlässt Spuren in den Herzen derer, die sie erwartet haben.»

Während ihre Söhne Florian und Philipp auch noch einmal den kleinen Bruder im Fotobuch anschauen, erzählt Jessica Kieliger, dass der grosse Verlust sie und ihren Mann noch näher zusammengebracht habe. «Unsere Beziehung ist gewachsen. Wir haben so viel zusammen durchgemacht.» Sie fügt an: «Gabriel ist nicht umsonst gekommen. Er hat uns so viel Liebe gebracht.»

«Der hellste Stern am Himmel ist Gabriel.»

Für seine grossen Brüder ist Gabriel ein Schutzengel. Ihre Mutter blickt zurück: «Wir haben zwei Wochen in den Himmel geschaut. Beim ersten Stern, der richtig stark leuchtete, haben wir gesagt: Das ist Gabriel. Er leuchtet für uns. Es gibt einen Gott, und es gibt Schutzengel, und es gibt Dinge auf dieser Welt, die wir nicht wissen.» Da horcht Sohn Florian auf und sagt: «Der hellste Stern ist Gabriel.» «Sternenkinder», so nennt man Kinder, die vor der Geburt sterben.

Jessica Kieliger steht auf, stellt das Fotobuch wieder an seinen Platz, holt ihren Söhnen Kekse und Saft. «Ich habe das Gefühl, dass Gabriel immer noch bei uns ist», sagt sie. «Wir haben uns noch nicht losgelassen. Er ist noch nicht weg.» Dies habe sie besonders stark empfunden, nachdem sie mit einem Medium ­gesprochen habe. «Es war ein gutes Gespräch. Ich war auf der Suche nach einer Botschaft von unserem toten Kind. Ich stiess damit aber auch auf viel Unverständnis in meinem Umfeld.» Doch jeder müsse selber wissen, was ihm in so einer Ausnahmesituation helfe.

Bei der jungen Mutter aus dem Muotathal ist das auch noch eine Rückbildungsgruppe in Zürich, an der nur Frauen mit dem gleichen Schicksal teilhaben. «Wir sind inzwischen zu einer Art Selbsthilfegruppe geworden», erklärt die 29-Jährige. «Jede von uns hat einen unterschiedlichen Umgang mit dem Tod ihres Babys. Die einen brauchen mehr Zeit und ziehen sich noch mehr zurück. Manche können wegen der Trauer ihrem Beruf nicht mehr nachgehen.»

Neben vielen Gesprächen mit der Hebamme und gleich betroffenen Frauen, haben Jessica Kieliger auch die Kinesiologie (wissenschaftliche Lehre von der Bewegung) und eine Chakra-Therapie (Speichern von Lebensenergie im Körper) gut getan. Direkt nach der kräftezehrenden Geburt war es eine Fussreflexzonenmassage, die Linderung verschaffen konnte. Der Schwyzerin ist das Gefühl noch gegenwärtig: «Nach der Geburt habe ich nach dem Warum gefragt. Doch ich habe gewusst und weiss es immer noch, dass sich das eines Tages von allein klären wird. Ich war am Trauern, aber ich war nicht wütend. Was bringt mir Wut? Es gibt einen Grund für Gabriels Tod, und ich komme dem näher.»

Zeit zum Weinen gehört zum Trauern dazu

Was die vom Schicksal geprüfte Mutter noch anderen Frauen, die den gleichen Verlust erfahren müssen, mitgeben möchte: «Bei aller Trauer ist es wichtig, sich selbst nicht zu vergessen und auf sich zu achten. Achtsam zu sein. Als ich nach der Geburt nach Hause kam, ohne ein gesundes Baby, nahm ich mir jeden Tag einmal Zeit, um vor Gabriels Urne zu weinen. Das hat mir sehr gut getan.»

Man dürfe auch seine Empathie anderen Menschen und Schicksalen gegenüber nicht verlieren. Jessica Kieliger hilft da natürlich, dass ihre ersten beiden Söhne sie täglich auf Trab halten. Das Leben muss weitergehen. Und irgendwann ist es auch wieder schön.

Hinweis

Der Verein Regenbogen Schweiz unterstützt Familien, die um ein verstorbenes Kind trauern. www.verein-regenbogen.ch

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