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STIMME: «Ich war immer Grenzgänger»

Popradio-Pionier François Mürner (64) geht in Pension: Ein ziemlich selbst- bewusster FM über verrückte DRS-3-Zeiten, das Verlassen ausgetretener Pfade und seine Pläne für den Unruhestand.
Interview Urs Hangartner
Radiolegende François Mürner im SRF-Studio Basel: «Ich sah mich nie als Berufsjugendlichen. Wenn ich ­Morgensendungen machte und um 3 Uhr aufstehen musste, fühlte ich mich im Gegenteil manchmal steinalt ...» (Bild Nadia Schärli)

Radiolegende François Mürner im SRF-Studio Basel: «Ich sah mich nie als Berufsjugendlichen. Wenn ich ­Morgensendungen machte und um 3 Uhr aufstehen musste, fühlte ich mich im Gegenteil manchmal steinalt ...» (Bild Nadia Schärli)

François Mürner, nach mehr als vier Jahrzehnten Radio: Kommt da Wehmut auf?

François Mürner: Nein, keine Wehmut. Ich habe das Glück, dass ich mit einem grossen Smile gehen kann: In meinen letzten Jahren bei Radio SRF habe ich Topmoderatoren ausbilden und neue «Layouts» (Gesamtverpackungen von Sendern) erarbeiten können. Radio Virus hat über 100 000 Zuhörer pro Tag, SRF 3 ging es noch nie so gut wie jetzt, SRF 1 hat in den letzten zwei Jahren grosse Schritte gemacht. Musikwelle ist sowieso eine Erfolgsgeschichte.

Was haben Sie den Moderatoren auf den Weg gegeben?

Mürner: Ich habe ihnen bei SRF 1 gesagt: Alles, was bei DRS 1 vorher verboten war, das müsst ihr machen. Für die neuen Moderationsstandards galt: Ich mache euch ganz viele Türen auf, die vorher geschlossen waren. Ihr müsst mir nur etwas versprechen: Geht nicht immer durch dieselbe Tür. Ich will Varianz, Abwechslung, im Radio brauchts Varianz, und es braucht Relevanz. Und Persönlichkeit. Meine Devise, die ich ihnen mit auf den Weg gab, lautet «Break the fucking rules!», verstosst gegen die Regeln. Wenigstens ab und zu.

Die Regeln brechen: So wie Sie selber damals als Mitglied im Gründungsteam von DRS 3 vor 30 Jahren?

Mürner: Ich war immer Grenzgänger. Ich bin immer weit über das hinausgegangen, was man machen durfte. So habe ich die Musikprogramme schamlos abgeändert, Titel gespielt, die weit weg von der offiziellen Playlist waren, sogenannten Promis den roten Teppich unter den Füssen weggezogen, harte und unfaire Fragen gestellt, Dinge live ausprobiert, wo alle gesagt haben, «das funktioniert nie», und prinzipiell nur Leute angestellt, die Ecken und Kanten und Persönlichkeit hatten.

Hat das nie «Lämpen» gegeben?

Mürner: Immer nur fast. Die DRS-Schiris hatten mit Blick auf mich die Hand immer an der roten Karte, sie aber nie gezogen. Ich hatte Erfolg, so liess man mich machen, mit beiden Augen und Ohren zu.

Ein Leben lang Musikradio und Jugendkultur – wird man da so etwas wie ein Berufsjugendlicher?

Mürner: Ich habe mich nie so gefühlt. Ich habe mich immer so alt gefühlt, wie ich war, manchmal auch viel älter. Denn wenn man wie ich mit «Vitamin 3» zwölf Jahre lang Morgensendungen macht, um 3 aufsteht und um 4 im Studio ist, dann fühlt man sich steinalt und sicher nicht jung, das muss ich ganz ehrlich sagen. Da fühlt man sich schnell einmal 15 Jahre älter. Aber Radio macht jünger, ja, weil die Musik beschwingt, weil es Spass macht. Aber das kann auch in jedem anderen Job passieren: Er hält einen jünger, wenn man sich zu 100 Prozent dafür interessierst.

Hätten Sie sich eigentlich je etwas anderes vorstellen können als Radio?

Mürner: Ich wollte einfach zum Radio. Zuerst musste ich allerdings auf Wunsch der Eltern etwas Anständiges lernen. Ich habe eine kaufmännische Ausbildung. Aber etwas anderes? Es ist vielleicht eine etwas einfache Philosophie, aber ich glaube, egal, was man macht, wenn man es wirklich verdammt gut macht, dann wirds spannend. Das kann in jedem anderen Beruf auch so sein. Aber ich hatte wirklich Lust, beim Radio zu arbeiten. Für mich war das die Welt: Wenn du da reinkommst, dann wirst du all das haben, was du dir erträumst.

Hat sich diese Vorstellung dann mit der Realität gedeckt?

Mürner: Sie hat sich mehr als gedeckt, es war noch viel «verreckter». Ich wurde ja beeinflusst von den Moderatoren bei den englischen Piratensendern, die ich hier in Basel hören konnte, auch vom französischen RTL und vom Sender Europe 1. Die wiederum waren stark vom amerikanischen Radio beeinflusst. Da dachte ich: Diese Typen haben es einfach toll, die werden dafür bezahlt, dass sie Spass haben. Eben auch: Es waren die Zeiten, in denen alle Regeln gebrochen wurden in Sachen Radio. Das war Welten davon entfernt, was hier in der Schweiz und in Deutschland gemacht wurde. Vorgestellt hatte ich mir einen Meter, und bekommen habe ich 12.

Schön, wenn zumindest die Moderatoren Spass haben. Es gibt aber auch Hörer, denen dieser permanente und penetrante Spass-Groove, der bald die ganze Radiolandschaft durchzieht – egal, ob SRF oder Private –, ziemlich auf den Geist geht.

Mürner: Ich hoffe doch, dass man da deutliche Unterschiede hört! Ich reagiere auch allergisch auf alles, was nicht authentisch und glaubwürdig ist. Nach ein paar Jahren Coaching von mir schrieb der Publikumsrat – der die SRG-Programme kontrolliert –, die Moderation auf SRF 3/DRS 3 sei «stimmig, locker, gut vorbereitet, verständlich, authentisch». Das entspricht in etwa meinen Zielen.

Und diese zuweilen schwer erträglichen Publikumsspiele?

Mürner: Mit denen haben vor allem Kritiker Mühe. Hörer lieben sie. Klar, es gibt intelligente Spiele, wo man etwas dabei lernt, mit ihnen wach wird, und es gibt andere.

Apropos Lernen: Sie gingen zum Lernen nach London, dorthin, wo buchstäblich die Musik spielte.

Mürner: Ich bin eigentlich Autodidakt. In London arbeitete ich beim Reise- und Transportriesen Thomas Cook, nebenbei lernte ich das Handwerk des Radio­machens. Ich besuchte auch eineinhalb Jahre lang eine Schauspielschule, vor allem aber wegen des Englisch. Von englischen Studiotechnikern der BBC habe ich enorm viel gelernt. Nach nicht einmal einem Jahr realisierte ich Sendungen aus meinem eigenen Einmannstudio in London für das Schweizer Radio.

Man hört es: Sie waren mit viel Herzblut dabei. Auf welche Verdienste als Radiomann sind Sie denn ganz besonders stolz?

Mürner: Ich habe unter anderem dafür gesorgt, dass in einer Zeit, als man unsere besten Moderatoren abwerben wollte, sie bei uns geblieben sind. Weil die Chemie im Team stimmt, das ist das Wichtigste beim Radio, Chemistry! Dann sicher die Förderung der Schweizer Musik, etwas, das die Radios damals, als wir mit DRS 3 anfingen, nicht gemacht haben. Viele Schweizer Musiker waren genauso gut wie die englischen Bands. Das habe ich gemerkt, als ich nach acht Jahren London zurück in die Schweiz kam. Das Pech der Schweizer war einfach, dass sie nicht aus England kamen.

Und Sie haben die Schweizer dann gespielt?

Mürner: Ja, kompromisslos, gegen viele Widerstände, über Jahre habe ich Schweizer Musik gespielt, dem Teufel ein Ohr ab, auch viele Dialekttitel. Da haben wir viel erreichen können zuerst auf DRS 2, dann bei DRS 3. «Eisbär» von Grauzone, um nur ein Beispiel zu nennen, habe ich am Radio ein Jahr lang gespielt, bevor es der Rest der Welt merkte.

Wollte man den erfolgreichen Radiomann François Mürner eigentlich nie zu den Privaten abwerben?

Mürner: Ich bekam tolle Angebote: doppeltes Salär, Firmenauto, gar Geschäftsbeteiligung. Ich habe immer abgelehnt. Einerseits aus Fairness gegenüber Radio DRS, weil sie mich Ende 1978 aus England zurückgeholt haben und mir als Erstem eine tägliche Sendung gegeben haben («Sounds» bei DRS 2). Und zweitens, weil ich bei den Privatsendern nie den Freiraum wie bei DRS gehabt hätte. Für mich hat es sich gelohnt zu bleiben, zu 150 Prozent. SRF ist Champions League.

Hat Radio in Zeiten von Internet und Social Media, mit der totalen Verfügbarkeit vor allem von Musik, überhaupt eine Zukunft?

Mürner: Radio ist eine Erfolgsgeschichte, wenn man vergleicht, wie es den anderen Medien geht. Über 90 Prozent aller Deutschschweizer hören jeden Tag Radio. Ein Drittel davon ist bei den Lokalradios, das ist ein super Erfolg, eine schöne Zahl, zwei Drittel sind bei den Öffentlich-Rechtlichen. Radio wurde schon in den 1950er-Jahren totgesagt, als das Fernsehen aufkam. Dann mit den Videoclips in den 1980ern – «Video killed the radio star» – hiess es: Das Radio hat keine Zukunft. Der Punkt ist: Wenn wir zwei, drei Sachen richtig machen, wird es das Radio genau so, wie wir es heute kennen, auch in 50 Jahren noch geben. Es ist persönlich, emotional und im besten Fall immer wieder überraschend. Radio ist einfach zu konsumieren, es ist sehr aktuell und omnipräsent, wie der Wasserhahn, wo frisches Wasser rauskommt.

Und das frische Wasser reicht?

Mürner: Die Macher müssen wissen, wo der Hörer emotional zu Hause ist, wo es ihn trifft. Der Hörer steht immer ganz zuvorderst, nicht die Macher oder der Sender, der Hörer ist die Nummer eins.

Nach der Pensionierung haben Sie nun mehr Zeit – wofür?

Mürner: Zuerst geht es für mich und meine Frau Paulette einmal für ein ganzes Jahr ausgiebig auf Reisen. Aber nicht auf eine Weltreise. Einfach so für länger, einen Monat, weg, dann wieder für einen Monat hier. Jetzt gerade mieten wir eine Wohnung in Paris, dann sind Argentinien und Indien auf der Liste usw. Gereist sind wir immer schon gern.

Und sonst?

Mürner: Ich bin wieder am Lernen. Ich gehe eigentlich dahin zurück, wo ich angefangen habe: Ich habe mir zu Hause ein Aufnahmestudio mit anspruchsvoller Software gebaut. Da habe ich alles, was es braucht, etwa für ein Hörbuch für jemand anderes, für Werbespots, für Jingles. Das ist übrigens auch das, was Radio vom Fernsehen unterscheidet: Form und Inhalt – man kann alles selber machen. Eigentlich liegt alles drin, auch Sendungen. Ich habe ein Archiv mit Tausenden von Musikperlen, alles digitalisiert. Mal schauen, was kommt, aber easy.

Keine weiteren Hobbys?

Mürner: Ich mag englische Stand-up- Comedy und Fussball, ich bin seit London ein grosser Arsenal-Fan, so neben dem FC Basel, und ich liebe gut geschriebene Memoiren von Leuten, die ich einmal getroffen habe. Das sind einige, siehe meine Homepage www.fmfm.ch unter «Interviews».

Schreiben Sie selber auch noch ein Buch?

Mürner: Im Moment schreibe ich Einkaufszettel und dann auch Kritiken von Amazon-Produkten, die ich gekauft habe, und Bewertungen von Wohnungen, die ich im Ausland miete. Ich schreibe natürlich ganz leicht, ganz schnell, das hab ich etwa bei meinen Geschichten für «Vitamin 3» gemacht, geschrieben zwischen 5 und 5.45 Uhr am Morgen. Die hätte man alle als Kolumnen drucken können. Dann schrieb ich tausend und mehr Promo-Spots. Aber nein: An einem Buch schreibe ich nicht.

Ein Trost bleibt FM-Fans: Man kann François Mürner noch über die Pensionierung hinaus auf SRF 3 hören.

Mürner: Es gibt Jingles, auf denen man meine Stimme hört. Ich bin «Station-Voice» für die Dialektsachen. Scheinbar hat man sich an mich gewöhnt ...

Zum Schluss bitte noch ein paar Worte zur Innerschweizer Musikszene.

Mürner: Begeisterte Worte, wenn schon! Ich liebte in den 1980er-Jahren tolle Bands aus der Innerschweiz, die ich alle bei DRS 3 spielte. Etwa die Sedel-Punks von Crazy. Oder Mittageisen und ihre starken Texte. Höslis Steven’s Nude Club – kompromisslos und talentiert. Oder unter den Jüngeren der Nidwaldner Coal: sensationell, was der macht. Das tönt frischer, spannender als alles, was aus Nashville da vom Fliessband kommt.

Sie dürfen noch einen einzigen Lieblingsmusiker nennen.

Mürner: Nur einen? Gut, dann David Bowie, eindeutig. Gerade auch der aktuelle Bowie dieses Jahr. Ich habe grossen Respekt vor Leuten in meinem Alter, die nach einer Pause wieder zurückkommen, erst noch mit Stil. Iggy Pop ist so einer, Bryan Ferry gehört dazu, Neil Young. Bruce Springsteen auch. Hut ab!

Und Sie, kommen Sie vielleicht auch zurück?

Mürner: Radio? TV? Internet? Film? Theater? Ballett? Slam-Poetry? Man soll nie nie sagen!

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