SUCHTMITTEL: Die Lücke in der Erinnerung

Wer an einem feuchtfröhlichen Abend viel zu tief ins Glas schaut, kann schon mal einen Filmriss erleben. Ein Experte sagt, dass die Erinnerungslücke oft nicht so total ist, wie man meint.

Annette Wirthlin
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Party ohne Ende. Am Tag nach dem Vollrausch dann die Frage: «Wie bin ich gestern wohl nach Hause gekommen?» (Bild: Keystone)

Party ohne Ende. Am Tag nach dem Vollrausch dann die Frage: «Wie bin ich gestern wohl nach Hause gekommen?» (Bild: Keystone)

Wie bin ich gestern bloss nach Hause gekommen? Woher stammt die Schramme an meinem Kopf? Solches und Ähnliches haben sich nicht wenige schon gefragt, die einmal oder mehrmals in ihrem Leben deutlich zu tief ins Glas geschaut haben – und sich danach an nichts mehr erinnerten. Die Thematik des vorübergehenden Gedächtnisverlusts nach Alkohol- oder Drogenkonsum, auch Blackout oder Filmriss genannt, ist in den vergangenen Wochen durch die rätselhaften Vorkommnisse rund um eine Landammannfeier in Zug in den Fokus gerückt. Zwischen einem Politiker und einer Politikerin soll es dort zu sexuellen Handlungen gekommen sein, beide Beteiligten betonen aber, sich an nichts zu erinnern. Was ist überhaupt ein solches Blackout, und wie kommt es zu Stande?

Mit Filmriss beziehungsweise Blackout bezeichnet der Volksmund eine wie auch immer ausgeprägte Veränderung des «normalen» Bewusstseins. Dies sei jedoch problematisch, findet der forensische Psychiater Hans Schaumann, der als Gutachter für Staatsanwaltschaft und Gerichte tätig ist. Problematisch deshalb, weil es für «Bewusstsein» keine sinnvolle Definition gebe. «Der Begriff wird stets nur über den Abbau oder Zerfall des Bewusstseins definiert», sagt er.

Kontaktfreudiger und enthemmter

Dem Menschen würden, so Schaumann, auch im gesunden, nüchternen Zustand immer nur ein Bruchteil aller Informationen bewusst, die das Gehirn aufnimmt. Damit uns etwas bewusst wird, müssen Teile des Grosshirns und Teile des Stammhirns zusammenarbeiten und ankommende Informationen aus den Nervenbahnen verarbeiten. Durch den Konsum von Alkohol wird diese Synchronisation zwischen Stammhirn und Grosshirn empfindlich gestört.

Konkret wirkt sich Alkohol auf verschiedene Rezeptorsysteme im Gehirn aus. Bei geringer Dosis bewirkt das, dass wir kontaktfreudiger und enthemmter werden, sich unsere Ängste verflüchtigen, dass wir uns beruhigen, dass wir uns einfach besser und leistungsfähiger fühlen. «Aus diesem Grund trinkt der Mensch ja Alkohol», sagt Schaumann. Bei zunehmender Dosis aber beginnen die hemmenden Eigenschaften Überhand zu nehmen.

Im Extremfall bis zum Koma

Bei einem mittelgradigen Rausch treten sprachliche und motorische Störungen auf, die Risikobereitschaft nimmt gefährliche Ausmasse an, soziale Situationen werden falsch eingeschätzt, und man handelt im Augenblick, ohne an die Konsequenzen zu denken. Beim schweren Rausch nehmen Orientierungsstörungen (betreffend Zeit, Ort und die eigene Person) zu. Illusionen und plötzliche, unbegründete Ängste werden ein Thema. Die Bewegungskoordination wird zunehmend gestört, weshalb sich in diesem Zustand auch viele Unfälle ereignen. Es stellt sich eine allmähliche Handlungsunfähigkeit ein, die im Ex­tremfall bis zum Koma führen kann.

Wo genau in diesem Kontinuum der Filmriss/das Blackout anzusiedeln ist, lässt sich so genau nicht sagen. Schaumann: «Eigentlich bezeichnet man mit diesen Begriffen einfach ein diffuses Spektrum von fortgeschrittenen Bewusstseinsstörungen. Der Zustand «Filmriss» hat keinen klaren Anfang und kein klares Ende und kann auch nicht an einer bestimmten Trinkmenge festgemacht werden. Für die Beurteilung, ob jemand tatsächlich eine Erinnerungslücke hat, muss man vielmehr die psychopathologischen Auswirkungen im Einzelfall beurteilen, das also, was das Suchtmittel mit dem Menschen gemacht hat.»

Wie viel Alkohol ein Mensch verträgt, hängt von vielen Variablen wie etwa dem Körpergewicht, der Trinkgeschwindigkeit oder der Durchblutung im Magen-Darm-Trakt ab. Auch die Gewöhnung an den Alkoholkonsum spielt eine Rolle: Ein «ungeübter» Trinker legt laut dem Experten unter Umständen schon bei 0,4 Promille Blutalkoholkonzentration ein ähnliches Verhalten an den Tag wie ein «trainierter» Trinker mit 1,8 Promille. Mindestens eine Studie will sogar herausgefunden haben, dass es eine gewisse genetische Veranlagung zum Blackout gibt, zumal manche Rauschtrinker nie ein Blackout erleben. Was als relativ sicher gilt: Das Risiko für einen Filmriss ist dann besonders hoch, wenn in kurzer Zeit sehr grosse Mengen hochprozentigen Alkohols getrunken werden.

K.-o.-Tropfen wirken schneller

Wer andere Drogen, Medikamente wie etwa K.-o.-Tropfen oder Gifte eingenommen hat, kann vergleichbare Erinnerungslücken wie bei exzessivem Alkoholkonsum erleben – mit dem Unterschied, dass die Wirkung unterschiedlich schnell eintritt. «Bei K.-o.-Tropfen geht es schon bei sehr kleinen Mengen und schneller als bei Alkohol», weiss Schaumann.

Um den als Filmriss bezeichneten Zustand zu veranschaulichen, zieht er gerne den Vergleich mit einer Vollnarkose herbei. «Die Sinne wie etwa das Sehen und Hören funktionieren zwar noch, Sie nehmen immer noch Informationen auf, aber aufgrund der Bewusstseinsveränderung haben Sie später keinen Zugriff mehr darauf. Und wenn Ihr Wahrnehmen eines Ereignisses unter dem Einfluss einer Droge eingetrübt wurde, können Sie sich eben auch nicht mehr realitätsgerecht daran erinnern.»

Oftmals zeigt sich aber, dass die Erinnerungen nicht ganz so komplett weg sind, wie der Betroffene denkt. Viele Menschen, die ein Blackout erlebt haben, verfügen durchaus über «Erinnerungsinseln», einzelne noch präsente Sequenzen. Durch gezieltes Nachfragen sei es oft möglich, die Erinnerung nachträglich wieder zu schärfen. Sofern der Betroffene dies denn auch will.

Blosse Schutzbehauptung?

Ohne Bezug zu nehmen auf den aktuellen Zuger Fall, erzählt Schaumann aus seiner Erfahrung als forensischer Psychiater und ehemaliger leitender Oberarzt des Instituts für Rechtsmedizin Zürich, dass gerade bei unangenehmen Themen und Delikten ein Filmriss auch eine häufig zu Hilfe gezogene Schutzbehauptung von Beschuldigten sei. «Oft lässt sich aber bei genauer Analyse der Tat inklusive dem Verhalten des Verdächtigten nach der Tat eine solche entlarven.» Typischerweise werde die angebliche Erinnerungslücke nämlich auf die «entscheidenden Momente» der Tat begrenzt. «Wenn jemand erzählt, es habe Streit gegeben, und plötzlich sei die Polizei da gewesen, aber an den sozial unerwünschten, peinlichen Teil der Geschichte, nämlich die Prügelei, erinnert er sich nicht, dann wirft das schon Zweifel auf.» In anderen Fällen hätten Leute während der Zeit der angeblichen Blackouts noch sehr wohl sinnvolle SMS geschrieben.

Aus Sicht des Psychiaters ist es gewissermassen eine «normale» – im Sinne von verständliche – Reaktion, wenn der Mensch mit solchen Abwälzungsmanövern das eigene Verhalten zu entschuldigen versuche. «Wie es die Formulierung ‹Ich mag mich nicht erinnern› schön zum Ausdruck bringt», so Schaumann, «geht es im Grunde nicht selten um ein Nichterinnernwollen.»

«Keine Strafe ohne Schuld»

Recht wia. Im schweizerischen Strafrecht gilt der Grundsatz «keine Strafe ohne Schuld». Ein Täter muss also zum Zeitpunkt der Tatbegehung fähig gewesen sein, das Unrecht seiner Tat einzusehen und sich entsprechend dieser Einsicht zu verhalten. «Ist er dazu nicht fähig, ist er grundsätzlich auch nicht strafbar», sagt Sina Dörflinger, Rechtsanwältin bei der Brack & Partner AG in Luzern. «So kann beispielsweise ein Blackout, herbeigeführt durch einen Rauschzustand, dazu führen, dass ein Täter schuldunfähig und somit nicht strafbar ist.»

Dies sei beispielsweise dann der Fall, so Sina Dörflinger, wenn der Täter vor Ausübung der Tat von einem Dritten mit Gewalt oder durch List in den Rauschzustand versetzt wurde oder um die Wirkung des berauschenden Mittels nicht wusste. Der Täter kann allerdings nicht auf Schuldunfähigkeit plädieren, wenn er sich etwa durch Alkohol- oder Drogenkonsum vorsätzlich selbst berauscht hat. Dörflinger: «Der Täter kann sich im Strafverfahren nicht auf einen Filmriss berufen, wenn er sich Mut angetrunken hat, um im betrunkenen Zustand seinen Nachbarn zu töten. Er ist wegen vorsätzlicher Tötung zu bestrafen, denn seine Tat gilt als in voll schuldfähigem Zustand begangen.» Ähnlich sieht es aus, wenn sich der Täter ohne kriminelle Absichten vorsätzlich oder fahrlässig berauscht, obwohl er es hätte voraussehen können, dass er in seinem Zustand ein Delikt begehen könnte. Beispiel: Ein Täter betrinkt sich, wohl wissend, dass er nachher mit dem Auto nach Hause fahren muss. Auf dem Heimweg baut er einen Unfall, wobei eine Person stirbt. Dörflinger: «Der Fahrer ist wegen fahrlässiger Tötung zu bestrafen.»

Bei Trunkenheit geht die Rechtsprechung laut Dörflinger davon aus, dass bei einer Blutalkoholkonzentration von weniger als 2 Promille die Schuldfähigkeit nicht herabgesetzt ist. Ab 3 Promille hingegen ist die Schuldunfähigkeit – in der Regel unter Vorbehalt der oben genannten Ausnahmen – gegeben. Die Schuldunfähigkeit muss aber im Einzelfall meist mittels eines psychiatrischen Gutachtens festgestellt werden.