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SÜSSWASSER: Tierische Werbeträger gesucht

Die Tierwelt von Flüssen und Seen ist bedroht. Wissenschafter setzen nun auf charismatische Bewohner dieser Gewässer, um auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Ein Kandidat: das Nilpferd.
Kerstin Viering

Kerstin Viering

Vor langer Zeit, als das Flusspferd noch ein Landbewohner war, hatte es ein echtes Problem. Es litt Höllenqualen unter der intensiven Tropensonne, Sonnenbrand war an der Tagesordnung. Also fragte es den Schöpfer, ob es nicht lieber im angenehm kühlen Wasser leben könne. Der war einverstanden – allerdings nur unter der Bedingung, dass auch die anderen Wassertiere zustimmten. Die aber waren skeptisch: «Du bist dermassen gross, du frisst uns doch die ganzen Fische weg!»

Da konnte der Dickhäuter seinen vegetarischen Lebensstil noch so sehr beteuern, es nützte nichts. Also versprach er, künftig jeden Tag das Maul weit aufzureissen, damit jeder sah, dass sich kein Fisch darin verbarg. Und seinen Kot würde er von nun an mit dem Schwanz an Land verteilen. So konnte sich auch der miss-trauischste Kontrolleur von dessen Grätenfreiheit überzeugen.

Süsswasserarten um 81 Prozent eingebrochen

Biologen mögen am Wahrheitsgehalt dieser afrikanischen Legende ein paar Zweifel anmelden. Sie zeigt aber sehr deutlich, dass Flusspferde mit ihrer imposanten Gestalt und ihren ungewöhnlichen Verhaltensweisen seit jeher das Interesse von Menschen geweckt und ihre Fanta- sie angeregt haben. Und genau diesen Umstand wollen sich die Wissenschafter um Sonja Jähnig vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) zunutze machen. Denn sie suchen nach eindrucksvollen Süsswassertieren, die sich als Naturschutz- botschafter eignen. Stellver- tretend für ihre unauffälligeren Nachbarn sollen diese Charis-matiker auf den massiven Schwund der Artenvielfalt in Bächen, Flüssen und Seen aufmerksam machen.

In anderen Lebensräumen haben Naturschützer mit solch sogenannten Flaggschiffarten gute Erfahrungen gemacht. Wale und Delfine setzen sie als Werbeträger für den Meeresschutz ein. An Land ist der Orang-Utan zur Symbolfigur für die Erhaltung des südostasiatischen Regenwaldes geworden, Elefanten und Nashörner stehen für den Kampf gegen die Wilderei. Und der Grosse Panda gilt als der ­Naturschutzrepräsentant überhaupt.

«Süsswassertiere sind bisher allerdings kaum als Flaggschiffe eingesetzt worden», sagt Sonja Jähnig. Dabei könnten gerade diese Ökosysteme mehr Aufmerksamkeit gebrauchen. Denn ihre Bewohner verschwinden überdurchschnittlich schnell. Das zeigt der «Living Planet Report 2016», für den die Naturschutzorganisation WWF die Situation von mehr als 14 000 Wirbeltierpopulationen analysiert hat. Demnach sind die Vorkommen der untersuchten Landtiere zwischen 1970 und 2012 um 38 Prozent geschrumpft, die der Meeresbewohner um 36 Prozent. Am härtesten aber traf es die Süsswasserarten, deren Bestände im gleichen Zeitraum um 81 Prozent eingebrochen sind.

«Dieser Verlust wird in der Öffentlichkeit nicht recht wahrgenommen», findet Sonja Jähnig. Entsprechend wenig Lobby haben die Arten dieser Ökosysteme. Doch das IGB-Team hofft, dass prominente «Süsswasser-Pandas» die vernachlässigten Binnengewässer mehr in den Fokus rücken können. Bei einem «Casting» ist es auf eine ganze Reihe vielversprechender Kandidaten gestossen. «Neben dem Flusspferd kommen auch Flussdelfine, Krokodile und Süsswasserschildkröten in Frage», sagt Jähnig. Und auch die europäischen Gewässer haben faszinierende Gestalten zu bieten. Der Europäische Stör zum Beispiel stösst nicht nur als traditioneller Speisefisch auf Interesse, mit bis zu fünf Meter Länge ist er auch eine beeindruckende Erscheinung. Und da er zwischen Flüssen und Meer hin und her wandert, kann er sogar für den Schutz mehrerer Lebensräume werben.

Es müssen etliche Voraussetzungen erfüllt sein, damit sich der Riese in einem Fluss wohl fühlt. Als Kinderstube für seine Eier braucht er Kiesbänke in stark strömendem Wasser, die Jungfische lassen sich später in andere Flussabschnitte treiben, in denen es Wasserinsekten und anderes Kleingetier als Nahrung gibt. Dieser Tisch aber ist in den ausgebauten Wasserwegen Europas vielerorts nicht mehr so reich gedeckt. Und selbst wenn die Bedingungen in den Oberläufen für die Tiere noch akzeptabel sind, versperren ihnen oft Staudämme und Wehre den Weg dorthin. Zu allem Überfluss reagieren Störe empfindlich auf die Belastung des Wassers mit Chemikalien und Nährstoffen sowie auf eine zu intensive Fischerei. Kein Wunder also, dass die einst häufige Fischart heute aus fast ganz Europa verschwunden ist.

Hoffnung für den Fünf-Meter-Fisch

Es gibt allerdings wieder Hoffnung für den Riesen. Seit Jahren arbeiten IGB-Experten bei einem grossen Zucht- und Wiederansiedlungsprogramm mit, das ihm die Rückkehr in einige Flüsse erlauben soll. Und das könnte auch für weniger attraktive Wanderfische, Amphibien und Wirbellose eine gute Nachricht sein. «Wenn man die Lebensbedingungen für die anspruchsvollen Störe wieder verbessert, können davon noch viele andere Arten profitieren», erklärt Sonja Jähnig.

Im Idealfall sollen die gesuchten «Süsswasser-Pandas» also nicht nur charismatisch sein. Als Schirmarten sollen sie auch stellvertretend für viele andere Arten stehen. Doch lässt sich dieser hohe Anspruch erfüllen? Die IGB-Forscher sind optimistisch: 83 Prozent aller gefährdeten Süsswasserarten kommen in den gleichen Gebieten vor wie die untersuchten Flaggschiffkandidaten. Mit diesen lässt sich also ein Rettungsschirm aufspannen, unter dem viel bedrohte Süss-wasserfauna Unterschlupf findet. Vielleicht werden die Wassertiere eines Tages noch froh sein, dass sie das Flusspferd in ihre Reihen aufgenommen haben.

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