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SZENE: Die Schönheit des Niedergangs

Urban Explorer steigen in verlassene Industrieanlagen und Häuser für das romantische Schauererlebnis. Auf Tour mit zwei Anhängern dieses ungewöhnlichen Hobbys.
Julia Stephan
Wo genau dieses einstige Vier-Sterne-Hotel steht, bleibt geheim. Denn Urban Explorer bewegen sich mit dem Fotografieren von verlassenen Gebäuden am Rand der Illegalität. (Bild: urbex-nation.de/PD)

Wo genau dieses einstige Vier-Sterne-Hotel steht, bleibt geheim. Denn Urban Explorer bewegen sich mit dem Fotografieren von verlassenen Gebäuden am Rand der Illegalität. (Bild: urbex-nation.de/PD)

Julia Stephan
<span style="font-size: 1em;">julia.stephan@luzernerzeitung.ch</span>

«Die Villa da drüben ist unbewohnt.» Stefan zeigt über den Fluss. Der Krantechniker hat ­einen Riecher für den Verfall. Niedergerissene Absperrzäune machen ihn hellwach.

Stefan und sein Freund Sven sind «Urban Explorer». In ihrer Freizeit legen sie Hunderte Kilometer zurück, um die Innenräume maroder Gebäude zu fotografieren. Ihre Spots finden sie über Tipps aus der Szene, in der Zeitung oder über die Eingabe von «Schandfleck» bei Google.

Die weltweit vernetzte, sehr männliche Szene der Urban Explorer hat ihren Namen vom 1996 jung verstorbenen Kanadier Jeff Chapman. Der bezeichnete das im Slang als «Urbexen» bekannte Hobby einmal als «inwendigen Tourismus, der dem Neugierigen Einblicke in die Welt hinter den Kulissen» gebe.

Jäger-und-Sammler-Trieb wird auch mal enttäuscht

Kein Wunder, sind repräsenta­tive Bauten wie Grandhotels, von denen der Lack abblättert, oder ehemalige Illusionsräume wie Kinos oder Konzerthallen beliebte Sujets. Andere Urbexer bevorzugen das Klandestine stillgelegter Militär- und Industrieanlagen.

Ich steige mit Stefan und Sven in ein seit zehn Jahren leerstehendes Vier-Sterne-Hotel. Am Eingang verkündet ein Schild für das Jahr 2007 Renovationsarbeiten an. Drinnen bleibt der Jäger-und-Sammler-Trieb meiner Begleiter unbefriedigt. Das Gebäude wurde entkernt, die herumliegenden Matratzen geben nichts Intimes mehr preis. Erst in der Direktorenvilla wird Geschichte lebendig. Um einen alten Flügel mit erstarrten Tasten flattert eine Fledermaus. John Steinbecks Roman «Früchte des Zorns» liegt bedeutungsschwanger auf dem Boden. Alte Postkarten und ungeöffnete Werbebriefe erzählen von einstiger Geschäftigkeit. Ironie des Gebäudeschicksals: Im Regal steht ein Ordner mit der Gebäudeversicherung.

Stefan und Sven überrascht das nicht. Einst vertrauliche Akten bleiben nach dem Niedergang meistens zurück. In einer ehemaligen Papierfabrik im Elsass fanden Stefan und Sven Buchhaltungsbücher aus den 1910er-Jahren – auf Deutsch.

Urbexer begehen mit ihrem harmlosen Ansinnen im Grunde eine Rechtsübertretung. Sein Auto parkiert man vor dem Zielgebäude besser nicht. Ob Öl an der Türklinge oder Tierkot vor der Tür: Die Besitzer sind beim Gebäudeschutz kreativ. Und Gefahren lauern auch innen. Einmal mussten die zwei vor einer vor sich hinzischenden Gasflasche Reissaus nehmen.

Ruinenverklärung wie aus der Romantik

Der für seine Fotos vom verwaisten Amerika bekannte Troy Paiva schreibt, einen Urbexer überkomme von Zeit zu Zeit dieser Schauer angesichts der Vergänglichkeit eines Ortes. Es ist dieselbe Ruinenverklärung, wie man sie aus der Epoche der Romantik her kennt. Wo die Romantiker Zuflucht vor der Industrialisierung suchten, suchen Urbexer die heile Welt in den Ruinen des Industriezeitalters. Kein Wunder, werden die Orte auch für Shootings mit mondsüchtigen Models genutzt. Stefan und Sven kennen dieses «Kloss im Hals»-Gefühl, das sich manchmal einstellt beim Anblick von Orten, die Geschichten erzählen. Zuletzt erging es ihnen so in einer komplett zerstörten Klinik in Frankreich. In einem Raum, wo einst die Toten aufgebahrt wurden, hatten selbst die Vandalen instinktiv ihre Finger davon gelassen.

Vandalen sind die grössten Gegenspieler der Urbexer. Stefan kennt sie gut, die drei Stufen der Zerstörung: «Zuerst kommt das Graffiti, dann wird randaliert, am Ende alles abgefackelt», sagt er. Weshalb viele ihrer auf eine ­Karte gepinnten Trophäen nicht mehr existieren. Im Wissen um diese Dynamik grenzt sich die Urbex-Szene von den Randalierern mit einem strengen Kodex ab: Gewaltsames Eindringen ist tabu, ebenso das Entwenden von Objekten, das Verändern, Zerstören oder Preisgeben eines Ortes.

Ist es dieselbe Faszination, die einen Menschen des 21. Jahrhunderts zum Shabby Chic zieht oder in das Brocki treibt? Oder ihn löchrige Jeans für viel Geld kaufen lässt? Urban Explorer Troy Paiva schreibt, er erkunde die Orte nicht, um sich in Fragen der Substanzerhaltung verwickeln zu lassen, geschweige denn um über die politischen und ethischen Implikationen dieser Orte nachzudenken. Auch für Sven und Stefan scheint es ein persönlicheres Thema zu sein, wenn sie in diese Gegenwelten tauchen. Es geht ihnen darum, die Geschichten und die Patina der Vergangenheit festzuhalten. «Der Lack muss ab sein, aber nie ganz», sagt Sven. Ein Fund aus älteren Tagen, ein stillgelegter Tante-Emma-Laden, war in dieser Hinsicht ein Jackpot. Seit über 40 Jahren lagerten dort Nestlé-Produkte unversehrt in einer Schublade.

Melancholischer Basston

Im Grunde wandeln die beiden damit auf den Pfaden des verstorbenen deutschen Autors W. G. Sebald, der nicht zufällig in einem Buch über die Szene zitiert wird. Denn dieser Sebald-Groove, dieser melancholische Grundton, gespeist aus dem Versuch, Erinnerung festzuhalten, ist auf den düsteren Urbex-Fotos allgegenwärtig. Genauso, wie Sebald im Roman «Austerlitz» mit der ­Beschreibung alter Bahnhöfe dem Leser bewusst macht, dass in den architektonischen Schichtungen der Bauwerke die eigene und die gelebten Biografien der Vorfahren verschüttet liegen, scheinen auch die Häuser zu den Urbexern in diesem melancholischen Basston zu sprechen. Die Entropie, die da unersättlich um sich greift, führt den Leistungsmenschen von heute die Vergeblichkeit des disziplinierten Erhaltungstriebes vor Augen. Oder wie es Sven sagt, als wir im verwilderten Hotelgarten stehen: «Wenn ich diesen Baum sehe, kriege ich Angst. Der sieht schon aus wie Herbst.»

Auch in diesem Hotel nächtigt schon lange niemand mehr, trotz spektakulärer Aussicht. (Bild: urbex-nation.de/PD)

Auch in diesem Hotel nächtigt schon lange niemand mehr, trotz spektakulärer Aussicht. (Bild: urbex-nation.de/PD)

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