TÄGLICHE AKTIVE SNAPCHAT-NUTZER: So funktioniert Snapchat

Die Firma hinter der Smartphone-App Snapchat bereitet sich auf den milliardenschweren Börsengang vor. Eine Bedienungsanleitung für Einsteiger.

Maurizio Minetti
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Die Spectacles-Sonnenbrillen mit integrierter Videokamera bekommt man nur in den USA und nur an Automaten, die nach kurzer Zeit wieder verschwinden – so wie die Bilder in der Snapchat-App. (Bild: Snapchat)

Die Spectacles-Sonnenbrillen mit integrierter Videokamera bekommt man nur in den USA und nur an Automaten, die nach kurzer Zeit wieder verschwinden – so wie die Bilder in der Snapchat-App. (Bild: Snapchat)

Maurizio Minetti

Verwirrend. Das ist oft die Reaktion von Leuten, die Snapchat zum ersten Mal nutzen. Dabei sind laut einer Studie Schweizer Jugendliche öfters auf Snapchat als auf Facebook. Intuitiv ist die gelbe Smartphone-App mit dem weissen Geist tatsächlich nicht. Man kann nach oben, unten, rechts oder links wischen, man kann einen Chat mit einem Freund führen oder sogenannte Snaps und Storys anschauen. Was bedeutet das alles?

Snapchat ist eine Social-Media-Plattform, vergleichbar mit Facebook, Insta­gram oder Twitter. Es gibt allerdings nur eine Möglichkeit, Snapchat zu nutzen: über die Smartphone-App. Eine erste Version der App erschien im September 2011. Bei Snapchat geht es vor allem darum, visuell zu kommunizieren. Weil man Freunden Fotos senden kann, die nach wenigen Sekunden wieder verschwinden, assoziierte man früher mit der App vor allem den Austausch von Nacktfotos. Speziell ist: Es gibt im Gegensatz zu anderen sozialen Netzwerken keine Likes, Sterne oder Herzen, die man für besonders gelungene Beiträge vergeben kann. Auch Kommentare gibt es nicht. Es geht bei Snapchat also nicht darum, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erhaschen. Weil Fotos und Videos nach einer gewissen Zeit verschwinden, hat Snapchat etwas, das andere Plattformen nicht haben: Nutzer haben Angst, etwas zu verpassen – und sind deshalb ständig in der App. Diese besteht aus drei Hauptkomponenten:

Snaps

Snaps sind Fotos oder Videos, die bis zu zehn Sekunden lang angezeigt werden. Man schickt sie den Freunden, die man bei Snapchat hinzugefügt hat, oder man fügt sie einer Story hinzu (siehe rechts). Fotografiert oder gefilmt wird ausschliesslich im vertikalen Modus. Snaps erstellt man, indem man auf den Kreis unten in der Mitte des Smartphone-Displays tippt. Tippt man auf ein Gesicht, erkennt die App es und schlägt diverse Dekorationen wie Hundeohren oder Vampirzähne vor, die man über das Gesicht ziehen kann. Snapchat bietet täglich andere Gesichtseffekte an.

Man kann zudem diverse andere Effekte hinzufügen wie zum Beispiel Stimmenverzerrer. Wenn man länger auf den Kreis tippt und wieder loslässt, kann man ein Video drehen. Mit Tools oben rechts in der Snapchat-App können ausserdem Sticker, Texte oder auch Filter hinzugefügt werden. Unten links kann man nun einstellen, wie lange das Bild oder Video angezeigt werden soll. Bei zehn Sekunden ist Schluss. Hat man das Bild oder das Video fertig bearbeitet, kann man es mit einem Tipp auf den blauen Pfeil unten rechts mit anderen Leuten teilen. Man kann eigene Videos und Bilder speichern, jene der anderen Nutzer aber grundsätzlich nicht. Macht man das trotzdem über einen Screenshot, wird der Absender von der App darüber informiert.

Storys

Eine Story ist eine Serie von Snaps. Diese Serie kann man erstellen, indem auf das entsprechende Symbol unten in der Mitte des Displays tippt. Eine Story kann man mit den eigenen Freunden teilen. Diese haben 24 Stunden Zeit, die Story zu schauen. Danach verschwindet sie. Storys der eigenen Freunde findet man rechts vom Home Screen. Dort gibt es auch professionelle News-Storys diverserer Medien wie CNN, «National Geographic» oder «Blick am Abend». Oder auch Storys von bekannten Sportlern und Stars.

Chats

Man kann mit Snapchat zu zweit oder auch in einer Gruppe chatten. Dafür tippt man auf das entsprechende Symbol unten links. Zweier-Chats verschwinden, sobald man sie verlässt – es sei denn, man speichert sie, indem man die Nachricht antippt. Gruppenchats verschwinden nach 24 Stunden.

Snap Inc., die Mutterfirma von Snapchat, die kürzlich in Yverdon-les-Bains eine Schweizer Niederlassung gegründet hat, verkauft zudem auch Sonnenbrillen mit integrierter Kamera. Diese Spectacles bekommt man nur in den USA. Sie werden dort über Automaten verkauft, die kurzfristig irgendwo aufgestellt werden. Das ist für Snap vor allem eine gute Marketingmassnahme. Weil die Nachfrage nach den Brillen gross ist, entsteht jedesmal ein kleiner Hype, wenn irgendwo eine Spectacles-Box aufgestellt wird.

 

Ist die «Kamera-Firma» überbewertet?

Börsengang Evan Spiegel, das 26-jährige Wunderkind an der Spitze von Snap Inc., scheint lernfähig zu sein. Nachdem die Investorengemeinde in den vergangenen zwei Wochen alles andere als euphorisch auf den Börsengang der 2011 gegründeten Technologie-Firma reagierte, kündigte Snap Inc. nun eine Preisspanne je Aktie an, die am unteren Ende der Erwartungen liegt. Demnach sollen vielleicht bereits Anfang März 200 Millionen Snap-Aktien mit einem jeweiligen Nennwert von 14 bis 16 Dollar ausgegeben werden. Die Firma ist damit zwischen 19,5 Milliarden Dollar und 22,2 Milliarden Dollar wert – nachdem zuvor die Rede davon gewesen war, dass die Firma nach dem Börsengang bis zu 35 Milliarden Dollar schwer sein könnte.

Sämtliche Zweifel über die hochfliegenden Pläne von Snap werden Spiegel und Co-Gründer Bobby Murphy mit dieser demütigen Geste aber nicht aus dem Weg räumen. Die Konzernspitze scheint an der Wall Street viele einflussreiche Menschen verärgert zu haben, auch weil das Geschäftsmodell des selbsternannten Kamera-Unternehmens schwer fassbar bleibt. So beliefen sich die Werbeeinnahmen der Firma im vergangenen Jahr zwar auf 404,5 Millionen Dollar – oder fast siebenmal mehr als im Jahr 2015. Gleichzeitig stiegen aber auch die Ausgaben von Snap Inc. Unter dem Strich resultierte deshalb 2016 ein Jahresverlust von 514,6 Millionen Dollar.

Gründer bleiben am Ruder

Gemeinhin nimmt die Wall Street solche tiefroten Zahlen in Kauf, sofern ein Silicon-Valley-Unternehmen Wachstumspotenzial besitzt. Die Börsengänge von Facebook und Twitter dienen dabei als Lehrstücke. Während Facebook nach dem Börsengang 2012 zuerst tauchte, liegt der Kurs der Social-Media-Aktie nun 250 Prozent höher – auch weil Facebook starke Wachstumszahlen aufweist. Die Twitter-Aktie hingegen boomte in den Monaten nach dem Börsengang im Herbst 2013; seither zeigt die Kurve an der Börse nach unten. Heute notiert die Aktie deutlich unter dem Ausgabepreis von 26 Dollar – auch weil Twitter sich schwer damit tut, neue Nutzer zu gewinnen. Investoren verweisen darauf, dass auch die Nachfrage nach Snapchat, dem Produkt aus dem Hause Snap, stagniert. So nutzten im 4. Quartal 2016 158 Millionen Menschen den Dienst jeden Tag – oder umgerechnet 4 Millionen mehr als im 3. Quartal. Mit ein Grund dafür ist die Konkurrenz: So bieten mittlerweile auch Facebook und Instagram Funktionen an, die denen von Snapchat stark gleichen.

Nicht gerade förderlich ist, dass Spiegel und Murphy kein Interesse haben, die Zügel aus den Händen zu geben. Auch nach dem Börsengang werden die beiden Gründer gegen 88,5 Prozent der Stimmrechtsaktien kontrollieren. Denn die neuen Aktien werden kein Stimmrecht besitzen. Investoren äusserten deshalb harsche Kritik. So sprach eine Vertreterin der kalifornischen Pensionskasse Calpers von einem Vorgehen, das Erinnerungen an eine Bananenrepublik wecke. (rrw)

Das Snapchat-Logo. (Bild: Snapchat)

Das Snapchat-Logo. (Bild: Snapchat)