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TAGUNG: Biennale im Verkehrshaus Luzern: Dem Bewusstsein auf der Spur

Hinterfragen, zusammenbringen, neue Zugänge kennen lernen: Die Biennale zu Wissenschaft, Technik und Ästhetik findet zum 12. Mal in Luzern statt. Ein Gespräch mit dem Initianten René Stettler.
Pirmin Bossart
Woher kommen die Gedanken? Das brachte die Menschheit schon um 1650 ins Grübeln. (Bild: Getty)

Woher kommen die Gedanken? Das brachte die Menschheit schon um 1650 ins Grübeln. (Bild: Getty)

Interview: Pirmin Bossart

René Stettler, die von Ihnen initiierte Biennale im Verkehrshaus Luzern beschäftigt sich nächsten Samstag erneut mit dem Rätsel des menschlichen Bewusstseins. Welche wichtigen Fragen stehen an?

Die Neurowissenschaften, die sich mit den Funktionsweisen des Gehirns und der Nervensysteme beschäftigen, gelten heute als Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts. Drei Fragen stehen an der kommenden Biennale im Zentrum: Was lässt sich mit neurowissenschaftlichen Methoden tatsächlich zeigen? Welche Antworten kann die Neurowissenschaft bezüglich des Bewusstseins liefern? Kann Bewusstsein aus Gehirnprozessen hervorgehen?

Was fasziniert Sie an diesen Themen?

Fragen wie diese interessieren mich seit meiner Kindheit. Mitte der 1990er-Jahre bin ich das erste Mal nach Tucson in den USA an eine Konferenz gereist. Dort habe ich mich vollgesogen mit Ideen aus den verschiedensten Bereichen der Bewusstseinsforschung. Ich habe diese Konferenz noch mehrere Male besucht.

Was war der Auslöser für die Gründung der Biennale?

Nach meiner Rückkehr aus Tucson überlegte ich mir, eine ähnliche Plattform zu schaffen. Zunächst ging es um den Dialog zwischen Naturwissenschaft und Kunst: Mit dem Titel «Gehirn – Geist – Kultur» organisierte ich 1995 ein erstes Luzerner Symposion. Dann aber öffneten sich andere Horizonte. Ich konnte Themen der Bewusstseinsforschung in die Schweiz bringen, die hier niemand an Konferenzen diskutierte. Dabei lernte ich viele bekannte Wissenschafter wie den Physiker und Philosophen Fritjof Capra persönlich kennen. Durch Capra wurde mir klar, dass «Geist» (wissenschaftlicher Begriff: «Kognition») ein grundlegender Lebensprozess ist, der allen Lebewesen eigen ist.

Capra hat vor über 40 Jahren dargelegt, dass sich die moderne Quantenphysik und die Mythologie des Hinduismus berühren. Wie sehen Sie das Zusammentreffen von westlicher Naturwissenschaft und fernöstlichem spirituellem Wissen?

Die auf rationalem Weg gefundenen Ergebnisse der Quantenphysik waren plötzlich für viele der Beweis, dass man im Westen etwas wissenschaftlich entdeckt hatte, das die spirituellen Traditionen des Ostens offenbar schon immer «wussten». Capra schaffte es mit seinem Buch «Das Tao der Physik», eine Brücke zwischen östlicher Mystik und westlicher Wissenschaft zu bauen – eine Art geistige Begegnung der beiden Welten. Capra ging es aber noch um etwas anderes.

Nämlich?

Er vermittelt ein dynamisches Weltbild, in dem Makrokosmos und Mikrokosmos zusammenhängen. Vom Kreisen der Gestirne über das Wachsen und Vergehen allen Lebens und den Wandel der Jahreszeiten bis zu den thermodynamischen Schwingungen der Moleküle und dem Kreisen der Elektronen: Der ganze Kosmos, vom Grossen bis ins Kleinste, ist in stetiger Bewegung. Die Materie ist nichts Statisches, sie «tanzt».

Welches Bild des Menschen kann uns die Neurowissenschaft vermitteln?

Ihr Wissen gibt uns zunächst einen tiefen Einblick in die neurobiologischen Funktionen menschlicher Gehirne. Gleichzeitig hat die Neurowissenschaft auch auf unsere Sichtweisen in der modernen Psychologie und das Verständnis unseres Menschseins Einfluss gewonnen.

Inwiefern?

Heute orientieren wir uns zunehmend an einem alle Bereiche durchdringenden wissenschaftlichen Materialismus. So bedeutet zum Beispiel Sterben für viele heute nichts weiter als das Ende der Gehirnfunktionen.

Die klassische Neurowissenschaft scheint sich mit «Subjektivität» oder «individuellem Bewusstsein» schwerzutun.

Nicht nur die Neurowissenschaft. Der amerikanische Philosoph Daniel Dennett vertritt im Zusammenhang mit der menschlichen Fähigkeit, eine innere Wirklichkeit zu erleben, eine Extremposition. Für ihn ist die subjektive Erlebnisfähigkeit eine kognitive Illusion. Für mich ist das eine deprimierende Sichtweise. So werden unsere persönlichen Erfahrungen und subjektiven Erlebnisse einfach wegreduziert, nicht ernst genommen. Als Wissenschaftsplattform bemüht sich die Biennale um ein breiteres Bild: Ich will zeigen, welche Erkenntnisse die wissenschaftliche Forschung über das Bewusstsein gewinnt. Andererseits möchte ich vermitteln, dass auch das subjektive Erleben spezifische Zugänge bietet zum Verständnis, was Bewusstsein sein könnte.

Ist dies ein Grund dafür, dass Sie in den letzten Jahren auch Vertreter des Buddhismus oder Experten im Umgang mit bewusstseinsverändernden Substanzen an die Biennale eingeladen haben?

Ja. Nimmt man die Neurowissenschaften ernst, dann geht es um die Frage, was letztlich das Primäre ist: Gehirn oder Geist? Werden alle unsere geistigen Fähigkeiten ausschliesslich vom Gehirn produziert? Oder gibt es auch ausserhalb davon, also unabhängig vom Gehirn, so etwas wie ein Bewusstsein? Die Hauptvertreter unter den indischen Philosophen stimmen überein, dass Bewusstsein, Geist und mentale Phänomene als eigenständige Phänomene anzusehen sind und nicht auf irgendeine materielle Erklärung reduziert werden können.

Wie erachten Sie den Stellenwert von psychoaktiven, also bewusstseinsverändernden Pflanzen wie Ayahuasca?

Solche Pflanzen oder Substanzen produzieren bestimmte veränderte Bewusstseinszustände und öffnen individuelle Räume des inneren Erlebens. Sie können auch spirituelle Erfahrungen ermöglichen. Sie erlauben ganz persönliche subjektive Zugangsweisen zu einer Realität, über die wir noch wenig wissen.

Was ist das Verbindende der im Rhythmus von zwei Jahren stattfindenden Biennalen, was ist das grundlegende Ziel?

Mir geht es darum, ausserhalb der akademischen Wissensvermittlung, wie sie an den Universitäten stattfindet, einen interdisziplinären Ansatz zu praktizieren. Ich habe immer versucht, verschiedene Forschungsfragen miteinander zu verknüpfen. Die Biennale lädt ein, neue Zugangsweisen zum Wissen kennen zu lernen. Ich kenne zumindest in Europa keine Plattform, die etwas Vergleichbares tut.

Wen sprechen Sie an?

Wir sind auf ein breites Publikum ausgerichtet. Es müsste jedem Besucher im Verlauf des Tages klar werden, dass über Dinge gesprochen wird, die uns alle angehen. Auch ganz persönlich. Wir bieten einen grossen Büchertisch, wo die Referenten mit ihren Werken vertreten sind. Die Biennale ist jeweils nach der Veranstaltung online zugänglich.

Wie nachhaltig ist die Biennale und das erworbene Wissen?

Sie hat eine Trigger-Funktion, indem sie versucht, geistig etwas auszulösen. Eine Konferenz hat menschliche Züge, ist lebendig. Manchmal kommt es zu wissenschaftlichen Kontroversen, die auch Unterhaltungswert haben.

Wie wählen Sie die Referenten und Referentinnen aus?

Ich entwerfe ein Grobkonzept der Themen, die mich interessieren. Entsprechend den Disziplinen, die zusammenkommen, lade ich Referenten und Referentinnen ein. Wichtig ist mir die Reibung unterschiedlicher Sichtweisen, die eine Streitkultur ermöglicht.

Werden Sie die Biennale auch in Zukunft fortführen?

So lange ich gesund bin und Zeit habe, mich mit der Materie zu beschäftigen, möchte ich die vor 25 Jahren begonnene Reihe weiterführen und den wissenschaftlichen Dialog rund ums menschliche Bewusstsein der Öffentlichkeit anbieten. Diese Luzerner Tagung ist, was Themen und Interdisziplinarität betrifft, einzigartig. Sie zieht über 500 Zuhörer aus vier Kontinenten an.

Hinweis

20. Januar, 9 bis 18 Uhr: Schweizer Biennale zu Wissenschaft, Technik und Ästhetik «Das Rätsel des menschlichen Bewusstseins». Verkehrshaus der Schweiz, Luzern. Vorverkauf:www.neugalu.ch

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