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TALKSHOW: «Zuhören ist das beste Rezept»

Seit über 30 Jahren entlockt er seinen Gästen bewegende Geschichten. TV-Moderator Kurt «Aeschbi» Aeschbacher (66) über das Nettsein, das Älterwerden – und seine Zahnspange.
Interview Annette Wirthlin
«Ich hoffe, dass es zwischen dem privaten Kurt Aeschbacher und demjenigen am TV keine grundlegenden Unterschiede gibt»: der Moderator zu Hause in seinem Garten. (Bilder Manuela Jans)

«Ich hoffe, dass es zwischen dem privaten Kurt Aeschbacher und demjenigen am TV keine grundlegenden Unterschiede gibt»: der Moderator zu Hause in seinem Garten. (Bilder Manuela Jans)

Interview Annette Wirthlin

Normalerweise sind ja Sie der Fragesteller. Sind Sie ein ebenso souveräner Antworter?

Kurt Aeschbacher: Nein, ich fühle mich entschieden wohler, wenn ich die Fragen stellen kann.

Welche Journalistenfragen würden Ihnen auf den Wecker gehen?

Aeschbacher: Wenn ich merke, dass in einer Frage bereits ein Urteil versteckt ist und sie keine Chance auf eine offene Antwort bietet. Aber grundsätzlich gibt es keine falschen Fragen, nur blöde Antworten.

Was ist Ihr Geheimtipp, um möglichst gute Aussagen aus Ihrem Gegenüber herauszulocken?

Aeschbacher: Eine gute Grundvoraussetzung ist es, wenn man Menschen gerne hat und dem Gegenüber das Gefühl gibt, es nicht laufend zu werten. Zuhören ist das beste Rezept, um Antworten zu bekommen, die den Menschen dann auch für Dritte erfahrbar macht.

Sie sagten einmal: «Ich bin neugieriger auf andere als auf mich selber.» Sind sie wirklich so bescheiden?

Aeschbacher: Mit meiner «öffentlichen» oder beruflichen Neugier versuche ich, wie Sie jetzt gerade auch, Einblicke in das Leben anderer zu geben. Aber logischerweise bin ich auch neugierig auf mich und setzte mich mit mir selber auseinander: Was ist der Sinn meines Daseins? Wie leiste ich nach meinen moralischen Kriterien einen Beitrag zu einem besseren Zusammenleben? Mit diesen privaten Gedanken gehe ich jedoch nicht hausieren.

Einen Beitrag zu einem besseren Zusammenleben leisten – sind Sie deswegen Botschafter des Uno-Kinderhilfswerks Unicef?

Aeschbacher: Ja, das ist sicher auch ein Grund. Aber es gibt im Alltag laufend Möglichkeiten, jemandem einen Dienst zu erweisen; zum Beispiel einem Freund dabei zu helfen, seine Träume zu verwirklichen. Im Laufe meines Lebens ist mir dies immer wichtiger geworden. Mit dem Alter wird man sich bewusst, dass man im eigenen Leben viele Dinge nur deshalb erreicht hat, weil andere an einen geglaubt haben, und man möchte etwas davon «zurückgeben».

Interesse an Menschen zu zeigen, sie in Gespräche zu verwickeln, ist Ihr Beruf. Stehen Sie an Partys auch mal nur still in der Ecke?

Aeschbacher: Ich versuche, den langweiligen Partys, so gut es geht, aus dem Weg zu gehen. Wenn ich das Gefühl habe, dass sich dort nur irgendwelche vermeintlich wichtigen Leute gegenseitig vollquatschen wollen, bleibe ich zu Hause. Ansonsten hoffe ich, dass es zwischen dem privaten Kurt Aeschbacher und demjenigen am TV keine grundlegenden Unterschiede gibt. Zu meinem Ärger passiert es mir manchmal, dass mir das Gegenüber in einem privaten Gespräch sagt: «Aber gäll, wir sind nicht in einem Interview!» Ich hoffe doch, dass ein interessiertes Nachhaken nicht automatisch als Verhör angesehen werden muss – aber offenbar wird mir dies meines Berufes wegen schneller unterstellt.

Na ja, so schlimm kanns nicht sein. Ein Arbeitskollege hat mir gerade gesagt, er finde Sie einen «sympathischen Siech», einen, den man einfach nett finden müsse.

Aeschbacher: Der erste Teil ist ein Kompliment. Aber «nett» ist ja unter Berufskollegen oft ein Schimpfwort. Ein Journalist hat primär im Dreck zu grübeln und ein unangenehmer Zeitgenosse zu sein. Ich habe mich in den über 30 Jahren beim Fernsehen damit abgefunden, dass ich einfach ein «Unterhaltungsfuzzi» bin. Auch ich glaube nicht, dass man «Everybody’s Darling» sein muss, aber ein guter Journalist kann auch ganz gut – oder vielleicht sogar besser – zum Ziel kommen, wenn er offen fragt, anstatt das Gegenüber mit dem Rücken an die Wand zu drücken.

Sie hatten in Ihrer Karriere unzählige illustre Gäste. Welcher Promi könnte Ihnen heute noch Lampenfieber verursachen?

Aeschbacher: Komischerweise bin ich bei ganz einfachen, unbekannten Leuten aufgeregter und vorsichtiger als bei sogenannten Berühmtheiten. Medientechnisch «ungeschliffene» Leute, die etwas von sich preisgeben, was ihnen im späteren Leben zum Vorwurf gemacht werden könnte, müssen manchmal vor sich selber geschützt werden. Das macht ein Interview heikler, aber auch spannender. Bei Promis kann man im besten Fall noch etwas mehr erfahren als sowieso schon bekannt ist, und wenn die einen Mist rauslassen, sind sie selber schuld.

Wie findet man immer wieder von neuem interessante Interviewpartner?

Aeschbacher: Komischerweise gehen sie uns nie aus. Ich mache meine Talksendung seit 14 Jahren, etwa 45-mal pro Jahr à je vier Leute, das ergibt fast 200 Personen, die wir jedes Jahr suchen müssen. Auch die Schweiz als kleines Land hat ja so viele Originale – Menschen die einen etwas anderen Weg wählen. Das Problem ist nur, wie findet man die? Mein Redaktionsteam und ich legen dauernd unsere Tentakel aus, jeder in seinem persönlichen Umfeld. Es braucht etwas Mut, auch die ganz einfachen Geschichten zu erzählen, denn wenn man sie gut erzählt, bietet man den Zuhörern immer wieder Ansatzpunkte, um etwas für ihr eigenes Leben ableiten zu können.

In der vorletzten «Aschbacher»-Sendung hatten Sie den Zuger Comedian Michael Elsener zu Gast, der Sie – mit Verlaub – genial parodiert. Wie finden Sie sich in seiner Kopie?

Aeschbacher: Furchtbar! Ich habe ihm gleich gesagt, dass ich sooo blöd, wie ich bei ihm töne, nun wirklich nicht rede! Nein, im Ernst, ich finde seine Parodien natürlich toll. Man darf es ja als Auszeichnung verstehen, wenn man parodiert wird. Aber es ist ein bisschen so, wie wenn man seine Stimme auf Tonband hört. Man wird mit den eigenen Marotten und Schwächen konfrontiert, und das stimmt immer auch etwas nachdenklich.

«Aeschbacher» ist ja «die Sändig, wo me nid nume us Längwili luegt» ...

Aeschbacher: Das ist ein etwas überheblicher Spruch, ich weiss ...

Was würden denn Sie persönlich aus purer Langeweile schauen?

Aeschbacher: Sicher nicht fernsehen! Ich bin ein schlechter Fern-Seher. Es reicht ja, wenn ich selber Fernsehen mache. Ich beschäftige mich oft lieber mit Büchern und Schriftstellern oder meiner Kunstsammlung. Aber das darf man als Fernsehmacher ja nicht sagen, da wir auf die Einschaltquoten angewiesen sind.

Aber wenn schon fernsehen, dann spannende Sendungen?

Aeschbacher: Genau. Wobei ja auch jene Leute Einschaltquoten generieren, die schon lange eingeschlafen sind auf dem Sofa vor dem Fernseher. (lacht)

Wieso machen Sie diesen Sommer eigentlich keinen «Sommerjob»?

Aeschbacher: Weil ich einfach einmal mein Ferienhaus in Südfrankreich geniessen möchte.

In anderen Jahren haben Sie sich am Fernsehbildschirm jeweils als Metzger, Totengräber, Geburtshelfer und vieles mehr versucht. Opfern Sie sich da fürs Fernsehen selbstlos, oder erfüllen Sie sich damit eigene, unverwirklichte Berufsträume?

Aeschbacher: Als Journalist die verschiedensten Dinge ausprobieren zu können, ist grundsätzlich reizvoll. Man stellt sich aber auch bloss, macht sich lächerlich. Wenn ich mit meiner panischen Höhenangst plötzlich ein Hausdach mit Schindeln bedecken muss, gilt es etwas zu überwinden. Das ist kein Rollenspiel mehr, sondern man ist ganz fest bei sich und denkt: Ich hab Angst. Punkt.

Ursprünglich haben Sie Ökonomie studiert. Wenn Sie Ihr Berufsleben nochmals von vorne beginnen könnten, was würden Sie machen? Etwa einen der Berufe aus «Aeschbachers Sommerjob»?

Aeschbacher: Es ist nicht so, dass ich denke, ich wäre lieber Sänger oder Tänzer oder Architekt geworden, denn ich weiss, ich kann diese Dinge nicht. Meine Einsicht ist leider die, dass ich eigentlich nichts richtig kann und dass ich aus diesem Nichts mit meinem Beruf einen ganz passablen Lebensunterhalt zusammengeschustert habe.

Am Montag moderieren Sie im KKL Luzern einen Anlass der Pro Senectute zum Thema Kreativität im Alter.

Aeschbacher: In dem Titel ist das Vorurteil versteckt, dass alte Menschen eigentlich nicht mehr kreativ sind und dass Kreativität an einen bestimmten Lebensabschnitt gebunden ist. Aber es ist eine Fiktion unserer mit einem Jugendwahn infizierten Gesellschaft, dass das Alter eine Krankheit sei.

Was heisst denn kreativ sein?

Aeschbacher: Kreativität ist einfach ein menschliches Bedürfnis, das man lernen sollte auszuleben. Unabhängig davon, ob man Bilder malt, töpfert oder gärtnert. Kreativ sein heisst, offen auf Neues zugehen mit dem Risiko, damit abzustürzen. Misserfolg mit einer gewissen Gelassenheit zur Kenntnis nehmen und weiterfahren, nicht aufgeben. Die ständige Suche nach neuen Antworten, das alles ist Kreativität. Und diese Neugier kann man sich bis zu dem Moment erhalten, wo man die Augen für immer zumacht, unabhängig davon, ob man mit dem Rollbrett oder dem Rollator die Welt entdeckt.

In wie fern sind Sie persönlich kreativ?

Aeschbacher: Indem ich mich nicht einfach zurückziehe. Ich wäre ja schon lange «pensionsberechtigt». Manche fragen mich schon fast drohend: «Was ist mit dir los, wieso hörst du nicht bald auf?» Ich sage immer: Was ist bloss an dieser in Stein gemeisselten Zahl 65 dran, dass sie das Ende eines aktiven Lebens bedeuten müsste? Die schönsten Konzerte, die ich gehört habe, wurden von Dirigenten dirigiert, die 80 oder 90 waren!

Udo Jürgens selig fand, mit 66 Jahren – also in Ihrem Alter – fange das Leben erst an. Hatte er recht?

Aeschbacher: Nein, hoffentlich fängt es nicht erst dann an! Das ganze Dasein ist meines Erachtens ein Fluss, der uns immer wieder neue Chancen bietet. Es hat noch nie eine Gesellschaft gegeben, in der die Leute so gesund waren, so alt wurden und so viele materielle Möglichkeiten hatten wie heute.

Vergangene Woche weihten Sie in Zürich ein Fitnesscenter ein, das Sie gemeinsam mit jungen Leuten gegründet haben. Rackern Sie sich selber an Kraftgeräten ab?

Aeschbacher: Nein, der sportliche Ehrgeiz geht mir völlig ab. Die magersüchtigen Jogger, die dreimal pro Woche mit Schaum vor dem Mund ihre Kniegelenke ruinieren, das ist doch ein Wahnsinn. Wenn ich «trainiere», baue ich keine vorzeigbaren Muskeln auf, aber ich fühle mich besser, weil ich mich mit dem Körper auseinandersetze. Wie fühlt sich mein Körper an? Wie kann ich mit meinen Beinen richtig umgehen? Nur das interessiert mich. Ich habe einen persönlichen Schlauchmeister – einen Personal Trainer –, weil ich ein fauler Hund bin. Wenn jemand auf mich wartet und es etwas kostet, habe ich eine andere Motivation.

Bei Ihnen hat man das Gefühl, dass Sie zunehmend jugendlicher werden. Ihre Kleidung wird immer bunter, und seit neustem tragen Sie sogar eine Zahnspange wie ein Teenager.

Aeschbacher: Was die Zahnspange anbelangt, sind es eher die Tücken des Alters. Irgendwann verschieben sich offensichtlich die Zähne. Bevor das systemrelevant wird und ich nicht mehr richtig beissen kann, fand mein Zahnarzt, er verpasse mir für zwei Monate eine Spange. Die Farbigkeit meiner Kleider hat sich meines Wissens nicht grundsätzlich geändert. Ich fand schon immer, dass man auch als Mann die Möglichkeit hat, etwas fantasievoller gekleidet zu sein, und nicht die Uniform all jener imitieren muss, die grau wie die Lemuren durch die Gänge huschen. Es ist auch nicht hauptsächlich die Farbe, die mich an Kleidern interessiert.

Sondern?

Aeschbacher: Ich mag nicht als Litfasssäule grosser, teurer Label herumlaufen, also mache ich alle meine Kleider selber.

Wirklich, Sie nähen?

Aeschbacher: Nein, machen tu ich sie nicht selber. Ich entwerfe gemeinsam mit einem Schneider die Schnitte, wähle die Stoffe aus, sage: «Hier machen wir eine rote Naht», und «Da nehmen wir andere Knöpfe». a) Sitzen die Kleider dann besser, b) ist es individueller, c) muss ich nicht ständig in den Läden herumspringen und d) schafft es auch noch hierzulande Arbeitsplätze.

Verraten Sie uns noch, was das für Bändchen sind, die Sie da an den Handgelenken tragen?

Aeschbacher: Ich war übers Neujahr in Laos. Bei einer Neujahrsfeier in einem Kloster liessen die Mönche Laternen in den Himmel steigen und banden einem diese Glücksbändel um. Seither werden diese mit mir dreckig und duschen mit mir. Langsam aber sicher lösen sie sich auf, aber ich werde sie nicht abschneiden, denn sie sollen schliesslich Glück bringen.

Hinweis:

Termine: KKL-Vorabend-Event «Kreativität – Chancen für jedes Lebensalter». Moderation: Kurt Aeschbacher. Gesprächspartner: Prof. Dr. François Höpflinger, Emil und Niccel Steinberger, Peter Reber, Gisela Widmer. 22. Juni, 17.00–19.30 Uhr. Tickets: www.kkl-luzern.ch oder 041 226 77 77.

Camille Saint-Saëns’ «Karneval der Tiere» mit den Festival Strings Lucerne und Kurt Aeschbacher als Erzähler: 18. August, KKL, www.lucernefestival.ch

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