THEATER/FILM: Er hat das Leben vieler bereichert

Die Schweiz trauert um Jörg Schneider, einen der letzten grossen Volksschauspieler. Er starb gestern mit 80 Jahren an Krebs. Als Künstler wurde er fast etwas verkannt. Dies liegt auch an seinem grössten Erfolg.

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Jörg Schneider wurde 2014 für sein Lebenswerk mit dem Prix Walo geehrt. (Bild: Keystone/pd)

Jörg Schneider wurde 2014 für sein Lebenswerk mit dem Prix Walo geehrt. (Bild: Keystone/pd)

Arno Renggli

Der Titel dieses Nachrufes wäre so einfach gewesen: «Kasperli ist tot». Aber Jörg Schneider hätte dieser Titel mit Sicherheit nicht gefallen. Er stand zwar immer zu seinem Kasperli, der ihn seit Ende der 60er-Jahre in die Deutschschweizer Familien gebracht hatte. Aber er wehrte sich auch immer dagegen, auf den Kasperli reduziert zu werden. Und dies tat er absolut zu Recht. Jörg Schneider war fester Bestandteil einer ganz grossen Generation von Schweizer Volksschauspielern wie Ruedi Walter, Margrit Rainer, Paul Bühlmann, Stephanie Glaser oder Ines Torelli, die inzwischen fast alle gestorben sind, mit Torelli als eine der wenigen Ausnahmen.

Von klein auf ein Berufener

Jörg Schneider kam am 7. Februar 1935 in Zürich zur Welt. Obwohl er später das Lehrerseminar besuchte (und wieder abbrach) und eine KV-Lehre absolvierte, zeigte sich schon früh, was seine Berufung war. In seiner dieses Jahr erschienenen (und unbedingt lesenswerten) Biografie «Äxgüsi» schrieb er, schon von klein auf habe ihn eigentlich nichts anderes interessiert als die Bühne. «Ich war schon im Chindsgi eine richtige Rampensau.» Doch typisch, dass er im Kindergartenstück nicht die Heldenrolle kriegte. Zu klein und zu rund war er schon damals, und das sollte so bleiben. Der kleine Jörg musste eines von acht Schnee­glöggli spielen. Und zog eine Riesenshow ab. Schon mit elf Jahren durfte er dann in einer Produktion des damaligen Stadttheaters Zürich auftreten.

Es war folgerichtig das komische Fach, zu dem er sich hingezogen fühlte. So wurde er zum Mitbegründer der Cabaretgruppe «Äxgüsi». Am Zürcher Saffatheater erhielt er 1958 das erste Engagement im Lustspiel «Lysistrata». Ein wichtiger Karriereschritt war die Schweizer Tournee mit dem legendären Schaggi Streuli. Und dieser spielte ja auch den «Polizischt Wäckerli». Jörg Schneider konnte im Hörspiel, in der Bühnenproduktion und der TV-Serie mitwirken, was sein endgültiger Durchbruch war.

Mehrere persönliche Tragödien

«Polizischt Wäckerli» bedeutete für Schneider aber auch die Zusammenarbeit mit Paul Bühlmann. Die beiden wurden zum gefeierten Komikerpaar: Jahrzehntelang, bis zu Bühlmanns Tod im Juli 2000, standen sie in unzähligen Lustspielen – beispielsweise «Der müde Ehemann» oder «Liebe macht erfinderisch» – gemeinsam auf der Bühne. Dass er seinen Kompagnon «Bühli» nicht vom Alkohol abhalten konnte, war eine der grossen Tragiken in Schneiders Leben. «Manchmal habe ich heimlich geweint in meiner Ohnmacht», schrieb er später. Umso furchtbarer war für ihn, dass auch sein Sohn Urs dem Alkohol verfiel und 2010 mit nur 46 Jahren daran starb. Der dritte grosse Schicksalsschlag war, dass seine Frau Romy, mit der er über 50 Ehejahre teilte, seit einiger Zeit an den Rollstuhl gefesselt ist. Und dann erhielt er letztes Jahr die Diagnose Krebs, musste seine geplante Abschiedstournee absagen. Es wirkt fast schicksalhaft, dass er Anfang dieses Jahres mit «Usfahrt Oerlike» zusammen mit Mathias Gnädinger einen grossen Kinohit landete, in welchem es um den Tod geht. Ma­thias Gnädiger starb am 3. April unerwartet, und nun auch Jörg Schneider.

Doch dieser Film, der in Solothurn Standing Ovations und den Publikumspreis erhielt, widerspiegelt, dass Jörg Schneider eben nicht nur ein Komiker war. Sondern ein vielseitiger und auch mutiger Künstler. So wagte er 1968 ein zweijähriges Gastspiel im Theater der Stadt Heidelberg, brillierte später in anspruchsvollen Stücken wie «Warten auf Godot» oder spielte ab 1984 in der ersten Schweizer TV-Soap «Motel», welche inhaltlich sehr gewagt und kontrovers war. Als er als Küchenchef Koni Frei bei einer Szene mit Silvia Jost im Bett lag und ihr Busen zu sehen war, ging ein Aufschrei durchs Land. Nicht zu vergessen sind auch seine Erfolge mit Kinderproduktionen wie «Ringgi und Zofi» oder «Jim Knopf».

Kasperli bleibt Kassenschlager

Ja, und eben der Kasperli: 40 Stücke plus ein Mehrteiler erschienen davon, die meisten von ihnen sind schlicht und einfach Schweizer Kulturgut. Drei Millionen Tonträger wurden bisher verkauft, ein Ende ist nicht abzusehen, weil immer wieder neue Generationen von Kindern diese Evergreens entdecken beziehungsweise von ihren Eltern vermittelt bekommen. Da passte einfach alles zusammen: Jörg Schneider schrieb die Geschichten und lieh der Hauptfigur seine Stimme. Doch genauso beteiligt am Gelingen waren seine beiden kongenialen Partner Ines Torelli und Paul Bühlmann, welche mit ihrer stimmlichen Vielseitigkeit die legendärsten Nebenfiguren zum Leben erweckten. Aufgenommen wurden die Stücke in einer extrem spontanen Atmosphäre, die drei hatten einfach ihren Spass zusammen. Potz Holzöpfel und Zipfelchappe! Unzählige Menschen in der Schweiz sind mit Kasperli gross geworden, sehen in ihm einen Teil ihrer Kindheit. Damit, aber auch mit anderen Auftritten und Produktionen hat dieser grosse Künstler unser Leben bereichert. Danke, Jörg Schneider.

Hinweis

Heute bringt SRF 1 zwei Spezialsendungen zum Tod von Jörg Schneider: in «Glanz und Gloria» um 18.40 Uhr und nach 20 Uhr. Jörg Schneiders dieses Jahr erschienene Autobiografie: «Äxgüsi». Tudor Verlag, 176 Seiten, Fr. 34.90.

Bereits mit elf Jahren bewies er 1946 im Stadttheater Zürich sein schauspielerisches Talent. (Bild: Keystone/pd)

Bereits mit elf Jahren bewies er 1946 im Stadttheater Zürich sein schauspielerisches Talent. (Bild: Keystone/pd)

1984 spielte der Bühnenschauspieler an der Seite von Silvia Jost in der TV-Serie «Motel». (Bild: Keystone/pd)

1984 spielte der Bühnenschauspieler an der Seite von Silvia Jost in der TV-Serie «Motel». (Bild: Keystone/pd)

Jedem Schweizer Kind bekannt: das Kasperli-Trio Paul Bühlmann, Ines Torelli und Jörg Schneider. (Bild: Keystone/pd)

Jedem Schweizer Kind bekannt: das Kasperli-Trio Paul Bühlmann, Ines Torelli und Jörg Schneider. (Bild: Keystone/pd)

Der Volksschauspieler als «Der eingebildete Kranke» in einer Aufnahme aus dem Jahr 1991. (Bild: Keystone/pd)

Der Volksschauspieler als «Der eingebildete Kranke» in einer Aufnahme aus dem Jahr 1991. (Bild: Keystone/pd)