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THERAPIE: Zum Heilbad in den Wald

Waldmedizin gehört in Japan schon länger zur Gesundheitsvorsorge. Inzwischen werden therapeutische Waldspaziergänge aber auch bei uns angeboten, und die Wissenschaft intensiviert die Forschung darüber.
Inge Staub
Ort der Erholung und der möglichen medizinischen Heilung: der Wald. (Bilder: Donato Caspari, Reto Martin)

Ort der Erholung und der möglichen medizinischen Heilung: der Wald. (Bilder: Donato Caspari, Reto Martin)

Inge Staub

Langsam bewegt sich die Gruppe tiefer in den Wald hinein. Der Pfad beim thurgauischen Fischingen führt durch lichten Mischwald, der Boden ist weich und mit Moos bedeckt. Die promovierte Medizinerin Dagmar Wemmer bittet die fünf Teilnehmer zunächst, auf ihren Atem zu achten, das Grundprinzip von Achtsamkeit. «Konzentrieren Sie sich vor allem auf das Ausatmen und warten Sie, bis die Einatmung von selbst kommt.» Die Schritte der Gruppe werden langsamer. Die Toggenburger Ärztin und Psychotherapeutin praktiziert mit ihren Patienten «achtsamkeitsorientierte Waldtherapie» – eine Kombination von Waldbaden mit Achtsamkeitsübungen.

Waldbaden wurde in Japan entwickelt und wird dort «Shinrin-yoku» genannt. In dem Land existiert seit dem Jahr 2012 ein eigener Forschungszweig, die Waldmedizin. Qing Li, Professor und Umweltimmunologe an der Nippon Medical School in Tokio, ist der Experte für Waldmedizin. Er führte verschiedene Studien durch, welche zeigen, dass der Aufenthalt im Wald Blutdruck und Herzfrequenz senkt, Stresshormone reduziert sowie Depressionen lindert. Bäume geben organische Verbindungen von sich, so genannte Terpene. Qing Li hat nachgewiesen, dass Terpene auf den menschlichen Organismus wirken und die Zahl der Killer- zellen erhöhen, welche im Immunsystem für die Abwehr von Erregern und Krebszellen zuständig sind.

Angebote in der Schweiz sind noch spärlich

Waldbaden ist in den vergangenen Jahren zu einem festen Bestandteil der fernöstlichen Gesundheitsvorsorge geworden. Nun ist diese Methode allmählich auch in Europa angekommen. Während in Deutschland und Österreich Kurse und Ausbildungen nun wie Pilze aus dem Boden schiessen, sind die Angebote in der Schweiz allerdings noch spärlich. Einige wenige Therapeuten locken Interessierte in St. Gallen, Graubünden, Zürich oder Bern in den Wald.

Zum Beispiel Reto Weishaupt. Der Meditationslehrer von Mindfulmind bietet in Bern meditatives Waldbaden an. Er sagt: «Waldbaden fördert das Wohl­befinden.» Es sei langsamer als Wandern. «Wir tauchen in die Waldatmosphäre ein. Konzentrieren uns auf das, was wir im Wald mit unseren Sinnen ­erfahren: die Tannenzapfen am Boden, der Duft des Waldes, das Vogelgezwitscher.»

Dagmar Wemmer hat speziell für ihre Patienten, die an Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Ängsten oder Burn-out leiden, ein eigenes Waldmedizin-Konzept entwickelt. Einmal im Monat begibt sie sich mit ihrer Gruppe für eine Stunde in den Wald. In das langsame Ertasten des Waldes baut sie Atem- und Achtsamkeitsübungen ein. Die Kombination von Walderspüren und Achtsamsein steigere den positiven Effekt des Waldbadens. «Meine Patienten sind danach im Hier und Jetzt angekommen. Sie sind entspannt und ruhig», sagt Wemmer. Die Ärztin mit psychiatrisch-psychotherapeutischer Praxis in Mosnang im Toggenburg ist begeistert von der Waldmedizin: «Es ist fantastisch. Die Leute bauen innerhalb kurzer Zeit ihre inneren Spannungen ab, kommen zur Ruhe und erleben die heilenden Kräfte des Waldes.» Dagmar Wemmer will das Waldbaden in der Schweiz salonfähig machen. Sie hat deshalb kürzlich das Institut für achtsamkeitsorientierte Waldtherapie gegründet. Damit will sie erreichen, dass Waldtherapie in psycho­therapeutischen, psychosomatischen und Reha-Kliniken angewendet wird. Wemmer erklärt: «Mit der Waldtherapie kann man viel erreichen, auch präventiv.» Die Patienten könnten die Übungen schnell selbstständig ausführen.

Wissenschaftliche Erforschung nimmt zu

Inzwischen erforschen auch europäische Wissenschafter die Heilkraft des Waldes. Ein österreichisches Forscherteam kam zum Schluss: Regelmässige Aufenthalte im Wald tragen zur körperlichen Erholung und Regeneration bei, stärken das Immunsystem, verbessern die Schlafqualität und harmonisieren das Nervensystem. «Ein Waldspaziergang fördert unsere Gesundheit ganzheitlich auf psychischer, physischer und sozialer Ebene», erklärt Daniela Haluza, Umweltmedizinerin an der Medizinischen Universität Wien.

Eine Schweizer Doktorarbeit über den Erholungseffekt des Waldes ergab ebenfalls, dass sich ein Waldspaziergang positiv auswirkt. «Die gute Laune steigt, Depressionen gehen zurück», sagt Nicole Bauer. Die Umweltpsychologin von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft hat die Arbeit betreut. Die positive Wirkung des Waldes führt Nicole Bauer nicht nur auf die Terpene zurück. «Es wird derzeit diskutiert, ob es nicht noch andere Wirkfaktoren geben könnte.» Kritisch steht die Psychologin auch Aussagen gegenüber, welche sagen, dass Waldbaden Krebs heilen könne. «Das muss weiter erforscht werden. Waldtherapie ist sicher förderlich bei der Genesung.»

Neues Potenzial für den Tourismus

Auf der deutschen Ostseeinsel Usedom gibt es seit einem halben Jahr Europas ersten Heilwald. Österreich springt auf diesen Zug auf. Das Land sieht in Kur- und Heilwäldern ein grosses Potenzial für den Tourismus. In der Schweiz steckt Waldbaden als Tourismusmagnet noch in den Kinderschuhen. «Im Moment ist es noch eine kleine Nische mit lediglich ersten Angeboten», stellt Jürg Stettler fest, Leiter des Instituts für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Luzern. Stettler hält Waldtherapie für «eine interessante Option für Destinationen, die sich auf nachhaltigen Tourismus oder Gesundheitstourismus spezialisieren wollen». Die Aletscharena gehört zu den ersten, die dabei sind. Sie bietet diesen Sommer Ausflüge an unter dem Motto: «Entdecken Sie beim Waldbaden, welch unglaublich beruhigende Wirkung Atemübungen im Schatten einer 900 Jahre alten Arve haben.»

Hinweis Weitere Informationen: iawt.ch, mindfulmind.ch/waldbaden, forest-medicine.com, aletscharena.ch.

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