TIERE: Weshalb uns Tiere nahegehen

Die Entwicklung, dass die Mensch-Tier-Beziehung immer emotionaler wird, hat sich in den letzten Jahren beschleunigt, sagt der Historiker. Besonders deutlich zeigt sich das, wenn Tiere sterben.

Interview Barbara Inglin Interview Barbara Inglin
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Eine Frau mit ihrem Tier in der Hundeschule. (Bild: Keystone)

Eine Frau mit ihrem Tier in der Hundeschule. (Bild: Keystone)

Der Tod von zwei Jungbären im Berner Tierpark Dählhölzli hat für viel Empörung gesorgt (siehe Kasten). Warum reagieren viele so emotional auf den Tod zweier Tiere?

Clemens Wischermann*: Wie auch bei den getöteten Löwen in Kopenhagen spielt hier wohl das Kindchenschema mit, man kann sich gut mit kleinen Löwen und Bären identifizieren. Diese Reaktion ist allerdings nicht so schrecklich neu. Überraschend ist vielleicht die Heftigkeit der Reaktionen. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass das Mensch-Tier-Verhältnis emotionaler geworden ist. Menschen reagieren viel empfindlicher als früher. Das ist übrigens keine zoospezifische Entwicklung.

Auch der Tod eines Haustieres geht vielen sehr nah, einige trauern wie um ein Familienmitglied. Warum haben wir zu einigen Tieren eine derart enge Beziehung?

Wischermann: Das hat eine lange Vorgeschichte, es gibt verschiedene Erklärungen. Die eine Theorie besagt, dass sich Gesellschaft und Wissenschaft immer mehr für marginalisierte Gruppen interessieren. Früher waren das die Arbeiter, dann die Frauen, die Behinderten und jetzt kommen die Tiere. Diese These ist allerdings sehr umstritten. Eine andere beliebte Erklärung hängt mit dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts zusammen. Laut dieser Theorie sind in den Städten neue Lebensformen entstanden, auch kinderlose. Das mündet in der These von Tieren als Kinderersatz. Ich glaube da aber nicht ernsthaft dran. Die meisten Tiere leben in Familien mit Kindern. Ich vertrete eher die These, dass es sich um einen Kindheitsersatz handelt.

Wie meinen Sie das?

Wischermann: Historisch hat es immer schon Emotionen in den Beziehungen zwischen Mensch und Tier gegeben. Eine neue Phase in der Emotionalisierung beginnt aber ungefähr gleichzeitig mit der Erfindung der Kindheit. Wurde vorher nicht zwischen Kindheit und Erwachsenenleben unterschieden, teilte man das Leben nun in verschiedene Etappen ein. Die Lebensphase der Kindheit stellte man sich romantisch vor, als eine Zeit, in der man beschützt, aber abhängig ist. Zu einem gelungenen Lebenslauf gehörte fortan, dass man eine glückliche Kindheit gehabt hat, was bei vielen Leuten nicht stimmt. Darum spiegeln die Leute ihre Vorstellung einer gelungenen Kindheit in ihr Tier hinein. Sie ermöglichen ihrem Tier das Leben, das sie selber als Kind gerne gehabt hätten.

Wann setzt diese Entwicklung ein?

Wischermann: Sie beginnt in europäischen und nordamerikanischen Gesellschaften um 1800. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren hat sich die Emotionalisierung der Mensch-Tier-Beziehung nochmals dramatisch beschleunigt.

Warum?

Wischermann: Es hat eine Diskussion über jene eingesetzt, die sich selber nicht wehren können. Das läuft auf verschiedenen Ebenen, denken Sie etwa an die Debatten um Kindesmissbrauch, die erst in letzter Zeit breit geführt werden. Auch die Tiere, die selber keine Stimme haben, sind Teil dieser Debatte. Es geht um die Frage, wo wir noch Leben erkennen, das wir schützen müssen. Dabei stellen sich auch Abgrenzungsfragen: Geht es nur um Säugetiere oder bis zur Auster? Oder darüber hinaus? Als Nächstes werden die Pflanzen Teil dieser Diskussion, die Entwicklung läuft bereits in diese Richtung. Ich glaube, dass es sich dabei um ein Wohlstandsphänomen handelt. Wir sind weit über den Bereich hinaus, wo wir uns um unser eigenes Überleben sorgen müssen. In den 50er-Jahren in der Bundesrepublik Deutschland wären die heutigen Diskussionen völlig undenkbar gewesen.

Wir trauern um Hunde und Zoobären, viele essen aber gleichzeitig Lamm und Kalb. Wir umsorgen fürsorglich unser Kaninchen, verfüttern aber Kaninchen an die Katze. Wie erklären Sie sich dieses seltsame Verhalten?

Wischermann: Das ist eine Beziehungsfrage. Ihr eigenes Kaninchen, das einen Namen hat, würden Sie nie essen. Sie essen nur das fremde Kaninchen, zu dem Sie keine Beziehung haben. Es geht darum, ob Sie ein Tier kennen ob Sie eine emotionale Geschichte mit ihm teilen.

Trotzdem ist es merkwürdig, dass beim Tod der Giraffe im Kopenhagener Zoo die Emotionen hochgehen, die gleichen Gefühle beim Mastschwein aber ausbleiben.

Wischermann: Unsere westliche industrielle Gesellschaft lebt schon seit Beginn dieser Entwicklung, seit rund 200 Jahren, mit dieser Ambivalenz. Auf der einen Seite gibt es die Emotionalisierung der Mensch-Tier-Beziehung, auf der anderen die Industrialisierung der Fleischproduktion. Bis jetzt hat die Gesellschaft pragmatisch mit dieser Ambivalenz gelebt. Es gibt aber immer mehr Leute, die den Spagat nicht mehr aushalten. Sie werden Vegetarier oder Veganer.

Wie wirkt sich die wachsende emotionale Bindung zwischen Mensch und gewissen Tieren auf den Umgang mit dem Tod von Tieren aus?

Wischermann: Es gibt berühmte Beispiele aus früherer Zeit, etwa englische Landadelige, die ihren toten Pferden ganze Denkmäler errichten liessen. Im 18. Jahrhundert wollte Friedrich der Grosse neben seinen Hunden begraben werden. Aber das sind Ausreisser. Eine breitere gesellschaftliche Gruppe setzte sich erst später mit dem Tod von individuellen Tieren auseinander. Die Anfänge sieht man im späten 19. Jahrhundert. Es entstanden in New York, London und Paris erste Tierfriedhöfe. Ende des 20. Jahrhunderts gibt es eine grosse Welle, die Zahl der Tierfriedhöfe explodiert. Heute gibt es solche mit individuellen Gräbern, Kreuzen, Lämpchen, Bildern, Schmuck und Blumen, wie auf einem menschlichen Friedhof.

Eine Vermenschlichung?

Wischermann: Bis in die 80er-Jahre landeten bei uns in Konstanz die toten Tiere aus Kleintierpraxen noch in einem grossen Container am Flugplatz und von da aus in der sogenannten Tierkörperverwertungsanstalt. Heute werden die meisten kremiert oder begraben. Im Tierkrematorium kriegen sie das gesamte Angebot einer menschlichen Bestattung, mit Musik und Ritualen. Wollen Sie noch ein Beispiel?

Gerne.

Wischermann: Vor zehn Jahren hat jemand im «Tages-Anzeiger» eine Todesanzeige für einen Kater veröffentlicht. Das sorgte für einen veritablen Skandal. Mittlerweile werden Todesanzeigen für Tiere in seriösen Zeitungen veröffentlicht, und niemand regt sich darüber auf. In der «Süddeutschen Zeitung» etwa fand ich eine Todesanzeige für das Schaf Seraphina. Das wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen. Auch unsere Einstellung zur Trauer um Tiere hat sich in kurzer Zeit gewandelt.

Inwiefern?

Wischermann: Vor rund zehn Jahren besuchte ich den Vortrag einer Sozialpsychologin, die der Frage nachging, wie viel man um ein Tier trauern darf. Sie kam zum Schluss: Ich darf um mein Tier genau so viel trauern wie um einen geliebten Menschen. Die Zuhörer waren empört, das ging den meisten zu weit. In der Zwischenzeit hat sich viel verändert.

Wie wird sich unsere Beziehung zu Tieren weiterentwickeln?

Wischermann: Meine Prognose wäre: In ein, zwei Generationen wird man uns für Barbaren halten, weil wir Tiere essen. Wenn die Entwicklung im gleichen Tempo weitergeht wie in den letzten Jahren, gibt es eigentlich nur einen logischen Weg. Die Leute werden sich dann fragen, wie man in einer zivilisierten Gesellschaft Tiere in Massenschlägen halten und dann töten konnte, obwohl es Alternativen gab und keine Not herrschte. Es gibt zwar heute Bestrebungen, das Leben der Tiere so zu verbessern, dass sie möglichst nicht leiden, bis sie getötet werden. Aber der Schlussbaustein bleibt immer der Tod. Wenn die gesellschaftliche Meinung über diesen Schlussbaustein kippt, wird man alles, was vorher gemacht wurde, als grausam betrachten.

Hinweis

* Clemens Wischermann (1949) ist Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Univer­sität Konstanz. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Geschichte der Mensch-Tier-Beziehung.