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TIERWELT: Sprachtalente auf vier Pfoten

Ganz schön schlau: Hunde achten sowohl auf die Bedeutung von Worten als auch auf den Tonfall. Und sie merken genau, wenn beides nicht zusammenpasst.
Kerstin Viering
«Alle mal herhören: Jetzt geht es in die Röhre, und anschliessend unterhalten wir uns über eure Erfahrungen.» (Bild Eniko Kubinyi)

«Alle mal herhören: Jetzt geht es in die Röhre, und anschliessend unterhalten wir uns über eure Erfahrungen.» (Bild Eniko Kubinyi)

«Ügyes vagy», säuselt die Frauenstimme. «Jól van». Ungarisch ist für die meisten anderen Europäer ein Buch mit sieben Siegeln. Kaum eine Chance, ein bekannt klingendes Wort herauszuhören. Da bleibt nur Ratlosigkeit. Für den vierbeinigen Adressaten der Botschaft, die so viel wie «guter Junge» und «gut gemacht» bedeutet, scheint die Sache allerdings sonnenklar zu sein: Er wird gelobt und quittiert das mit eifrigem Schwanzwedeln.

Erstaunliche Parallelen zum Mensch

Doch versteht so ein Hund tatsächlich die Bedeutung der Worte? Oder hört er nur auf den Tonfall? Dieser viel diskutierten Frage geht eine Studie in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins «Science» nach. Verhaltensforscher um Attila Andics und Anna Gábor von der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest haben untersucht, wie das Gehirn von Hunden Sprache verarbeitet. Und dabei sind sie auf erstaunliche Parallelen zum Menschen gestossen.

Dabei bildet sich Homo sapiens gerade auf sein Sprachtalent einiges ein. Schliesslich hat er im Laufe seiner Evolution eine äusserst praktische Erfindung gemacht. Er kann beliebige Laute zu Wörtern zusammenfügen und denen dann eine ganz bestimmte Bedeutung verleihen. «Das eröffnet uns eine ganz neue Welt der Kommunikation», sagt Attila Andics. Im Tierreich gibt es bisher wenig Hinweise auf eine derartige sprachliche Kreativität. Ist also nur das menschliche Gehirn für so anspruchsvolle Aufgaben gerüstet? Oder sind die dazu nötigen Fähigkeiten auch bei anderen Arten angelegt?

Hunde gelten als besonders vielversprechende Kandidaten, um solche Fragen zu untersuchen. Schliesslich leben sie verschiedenen Schätzungen zufolge schon zwischen 18 000 und 32 000 Jahren eng mit dem Menschen zusammen. Viel Zeit, um die menschliche Kommunikation verstehen zu lernen. Wenn man zum Beispiel mit dem Finger andeutet, in welche Richtung ein Tier laufen soll, verstehen Hunde das viel besser als ihre nicht domestizierten Ahnen.

Familienhunde verstehen besser

Auch für gesprochene Sprache haben vor allem Familienhunde ein gutes Ohr. Schliesslich sind sie in ihrem Alltag ständig mit irgendwelchem Gerede konfrontiert. So berichteten Julia Fischer und ihre Kollegen vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig vor ein paar Jahren von den Talenten eines Border Collies namens Rico. Das Tier kannte die Namen von mehr als 200 Spielzeugen und anderen Gegenständen, die es auf Verlangen anschleppte. Sehr rasch lernte es auch neue Begriffe, die es sich dann wochenlang merkte. Andere Hunde haben es sogar auf ein Repertoire von mehr als tausend Wörtern gebracht.

Doch die Bedeutung eines Wortes ist nicht alles. Auch aus dem Tonfall lässt sich einiges erfahren. Etwa darüber, wie der Sprecher gelaunt ist. Das erkennen Menschen und Tiere an ganz ähnlichen Indizien. «Eine höhere Stimmlage ist zum Beispiel oft ein Zeichen für Aufregung», erklärt Attila Andics.

Um das alles richtig einschätzen zu können, hat sich im menschlichen Gehirn eine Art Arbeitsteilung entwickelt: Ein Bereich in der rechten Hälfte des Denkorgans analysiert die Sprachmelodie, die linke dagegen verarbeitet die Worte. «Unser Gehirn analysiert also separat, was jemand sagt und wie er es sagt», erläutert der Forscher.

Auch Hunde analysieren den Ton

Geht in einem Hundekopf vielleicht ähnliches vor? Erste Indizien dafür haben Victoria Ratcliffe und David Reby von der University of Sussex in Grossbritannien schon vor zwei Jahren gefunden. Die Forscher hatten 250 Hunden verschiedene Befehle vom Band vorgespielt – und zwar so, dass die Töne beide Ohren gleichzeitig erreichten. Trotzdem wendeten die Tiere den Kopf mal nach rechts und mal nach links. Arbeitet eine der beiden Gehirnhälften besonders stark, scheinen die Laute für den Hund aus der gegenüberliegenden Richtung zu kommen. Ist die rechte Hälfte aktiv, schaut er also nach links und umgekehrt. Daraus schlossen die Forscher, dass die Tiere den Inhalt eines Kommandos auf der linken Seite analysieren und den Tonfall auf der rechten.

Das Team aus Budapest wollte nun live beobachten, wie Hundegehirne Sprache verarbeiten. Dazu haben die Forscher 13 Vierbeinern beigebracht, sich für sieben Minuten bewegungslos in einen funktionellen Magnetresonanz-Tomografen zu legen. Diese Geräte liefern hoch aufgelöste Bilder vom Gehirn und machen sichtbar, welche Areale des Denkorgans gerade aktiv sind. «Wir haben die Hirnaktivitäten der Tiere gemessen, während sie ihrer Trainerin zuhörten», berichtet Anna Gábor. Diese verteilte vor allem verbale Streicheleinheiten. Mal trug sie die Lobesworte allerdings mit schmeichelnder Stimme vor, mal mit neutraler.

Uraltes Talent

In diesen Versuchen hat sich bestätigt, dass die Arbeitsteilung im Hundekopf tatsächlich ganz ähnlich funktioniert wie beim Menschen: Für das Tier bedeutungsvolle Worte aktivieren die linke Gehirnhälfte – mit der rechten Hälfte analysieren die Vierbeiner die Sprachmelodie. Problemlos schaffen sie es dann offenbar, die Ergebnisse abzugleichen. Auf den MRT-Bildern ist zu sehen, dass Lob bei Hunden das Belohnungszentrum aktiviert. Es hat damit einen Effekt wie Streicheleinheiten oder Futter. Das gilt allerdings nur, wenn Wortbedeutung und Sprachmelodie zusammenpassen.

Hunde sind also sehr sensibel für Untertöne und andere sprachliche Feinheiten. Erstaunlich für eine Art, die selbst nicht sprechen kann und nicht zur näheren Verwandtschaft des Menschen gehört: Die Entwicklungslinien beider Arten trennten sich schon vor 90 bis 100 Millionen Jahren. Stammt das Talent zur Sprachverarbeitung also aus uralten Zeiten, in denen die Sprache noch gar nicht erfunden war? Die Forscher halten das für wahrscheinlich. Sie glauben nämlich nicht, dass sich die Arbeitsteilung der Hirnhälften in den paar zehntausend Jahren entwickelt haben kann, die seit der Domestikation des Hundes vergangen sind. Vielmehr scheint die nötige Hardware im Nervensystem schon vorhanden gewesen zu sein und sich dann an die Verarbeitung von Sprache angepasst zu haben.

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