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TRAUERN: Tagebuch des Sterbens

Wir alle müssen eines Tages gehen. Sterben ist unausweichlich. Das wissen wir – was aber nichts daran ändert, dass ein Todesfall von nächsten Angehörigen sehr aufwühlend und schmerzlich ist. Ein Erlebnisbericht.
Thomas Bornhauser
21. Februar: Entschlafen mit dem Bäri in den Händen. Aus der «Leihgabe» der Urenkelin wurde ein Geschenk für die Ewigkeit.

21. Februar: Entschlafen mit dem Bäri in den Händen. Aus der «Leihgabe» der Urenkelin wurde ein Geschenk für die Ewigkeit.

Thomas Bornhauser

Im letzten Jahr waren es in der Schweiz 64586 Menschen, welche die Grenze vom Dies- ins Jenseits überschritten. Im Kanton Luzern zum Beispiel starben 2833, im Kanton St. Gallen 3820 Personen. Nüchterne Zahlen zur Sterblichkeit. Doch weshalb sollte man sich mit den konkreten Erscheinungsformen unserer Endlichkeit näher auseinandersetzen? Die Vorstellung vom eigenen Ende ist ja eigentlich unvorstellbar, weshalb für die meisten Verdrängen auf der Hand liegt. Ausser, wenn der Tod sozusagen persönlich seine Aufwartung macht.

So hat es unsere Familie vor einigen Wochen getroffen. Wir wussten zwar, dass unsere Mutter mit zunehmenden Altersbeschwerden kämpfte. Und doch war sie mit ihren 93 Jahren noch immer vergleichsweise rüstig, managte weit­gehend selbst ihren 3-Zimmer-Haushalt. Und hielt Unangenehmes von ihrer geliebten Familie fern. Bis sie uns nicht mehr schützen konnte vor einer erschütternden Zeit des Abschiednehmens.

Freitag, 13. Januar

Das letzte Essen bei ihr vor meiner ­Leserreise nach Südamerika. Meine Mutter erzählt mir von einer Reise, die sie selber in den 1980er-Jahren nach Südamerika gebracht hatte. Weit unten im Süden des Kontinents habe sie ein Grab entdeckt mit einem Namen, der identisch gewesen sei mit demjenigen ihres geliebten Vaters: Paul Roux.

Beim Abschied an ihrer Haustüre entdecke ich Tränen in den Augen meiner Mutter. «Ich lasse dich nicht gerne ziehen», sagt sie leise. Worte, die ich nie zuvor aus dem Mund dieser mutigen und stets zuversichtlichen Frau gehört habe.

Donnerstag, 26. Januar

Meine Mutter ist im Spital. Geschlossene Hauptarterie im rechten Bein. Mein Bruder wie ich sind beide im fernen Ausland, er im Osten, ich im Westen. Meine 26-jährige Tochter springt ein, quartiert sich im Spitalzimmer ihrer Grossmutter ein. Aber wie weiter? Reicht es für mich für einen Notrückflug, bevor meine Mutter in den OP-Saal gebracht wird?

Freitag, 27. Januar

Besuch ihrer knapp 4-jährigen Urenkelin Jasmin am Spitalbett. Ihre Urgrossmutter brauche ein Gspänli, findet das Mädchen. Also übergibt sie meiner Mutter kurzerhand ihren Bäri. Nicht ohne zu sagen, dass das nicht ein Geschenk, sondern eine Leihgabe sei.

Dienstag, 31. Januar

Es hat gereicht! Via Montevideo und ­Madrid bin ich gerade noch rechtzeitig zurück und jetzt im Spital. Dort treffe ich auf meine zuversichtlich wirkende Mutter. Gespräche mit den Ärzten im Hinblick auf die OP vom kommenden Tag. Meine Mutter unterschreibt die nötigen Papiere, mit Schwung und mit fester Schrift. «Packe mer’s a!», sagt sie.

Donnerstag, 2. Februar

Tag 1 nach dem Eingriff unter dreistündiger Vollnarkose. Die Operation sei gelungen, lässt man uns wissen. Meine Mutter aber wirkt auf mich fast ein bisschen überdreht, redet viel und nicht wirklich strukturiert. Ob das gut kommt?

Samstag, 4. Februar

Es ist einer jener Augenblicke, die ich nie mehr vergessen werde. Schon tags zuvor wurde meine Mutter immer ruhiger. Jetzt wirkt sie restlos erschöpft. Dann flüstert sie mir unvermittelt ins Ohr: «Ich möchte Jesus sehen.» Und es kullern Tränen aus ihren Augen, als sie zu einer Ergänzung ausholt. Es sei halt ein Dilemma, ergänzt sie, weil sie ihre Familie nicht aus den Augen verlieren möchte.

Mein Blick geht aus dem Spitalfenster hinüber zum Friedhof, dorthin, wo sie meinen Vater im September 1976 be­graben haben. Den Besuch im Spital ergänze ich um einen Besuch am Grab ­meines Vaters.

Wann habe ich in meinem Leben letztmals so geweint?

Sonntag, 5. Februar

Es geht aufwärts! Grosi, wie meine Mutter in meiner Familie heisst, lässt Spuren von Lebensenergie erkennen. Mein knapp 28-jähriger Sohn ist vor seiner Rückkehr nach China nochmals im ­Spital zu Besuch, zusammen mit seiner taiwanesischen Frau und mit seiner Tochter Jasmin. Dann geht es für die drei zurück nach Schanghai, ihrem heutigen Wohn- und Arbeitsort. Am Abend schauen sie auch noch bei mir vorbei. Wir ­machen auf Zuversicht. Aber unaus­gesprochen schwebt die Frage im Raum: Wird mein Sohn seine Grossmutter ­lebend wiedersehen, die Frau, die auch sein Leben massgeblich mitgeprägt hat?

Montag, 6. Februar

Der Wochenbeginn bringt die Hoffnung zurück. Ich bringe meiner Mutter ein Blümlein, das sie sofort als aus ihrer Wohnung stammend identifiziert. Die Blüte soll ihr sagen: Wir warten in deiner Wohnung auf deine Rückkehr.

Im Spital sehen sie es offenbar ähnlich. So wird erstmals der Austritt thematisiert. Die Rede ist vorerst von einem Pflegeheim, um für das operierte Bein bestmögliche Pflege zu gewährleisten.

Freitag, 10. Februar

Es ist so weit! Ich begleite meine Mutter, chic mit Hut, beim Austritt aus dem Spital. Und im Pflegeheim wird sie fürs Einchecken von meinem Bruder in Empfang genommen.

Dienstag, 14. Februar

Die Zuversicht erfährt Bestätigung: Das Pflegepersonal notiert, dass meine ­Mutter innerhalb von 24 Stunden über 2 Liter Flüssigkeit zu sich genommen hat. Und ihre Lebensgeister sind erkennbar wiedererwacht. Lust aufs Essen, zum Beispiel auch auf Glace. Interesse für ihr aktuelles Umfeld: Wer ist dieser Mann? Und diese Frau, bin ich der nicht schon früher begegnet? Meine Mutter wagt auch erste Schritte mit voller Belastung auf dem operierten Bein.

Auf dem Nachhauseweg ertappe ich mich beim Gedanken: Doch, sie packt es! Doch, sie hat eine realistische Chance, schon bald wieder in ihre geliebte Wohnung zurückzukehren.

Mittwoch, 15. Februar

Es ist der Anfang vom schnellen Ende ­aller Hoffnungen. Meine Mutter leidet an heftigen Schmerzen. Der Heimarzt sagt mir: «Wir fühlen uns an der Grenze unserer Möglichkeiten. Vielleicht sollte man Ihre Mutter zurück ins Spital bringen.» Meine Rückfrage, wozu das für sie denn gut sein soll, bleibt unbeantwortet.

Donnerstag, 16. Februar

Welch schöner Tag! Aber nicht für ­meine Mutter. Die Schmerzen haben für sie ein offenbar unerträgliches Ausmass an­genommen.

Ich suche nach Ablenkung für die leidende Frau und fahre sie im Rollstuhl an die frische Luft. Die Sonne erinnert an den Frühling, aus der Heimvoliere zwitschert es uns munter entgegen. «Hörst du die Vögel?», frage ich meine natur­liebende Mutter. Ja, sie hört sie. Aber sie friert. Sie muss ins Bett zurück. Aus ­diesem Bett wird sie nie mehr aufstehen.

Der Heimarzt bittet mich und meinen Bruder zum Gespräch. «Ihrer ­Mutter kann man leider nicht mehr helfen. Sie wird an ihrer Gefässerkrankung sterben.» Wir wollen wissen, was diesen dramatisch schnellen Umschwung ausgelöst hat. Es bleibt bei Spekulationen und dem Begriff der «komplexen Situation».

Sie stecken meiner Mutter einen ­Venenzugang ins linke Bein, für Spritzen, welche sie von den Schmerzen befreien sollen, endgültig. Und ihr Schlaf schenken sollen bis zur Ewigkeit.

Freitag, 17. Februar

Meine Mutter schläft. Aber immer ­wieder windet und verkrampft sie sich in Schmerzen. Dann zittert sie, oder sie sperrt sich mit aller Kraft gegen das Bettgestell. Gibt es Unerträglicheres, als den wichtigsten Menschen im eigenen Leben so leiden zu sehen?

Die Morphiumdosis wird verdoppelt.

Samstag, 18. Februar

An Weihnachten 2014 hatte mir meine Mutter das Bild eines Schutzengels geschenkt, zusammen mit einem Text, der an Zärtlichkeit nicht zu übertreffen war und in der Aussage gipfelte, dass ich ­einen Schutzengel brauchen könne und verdienen würde. Dieses Bild bringe ich meiner Mutter jetzt ans Bett.

Mittlerweile schläft meine Mutter tief und entspannt. Ich halte ihr das Bild vors Gesicht und sage langsam und klar: «Diesen Schutzengel, den hast DU verdient. Deshalb habe ich ihn jetzt für DICH mitgebracht. Da öffnet meine Mutter die Augen. Reden geht seit den ersten Morphiumspritzen vom Donnerstagabend nicht mehr. Aber sie antwortet mit den Augen. Mit einem Blick, wie ich ihn im Verlaufe der Jahre bestens kennen gelernt habe. «Ned schlächt – do hesch der aber öppis ifalle lo!», sagt sie mir mit dem letzten Blick in ihrem Leben.

Es folgen Umarmungen. Sie dürften meine Mutter eine unglaubliche Anstrengung gekostet haben. Aber sie schafft das noch einmal. Richtig fest.

Später stossen meine Tochter und mein jüngerer Sohn dazu. Die Enkelin ist froh, ihre Grossmutter nicht mehr leiden zu sehen wie noch tags zuvor. Derweil der 23-jährige Enkel aufgewühlt wirkt.

Ich spreche mich mit meinem Bruder ab, dass wir unserer Mutter Zeitfenster mit und ohne unsere Gegenwart offenhalten möchten für den Moment ihres Sterbens. Mein Bruder holt in der Wohnung meiner Mutter die Kleider, in die sie als Tote eingekleidet werden möchte.

Sonntag, 19. Februar

Es ist der dritte Tag ohne Flüssigkeits­zufuhr für meine Mutter. Mein Bruder und ich fühlen immer wieder ihren Puls, prüfen die Körpertemperatur an ihren Beinen. Und während unsere Mutter tief schläft, reden wir wie Bücher. Über vergangene Zeiten. So viel, wie wir das seit Jahren nicht mehr getan haben. Ich ertappe mich beim Gedanken, dass unsere Mutter uns jetzt belauschen und sich ins Fäustchen lachen könnte im Sinne von: «Jetzt habe ich auch das noch geschafft!»

Und ich? Was habe ich nicht alles verpasst oder eben auch falsch gemacht im Umgang mit meiner Mutter! Es hagelt im Selbstgespräch Vorwürfe an die eigene Adresse. Aber vielleicht ist das ja zugleich eine Chance, die uns die Mutter selbst in ihrem Gehen noch eröffnet: Die Chance auf einen bewussteren Umgang mit Familie und Freunden im Angesicht intensiv erlebter Endlichkeit des Lebens.

Montag, 20. Februar

Der Frühling scheint nah. Ich trete ins Zimmer meiner Mutter, gehe zum Fenster, öffne es und schildere meiner Mutter die Schönheit des angebrochenen Tages. «Hörst du die Vögel?»

Es wird ein langer Tag. Für unsere Familie ein Tag für die Ewigkeit.

Kurzweilig geht es hingegen im Erdgeschoss des Hauses zu. Da feiern sie den Heimbesuch des Fritschivaters. Ein Kollege aus diesem Zirkel macht im Gespräch mit mir auf lustig mit der Bemerkung: «Ha gar ned gwüsst, dass du im Pflegeheim bisch!»

Der Rücken meiner Mutter wird immer heisser. Das sei normal, erklärt man uns. Und als man unsere Mutter abends um 7 Uhr umbettet, frage ich: «Warum?» Und: «Ist die Gefahr von Druckstellen jetzt wirklich das Wichtigste»?

Dann folgt, in meinen Augen, eine Stunde des Grauens. Meine Mutter ringt um Luft. Ich stelle mir das unerträglich vor. Ich eile zum Pflegepersonal. Kann man denn nichts tun für unsere Mutter?

Wir fassen in kürzeren Abständen verabreichte Morphiumspritzen ins Auge. Doch dazu kommt es nicht mehr. Gegen Viertel nach acht macht das ­Ringen nach Luft plötzlich einem Röcheln Platz. Eine, zwei Minuten lang. Dann weicht das Leben aus dem Körper unserer Mutter. Ich habe meine sterbende Mutter an der Schläfe gestreichelt, und nun bitte ich meinen Bruder, das Fenster zu öffnen, damit ihre Seele entweichen kann.

Und meine eigene Seele? Sie irrt umher. Ich tigere durch den Heimpark. Entdecke in einem benachbarten Heimgebäude die Unermüdlichen des Fasnachtstrosses, die munter drauflos­feiern. Ich fühle mich im falschen Film. Aber meine Mutter würde entgegnen: «Sollen sie das Leben feiern!» So werde ich es im Leidzirkular formulieren. Dass wir zum Essen und Trinken einladen, «um das Leben zu feiern, das immer wieder obsiegt».

Dienstag, 21. Februar

Im Heimbett, das für meine Mutter zum Sterbebett geworden ist, haben sie den Leichnam liebevoll gebettet. Edel sieht sie aus, die 93-jährige Frau, mit Strohhut und grauer Jacke. In ihre Hände haben sie den Bäri ihrer Urenkelin gelegt; den Bäri, der als Leihgabe gedacht war.

Mittwoch, 8. März

Heute kommt die Asche meiner Mutter ins Familiengrab. Die Pfarrerin erinnert daran, dass die Verstorbene ein langes Leben hatte. Ja, ich weiss. Alle sagen, dass wir dankbar sein sollen für das ­lange Zusammensein. Ich aber bin stattdessen traurig. Wo Liebe ist, gilt das Argument des Alters nicht.

Mittwoch, 15. März

«Als ich meinen toten Vater sah und seinen Leichnam in meiner Heimat Indien dem Feuer übergab, da habe ich die Prioritäten in meinem Leben neu gesetzt», sagt mir mein langjähriger Freund Vijay bei einem Spaziergang hoch über Zürich.

«Und», frage ich nach, «glaubst du an ein Leben im Jenseits?»

«Wenn der Mensch stirbt, verlässt die Lebensenergie den Körper. Energie aber stirbt nicht. Sie wandelt sich um», gibt mir der Hindu mit ETH-Diplom zur Antwort.

«Die Lebensenergie weicht aus dem Körper, aber die Energie stirbt nicht.» (Bild: Getty/David Epperson (Photographer's Choice))

«Die Lebensenergie weicht aus dem Körper, aber die Energie stirbt nicht.» (Bild: Getty/David Epperson (Photographer's Choice))

27. Januar: Auf dem Schoss ihrer Mutter überreicht Jasmin (4) am Spitalbett ihrem Urgrosi den Bäri. «Aber nicht zum Behalten», sagt das Mädchen.

27. Januar: Auf dem Schoss ihrer Mutter überreicht Jasmin (4) am Spitalbett ihrem Urgrosi den Bäri. «Aber nicht zum Behalten», sagt das Mädchen.

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