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TRAUM: Leben im VW-Bus: Wie die Hippies – nur ganz anders

Losfahren, ungezwungen leben – geht das heute noch? Die Vanlife-Bewegung tut zumindest so. Sie ist ein merkwürdiges Lifestyle-Phänomen geworden – und für einige auch ein ergiebiges Geschäftsmodell.
Charlotte Janz
«Es ist okay, anders zu sein»: Typisches Vanlife-Pärchen in seinem dazu passenden Gefährt, einem alten VW-Bus. (Bild: Getty)

«Es ist okay, anders zu sein»: Typisches Vanlife-Pärchen in seinem dazu passenden Gefährt, einem alten VW-Bus. (Bild: Getty)

Charlotte Janz

Diese Geschichte beginnt wie ein modernes amerikanisches Märchen. Foster Huntington, ein attraktiver junger Mann aus Oregon, arbeitet in der Modebranche und merkt, dass er nicht glücklich ist. Also kündigt er vor sechs Jahren seinen Designerjob bei Ralph Lauren in New York und zieht um – in einen alten VW-Bus. Drei Jahre lang reist er mit seinem Bulli Baujahr 1987 durch Nordamerika. Er campt, surft, unternimmt Wanderungen. Und er macht Fotos von seinem VW-Bus vor der Kulisse atemberaubender Landschaften. Diese Bilder postet er im Internet.

Es sind die frühen Tage von Insta­gram. Auf der Foto-Plattform verschlagwortet er seine Bilder mit Hashtags wie #homeiswhereyouparkit (Zuhause ist, wo du parkst) und #livesimply (lebe einfach). Am häufigsten aber verwendet er den Begriff #vanlife. Huntington ist ­Mitte 20, und er hat etwas Grosses losgetreten.

Heute gibt es über 2,3 Millionen Beiträge auf Instagram unter dem Hashtag #vanlife. Communities mit Namen wie «vanlifediaries» (Bustagebücher) und «vanlifeexplorers» (Busentdecker) veröffentlichen verführerische Fotos von Campingbussen. Auf individuellen Profilen stellen Busbewohner ihr Leben zur Schau. Einigen gucken dabei Hunderttausende Follower zu

Foster Huntington hat eine neue Art von Berühmtheit begründet: Ein Cele- brity sein, nicht weil man bekannt ist, ein Filmstar, Sänger oder Model ist, sondern, weil man einen beneidenswerten Lebensstil dokumentiert. Mittlerweile hat Huntington 1 Millionen Abonnenten auf Instagram. Und er hat zwei Bücher zum Thema Vanlife veröffentlicht.

Die Szene selbst sieht sich als eine globale Bewegung. Eine Bewegung von Menschen, die frei leben wollen, ohne festen Job, ohne Hypothek, ohne Luxus, erlöst vom Klammergriff der Gesellschaft. Naturverbunden, stressfrei, nachhaltig. Regelmässige Vanlife-Treffen stärken das Wir-Gefühl. Doch was anfing als Versuch, ein einfaches Leben zu führen, wurde schnell zum Lifestyle-Hype – und für einige zu einem lukrativen Geschäftsmodell. Die Formel: Kaufe einen Van, je älter, desto besser, richte ihn heimelig ein, lege einen Instagram-Account an, gib ihm einen verfänglichen Namen, sammle Follower, bewerbe Produkte, werde für deine Reisen bezahlt.

Attraktive Frauen in Yoga-Pose

Vanlife ist ein grossartiger Marketing-Begriff. Viele Fotos, die in den sozialen Medien unter dem Hashtag #vanlife laufen, haben mit Bussen nur hintergründig zu tun. Die Motive sind häufig attraktive Frauen, die vor dem Bus in einer Yoga-Pose verharren. Eine betörende Landschaft durch die offene Heckklappe hindurch fotografiert, im Bildvordergrund räkelt sich wahlweise eine schöne Frau, gerne im Bikini, und/oder ein knuffiger Hund auf einem hippen Ethno-Deckchen. Menschen am Lagerfeuer, die zusammen Spass haben, im Halbschatten hinter ihnen der Bus.

Die Szenen laden Aussenstehende ein. Sie sind wie ein gutes Werbekatalog-Foto, das dem Betrachter Raum gibt, sich selbst in diese Situation hineinzuträumen. Das haben Vanlifer und Firmen entdeckt – und sich teils zu profitablen Kooperationen zusammengeschlossen.

Corey Smith und Emily King, ein fotogenes Paar Anfang 30, das auf ­Instagram unter dem Namen «Where is My Office Now?» (Wo ist mein Büro jetzt?) firmiert, lässt sich etwa für geschicktes Product Placement bezahlen. Ein Bild zeigt Emily von hinten, wie sie nackt in der Tür ihres VW-Busses kniet, ihren Po verdeckt ein Zweig. Auf der Anrichte vor ihr steht eine Trinkflasche. Dazu steht, es sei okay, anders zu sein. Man solle tief durchatmen und im Jetzt leben. Ganz am Ende steht ein kleiner Hinweis, dass der Post von der Flaschenfirma gesponsert sei.

Mikro-Influencer-Marketing, wie sich diese Art der Werbung nennt, sehen Experten als Zukunftsmarkt mit riesigem Wachstumspotenzial. Die sozialen Netzwerke sind heute der Ort, an dem Firmen mithilfe gut vernetzter Privatleute versuchen, die Leute zu beeinflussen. Ein Vorteil für die Unternehmen: ­Es ­ gibt bisher kaum Branchenstandards, ­Regulierungen oder eine verbindliche Kennzeichnungspflicht von Werbung.

Heile Welt vergangener Tage

Viele Vanlifer nutzen in ihren Bildern dieselben Stereotypen: Da ist das feingliedrige Neo-Hippie-Mädchen mit Blumen im Haar. Der Mann an ihrer Seite ist ein Holzfäller-Typ. Häufig hat auch er lange Haare, einen Bart, und er macht den Eindruck, als könnte er problemlos in der Wildnis überleben.

Nicht nur die Autos sind Retro, auch die Gender-Fantasien sind es. Die Frauen basteln oder kochen Tee, die Männer liegen mit Werkzeug unterm Auto oder hacken Holz. Dann ist da noch die ­Captain-Fantastic-Familie mit nackten wilden Kindern, die von der Natur fürs Leben lernen sollen.

Häufig suggerieren die Bilder eine heile Welt vergangener Tage. Das Phänomen Vanlife und seine Abbildungen auf Instagram bedienen eine Reihe aktueller Trends: Die Sehnsucht nach Naturverbundenheit, die Abkehr von der Karriere zugunsten von Freizeit, Familie und Freunden, das Streben nach Selbstverwirklichung, nach Nähe zur Natur und Ferne von Technologie, nach In-sich-Ruhen, nach Achtsamkeit.

Die Realität ist oft nicht so romantisch

Der reine Kult bevorzugt dabei ganz bestimmte Vans, nämlich die alten VW-Busse mit den freundlichen Kulleraugen, Modelle T1, T2 und T3. Und je älter das Gefährt, desto mehr müssen seine Besitzer daran herumwerkeln. Die Rückbesinnung aufs Handwerk, aufs Selbermachen, bedient der Lebensstil also auch.

Dabei gestaltet sich die Realität oft weniger romantisch. Wer sich den Ausstieg im Bus als Influencer finanzieren will, muss regelmässig Inhalte kreieren. Die Follower wollen immer mehr und schönere Fotos sehen. Plötzlich sind die vermeintlichen Aussteiger hart am Arbeiten. Auf der Suche nach Wlan müssen sie ihren paradiesischen Schlafplatz in den Bergen verlassen – und bei McDonald’s Halt machen.

Die Vanlife-Szene ist voller Suchender. Es gibt Familien, Rentnerpaare und veritable Eremiten. Den Grossteil machen aber die sogenannten Millennials aus, Menschen, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden.

Keine Generation vorher war dermassen gut ausgebildet. Was treibt gerade die erste Generation von Digital Natives zum Leben in einem Bus? Ist es die Übersättigung mit Job und Karriere? Oder angesichts befristeter und prekärer Arbeitsverhältnisse eben die Abwesenheit davon?

Schon die Hippies zogen in den 60er- und 70er-Jahren mit VW-Bussen durchs Land, um die sinnentleerten Wohlstandsideale der Mittelschicht zu hinterfragen und ein von bürgerlichen Tabus befreites Leben zu führen. Allerdings ohne Hashtag. Und auch ohne jene, die im System verblieben sind, den eigenen Lebensstil anzupreisen. Von denen wollte man sich ja distanzieren. Vanlife ist weniger politisch. Letztlich ist es wohl ein Versuch der Millennials, im Dschungel der Optionen die Unsicherheiten des eigenen Lebens zu romantisieren und zu ästhetisieren.

Viele typische Vanlife-Fotomotive wirken indes künstlich, obwohl die doch ein Leben dokumentieren sollen, das als speziell authentisch empfunden wird.

Da ist das schlafende Pärchen, das entweder von einem Dritten im Bus fotografiert wird oder sich mit dem Selbstauslöser behilft. Da ist die Drohnenperspektive, die den Vanlifer vor seinem Bus auf dem Rücken liegend zeigt. Und da ist der Bus als kleiner Punkt auf einer einsamen Strasse, die sich durch eine Bilderbuch-Landschaft schlängelt. Um dieses Foto zu schiessen, musste immerhin jemand ein paar Kilometer vorher abgesetzt und nachher wieder eingesammelt werden. Dem Betrachter suggeriert das Foto aber vor allem eins: Freiheit.

Was man auf Fotos nicht sieht: Berge von dreckigem Geschirr, Blutflecken totgeschlagener Moskitos an den Fensterscheiben, matschige Regenstiefel auf dem Teppichboden des Busses. Das Van-Leben wird ästhetisch überhöht.

Die Industrie lebt von den Träumern

Mit dem richtigen Hashtag können die eigenen Reisen so zum Produkt werden. In der Vanlife-Terminologie heissen sie oft «Projekte». Unter den Fotos auf ­Instagram stapeln sich die Kommentare: «Will auch!», «Wow, habt ihr ein tolles Leben!». Die Bulli-Idylle ist wie die Surfkultur: eine ganze Reihe von Menschen kann sich mit der Philosophie, dem Stil, der Ästhetik identifizieren, aber nur ein Bruchteil davon führt wirklich dieses Leben. Die Industrie lebt von den anderen.

So träumen viele nur davon, im Bus zu wohnen, alles hinter sich zu lassen, vor sich die offene Strasse. Die meisten fahren bestenfalls mit ihren überteuerten Mobilen am Wochenende auf den Campingplatz, und in den Sommerferien mal zwei Wochen am Stück. Selbst die meisten Vanlifer, die sich auf Insta­gram präsentieren, wohnen oft nur vorübergehend in ihren Gefährten. Es gibt deshalb auch besorgte Stimmen: «Die Bewegung darf nicht zu einer reinen Social-Media-Show verkommen», schreibt einer. «Es ist Wahres dran am Vanlife.»

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