TRENDS 2017: Das kann ja heiter werden

Heute um Mitternacht ist das Jahr 2016 Vergangenheit. Zeit für einen Blick in die Kristallkugel. Welcher Popstar wird 2017 für Aufregung sorgen? Welche technische Erfindung unser Leben bereichern, was auf unseren Tellern landen? Neun Prognosen.

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Ein Blick in die Kristallkugel. (Bild: LZ)

Ein Blick in die Kristallkugel. (Bild: LZ)

Computer werden schneller als das menschliche Gehirn

Die Technik entwickelt sich in rasendem Tempo, sagt man. Doch was war der wissenschaftliche Durchbruch des Jahres 2016? Die Bestätigung einer 100 Jahre alten Theorie. Denn vor einem Jahrhundert hat Albert Einstein die Existenz von Gravitationswellen vorausgesagt. In diesem Jahr nun haben amerikanische Wissenschaftler mit dem Laser-Interferometer-Gravitational-Wave- Observatory, kurz Ligo genannt, die geheimnisvollen Wellen im All erstmals direkt beobachtet. Sie beobachteten Gravitationswellen, die von Schwarzen Löchern in 1,3 Milliarden Lichtjahren Entfernung erzeugt werden. Gut technisch Ding will also manchmal doch Weile haben.

Bei der Entwicklung von Computern gibt es aber anscheinend kein Halten. Die Regel sagt, dass sich alle zwei Jahre die Anzahl der Transistoren auf einem Chip verdoppelt. Diese enorme Beschleunigung der Datenverarbeitung wird weiterhin unabschätzbare Folgen für uns haben. Bereits im Jahr 2019 sagen Experten voraus, sollen Computer so schnell arbeiten, dass sie in einem Gespräch nicht mehr als Maschinen erkennbar sind. Zehn Jahre später wird es gar möglich sein, das menschliche Gehirn zu scannen und in einem Computer zu duplizieren. Wer also seine Büronachbarn nicht mehr aushält, wird sich dann stattdessen mit sich selbst an den Tisch setzen und nicht einmal bemerken, dass das Gegenüber eine Maschine ist.

Bruno Knellwolf

Auf das Pop-Jahr der Frauen folgt viel musikalisches Testosteron

2016 war das Pop-Jahr der Frauen. Taylor Swift hat am meisten verdient. Über Adele wurde am meisten geschrieben, und dann waren da noch Beyonce, Kate Tempest, Alicia Keys, Rihanna und M.I.A. Sie alle haben wichtige Alben vorgelegt, die sich mit Sexismus und Rassismus und der Überdrehtheit unserer Gesellschaft auseinandersetzten. Ob diese Frauenpower im nächsten Jahr eine Fortsetzung findet? Wohl eher nicht.

Auf der Veröffentlichungsliste für 2017 geht es äusserst testosteronhaltig zu und her. Depeche Mode, The Flaming Lips, Bad Religion, Deep Purple und auf Schweizer Seite Gotthard und Krokus haben neue Alben in Arbeit. Und der Rag ’n’ Bone Man wird nach seinem Superhit «Human» 2017 endgültig zum Superstar. Ungeschlagen bleibt aber auch 2017 vor allem eine: Helene Fischer, die gleich fünf Mal in Zürich auftritt. Zum Glück gibt es da noch Billie Eilish. Sie ist erst 14 Jahre alt, aber wer ihren Song «Ocean Eyes» schon gehört hat, wird sie nicht mehr vergessen.

Katja Fischer De Santi

Keine Angst vor einer Heuschreckenplage

Die Experimentierphase ist vorbei. Ab Frühjahr 2017 ist der Verkauf von Grillen, Maden und Heuschrecken als Lebensmittel in der Schweiz erlaubt. Bereits gibt es Insektenkochbücher, und in den Regalen von Coop werden ab Frühling Burger aus Mehlwürmern und Hackbällchen aus Grillen liegen.

Beginnt damit ein neues Ernährungszeitalter? Wie damals, als mit dem Sesshaftwerden des Menschen plötzlich Ackerbau möglich wurde? Oder später, als die Kartoffel die europäischen Küchen umkrempelte? Die Geschichte jedenfalls zeigt: Es gibt sie schon, solche Wendepunkte. Wobei zu präzisieren ist: Punkte waren das nicht. Sondern sehr, sehr langsame Entwicklungen.

Denn erstens ist der Mensch ein Gewohnheitstier. Wer nicht mit Hühnern gross geworden ist, wird ein 3-Minuten-Ei immer als widerliches ‹Gschlöder› abtun. So rasch wird in Speisekarten nicht eine Sparte «Insekten» das Cordon bleu und die Bratwurst verdrängen. Und zweitens heisst es Obacht beim Proklamieren eines Booms. Oft erschöpft er sich in einer medialen Aufmerksamkeit gegenüber dem Exotischen. Die Heuschreckenplage findet 2017 nicht statt.

Beda Hanimann

Ein Kleid für eine Woche

Einige teilen mit Fremden das Bett (Airbnb), das Auto (Mobility) oder überschüssiges Essen (foodsharing.ch). Andere versuchen sich der schnelllebigen Modebranche zu verweigern, indem sie die Lederjacke im Secondhand-Shop erstehen oder das Partykleid (für seltene Gelegenheiten) der besten Freundin tragen. Aber Kleider leihen? Fasnachtskostüme, vielleicht. 2017 wird das anders sein, zumindest wenn es nach Trendforschern geht, die Neoökologie nach wie vor zu den grossen gesellschaftlichen Themen zählen.

Paula Fricke, Mitinhaberin von Kleihd, der ersten Mode-Leihboutique der Schweiz, sagt: «Es läuft immer besser. Zurzeit sind 20 unserer 1000 Stücke im Umlauf.» Die Artikel lassen sich wochenweise ausleihen, man kauft sich ein Monatsabo oder wird fürs ganze Jahr Mitglied. Wer ein hochwertiges Stück in den Fundus gibt, bekommt einen anderen Artikel kostenlos auf Zeit. Die Kundschaft, sagt Fricke, sei so vielfältig wie die Mode. Nur Männer sieht sie im Zürcher Laden selten. Aber das kann 2017 noch werden.

Diana Hagmann-Bula

Die Kinokasse klingelt wie nie

Zwar werden Filme statistisch immer häufiger zu Hause oder am Computer angesehen. Dennoch dürften bereits die Augen von manchen Verleihern und Kinobetreibern leuchten, wenn sie auf das kommende Jahr blicken. Im Branchenmagazin «Hollywood Reporter» wird ein 2017 angekündigt, «das alle Kinokassen-Rekorde zerstört». Verantwortlich dafür werden vor allem Sequels von Blockbustern sein. Völlig wurst, dass die nochmals zeigen, was sie in leichten Variationen schon ein- oder mehrmals erzählt haben. Streifen wie «Fast & Furious 8», «Star Wars 8», «Pirates Of The Caribbean 5», «Ich – einfach unverbesserlich 3», «Planet der Affen 3», «Wolverine 3» oder ein weiterer «Spiderman» werden das jugendliche Publikum erneut ins Kino locken. Vielleicht auch «Avatar 2», dessen Start möglicherweise Ende 2017 ansteht.

Neben solchem «copy/paste»-Kino gibt es freilich zahlreiche Filme, die mehr als das Altbekannte versprechen. Dazu zählt beispielsweise das Missionarsdrama «Silence» von Martin Scorsese oder der Kriegsfilm «Dunkirk» von Christopher Nolan – episches Kino, bei dem ebenso ein grosses Publikumsinteresse zu erwarten ist. Besonders gespannt sind viele Kinofreunde auf «Blade Runner 2049» – ein Sequel zwar auch, aber eines, von dem man sich mehr als einen späten Aufguss erhofft.

Das Cineastenherz freut sich jedoch vor allem auf jene begeisternden Kinoperlen, von denen man jetzt noch nichts ahnt. «Kleine» Filme, die nicht Monate im Voraus mit Trailern beworben werden. Die ungestillte Neugier auf das Überraschende auf der Leinwand ist auch das Schönste am Kinojahr 2017.

Andreas Stock

Psychotropical: Im knallbunten Unterholz der Mode

Die Mode sei der Zeit stets voraus, heisst es. Was 2016 auf den Laufstegen gezeigt wurde, wird 2017 noch lange nachhallen. Die schulterfreien Carmen-Ausschnitte werden den Frauen im kommenden Sommer erst recht von den Schultern rutschen. Streifen auf Shirts und Hosen waren und werden nie verkehrt sein. Und unsere (Statement-)Ärmel werden so lang und opulent werden, dass damit ans Arbeiten nicht mehr zu denken ist. Ganz generell soll laut Trend-Spottern die Mode noch bunter, noch üppiger, noch dekadenter daherkommen. Modischer Minimalismus ist passé. Zu Trump und Co. passt der Maximalismus besser.

Der New Yorker Trend-Forecasting-Dienstleister WGSN hat dafür auch schon einen Namen parat: psychotropical. Klingt wie ein Drogentrip auf LSD und sieht auch genau so aus. Wilde Dschungel-Prints in allen Farben des Regenbogens, Sonnenuntergänge und Mustermix, bis einem die Augen übergehen.

Prada und Alexander McQueen haben gezeigt, wie es geht. Die neuen digitalen Drucktechniken werden an ihre Leistungsgrenze gebracht. «Hyperreale Wahrnehmung der Natur» nennen das die Trend-Prognostiker. Dazu passt ein anderer modischer Zukunftstrend: «post-human» beschreibt von künstlicher Intelligenz inspirierte und durch neue technische Materialien ermöglichte Kleidungsstücke. Diese bereits jetzt ultraleichte, hochatmungsfähige und thermoregulierende Kleidung beginnt im neuen Jahr zu leuchten, kann kommunizieren, hat vielleicht gar eine flüssige oder metallische Oberfläche und ist dank 3-D-Drucker perfekt auf den Körper abgestimmt.

Wem das alles zu futuristisch ist, der wird sich im dritten Trend wohler fühlen: Surf Gypsy. Für all jene, die, gekleidet in luftigen Saigons, gehäkelten Tops und weissen Leinenhosen, lieber am Strand Yoga machen, als sich mit stürmischen Zeiten zu befassen.

Katja Fischer De Santi

Amour fou und Zwillinge, vor denen es kein Entrinnen gibt

Auch 2017 wird uns das anstrengende Leben der Angelina Jolie auf Trab halten. Denn es bahnt sich eine Amour fou ab, aus der nichts Gutes, aber viel Klatsch & Tratsch entspringen könnte. Angelina Jolie und Johnny Depp sollen miteinander anbandeln: Sie auf Zahnstochermasse abgemagert, den Drogen nicht abgeneigt, soll auf blutige SM-Praktiken stehen. Er, Johnny Depp, soll nicht nur Hotelzimmer, sondern auch Ex-Frau Amber Heard vermöbelt haben. Wir hoffen, dass es nicht in Amy-Winehouse-mässige Zustände ausartet.

Apropos neue Liebe: 2016 war das Jahr der Lesben. Seit Model Cara Delevigne oder Schauspielerin Kristen Stewart den Paparazzi ihre Gespielinnen vorführen, ist es mehr denn je chic, dass sich Frauen Händchen haltend zeigen. Dafür, dass man sich in der Liebe nicht auf ein Geschlecht festlegt, gibts auch schon ein Wort: «pansexuell». Auf den Trend aufgesprungen sind hierzulande Ex-Miss-Schweiz Dominique Rinderknecht und das androgyne Model Tamy Glauser. Angelina Jolie hat diesen «Trend» natürlich bereits vor x Jahren vorgelebt.

Eine Sache ist 2017 aber ganz gewiss. Vor Christa Rigozzi wird es auch nächstes Jahr kein Entrinnen geben. Und sie vervielfacht sich auch noch, sie bekommt Zwillinge. Die Titelseiten sind schon fast gedruckt.

Melissa Müller

Nach dem Schreibstau ein Meisterwerk, bitte

Mindestens ein Meisterwerk muss der neue Roman von Lukas Bärfuss schon werden! Sonst hätte sich das lange Warten ja gar nicht gelohnt. Schon im Frühling dieses Jahres versprach er uns seinen neuen Roman «Hagard». Dem Vernehmen nach handelt es sich nicht etwa um einen Hogwarts-Roman à la Harry Potter, sondern um ein beklemmendes Porträt eines zeitgenössischen Stalkers. Da er ein lautstarker und wortmächtiger Schriftsteller ist, fieberten wir Journalisten diesem Buch entgegen. Auf dem Schreibtisch fanden wir dann aber im Januar nur einen Brief seines Verlegers, der sich für die Verschiebung des Erscheinungstermins entschuldigte. Die Entschuldigungen häuften sich, alle paar Monate kam derselbe Brief. Es sei leider noch kein fertiges Manuskript vorhanden, hiess es jeweils.

Ich hörte darin schon einen resignativen Ton und fürchtete das Schlimmste: Schreibblockade, Burn-out, Übungsabbruch. Dann aber las Bärfuss an den Solothurner Literaturtagen aus politischen Essays, schrieb für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» ein brachiales Schweiz-Bashing. Und an der Uni St. Gallen hielt er eine Gastvorlesung. Ja, nun denn, der Intellektuelle Bärfuss hat sich dieses Jahr offenbar kräftemässig etwas verzettelt.

Aber weil wir Lukas Bärfuss als Schriftsteller schätzen, weil wir den fiebrigen Ruanda-Roman «Hundert Tage» und den leisen Suizid-Roman «Koala» als gelungene, ja als aufsehenerregende Bücher erlebten, hat sich die freudige Erwartung auf den neuen Roman über das Jahr gehalten. Nun hoffe ich, dass sich die Geduld lohnen wird. Das Erscheinen ist nun auf April 2017 angekündigt. Zu hoch hänge ich die Erwartung nicht: Den Nobelpreis für Literatur wird Lukas Bärfuss nächstes Jahr sicher nicht bekommen. Den sollte meiner Meinung nach der israelische Schriftsteller David Grossman erhalten.

Hansruedi Kugler

Alles Gute kommt aus der Flasche

Ein normales Gipfeli genügt nicht mehr. Enthält ein Lebensmittel nicht gerade Quinoa, Aroniabeeren oder einen anderen hochgelobten Superfood, haben es trendbewusste Esser schon 2016 keines Blickes gewürdigt. Nahrung ist nicht mehr nur ein Mittel, um den Hunger zu stillen. Nahrung ist heute auch ein Mittel, um den Menschen zu perfektionieren. Noch schöner, noch schlanker, noch leistungsfähiger … Nun naht dasselbe in liquider Form. Gemäss Prognosen der amerikanischen Bio-Supermarktkette Whole Foods ernähren wir uns 2017 fast wie Astronauten: Alles Lebenswichtige scheint im neuen Jahr aus der Flasche zu stammen.

Smoothies, Kokosnuss- und Birkenwasser mit Ingweraroma, das war gestern. Sogenannte Wellness-Tonics erobern jetzt den Getränkemarkt. Gemeint sind Flüssigkeiten, angereichert mit heilbringenden Gewürzen, Pflanzen und Kräutern. Dabei bedienen sich die Produzenten, wie schon bei den Superfoods, hauptsächlich im Ausland. Zu den angesagten Zutaten zählen Kurkuma aus Südasien, Tulsi (indisches Basilikum) und Kava, besser bekannt als Rauschpfeffer. Im westpazifischen Raum dient es noch immer als Grundlage für Getränke an religiösen Zeremonien.

Dass dieser Trend schon näher ist, als wir denken, zeigt ein Besuch in einem hiesigen Café. Neben gewöhnlichem Milchkaffee kann man dort Kurkuma Latte schlürfen. Nun nur noch zurücklehnen und geniessen, dass man soeben etwas sehr Gutes für seine Gesundheit getan hat. Schliesslich soll Kurkuma die Leber entgiften, das Gehirn schützen, die Verdauung fördern und Heisshungerattacken verhindern. Wenn das kein gelungener Start ins neue Jahr ist.

Diana Hagmann-Bula