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TRINKERRETTUNG: Der Pfarrer und der Schnapsteufel

140 Jahre Blaues Kreuz: ein Blick zurück in die Geschichte der Alkoholprävention und Abstinenzbewegung; von Kinovorführungen, Mistgabeln und Mostpressen.
Melissa Müller
Von der «Grünen Fee» zur «Grünen Hexe»: Absinth wurde 1908 verboten. (Bild: Blaues Kreuz)

Von der «Grünen Fee» zur «Grünen Hexe»: Absinth wurde 1908 verboten. (Bild: Blaues Kreuz)

Melissa Müller

Vor 140 Jahren wütete in der Schweiz der Schnapsteufel. Die Menschen, die in den neu entstandenen Fabriken arbeiteten, versuchten so, ihrer Misere zu entfliehen. Schnaps war allzeit verfügbar, billig und der schnellste Weg zum Rausch.

Auch der Genfer Pfarrer Louis-­Lucien Rochat trank gern ein Gläschen. Ein Leben ohne Alkohol könne er sich nicht vorstellen, vertraute er seinem Tagebuch an. Doch das Unglück der Alkoholkranken, das er täglich um sich herum sah, liess ihm keine Ruhe. 1877 gründete er das kirchlich motivierte Blaue Kreuz – um «mit Krankenträgern, die sich auf den Kampfplatz des Lebens begeben, die Opfer der Trunksucht und des Wirtshauslebens zu retten».

Der wohlhabende Pfarrer und Weinliebhaber Louis-Lucien Rochat gab sich Mühe, abstinent zu werden, was ihm erst nach ein paar Versuchen gelang. Seine Agenten, wie die freiwilligen Mitarbeiter damals genannt wurden, gingen in die Wirtshäuser und schlichteten bei Streitereien. «Sie verurteilten die Trinker nicht, sie hörten sich ihre Sorgen an», sagt Philipp Frei, Mediensprecher des Blauen Kreuzes. «Ein heute noch üblicher Ansatz.»

Gegen 40 000 Hausbrennereien gab es Anfang der 1930er-Jahre in der Schweiz, viele für den Eigenbedarf. Jeder konnte sel­ber seine Äpfel und Zwetschgen sammeln, einmaischen, brennen und trinken. Bauernfamilien ver­suchten, ihr tristes Dasein durch selbstgebrannte «Herdöpfler» aufzuheitern.

Laut dem Buch «Rausch und Ordnung», das die Alkoholfrage in der Schweiz beleuchtet, war die obstreiche kleine Nation bis in die 1920er-Jahre das stärkste Schnapstrinkerland in Westeuropa. Lange galt Schnaps gar als Stärkungsmittel; der gesundheitlichen Folgen war man sich noch nicht bewusst.

Betrunkene Klasse unter dem Baum

Da es damals noch kein Schutzalter gab, war es nicht ungewöhnlich, dass bereits kleine Kinder betrunken waren. Das Blaue Kreuz hat einen Brief einer Landschullehrerin archiviert, die beiläufig erwähnt, dass an einem Dorffest bereits kurz nach Mittag ihre ganze Klasse betrunken un­ter einem Baum lag.

Die Agenten besuchten die Leute auch zu Hause. Und waren nicht immer willkommen. «Ein Mitarbeiter wurde von einem Bauern mit der Mistgabel an­gegriffen, weil dessen Frau das Blaue Kreuz bestellt hatte», erzählt Philipp Frei. Die Organisation engagierte sich auch politisch, als 1905 ein Familiendrama die Schweiz bewegte. In der Waadtländer Gemeinde Commugny erschoss ein 30-Jähriger Tagelöhner im Suff seine schwangere Frau und seine beiden kleinen Töchter. Diese Tragödie führte zu einer breiten Diskussion und einer Petition für das Verbot von Absinth, angeführt von Frauenverbänden und dem damals noch jungen Blauen Kreuz. 1908 trat dann das Verbot der «Grünen Fee» in Kraft. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden Alkoholkranke noch als unheilbar betrachtet und in Nervenheilanstalten eingesperrt. Pfarrer Rochat erkannte, dass es ein anderes Angebot brauchte und dass es Trinkern half, wenn man sie aus ihrem Alltag herausholte. Seine Institution eröffnete Heime und schuf Ferienangebote für Kinder aus belasteten Familien.

«Schlimmster Feind des Menschengeschlechts»

Im ganzen Land formierte sich eine soziale Bewegung, die sich den Kampf gegen den Alkoholkonsum auf die Fahnen schrieb. Ärzte erklärten den Alkohol zum «allerschlimmsten Feind der Zukunft des Menschengeschlechts».

Eine 1932 gegründete Alkoholfachkommission beriet den Bundesrat. Süssmost statt Schnaps, hiess nun die Devise. Die Früchte sollten nicht mehr in den Brennapparaten landen, sondern gedörrt und gelagert werden. Dank der nun technisch möglichen Pasteurisierung konnte Süssmost haltbar gemacht werden. Mitarbeiter des Blauen Kreuzes zogen mit der Mostkanone durchs Land, um Landwirten das Verfahren des Pasteurisierens näherzubringen. Als Alternative zu Wein schenkten sie bei ihren Anlässen Traubensaft aus.

Eine Hausbar für den American Way of Life

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand die Konsumgesellschaft – und ausländische Alkoholika wurden zum Statussymbol, ebenso wie die Hausbar. Damit holte man sich den American Way of Life ins Haus. Das Blaue Kreuz begann nun mit Tonbildschauen. Durch die Propagandafilme während des Zweiten Weltkriegs hatte man eine Ahnung von der Macht des bewegten Bildes erhalten. 1952 drehte man den ersten Film mit Laiendarstellern. Er thematisierte Schicksale von Trinkern und häusliche Gewalt. «Das Blaue Kreuz war damals eine Laienbewegung, die nah bei den Menschen war», sagt Philipp Frei. Vor 20 Jahren habe eine Professionalisierung eingesetzt. Die Organisation, teilweise durch den Bund finanziert, beschäftigt 300 Festangestellte und mehrere 1000 Freiwillige. Darunter einzelne Muslime, denn missioniert werde schon lange nicht mehr. Das Hilfswerk führt Brockenhäuser, engagiert sich in der Jugendarbeit und in der Prävention.

Bis in die 90er-Jahre lebten alle Mitglieder abstinent. Auch davon ist man abgekommen. «Heute liegt der Fokus auf verantwortungsvollem Konsum. Abstinenz hat nicht mehr den gleichen Stellenwert wie damals», sagt Frei. Doch sei sie im Zuge des Fitnesstrends wieder ein Thema. Auch zum veganen Lebensstil passe Alkohol nicht. Andere Zeiten, andere Sitten. Ob Alkohol als Gift oder Genussmittel betrachtet wird, ist immer auch eine Frage des Zeitgeists.

Der Genfer Pfarrer Louis-Lucien Rochat gründete 1877 das Blaue Kreuz. (Bild: Blaues Kreuz)

Der Genfer Pfarrer Louis-Lucien Rochat gründete 1877 das Blaue Kreuz. (Bild: Blaues Kreuz)

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