TUNNEL: Mit dem Schiff durch den Berg

Norwegen will den ersten Schiffstunnel der Welt bauen. Mit der 1,7 Kilometer langen Fahrt durchs Gebirge wird Kreuzfahrtschiffen und Tankern die gefährliche Umrundung einer Halbinsel erspart.

Niels Anner, Kopenhagen
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Eine Visualisierung der gigantischen Tunneleinfahrt bei Kjødepollen in Westnorwegen. (Bild: Visualisierung: PD)

Eine Visualisierung der gigantischen Tunneleinfahrt bei Kjødepollen in Westnorwegen. (Bild: Visualisierung: PD)

Niels Anner, Kopenhagen

Die Hurtigrute ist einer der grossen Touristenmagnete Norwegens. Eine Reise der Fjordküste entlang Richtung Nordkap auf den früheren Postschiffen, die heute mehr und mehr luxuriösen Kreuzfahrtschiffen gleichen, ist ein Erlebnis.

Auf gewissen Streckenabschnitten allerdings auch eines, das den Mägen der Landratten einiges abverlangt – denn heftige Winde und Wellengang sind an der Atlantikküste keine Seltenheit. Dagegen will Norwegen jetzt etwas unternehmen: mit dem weltweit ersten Tunnel für grosse Schiffe. 1700 Meter lang soll das bis 2023 fertiggestellte Bauwerk werden, für das das bis zu 300 Meter hohe Gebirge der Halbinsel Stad rund 200 Kilometer nördlich von Bergen durchbohrt wird. An einer Stelle, die für die Schifffahrt besonders heikel ist.

Kosten von mehr als 300 Millionen Euro

Der Tunnel ist mit einer Breite von 36 und einer Höhe von Wasseroberfläche bis Decke von 37 Metern so geplant, dass die grössten Schiffe der Hurtigrute durchpassen. Ihnen, aber auch Fracht- und natürlich Segelschiffen bleibt damit in Zukunft die Umfahrung der heimtückischen 25 Kilometer langen Halbinsel erspart. Hohe Wellen, unberechenbare Winde sowie Untiefen machen sie heute zur gefährlichsten Passage an Norwegens Küste.

Ausserdem bietet der Tunnel, der zwei Fjorde verbinden wird, eine Abkürzung – wenn auch nur eine geringfügige. Kritiker halten das umgerechnet mehr als 300 Millionen Euro teure Bauwerk deshalb für übertrieben. Sie sind aber in der Minderzahl.

Bereits die Wikinger hatten Mühe mit der Route

Die Sicherheit sei der klar wichtigste Grund für den Bau, sagt Terje Andreassen, «auch wenn wir den Wert eines Menschenlebens kaum festlegen können». Er ist Projektleiter der staatlichen, für den Bau verantwortlichen Behörde Kystverket. Rund um die Halbinsel sollen über 50 Wracks liegen; 2011 verunglückte hier ein Frachter, 2003 geriet das Hurtigrutenschiff «Midnatsol» in einem Sturm in Seenot. Erst im März drohte ein kleineres Frachtschiff bei stürmischer See zu kentern. Die Tunneleinfahrt wird denn auch so gelegt, dass sie wind- und wettergeschützt ist.

Bereits die Wikinger versuchten, der gefährlichen Halbinsel auszuweichen. Ihre verhältnismässig leichten Schiffe trugen sie über einen Pass. Im 19. Jahrhundert wurde dann erstmals über einen Tunnel nachgedacht, erste Skizzen angefertigt. Während des Zweiten Weltkriegs überlegte sich auch die deutsche Wehrmacht, die Norwegen besetzte, ob sie ihre Flotte durch einen Tunnel fahren lassen könnte, um sie vor den Alliierten zu schützen.

Design stammt von Stararchitekten

Als weitere Vorteile des Tunnels nennt Projektleiter Andreassen, dass der Schiffstransport genauer planbar werde als heute, wo es oft zu Verspätungen kommt. Fischer sind zuversichtlich, dass ihnen durch den Tunnel neue Absatzgebiete zugänglich werden. Bisher hätten grosse Fänge im Norden oft nicht innert nützlicher Frist sicher nach Süden geliefert werden können, erklärte der Fischereiunternehmer Stig Oldeide dem TV-Sender NRK. Auch für den Tourismus dürfte der Tunnel attraktiv werden. Der formschöne Eingang, in dem die Schiffe verschwinden, dürfte ein Publikumsziel werden. Das Portal entworfen haben die Stararchitekten des Büros Snöhetta, die unter anderem auch die weltberühmte Oper von Oslo gezeichnet haben.