TV-LEGENDE: Paola Felix: «Ich werde Kurt immer vermissen»

Die Sängerin und Entertainerin Paola Felix schaut dankbar auf ihre Karriere zurück. Fünf Jahre nach dem Tod ihres Mannes Kurt erzählt sie, wie sie heute lebt und was sie glücklich macht. Und wie sie sich freut, dass Michael von der Heide ihre Lieder singt.

Odilia Hiller und Christian Brägger
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«Niemand ist nach einem oder zwei Auftritten ein Superstar», sagt Paola Felix, hier fotografiert während unseres Interviews. (Bild: Ralph Ribi)

«Niemand ist nach einem oder zwei Auftritten ein Superstar», sagt Paola Felix, hier fotografiert während unseres Interviews. (Bild: Ralph Ribi)

Interview: Odilia Hiller und Christian Brägger

Paola Felix, Sie sind einer der grössten Stars aus der goldenen Zeit der deutschen Fernsehunter­haltung. Was denken Sie, wenn Sie heute fernsehen?

Ich bin ein neugieriger Mensch und will wissen, was auf der Welt los ist. Meine Welt hört nicht am «Blue Bayou» auf. Ich schaue wahrscheinlich mehr Informations- und Diskussionssendungen als anderes. Neue Unterhaltungssendungen entgehen mir auch nicht. Falls Sie aber darauf hinauswollen, was ich von all den Talentshows und «XY sucht den Superstar»-Formaten halte: Mir gefällt darin das Wort «Talent» besser als das Wort «Superstar». Niemand ist nach einem oder zwei Auftritten ein Superstar. Die Gefahr ist riesig, dass dieser Stern sehr schnell wieder verblasst. Was leider sehr oft der Fall ist.

Was man von Ihnen nicht behaupten kann. Sie waren 25 Jahre lang gut im Geschäft.

Ich erinnere mich mit Freude an erlebnisreiche Momente. An den «Grand Prix Eurovision de la Chanson» 1969 in Madrid mit «Bonjour, bonjour». Dort trug ich ein Kleid aus St. Galler Stickerei, das heute im Textilmuseum ausgestellt ist. 1980 war ich in Den Haag mit «Cinéma» nochmals dabei. Ich habe mich immer gefreut, die Schweiz an internationalen Festivals vertreten zu können, von Rio de Janeiro bis Mexico. Unvergessen ist für mich auch der Rekord, als ich mich in der ZDF-Hitparade mit «Blue Bayou» siebenmal platzierte. Das Reglement musste daraufhin geändert werden.

Wie viel Arbeit steckte hinter Ihrem locker-flockigen Auftreten?

Man muss die leichte Unterhaltung ernst nehmen. Im Showbusiness gilt: Je locker-flockiger etwas rüberkommt, desto mehr Arbeit steckt dahinter. Ich habe auf jeder Sprosse der Erfolgsleiter stets viel dazugelernt.

Heute hört man immer wieder von Stars, die Auszeiten nehmen müssen, weil sie nicht mehr können. Waren Sie auch manchmal erschöpft?

Nein. Aber es ist schon so. Das Wort Freizeit existierte für mich lange nicht. Mein Beruf hat mich aufgefressen, weil ich von ihm angefressen war. Das war einer der Gründe, weshalb ich nach 25 Jahren – auch gemeinsam mit Kurt – beschloss aufzuhören. Bei uns war die Lage ja noch verschärft, weil wir beide in diesen Berufen tätig waren. Deshalb kam im Jahr 1990 der wohlüberlegte Entschluss, uns zurückzuziehen. Wir haben uns sehr bewusst entschieden, zu gehen, als es am schönsten war. Der Tag des letzten Auftritts stand für uns lange zuvor schon fest. Deshalb habe ich auch nur schöne Erinnerungen an alles, was war.

War der Rückzug auch ein Schutz vor dem Moment, wo es vielleicht nicht mehr so weitergegangen wäre?

Das haben uns damals viele Kollegen gefragt. Aber andersrum. Karl Dall beispielsweise, der bei uns im «Verstehen Sie Spass?»-Team war, fragte uns: «Woher wollt ihr wissen, dass nicht weiterhin die vielen Millionen Zuschauer möglich sind?» «Verstehen Sie Spass?» ist nun tatsächlich die einzige Samstagabendsendung aus den 1980er-Jahren, die heute noch regelmässig im Programm steht. Aufrichtig gefreut hat mich auch eine Umfrage, in der Kurt und ich zum beliebtesten Moderatorenpaar Deutschlands gewählt wurden.

Den Spassvogel, die eingeblendete Comic-Figur von damals, gibt es aber nicht mehr. Er war damals ein Highlight, als wir Kinder waren.

Oh, auf diese Kindheitserinnerungen werde ich oft angesprochen. Für viele Kinder war es der einzige Samstagabend, an dem sie länger aufbleiben durften. Vor kurzem erzählte mir sogar jemand, dass «Verstehen Sie Spass?» als Druckmittel gebraucht wurde: «Wenn du nicht brav bist, darfst du nicht schauen.» Der Spassvogel als eingespielte Trickfigur war damals übrigens ziemlich neu.

Gab es bei «Verstehen Sie Spass?» Prominente, die nicht wollten, dass der Streich, den Sie ihnen gespielt hatten, ausgestrahlt wurde?

Es war eher umgekehrt. Oft versicherten uns Kollegen, dass es uns nicht ­gelingen würde, sie mit der ver- steckten Kamera reinzulegen. Das war für uns geradezu eine Einladung, bei denen erst recht und mit einem Streich nach Mass zuzuschlagen. Im Nachhinein fühlte sich jeder geehrt, in unsere Sendung eingeladen zu ­werden. Wenn ein Spass nicht gelang, hat Kurt den Film natürlich gelöscht. Es gab aber auch oft Leute, die uns ­sagten, sie hätten Sachen erlebt, von denen sie sich gewünscht hätten, es wäre von uns organisiert gewesen – und nicht wirklich passiert.

Ihr Mann Kurt war bekannt dafür, dass er gerne neue Formate aus­probierte – und ein Perfektionist war.

Absolut. Er sagte immer: «Was man aus dem Ärmel schüttelt, muss man zuerst hineintun.» Kurt war ein Fernsehmacher durch und durch. Seine eigentliche ­Leidenschaft war das Entwickeln ­und Produzieren von Sendungen wie «Samschtig-Jass», «Grüezi mitenand», «Teleboy», «Supertreffer» oder eben «Verstehen Sie Spass?». Fernsehen war sein Leben.

Haben Sie es genossen, miteinander vor der Kamera zu stehen?

Ja, für uns war das ein Glücksfall. Wir waren karrierebedingt oft getrennt unterwegs. Die Doppelmoderation in «Verstehen Sie Spass?» schenkte uns jeweils berufsbedingt einige gemeinsame Tage. Zwischen Kurt und mir stimmte einfach alles, es war eine Symbiose.

Diesen Frühling, am 16. Mai, ist es fünf Jahre her, dass Ihr Mann an Krebs gestorben ist. In welchen Momenten vermissen Sie ihn am meisten?

Ich werde Kurt immer vermissen, aber er ist auch immer bei mir. In all meinen Gedanken und tief in meinem Herzen. Er bleibt meine grosse Liebe. Die Zeit nach dem Rückzug war für uns sehr wertvoll. Ich bin unglaublich dankbar dafür, was mir das Leben an glücklichen Jahren geschenkt hat.

Wie war es, nach so vielen Jahren plötzlich ohne Blitzlicht zu leben?

Ich habe den Applaus immer sehr genossen. Er war ein Dank des Publikums und für mich eine direkte Bestätigung, dass ankam, was ich mache. Aber er hat mir später nicht gefehlt. Weh getan ­hätte es nur, wenn der Rücktritt nicht meine Entscheidung gewesen wäre. Das sehe ich bei Kollegen, deren Karriere dann plötzlich nicht mehr ist, was sie einmal war.

Wollten Sie nie noch einmal etwas Neues starten, vielleicht auch nach dem Tod Ihres Mannes?

Das Wort «Comeback» höre ich immer wieder. Ich erhalte bis heute viele Anfragen für Musik- und Talkshows jeg­licher Art – und vieles mehr. Aber nachdem ich vor rund 50 Jahren zum ersten Mal auf der Bühne stand, habe ich mein Plansoll der Öffentlichkeit gegenüber sicherlich erfüllt.

Waren Sie nie nah dran, «schwach» zu werden?

Emil Steinberger sagte einmal zu uns: «Aufhören ist eines, aber dann kommen die interessanten Angebote.» Das ging auch uns so. Aber Nein zu sagen, fiel uns nie schwer. Das heisst aber nicht, dass ich heute einfach in den Tag hineinlebe. Selbst wenn ich keine Termine habe, war mir noch nie eine Sekunde langweilig.

Welche Verpflichtungen haben Sie heute?

Im Vordergrund steht die Tätigkeit mit dem Versandhaus Klingel, die nun schon 16 Jahre dauert. An meinem 50. Geburtstag wurde ich charmant angefragt, die Mode für die Dame ab Ende 49 zu präsentieren. Später intensivierte sich die Zusammenarbeit, und inzwischen entstand eine Modelinie, die meinen Namen trägt. Ich bin viel unterwegs, um die Fotos zu produzieren, die dann Wochen später erscheinen, hier in der Schweiz im Cornelia-Katalog. Mit einem italienischen Vater, der Massschneider war, bin ich ja zwischen Stoffen und Nähmaschinen aufgewachsen. Schon seine Eltern und Geschwister in Italien hatten alle Ateliers.

Wie sehr sind Sie Italienerin?

Meine Mutter ist Schweizerin, mein Vater war Italiener. Meine Eltern haben sich in St.Gallen kennen gelernt und hier in der Kathedrale geheiratet. Ich fühle mich als Schweizerin, in deren Adern auch italienisches Blut fliesst. St.Gallen ist meine Heimat. Aber wenn ich im Geburtsland meines Vaters bin, habe ich ein wunderschönes, heimeliges Gefühl. Ich empfinde es als Privileg, was meine Eltern mir durch ihre Herkunft in die Wiege gelegt haben. Zusammen mit meinen Geschwistern hatte ich eine unbeschwerte, schöne Kindheit mit einem Schuss Italianita. Als bei mir der Wunsch erwachte, Sängerin zu werden, konnte ich auf die Unterstützung der ganzen Familie zählen. Ich kam ja nicht zuletzt durch meine Mama zum Singen, die selber leidenschaftlich gerne sang und in mir die Freude an der Musik geweckt hat. Als Kind haben wir viel zusammen Opernarien gesungen – zweistimmig! An Weihnachten, wenn die Familie bei meiner Schwester zusammenkommt, singen wir heute noch mehrstimmig italienische Lieder.

Sie werden immer für Ihr jugendliches Aussehen bewundert. Was tun Sie dafür?

Alter war für mich immer nur eine Zahl. Ich schaue gut zu mir, unternehme täglich eine Walking-Tour an der frischen Luft. Ich ernähre mich ausgewogen. Und ich runde den Tag gerne mit einem Glas Rotwein ab. Das heisst nicht, dass ich jedes Fältchen herzlich willkommen heisse. Aber ich lebe auch nicht im Jugendwahn und trage keine zerrissenen Jeans, um mich jünger zu fühlen. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich eine Frau, die zu ihrem Alter steht.

Wie war das eigentlich jeweils für Sie, wenn die Reisecars aus Deutschland vor Ihrem Haus in St.Gallen Station machten?

So eine Tour gab es tatsächlich. Uns war das aber vor allem unseren Nachbarn gegenüber nicht recht. Das Car-Unternehmen hat dieses Angebot auch schnell ­wieder aus seinem Programm gestrichen.

Jetzt ist Michael von der Heide mit einem Paola-Programm auf Tournee und singt Ihre Lieder. In Luzern war Premiere, weitere Zentralschweizer Termine folgen (siehe Hinweis). Hat er für sein Programm überhaupt Ihren Segen?

Ja, sicher. Kurt und ich hatten ihn schon vor vielen Jahren ins Herz geschlossen, und es entstand eine schöne Freundschaft. Als Michael mir erzählte, sein 25-jähriges Bühnenjubiläum mit meinen Liedern feiern zu wollen, hat mich das sehr berührt. Auf der dazugehörigen CD hat er mit ­seiner ausdrucksstarken Interpretation meine Lieder zu neuem Leben erweckt. Ich war an der Premiere seiner Show im Theater am Hechtplatz in Zürich und erlebte eine musikalische und emotionale Reise in unvergessliche Momente meiner Vergangenheit.

Hinweis

Michael von der Heide ist mit seinem Paola-Programm am 9. März im Gaswerk Seewen SZ und am 24. März in der Chollerhalle, Zug, www.michaelvonderheide.com