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UNSER ESSEN: Falsche Idylle – wie die globale Landwirtschaft unsere Bäuche füllt

Wir nehmen im Jahr rund 1,5 Tonnen Nahrung zu uns. Dabei blenden wir nur zu gerne aus, dass die Lebensmittelindustrie eine global agierende, hocheffiziente Branche ist. Idyllisch ist daran allein noch die Werbung.
Katja Fischer De Santi
Seit Cranberrys zu Superfood deklariert wurden, machen amerikanische Bauern damit gute Geschäfte. Um die Beeren effizient zu ernten, fluten sie ihre Felder mit Wasser und saugen die Früchte direkt in riesige Tanks. (Bild: Yin Yang/Getty)

Seit Cranberrys zu Superfood deklariert wurden, machen amerikanische Bauern damit gute Geschäfte. Um die Beeren effizient zu ernten, fluten sie ihre Felder mit Wasser und saugen die Früchte direkt in riesige Tanks. (Bild: Yin Yang/Getty)

Katja Fischer De Santi

Staub, Wind und Plastik – so weit das Auge reicht. Südostspanien ist Europas regenärmste Region. Ohne Bewässerung wachsen hier nur Agaven. Dank riesiger Bewässerungsanlagen reihen sich in der Provinz Almería Gewächshäuser endlos aneinander, mittlerweile sind es mehr als 30 000 Hektar. Darunter wächst jetzt das Sommergemüse, das Schweizer Konsumenten auch im Winter nicht vermissen wollen: Peperoni, Tomaten, Gurken, Zucchini und Auberginen auf Wunsch auch gerne in Bio. In Spanien heisst die Gegend «Mar de Plástico». Die Böden sind ausgelaugt, das Grundwasser versalzt, die Bewässerung wird immer kostspieliger.

Unsere Grossverteiler werben derweil mit grossen Plakaten über der Frischeabteilung für Produkte«aus der Region für die Region». Doch Fakt ist, nur knapp 55 Prozent des im Inland verzehrten Gemüses stammt aus dem Inland. Beim Verarbeitungsgemüse liegt der Schweizer Anteil laut Branchenverband bei unter 20 Prozent. Nur bei Rüebli, Kartoffeln und Äpfeln können Schweizer Bauern den Bedarf selbst decken. Wer empört aufschreit, wenn im März Erdbeeren aus Spanien in der Auslage liegen, der sollte auch bei den Peperoni genauer hinschauen. Nur 2,3 Prozent der verkauften Menge stammt aus der Schweiz. Bei Obst und Beeren liegt der Wert der Selbstversorgung weit unter 30 Prozent. Einzig bei den tierischen Produkten erreicht die Schweiz einen Selbstversorgungsgrad von rund 90 Prozent.

Bio-Sonnenblumenkerne aus China

Während Trendköche wie René Redzepi in seinem «Noma», die maximal Produktnähe beschwören und eine «mikrosaisonale» Menukarte anbieten, hat sich die Landwirtschaft zu einem knallharten, hocheffizienten und standardisierten Geschäft entwickelt. Auch zu einem, in dem trotz hoher Schutzzölle die Globalisierung ein riesiges Thema ist – nicht nur bei typischen Importprodukten wie Bananen oder Kaffee. Irgendwo ist immer Sommer, irgendwo geht’s immer billiger. Wer weiss schon, dass der meiste Knoblauch aus China kommt? Dass Brasilien und die USA den Weltmarkt für Hühnerfleisch kontrollieren? Dass Bio-Sonnenblumenkerne, weil die Nachfrage danach so gross ist, aus China importiert werden oder Mexiko der drittgrösste Exporteur von Brokkoli ist? So heimelig die Werbung auch anmutet. Vor allem bei Halb- oder Fertigprodukten wie Pizza, Nudeln und Süsswaren führt die Zutatenliste um die halbe Welt. «Verbraucher haben in der Regel keine realistischen Vorstellungen von den Herstellungsprozessen und der Komplexität der Wertschöpfungskette», heisst es in einer Studie des Konsumgüterriesen Nestlé. Dass die computergesteuerte, hoch technisierte Produktion von Lebensmitteln der Normalfall ist, blenden wir mit freundlicher Unterstützung der Werbung, die Erdbeeren von Hand in Joghurt plumpsen lässt, nur zu gerne aus.

Lebensmittelindustrie hat schlechteres Image als Banken

«Es ist schwierig geworden, in dieser grossen neuen Warenwelt den Überblick zu behalten und Herstellungsprozesse zu durchschauen», sagt Christine Brombach, Ernährungswissenschafterin und Dozentin an der ZHAW Wädenswil. Bei einer Umfrage des Konsumentenschutzes gaben zwei Drittel der Befragten an, dass sie den Angaben auf den Lebensmittelverpackungen nicht trauen würden. Obwohl in kaum einem anderen Land so wenig Rückrufe und Beanstandungen vorkommen wie in der Schweiz, hat die Lebensmittelbranche einen schlechten Ruf.

«Wir haben die Nachvollziehbarkeit und Kontrolle über unsere Lebensmittel verloren, und das macht uns Angst», sagt Brombach. Früher haben wir den Gemüsebauern gekannt, der uns den Salat verkaufte. Heute wissen wir nicht einmal mehr, in welchem Land der Salat gewachsen ist. Trotzdem seien unsere Befürchtungen zum grössten Teil irrational, sagt Brombach. «Noch nie waren die Standards höher, nie war unser Essen sicherer.» Die Leute würden verdrängen, dass früher viele Menschen an verdorbenen Lebensmitteln gestorben seien. Und dass Engpässe bei Nahrungsmitteln, etwa wegen schlechter Ernte, immer wieder zu Hunger und Mangelernährung geführt hätten. Dazu kommt, dass es in der kleinflächigen Schweiz nur dank enormer Effizienzsteigerung, etwa bei der Massentierhaltungen, überhaupt möglich ist, dass die Inlandproduktion mit dem Hunger der stetig wachsenden Bevölkerung mithalten kann. Wir nehmen im Jahr rund 1,5 Tonnen feste und flüssige Nahrung zu uns und fällen pro Tag bis zu 240 Entscheidungen rund um unser Essen», sagt die Ernährungswissenschafterin. Die meisten dieser Entscheidungen würden wir emotional fällen. Die Gewohnheit hilft uns dabei. Untersuchungen bestätigen, dass unser Warenkorb nur 150 Produkte beinhaltet, die wir regelmässig einkaufen, auch wenn das Angebot um ein x-Faches grösser ist. Umstellungen brauchen lange. Bei der ersten nationalen Ernährungserhebung MenuCH gaben 2016 nur gerade fünf Prozent der Schweizer an, sich vegetarisch zu ernähren, Veganer sind weniger als 1 Prozent.

Ob all den komplizierten und moralischen Entscheidungen beim Einkauf im Supermarkt kann man den Verstand verlieren. Perfekt kann niemand einkaufen, aber für Brombach ist klar, dass unser Fleischkonsum das grösste Potenzial für Verbesserung bietet. 50 Kilo Fleisch pro Jahr und Kopf sind es heute in der Schweiz, 25 Kilo im Jahr wären empfehlenswert. 18 Kilo empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation, wollen wir, dass dieser Planet dereinst 9 Milliarden Menschen ernähren kann. Und was das Plastikmeer in Spanien angeht: Ein Blick in alte Kochbücher beweist, dass man auch mit Rüebli und Chabis allerhand anstellen könnte.

www.

Alle Beiträge der Serie «Unser Essen» finden Sie auf luzernerzeitung.ch/dossier

Das «Treibhaus Europas» erstreckt sich in Südspanien auf einer Fläche von 30 000 Hektaren – ohne künstliche Bewässerung würde hier nichts wachsen. (Bild: Yann Arthus-Bertrand / Getty)

Das «Treibhaus Europas» erstreckt sich in Südspanien auf einer Fläche von 30 000 Hektaren – ohne künstliche Bewässerung würde hier nichts wachsen. (Bild: Yann Arthus-Bertrand / Getty)

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