UNTERHALTUNG: Witze schreiben ist sein Beruf

Michael Gremlich (45) hat schon Komiker wie Harald Schmidt und Marco Rima mit seinen Gags beliefert. Der Wahlluzerner über Schweizer Humor und darüber, warum man für Witze auch mal Überstunden machen muss.

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Michael Gremlich: «Du kannst nicht 24 Stunden lustig sein, du brauchst diese andere Stimmung.» (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Michael Gremlich: «Du kannst nicht 24 Stunden lustig sein, du brauchst diese andere Stimmung.» (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Interview Julia Stephan

Michael Gremlich, Sie liefern Komikern die Gags für ihre Auftritte. Während Ihre Kundschaft die Lacher abholt, schauen Sie zu. Ärgert Sie das?

Michael Gremlich: Ich reisse mich nicht darum, im Mittelpunkt zu stehen. Sonst wäre ich Komiker, Schauspieler oder Sänger geworden. Meine Freunde, die mich als extrovertiert erleben, finden das skurril. Ich hingegen sage: Das hat Vorteile. Im Gegensatz zu den Rampensäuen kann ich mich zurückziehen, wann ich will. Und wenn ein Gag nicht funktioniert, bekomme ich ihn auch nicht um die Ohren gehauen, sondern kann nach ­Hause gehen, und keiner weiss, dass er von mir war. (lacht)

Eine Ausbildung zum Comedy-Autor gibt es nicht. Wie sind Sie in diese Aufgabe hineingewachsen?

Gremlich: Anfang der 1990er kam ich in die Medienstadt Köln, um Sport und Publizistik zu studieren. Köln war und ist dank RTL das deutsche Epizentrum der Fernsehunterhaltung. Zunächst absolvierte ich in der Sportredaktion von RTL ein Praktikum, doch mir wurde schnell langweilig. Immer diese Fragen ... «Eins zu null gewonnen, wie fühlen Sie sich?» Irgendwann hat mich eine Kollegin Rudi Carrell vorgestellt, der Autoren suchte. Später habe ich als Student auch für das Format «RTL Samstag Nacht», die erste erfolgreiche Comedy-Show im deutschen Fernsehen, Sketche geschrieben. Es war mehr Beschäftigungstherapie als Geldverdienen.

Was hat Ihnen der grosse Mann der deutschen Fernsehunterhaltung, Rudi Carrell, mit auf den Weg gegeben?

Gremlich: Rudi Carrell hat mich im negativen Sinn positiv geprägt. Ich war sehr jung, als ich für «7 Tage, 7 Köpfe» zu schreiben begann. Nach ein paar verkauften Gags wurde ich vom Headautor eingeladen, an einer Sendung dabei zu sein. Alles war spannend, aufregend und neu für mich. Die ganzen Komiker aus dem Fernsehen mal in «echt» zu erleben: Mike Krüger, Jochen Busse, Karl Dall und Rudi Carrell. Mein Herz war mir vor Ehrfurcht in die Hose gerutscht.

Konnten Sie sich mit Carrell unterhalten?

Gremlich: Nach der Sendung durfte ich sogar neben Rudi am Tisch sitzen und ein Bier trinken. Er unterhielt sich gerade mit Mike Krüger. Dann schaute er mich an und sagte: «Wie heisst du?» Ich sagte stolz: «Michael Gremlich.» Rudi mit seinem holländischen Akzent antwortete: «So, Michael Gremlich, jetzt trinkst du schön dein Bier zu Ende, und dann gehst du nach Hause.» Damals war ich geschockt und enttäuscht. Heute bin ich dankbar für diese Erfahrung. Denn Rudi Carrell hat mir früh gezeigt, wie das TV-Business funktioniert. Es geht nicht immer um Witze, Träume oder Sympathie sondern auch ums Geschäft.

Bedeutete die Zeit beim Privatfernsehen für Sie den Durchbruch in der Comedy-Branche?

Gremlich: Durchbruch? So würde ich das nicht nennen. Ich habe nur nebenbei als Comedy-Autor geschrieben. Für mich war das alles ein komisches Geschäft und so unstetig. Ich habe dann eine Zeit lang als Lehrer gearbeitet. Aber auch an der ­Schule bin ich den Unterhalter nicht losgeworden. Die Kinder sind mir manchmal bis ins Lehrerzimmer gefolgt. Weil sie mich so lustig fanden. Verrückt, oder?

Wie landet man als Deutscher in ­Luzern?

Gremlich: Den Autobahnschildern folgen! (lacht) über Marco Rima! Ein Autorenkollege hatte mich damals gefragt, ob ich mit ihm an der «Marco Rima Show» für Sat.1 schreiben will. Als ich Marco dann kennen gelernt habe, hat es für mich sofort gepasst. Wir hatten viel Spass bei der Arbeit. Aber fragen Sie ihn bitte nicht. Nachher behauptet er sogar noch das Gegenteil. (lacht) Nein, wir verstehen uns gut. Danach habe ich mit ihm noch an diversen Bühnenprogrammen wie «Time Out», «Humor Sapiens» und aktuell «Made in Hellwitzia» geschrieben.

Sie sind ja gewissermassen ein typisch deutsches Exemplar: sehr direkt, sehr schnell. Nie Probleme im helvetischen Alltag?

Gremlich: Doch. Einmal stand ich im Coop und sagte zur Frau an der Kasse: «Sie sind ja eine Schnelle!» sie war extrem langsam. In Köln hätte man mir lachend sofort drei ebenso blöde Sprüche um den Kopf gehauen. Die Schweizer Kassiererin hingegen war völlig überfordert, wurde knallrot, dachte wahrscheinlich: Was will dieser Perverse von mir? Aber mal ehrlich: Wenn so eine Pfeife wie ich vor mir selber stehen würde, würde ich genauso reagieren. Inzwischen habe ich gelernt, mich zurückzunehmen. Der Schweizer sucht immer die Gesprächslücke, in die er reinhüpfen kann. Der deutsche Unterhaltungsstrang ist aber so schnell, da laufen zu viele Möglichkeiten an ihm vorbei. Ihr seid also nicht zu langsam, liebe Schweizer. Ihr könnt euch einfach nicht entscheiden.

Haben Schweizer einen anderen ­Humor?

Gremlich: Dazu gibts eine schöne Anekdote: Während einer Show von Marco Rima sass ein Mann in der ersten Reihe. Er verzog keine Miene. Bei keinem Joke. Das Publikum lag auf dem Boden, er blieb regungslos. Nach der Vorstellung stand besagter Mann zufällig an der Bar neben mir. Auf die Frage, wie es ihm gefallen habe, sagte er, er habe sich in seinem Leben noch nie so gut amüsiert. Ist wirklich wahr die Geschichte! Hier in der Schweiz habe ich aber auch schon mal gehört, das Programm sei zu lustig.

Zu lustig? Soll das ein Witz sein?

Gremlich: Nein, wirklich zu lustig! In Deutschland hatte ich noch nie so eine Rückmeldung bekommen. Dann begriff ich, was damit gemeint war: Es lag an der hohen Gag-Dichte. Das war für das Publikum einfach zu viel und zu ungewohnt. Der Schweizer muss die Lacher entwickeln und geniessen können. Man muss ihm den Raum dazu geben.

Hat es Satire in der Schweiz schwerer?

Gremlich: Die Schweizer Kultur geht dem Konflikt ein Stück weit aus dem Weg. Deshalb hängt der Schweizer auch mal öfter ein «oder» an einen Satz und entschuldigt sich für alles. Hier ist Satire vielleicht weniger scharf, man schlüpft gerne in Rollen. Für meinen Geschmack dürfte es ruhig mehr Ecken und Kanten geben. Das Schweizer Publikum ist aber extrem begeisterungsfähig, sehr offen. Und die hiesigen Stars haben ein unverkrampfteres Verhältnis zur Öffentlichkeit. Das gefällt mir sehr gut.

Geben Sie uns ein Beispiel!

Gremlich: 2010 habe ich am Comedy-Musical «Die Patienten» mitgeschrieben. Ritschi, der Ex-Sänger von Plüsch, gehörte zum Cast der Show. Ich kannte ihn nicht, deshalb hatte er mich zu einem Konzert eingeladen. Ritschi sang auf der Bühne. Und plötzlich stieg er spontan ins Publikum, rannte los und war verschwunden. Ich hatte mich gerade mit seinem Tourmanager unterhalten und stürmte wie blöd durch die Menge. Als ich ihn fand, stellte ich mich schützend neben ihn. Da nahm Ritschi sein Mikrofon runter und meinte: «Micha, wir sind hier in der Schweiz, hier passiert nichts.»

Wie flutschen bei Ihnen eigentlich die Ideen? Morgens beim Latte macchiato?

Gremlich: Gerade die Komik ist für mich eine Lustgeschichte. Es ist wie beim Sex. Du musst Lust drauf haben. Wenn du dich durchquälen musst, wirds für keinen gut. Die besten Ideen kommen dann, wenn man sie nicht erwartet, und meistens ist der erste Einfall auch der beste. Deshalb sollte man immer ein Notizbuch zur Hand haben. Leider bin ich kein Notizbuchmensch. Wenn mir etwas einfällt, spreche ich mir auf die Combox. Oder schreibe mir eine SMS. Andere meinen dann, ich hätte so viele Freunde. Weil es ständig piepst! (lacht) Blödsinn, der Rest ist Schreibtischarbeit und ein bisschen Talent.

Bei Frauen steht Humor zuoberst auf der Liste, wenn es um die Partnerwahl geht. Geben Sie unseren männlichen Lesern mal einen Tipp, wie man humorvoll rüberkommt.

Gremlich: Hmm, vielleicht sollte ich noch eine Karriere als Beziehungstherapeut ins Auge fassen? Humor hilft immer, vor allem beim Kennenlernen. Ich möchte an dieser Stelle den berühmten Tony Curtis zitieren, den ich schon als Kind verehrt habe: «Frauen unter 16 schützt das Gesetz, Frauen über 60 schützt Mutter Natur. Alles dazwischen ist für die Jagd freigegeben!»

Für Ex-Miss-Schweiz Stéphanie Berger haben Sie die Comedy-Bühnen­programme «MissErfolg» und «Höllelujah» geschrieben. Warum sind ­Frauen im Comedygeschäft immer noch selten anzutreffen – immer auf Geschlechterthemen gebucht?

Gremlich: Das ist schwierig zu sagen. Ich halte weibliche Comedians wie Stéphanie Berger, Regula Esposito mit ihrer Figur Helga Schneider oder auch Anet Corti für extrem spannend und vielfältig. Sie sind eine neue Gattung von Komikerinnen, sozusagen Geburtshelferinnen eines eigenständigen Frauenhumors. Wenn es nach mir geht, dürften viel mehr Frauen auf die Schweizer Comedybühnen gehen. Ich glaube, dort draussen gibt es eine Menge Männer und Frauen, die sich über mehr Vielfalt und komödiantische Emanzipation freuen würden.

Was empfehlen Sie Ihren Künstlern, wenn ein Gag total danebengeht?

Gremlich: Über sich selbst lachen und weitermachen. Vor Publikum ist das eine harte Schule, aber das gehört dazu. Denn: Nur die Harten kommen in den Comedy-Garten! (lacht)

Sie waren Teil des Autorenteams von «Was guckst du?!» Wie muss man sich die Arbeit dort vorstellen?

Gremlich: Viele denken, wir Comedy-Autoren schreiben auf Mallorca unsere Gags, lassen uns den ganzen Tag volllaufen, essen Tapas und sind ein bisschen lustig. Gut, das stimmt zum Teil. (lacht)Aber: Im Normalfall sitzt du mit deinen Kollegen in klinischen Produktionsbüros. Die sind meistens karg, ohne Bilder, sehr langweilig. Und man hockt dann da, muss sich lustige Sachen ausdenken. Wenn der Komiker deine Witze nicht lustig findet, musste du neue liefern, machst Überstunden. Oder du legst ihm die Witze nochmals vor, wenn er einen besseren Tag hat. Das war meine Strategie!

Weiss man bei so einer Akkordarbeit eigentlich noch, was lustig ist?

Gremlich: Gerade beim Fernsehen verliert man manchmal den Kontakt zum Publikum. Und fragt sich irgendwann: Oh Gott, ist das jetzt noch lustig? Ich habe schon fremden Leuten in Cafés meine Gags erzählt, um herauszufinden, ob sie die komisch finden. Zum Glück haben sie eingeschlagen ...

Witze verstehen ist eine intellektuelle Leistung ...

Gremlich: Definitiv! Ich sage immer: ­Leute zum Weinen zu bringen, ist einfach. Leute zum Lachen zu bringen, das ist viel schwerer. Bei traurigen Sachen gibt es mehr Konsens. Aber nicht jeder lacht über das Gleiche!

Wie erfindet man einen Witz?

Gremlich: Du erfindest einen Witz nie neu, nur die Verpackung. Du kannst einen Witz an einen anderen Ort nehmen, du kannst ihm etwas anderes anziehen. Der Witz selbst bleibt gleich. Deshalb lässt er sich auch schlecht schützen. Einmal liefen bei «RTL Samstag Nacht» fünf meiner Witze an einem Abend. Darunter drei über Kate Moss, die damals schwanger war. Ich war unglaublich stolz! Plötzlich hiess es, ich hätte die Witze gestohlen. Hatte ich nicht. Wenn ein super dünnes, drogensüchtiges Model plötzlich schwanger wird, liegen Witze einfach in der Luft. Viele Leute haben dann die gleichen Ideen.

Sind Komiker tatsächlich so traurige Menschen, wie man ihnen nachsagt?

Gremlich: Im Sinne von tiefgründig, ja, da ist was dran! Harald Schmidts boshafter intellektueller Humor gründet auch auf einer Tiefgründigkeit. Das ist kein Wunder: Du musst schon ein Tal durchlaufen haben, um wieder lachen zu können.

Wie ist das bei Ihnen?

Gremlich: Auch in mir steckt eine gewisse Bipolarität. Du kannst nicht 24 Stunden lustig sein, du brauchst diese andere Stimmung, um wieder Bodenhaftung zu bekommen. Ich sage bewusst nicht tiefgründig, sonst heisst es wieder, jetzt macht der komische Vogel plötzlich auf intellektuell.

Warum kommen eigentlich so viele Komiker und Kabarettisten aus einem katholischen Elternhaus? Harald Schmidt,Hape Kerkeling,Stefan Raab das kann doch kein Zufall sein?

Gremlich: Vielleicht, weil Institutionen wie die katholische Kirche sich selbst nicht genug hinterfragen. Deshalb sind sie ein rotes Tuch für jeden Komiker. Wer über sich selbst lacht, hat mir als Komiker alle Waffen genommen. Das liebe ich so an den amerikanischen Politikern, diese Selbstironie. Bei Frau Merkel ist das schon weniger entspannt, und bei den Schweizer Bundesräten will man gar nicht darüber nachdenken, was Lockerheit heissen ­könnte. Geri Müller hats immerhin probiert. Man könnte auch sagen, bei ihm hat man den kleinen Unterschied gesehen.

Das Schweizer Fernsehen hat Sie ins Boot geholt für ein neues Comedy-Format. Der «Blick» munkelte kürzlich, es heisse «Headhunter». Die Ablösung für Giacobbo/Müller?

Gremlich: Nein, überhaupt nicht! Das soll ein zusätzliches Comedy-Late-Night-­Format werden. Wenn alles gut läuft, können wir im nächsten Jahr auf Sendung gehen. Die Schweiz braucht dringend mehr Comedy, ich freu mich deshalb sehr darüber, dass ich das machen darf.

Harald Schmidt ist weg von der Mattscheibe, Stefan Raab will sich Ende 2015 vom TV verabschieden. Wird der TV-Markt für den Humor langsam unattraktiv? Und ist Youtube der Comedy-Kanal der Zukunft?

Gremlich: Wenn ich die Antwort wüsste, hätte ich meinen eigenen TV-Kanal a la Ruppert Murdoch und würde nicht mehr arbeiten, sondern Dollars zählen! Ich denke, das Fernsehen wird seine Berechtigung auch in Zukunft behalten. Vielleicht ist es mit der Comedy wie mit der Börse. Es gab eine Zeit, da war TV-Comedy auf allen Kanälen omnipräsent. Logischerweise nimmt das auch wieder ab. Das Nutzerverhalten ändert sich, natürlich auch in Richtung Youtube und Internet. Ich denke, es wird eine Art Symbiose geben, ein Miteinander. Für mich als Kreativen heisst das, man muss sich dem Zeitgeist anpassen.

«Komik ist für mich eine Lustgeschichte.» (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

«Komik ist für mich eine Lustgeschichte.» (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)