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UNTERWEGS: Wie Weltenbummler zu Geld kommen: Betteln, schuften, bloggen

Die Backpacker von einst schlafen nun in anständigeren Unterkünften als im Massenschlag. Das kostet mehr. Und führt zu Arten der Reisegeldbeschaffung, die nicht unumstritten sind.
Diana Hagmann-Bula
Rucksackreisende de luxe: Sie investieren in ein Bungalow mit Meersicht. Mit günstigen Mehrbettzimmern, in denen Schnarchende und Kakerlaken den Schlaf rauben, haben sie abgeschlossen. (Bild: Getty)

Rucksackreisende de luxe: Sie investieren in ein Bungalow mit Meersicht. Mit günstigen Mehrbettzimmern, in denen Schnarchende und Kakerlaken den Schlaf rauben, haben sie abgeschlossen. (Bild: Getty)

Diana Hagmann-Bula

Man hat gespart, gespart und gespart. Bis auf dem Konto genug Geld lag, um sich endlich in einer Barke den Mekong hinuntertreiben lassen zu können. Übers Wochenende nach Marokko, eine Woche zum Surfen nach Portugal, zwei Wochen mit dem Rucksack durch Costa Rica und das alles innert drei Monaten: Geld zurücklegen alleine genügt heute nicht mehr, um auf die erwünschte Welterkundungsdosis zu kommen. Reisejunkies helfen sich nun anders weiter.

Zu alt für den Massenschlag

Viele Rucksackreisende sind aus ihren Zwanzigern (oder Dreissigern) herausgewachsen. Zu alt jedenfalls, um ein weiteres Mal ein Mehrbettzimmer für umgerechnet 1.50 Franken mit Schnarchenden und Kakerlaken zu teilen. Flashpacker heissen diese Touristen, denen noch nach Abenteuer und Freiheit aus dem Rucksack ist, die jedoch nicht mehr ohne weiche Matratze und Privatbad einer anständigen Unterkunft auskommen. Inlandstrecken legen sie nicht mehr in Minibussen zurück, in die sich 20 Einheimische quetschen, obwohl das Gefährt nur für 12 Leute zugelassen ist. Sie buchen stattdessen Flüge, nicht die billigen, für die sie mitten in der Nacht aufstehen müssten. Flashpacker sind gelassener als Backpacker. Weil sie nicht mehr im Hostel mit möglichst authentischen Erlebnissen prahlen müssen.

Pleite in Hongkong – «Bitte helfen Sie!»

Diese Entspanntheit hat ihren Preis. Statt 1.50 Franken zahlen sie nun 80 Franken fürs Zimmer. Nicht nur, aber vielleicht auch deshalb betteln Touristen unterdessen um Zustupf. Sie sitzen in einer beliebigen asiatischen Grossstadt auf dem Boden, ein Schild um den Hals gebunden: «Hier ist es sehr schön, aber auch sehr teuer. Ich habe kein Geld, um meine Reise fortzusetzen. Bitte helfen Sie!» Einige, die dem Reisefieber gar arg verfallen sind, legitimieren diese Art der Mittelbeschaffung mit Augenzwinkern. Andere wettern: Moralisch verwerflich ist es, die hohle Hand in einem Land zu machen, in dem der Grossteil der Bevölkerung deutlich ärmer ist als der Reisende.

Manche der Gestrandeten bieten immerhin etwas. Sie verkaufen Reisefotos als Postkarten, sie spielen Gitarre. Andere sitzen nur neben dem lokalen Bettler und grinsen in die Runde. Der Gipfel des möglichst authentischen Reisens? Ja, meint Robert Schäfer, Soziologiedozent an der Universität Fribourg. Er umschreibt das Phänomen gegenüber der «Berliner Zeitung» als «Steigerung des Township-Tourismus, bei dem Reisegruppen durch Elendsviertel geführt werden». Wer Bettler unterstützt, trägt dazu bei, dass sie im (Armuts-)Kreislauf gefangen bleiben, mahnen Hilfswerke. Irgendwie gilt das doch auch für die Reisejunkies, die um Geld bitten: Legt man etwas in ihren Hut, nährt man ihre Rastlosigkeit.

Schreiben, wenn die Sonne untergeht

Weltenbummler, die Betteln aus ethischen (und berechtigten) Gründen ablehnen, bloggen sich vielleicht um die Welt. Wie Courtney Adamo, Engländerin, Instagram-Mutter mit 225000 Abonnenten und der «stylischsten Familie Grossbritanniens». Als ihr Mann 2015 seinen Job als Chef einer Filmproduktionsfirma kündigte und die Familie für ein Jahr um die Welt tingelte, sagte sie kurz vor der Abreise gegenüber «Stern»: «Noch ist die Reise nicht gesponsert, aber ich stehe mit einigen Hotelanbietern in Kontakt.» Adamo verkauft Kinderkleidung online, seit der Familienauszeit bloggt sie unter «Somewhere slower» über die schönsten Orte dieser Welt. Wenn wir Adamo und anderen Reisebloggern dabei zuschauen, wie sie an Australiens Stränden die Seele baumeln lassen, in Sri Lanka den Saft einer frischen Kokosnuss schlürfen oder einen Flug ans andere Ende der Welt im Cockpit miterleben, ploppt Banner-Werbung auf. Sie verdienen auch, wenn sie einen besonders robusten Rucksack empfehlen, erwähnen, was in den Koffer einer Reisefamilie gehört oder ihr Lieblingshotel nennen. Alles Produkte und Dienstleistungen von Auftraggebern.

Reiseblogger schwärmen von ihrem Traumjob: «Ich bekomme so vieles zu sehen, das andere Menschen vielleicht niemals erleben.» Und sind somit so etwas wie die Steigerung des Rucksacktouristen: Sie brüsten sich damit, noch Besondereres zu erleben als die Besonders-Reisenden. Reiseblogger sollen bis zu 5000 Euro im Monat verdienen. Sie «arbeiten» auch mal dann, wenn die Sonne besonderes schön am Südseehimmel untergeht. «Wir mussten zuerst lernen, dass wir nicht den ganzen Tag mit der Kamera draufhalten, sondern es reicht, wenn wir nur fünf Minuten von jeder Aktion nehmen», sagen etwa Sandy und Benedict Durchholz, die einen Reise-Youtube-Channel betreiben, gegenüber Welt.de. Nur weil sie ihre Arbeit lieben würden, heisse das nicht, dass sie weniger anstrengend sei. Tönt nach Burn-out im Paradies.

Kot putzen statt Affen retten

Doch nicht allen Menschen liegt das Schreiben. Noch weniger das Teilen der eindrücklichsten Reiseerlebnisse. Sie behalten lieber für sich, wo es den besten Mojito in ganz Südamerika gibt. Stattdessen helfen sie jemandem in der Ferne auf dessen Farm aus (gutes Gewissen!), machen sich dabei vertraut mit den lokalen Gepflogenheiten (einmaliger Erzählstoff für daheim!) und finanzieren sich mit dem Lohn die nächsten Etappen: eine dreifache Win-win-Situation.

Besonders beliebt bei reisenden Arbeitswilligen: Früchte ernten. Dass sie sich in Australien dabei teils mit Handschuhen vor der giftigen Rotrückenspinne schützen müssen, verdrängen sie vor der Abreise. Im Internet wimmelt es von weiteren abschreckenden Erlebnissen. So liess sich eine Französin mit der Aussicht nach Südafrika locken, Affen vor Wilderern zu retten. Tatsächlich schrubbte sie nur den Kot der Tiere aus dem Käfig.

In der Schweiz den Ferienwein trinken

Wer nun befürchtet, fortan doch wieder sparen zu müssen, um sich seine Vielreiserei leisten zu können, dem sagt wohl die folgende Möglichkeit zu. Ethno boomt (wieder) und ist ein erfolgreiches Geschäft. Der Rohstoff dafür: schöne Dinge aus aller Welt. Die geeigneten Unternehmer: alle, die sich schon einmal in die bunten Taschen eines vietnamesischen Bergvolkes verliebt haben. Oder in Griechenland damit liebäugelten, den süffigen Inselwein in der Schweiz zu verkaufen.

Herumreisen und kunsthandwerkliche sowie kulinarische Schätze aufspüren, wenn das kein potenzieller Lieblingsberuf ist. Nicht alle Hobbyimporteure sind dabei gewinngesteuert, einige wollen nur helfen. Wie die Zürcher von Le Schal. Sie lassen in Kambodscha in Kleinstbetrieben landestypische Baumwollfoulards produzieren, vertreiben sie online. Der Gewinn fliesst nicht in die Reisekasse, er geht an ein Spital, das Kinder kostenlos behandelt. Bis zum nächsten Trip dauert es halt länger. Dafür ist die Vorfreude nicht so kurz. Die gehört ja auch zum (authentischen) Reisen.

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