Urbanes Grün

Grün gehört wieder dazu, und zwar nicht nur zum Einfamilienhäuschen auf dem Land, sondern auch beim Städter. Garten und Balkon sind die neuen Statusmeilen des Zeitgeistes.

Drucken
Teilen
Urban Gardening erfreut sich wachsender Beliebtheit. In Berlin-Kreuzberg am Moritzplatz wächst Gemüse in Bioqualität. (Bild: Imago)

Urban Gardening erfreut sich wachsender Beliebtheit. In Berlin-Kreuzberg am Moritzplatz wächst Gemüse in Bioqualität. (Bild: Imago)

Jeroen van Rooijen

Es sind die jungen Städter in schmalen Hosen und nicht mehr die rüstigen Senioren oder zugewanderten Selbstversorger mit Cevapcici-Grill, die heute auf den Wartelisten für die Schrebergärten der Gemeinden stehen. Denn im Zeitalter des nachhaltigen Lebens, in dem man möglichst genau wissen will, was man isst, trägt, fährt und konsumiert, führt der Weg zum Glück übers Grün. Diese Tendenz wird auch in anderen Lebensbereichen immer wichtiger. Man will zurück zur Natur, etwas selber kultivieren und die Kraft der Pflanzen hautnah erleben. Urban Gardening, wie das Häckeln heute heisst, ist die natürlich Gegenreaktion zur fortschreitenden Urbanisierung unserer Welt – man holt sich ein Stück Natur zurück, wenn es sein muss auf dem Grünstreifen vor dem Haus. Das Thema ist in grösseren Städten schon eine kleine Volksbewegung geworden.

Ein Balkon ist – egal wie klein – ein guter Anfang. Darauf kann man mit Holzkästen regelrechte Hochbeete und Mini-Treibhäuser bauen. Notfalls geht es auch im öffentlichen Raum – jeder noch so kleine Flecken hat das Potenzial zum grossen Grün. Man erobert sich ein Stückchen Grün, einen eigenen Blätz, den man symbolisch okkupiert, quasi als Pfand für die Steuern, die man jedes Jahr zahlt. Zum Beispiel irgendwo, wo man jeden Tag vorbeikommt und sich daran erfreuen kann. Oft drücken die Behörden ein Auge zu, denn es gibt Schlimmeres, als wenn jemand heimlich ein Blumenbeet anlegt. Allerdings gibt es bereits Projekte, bei denen Gemeinden aktiv mitmischen und Reviere vermitteln. Dort kann man dann sogar Kräuter oder Gemüse und Früchte anbauen. Sonst sind es vor allem einfache und zähe, schnell wachsende und genügsame einheimische Pflanzen.

Urban Farming

Im öffentlichen Raum sein eigenes Gemüse zu züchten, ist aber – auch der Hygiene wegen – nicht uneingeschränkt ratsam. Dafür sollte man eher auf sein eigenes Dach ausweichen oder auf ein Garagen-Flachdach in der Nähe. Diese fortgeschrittene Stufe von Urban Gardening heisst Urban Farming: Dabei geht es um kleine Pflanzlabore oder Stufengärten, die wenig Platz brauchen und viel hergeben. Es gibt sogar Systeme, die den Kräuter- und Gemüsegarten mit einer eigenen kleinen Fischzucht kombinieren, man findet sie unter urbanfarmers.ch . Diese Initiativen wollen Städter mit einfach nachvollziehbaren und günstig herzustellenden Mitteln zu neuen Selbstversorgern erziehen. Sogar Hühner können dazugehören – auf theselby.com gibt es einen Bericht über eine junge New Yorkerin, die ein ganzes Flachdach mitten in Manhattan zu einem kleinen Hof umfunktioniert hat und dort als Stadtbäuerin tätig ist.

Etwas wilder geht es beim Guerilla Gardening zu und her: Der Begriff umschreibt das klandestine Begrünen der urbanen Einöde, und zwar gegen den Willen von Stadtbehörden und Raumplanern. Es ist eine Art Protestbepflanzung oder Graffiti mit den Mitteln der Natur: Man wirft im Frühling eine Saatbombe und schaut später nach, was da so blüht. Diese Saatbomben aus Ton kann man inzwischen in namhaften Versandhäuser kaufen, etwa bei Manufactum.

Mediterrane Farben im Trend

Die Trends bezüglich dessen, was angesät wird, setzt die englische Chelsea Flower Show – sie fand Ende Mai in London statt und gilt als eine der stilprägendsten Gartenshows weltweit. Die grosse Nachricht aus Chelsea waren dieses Jahr intensive Farben. Es geht um mediterrane Farben, Gelb und Orange – und auch Geranien sind laut Chelsea wieder voll im Kommen. Weitere oft gesehene Arten waren Mohn, Kornblumen, Iris und Schwertlilien sowie natürlich Gräser und Bambus. Doch anders als in der Mode ist etwas mehr Geduld gefragt: Was dieses Jahr gesät wird, zeigt vielleicht erst in zwei Jahren seine schönsten Blätter. Vielleicht ist die Natur in diesem Punkt der kurzlebigen Mode bereits einen Schritt voraus?

Völlig weg vom Fenster – im wahrsten Sinn des Wortes – sind tropische Zimmerpflanzen wie Philodendron oder Zimmerpalmen. Der Ficus ist vielerorts verschwunden, er fristet nur noch in Büros ein trauriges Dasein. Der Farn, in den Seventies ein absolutes Must im bürgerlichen Wohnzimmer, ist kaum noch irgendwo zu sehen. Auch sind Hängepflanzen mit bärtigen Luftwurzeln aus der Mode. Verdächtig sind auch Kakteen oder hochempfindliche, divenhafte Solitäre wie die Orchidee.