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URI: «Rambos haben hier nichts verloren»

Nur Freaks und Rambos gehen zu den «Grenis» - so das Klischee. Die Wahrheit ist: Grenadiere sind heute nicht nur körperlich parat, sondern auch geistig fit. Ein Truppenbesuch.
Daniel Schriber
Während einer Woche haben sich die Absolventen der Grenadierschule im Gebiet Rossmettlen oberhalb von Andermatt einquartiert. (Bild: Corinne Ganzmann / Neue LZ)

Während einer Woche haben sich die Absolventen der Grenadierschule im Gebiet Rossmettlen oberhalb von Andermatt einquartiert. (Bild: Corinne Ganzmann / Neue LZ)

Es ist neblig und kühl an diesem Montagmittag in Andermatt. Das Bild von Touristen aus aller Welt, die hier schon bald durch die Strassen flanieren sollen, will einfach nicht in den Kopf passen. Doch das ist heute auch nicht das Thema.

Pünktlich um 13 Uhr fährt Stabsadjutant Claudio Palà mit einem dunklen Kombi am Bahnhof vor. Grund unseres Besuchs: Die Jungs aus Isone sind diese Woche im Ort. Die Absolventen der Grenadierschule, umgangssprachlich auch Grenis genannt. Oder Rambos. Rambos? «Dieses Bild der Grenadiere ist veraltet und längst passé», sagt Palà. «Rambos haben in der Armee nichts verloren.» Dazu später mehr.

Bergsteigen, Abseilen, Biwakieren

Nach 15 Minuten Fahrzeit erreichen wir das Gebiet Rossmettlen, 2100 Meter über Meer. Einmal ausgestiegen, strahlen die Journalisten aus dem Unterland: die Sonne! So muss Militärdienst Spass machen. «So vielleicht schon», sagt Stabsadjutant Palà. «Aber am Donnerstag erwarten wir 30 Zentimeter Neuschnee.» Das wissen auch die knapp 60 Soldaten, die gerade dabei sind, in einem vorgegebenen Gebiet ihr Biwak zu errichten. Eine wichtige Aufgabe: «Denn wir bleiben hier, auch bei Regen und Schnee», sagt Kompaniekommandant Stephan Hofer. Es sei denn, das Risiko sei zu gross.

Die Grenadiere sind diese Woche in den Bergen oberhalb Andermatt im Dienst, um ihre Fähigkeiten im Gebirge zu üben und zu vertiefen. Klettern, Abseilen, Bergsteigen, Biwakieren: Für viele der Soldaten ist die Gebirgsausbildung ein Highlight ihrer total 25-wöchigen Rekrutenschule. So auch für den 19-jährigen Jonas Marty aus dem schwyzerischen Unteriberg, der gerade dabei ist, sein Biwak mit einer Steinmauer sowie dicken «Grasmocken» wasser- und winddicht zu machen. Der gelernte Schreiner und Berufsmaturand ist auch privat oft in den Bergen unterwegs und fühlt sich auch auf 2100 Metern wohl.

Marty, der sich auffallend überlegt ausdrückt, weiss von der Rekrutenschule (RS) fast nur Gutes zu berichten. Er lerne viel hier, sagt er, nicht nur fachlich, sondern vor allem auch im zwischenmenschlichen Umgang. «Leute aus der ganzen Schweiz mit ganz unterschiedlichen Geschichten treffen in der RS aufeinander, und doch wird man mit der Zeit zu einer kleinen Familie.» Komme hinzu, dass er im Militär Dinge mache, die er sonst kaum je erleben würde. Nächste Woche zum Beispiel steht die Ausbildung am Helikopter an. Marty und seine Kameraden werden sich dann aus mehreren Metern bloss mit der Kraft ihrer Hände und Füsse aus einem fliegenden Heli abseilen. «Fast Rope» nennt sich dieser waghalsige Akt aus luftiger Höhe. Und der Grenadier aus dem Kanton Schwyz freut sich schon sehr darauf.

Marty ist mit seiner Meinung nicht allein. Kaum einer der jungen Soldaten verliert hier ein schlechtes Wort über die RS. Wenn überhaupt, ist es der Schlafmangel – normalerweise ist um 5 Uhr Tagwache –, mit dem die Männer Mühe haben, und die Abwesenheit vom Zuhause. Die Wochenenden von Samstagmorgen bis Sonntagabend sind bisweilen sehr, sehr kurz.

40 Prozent sind nicht mehr dabei

Dass es trotzdem kaum Misstöne zu hören gibt, hängt auch damit zusammen, dass zum jetzigen Zeitpunkt der RS (Woche 15) nur noch die Soldaten dabei sind, die auch tatsächlich dabei sein können und wollen. Gemäss Stabsadjutant Palà haben innerhalb der ersten elf Wochen, also noch während der allgemeinen Grundausbildung, satte 40 Prozent der Rekruten die Grenadier-RS verlassen – und dies trotz strenger Vorselektion während der Rekrutierung. Sei es, weil sie körperlich die hohen Anforderungen nicht erfüllten, oder weil sie intellektuell oder psychisch nicht zur Truppe passten. Selbst auf fragwürdige Tätowierung würden die Männer gecheckt. Rambos gebe es bei den Grenadieren keine mehr, betont auch der «Kadi» Stephan Hofer. Die Männer – Frauen gab es bis jetzt keine bei den Grenadieren – lernen den Umgang im Gebirge, im Wasser und in der Luft. Wer diese Ausbildung überstehen will, braucht nicht nur Muskeln, sondern auch Köpfchen – und grossen Leistungswillen. «Hart ist es schon», sagen die Soldaten. Dafür nie langweilig.

Der Nachmittag ist fortgeschritten, die meisten Gruppen haben ihr Biwak mittlerweile fertig aufgebaut. Oberleutnant Stephan Hofer aus Flims ruft ein gutes Dutzend Kaderanwärter zu sich, die während der bevorstehenden Tage erste Führungserfahrungen sammeln werden. Alle von ihnen sind gleich alt oder gar jünger als die frischgebackenen Grenadiere, umso grösser ist die Herausforderung, den ehemaligen Kameraden auf einmal Befehle zu erteilen.

Natürliche Gefahren

Kompaniekommandant Hofer ist grundsätzlich zufrieden – ärgert sich aber über die Unordnung, die rund um einige der Biwaks herrscht. Offene Rucksäcke oder herumliegende Klamotten sind dem Offizier ein Dorn im Auge. «Nur wenn Ordnung herrscht, ist es möglich, den Überblick über das Material zu behalten!» Wenig später gibt Hofer das Programm für die kommenden Stunden durch. Latrine erstellen, Funkantenne errichten, Wachtdienst vorbereiten. Obwohl es auf 2100 Meter keine potenziellen Störenfriede und schon gar keine Feinde gibt, ist der letzte Punkt unabdingbar. Letztes Jahr sei ein Felsbrocken den Hang runtergedonnert, warnt Hofer seine Soldaten. Und der kleine Bergbach, der zwischen den Biwaks hindurchfliesst, könne sich im Falle eines Schauers im Nu zum gefährlichen Fluss entwickeln. «Meine Herren, wir müssen stets wachsam sein», sagt Oberleutnant Hofer. Den ganzen Tag, die ganze Nacht.

Nachdem wir uns gegen 17 Uhr verabschieden, werfen wir noch einen Blick zurück ins Biwak-Dorf. Es ist kühl geworden, doch noch immer strahlt die Sonne über dem eindrücklichen Nebelmeer.

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