USA: Amerikaner im Rabatt-Rausch

«Couponing» ist in den USA ein Volkssport mit Rabattmarken. TV-Show, Workshops und Vortragsreisen inklusive.

Sabine Mezler-Andelberg, Atlanta
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Themenbild Ausverkauf Sale Rabatt (Bild: Themenbild: Keystone/Walter Bieri)

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Sabine Mezler-Andelberg, Atlanta

Mit stolzgeschwellter Brust steht Scott in seinem Keller und stapelt vor den Augen des Kamerateams einen Jahresvorrat an Toilettenpapier in den freien Regalplatz zwischen Konservendosen, Putzmitteln, Windeln und Shampoo-Flaschen. «Scott liebt seine Vorräte», sagt seine Frau Amy mit einer Mischung aus Unverständnis und Ergebenheit.

Scott arbeitet als Radioproduzent in New York City und gelangte in der erfolgreichen US-Reality-Show «Extreme Couponing», in der Menschen mit Rabattgutscheinen neue Rekorde in Sachen Sparen aufstellen, zu kurzer Berühmtheit. Unter dem Jubel der Umstehenden trug er hier Waren für 429 US-Dollar aus einem Supermarkt, für die er nach dem Aushändigen unzähliger akribisch vorbereiteter Gutscheine, «2 für 1»-Bons und Rabattmarken an der Kasse nur mehr 15.87 Dollar berappen musste – und vor Freude und Stolz kaum atmen konnte.

Coca-Cola machte den Anfang

Und Scott steht damit keineswegs allein. Das Couponing ist in den USA ein Volkssport, der beeindruckende Ausmasse angenommen hat. Die TV-Show läuft bereits seit 2011 mit grossem Erfolg und fährt auch im siebten Jahr jeden Mittwochabend mehr als eine Million Zuschauer ein. Ausserdem gibt es Seminare, Facebook-Gruppen und Online-Trainings. Ange­fangen hat mit dem Coupon-­Geschäft kein Geringerer als Asa Candler, Erfinder von Coca-Cola. Mit seinen handgeschriebenen Tickets bot er im 19. Jahrhundert wahlweise ein Gratis-Glas seiner neuen Brause oder eine Kostprobe für 5 Cents an. Heute werden laut Statistik pro Jahr 305 Milliarden Coupons im Gesamtwert von 470 Milliarden US-Dollar unter die Leute gebracht und Gutscheine im Wert vom 3,6 Milliarden Dollar eingelöst.

Vor dem Fauxpas beim Anstehen warnt Jenny Martin ihre Seminarteilnehmer und Webseiten-Besucher eindringlich. «Ich empfehle immer, vor dem Anstellen an der Kasse mit dem Einkaufswagen an die Seite zu fahren, die richtigen Coupons vorzubereiten und griffbereit zu haben», erklärt sie die Couponer-Etikette. Und Martin kennt sich aus: Vor elf Jahren hat die Mutter von fünf Kindern mit dem Sammeln begonnen, 2008 dann ihre Website southernsavers.com gegründet, auf der sie jährlich eine Million Besucher verzeichnet. Ausserdem bietet sie Einkaufslisten an und ist eine gefragte Vortragende geworden.

Faszination des Banalen

Für viele der – keinesfalls immer bedürftigen – Couponer liegt der Reiz darin, mit einem siegreichen Gefühl nach Hause zu gehen. Ohne dabei all die Zeit und Kosten zu berechnen, die durch stundenlanges Ausschneiden und Sortieren entstehen, vom Abklappern unzähliger Shops ganz zu schweigen. Warum aber übt dieser Volkssport des Sparens auch ohne Not eine solche Faszination auf die Menschen aus? «Da kommen einige Faktoren zusammen», weiss Pamela Rutledge, Direktorin des Medienpsychologischen Forschungszentrums in Kalifornien, «zum einen lieben die Menschen es immer, Geld zu sparen und sich überlegen zu fühlen.» Der Erfolg der Reality-Shows zu diesem eigentlich banalen Thema liege auch darin, dass Zuschauer das Gefühl haben, dabei etwas zu lernen.

«Ausserdem lieben Zuschauer grundsätzlich alles, was mit Kreativität zu tun hat», so die Medienpsychologin. «Und in diesen Shows geht es darum, das System zu besiegen, gegen die Zeit zu kämpfen, da die Coupons ablaufen.»