VATIKAN: «Einmal Gardist, immer Gardist»

Papst Franziskus sorgt auch bei den Schweizer Gardisten für neue Begeisterung. Auch wenn er ihnen die Arbeit nicht immer einfach macht, wie ein neuer Dokumentarfilm offenbart.

Drucken
Teilen
Spontane Begegnung im Vatikan: Papst Franziskus hält die Hand an den Pileolus, sein weisses rundes Käppchen, während er einen Schweizergardisten grüsst. (Bild: AFP/Andreas Solaro)

Spontane Begegnung im Vatikan: Papst Franziskus hält die Hand an den Pileolus, sein weisses rundes Käppchen, während er einen Schweizergardisten grüsst. (Bild: AFP/Andreas Solaro)

Kari Kälin

Die Situation war brenzlig. Während der Generalaudienz in der Aula Paolo VI. rannte ein Tourist auf Johannes Paul II. los. Ein Attentäter? Oder bloss ein Verwirrter? Stefan Eichhorn (49), heute Kassier der Gemeinde Arth, erinnert sich an die Szene vom Mittwoch, 25. Januar 1989, als ob sie gestern passiert wäre. Der ehemalige Schweizer Gardist (1987 bis 1989) schritt mit seinen Kollegen ein, packte den Mann, hielt ihn fest. Bewaffnet war er nicht. Aber etwas verstört. «Er wollte dem Papst eine persönliche Botschaft überbringen», sagt Eichhorn. Die Zeit im Vatikan sei eine Lebensschule und so prägend, dass man ewig mit der Garde verbunden bleibe, sagt Eichhorn. Der grösste Moment sei die Vereidigung, die jeweils am 6. Mai stattfindet. An diesem Tag gewährt der Papst eine kurze Privataudienz und lernt die Eltern der Gardisten kennen.

In Gala-Uniform durch Einsiedeln

Es sind solche Erinnerungen, die die ehemaligen Schweizer Gardisten heute und morgen bei ihrer Generalversammlung in Einsiedeln aufleben lassen werden. Rund 500 Personen werden erwartet, darunter auch A-Prominenz wie der jetzige Gardekommandant Christoph Graf oder Armeechef André Blattmann. Der spektakuläre Teil der Veranstaltung findet am Sonntagmittag statt. Dann werden die früheren Papstbeschützer in der blau-rot-gelben Galauniform, inklusive Fahnen, Instrumenten und Hellebarden, durch Einsiedeln marschieren.

Das Gewand aus der Zeit der Renaissance in den Traditionsfarben der einflussreichen Fiorentiner Herrscherfamilie Medici prägt die öffentliche Wahrnehmung der Schweizer Garde. Doch ist das alles? Sind die jungen Männer, die Bodyguards des Oberhaupts der katholischen Kirche, bloss ein folkloristisches Überbleibsel des schweizerischen Söldnerwesens, schöne Statuen, ein Fotosujet für Touristen?

Intimer Blick hinter die Kulissen

Solche Fragen beschäftigen die mehr als 100 jungen Männer, die derzeit die Sicherheit von Franziskus garantieren. Dies sagt der italienische Regisseur Gianfranco Pannone, der im Auftrag des Vatikans den Dokumentarfilm «Das kleinste Heer der Welt» gedreht hat. Pannone wird sein Werk am 9. September an einem Filmfestival in Venedig vorstellen. Ein Jahr lang begleitete er eine Handvoll Gardisten, besuchte sie im letzten Oktober, kurz vor Beginn der Gardisten-Rekrutenschule, in der Schweiz, führte Interviews, warf einen intimen Blick hinter die Kulissen dieser Institution, die 1506 auf Anfrage von Papst Julius II. damit begann, den Vatikan zu bewachen.

Gianfranco Pannone dokumentiert das Alltagsleben, lässt die jungen Männer, «die noch ihren Platz im Leben suchen», über ihre Zweifel, ihre Träume, ihre Verlobten erzählen. «Die Gardisten zeigten sich sehr offen», sagt Pannone. Er wolle deren menschliche Seite offenbaren und nicht über das Gefühl werweissen, das man habe, wenn man während der Nacht fünf Meter neben Franziskus’ Zimmer Wache halte.

Die Ausstrahlung von Franziskus

Der Chef der katholischen Kirche macht es den Gardisten nicht einfach. «Er ist unabhängig, spaziert gerne alleine, ohne jemanden zu benachrichtigen», sagt Pannone. Doch wenn er vor den jungen Männern in ihrem mittelalterlichen Kostüm stehe, da zaubere er ihnen immer ein Lächeln ins Gesicht. Der Regisseur ist überzeugt, dass Franziskus mit seiner Ausstrahlung auch eine positive Wirkung auf seine Bewacher entfaltet. Und vielleicht auch Zweifel zerstreut, welche die Gardisten plagen, wenn sie über ihre Rolle als junge Männer nachdenken, die in mittelalterlichen Kleidern den Papst beschützen.

Gardisten gegen Museumswärter

Nicht jedermann wird für den kirchlichen Sicherheitsdienst in Rom zugelassen. Man muss nicht nur ein lediger Schweizer Katholik im Alter von 19 bis 30 Jahren sein und die Rekrutenschule absolviert haben, sondern auch einen tadellosen Leumund vorweisen, körperlich und psychisch robust sein, die Matura oder eine Berufslehre abgeschlossen haben und mindestens 1,74 Meter gross sein. Jährlich werden 30 bis 35 Neogardisten vereidigt. In ihrer Freizeit können sie beim FC Guardia kicken und dabei in der Vatikanmeisterschaft zum Beispiel gegen die Museumswärter antreten. Man kann sich auch im Fitnessraum stählen oder im Gardespiel musizieren.

Suche immer aufwändiger

Bernhard Messmer aus Glarus ist für die Rekrutierung des Nachwuchses zuständig. Noch finden sich genug junge Männer, die bereit sind, ihr Leben für mindestens 25 Monate in den Dienst der päpstlichen Sicherheit zu stellen. «Aber die Suche wird immer aufwändiger», sagt Messmer. Zwar melden sich jährlich rund 150 Interessenten. Doch längst nicht alle erfüllen die Kriterien. Bisweilen erkundigen sich Dienstuntaugliche, Nichtkatholiken, zu kleine Männer oder sogar Ausländer nach einem Engagement. Sie scheiden im Voraus aus.

Auch Christoph Graf (53), ein gebürtiger Pfaffnauer und seit Februar neuer Kommandant der Schweizer Garde, ortet Probleme bei der Nachwuchsförderung. «Die heutige Jugend hat keine grosse Beziehung mehr zur Kirche und zum Glauben», sagte er in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung». Die wichtigsten Botschafter seien Ex-Gardisten, die in ihrem Umfeld für den Dienst in Rom Werbung machten. Ähnlich wie Regisseur Pannone erkennt auch er einen Franziskus-Effekt. Nach seiner Wahl habe es einen neuen Schub gegeben, momentan habe die Garde genügend Nachwuchs.

Reisen mit dem Papst

«Das kleinste Heer der Welt», wie Filmmacher Pannone sagt, besteht aus 110 Männern: dem Kommandanten, dem Gardekaplan, vier Offizieren, 26 Unteroffizieren und 78 Hellebardieren. Die Hauptaufgabe lautet, «ständig über die Sicherheit des Heiligen Vaters und seiner Residenz zu wachen». Dafür wird der Papst auf Reisen begleitet, man macht Ordnungs- und Ehrendienste und kontrolliert den Eingang zur Vatikanstadt, wo die jungen Schweizer Männer mit ihren Hellebarden die sogenannte Schildwache leisten. Und genau daher rührt das Bild der «schönen Statuen» und «bunten Touristenattraktion».

Doch das Leben im Dienst des Heiligen Vaters biete viel mehr Facetten, sagt Stefan Eichhorn. Personenkontrollen beim Eingang gehören ebenso dazu wie Kontrollrundgänge in der Nacht des Vatikans. Und natürlich werden lebenslange Freundschaften geschlossen. Eichhorn bringt es so auf den Punkt: «Einmal Gardist, immer Gardist.»

HINWEIS
Weitere Informationen zur Tagung der ehemaligen Gardisten heute und morgen in Einsiedeln gibt es auf http://einsiedeln2015.ch.