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VERHALTEN: Stadionstimmung im Tierreich

König Fussball selbst bei den Vierbeinern? Auch Tiere lassen sich von den Emotionen und dem Gebaren ihrer Artgenossen anstecken. Sogar die «La Ola»-Welle haben sie schon erfunden.
Black tailed prairie dog (Cynomys ludovicianus) Alert at burrow. (Bild: Don Johnston (All Canada Photos))

Black tailed prairie dog (Cynomys ludovicianus) Alert at burrow. (Bild: Don Johnston (All Canada Photos))

kerstin Viering

Echte Fussballfans scheint die Tierwelt bisher wohl nicht hervorgebracht zu haben. Zumindest die Grundlagen des stadiontypischen Verhaltens aber beherrschen einige Arten durchaus. Ansteckende Begeisterung, die im Freudentaumel endet? Spontane Chöre, in die immer mehr Stimmen einfallen – singend oder grölend, je nach musikalischem Talent? Um sich greifende schlechte Laune, die sich nur zu leicht in Aggressionen entlädt? Das alles kennen Affen aus ihrem Alltag. Und selbst die Stadionwelle «La Ola», bei der die Zuschauer zeitlich versetzt von den Sitzen springen und die Arme hochreissen, haben entgegen anderslautenden Gerüchten weder die US-Amerikaner noch die Mexikaner erfunden. Jedenfalls nicht die zweibeinigen.

Präriehunde und Bewegungskunst

Die Präriehunde in den weiten Grasländern Nordamerikas beherrschen diese Kunst der koordinierten Bewegung nämlich schon deutlich länger. Diese äusserst geselligen Nagetiere leben in riesigen Kolonien zusammen, die aus Tausenden von Mitgliedern bestehen können. Die grösste bekannte Präriehund-Stadt in Mexiko hat sogar mehr als eine Million Einwohner. Für Biologen bietet das komplexe Sozialleben dieser Tiere ein reiches Betätigungsfeld. Lange haben sie zum Beispiel über ein bizarres Verhalten gerätselt, das bis vor kurzem niemand so recht erklären konnte.

Da richtet sich ein Tier plötzlich auf die Hinterbeine auf – manchmal mit so viel Schwung, dass es kurz vom Boden abhebt. Dabei streckt es die Vorderbeine aus, wirft den Kopf in den Nacken und stösst ein jaulendes «Wii-uuu!» aus. Das Ganze dauert etwa eine Sekunde und wirkt auf Artgenossen äusserst ansteckend: Wer sieht, wie sich seine Nachbarn in Positur werfen, macht normalerweise ebenfalls mit. So schwappt die Bewegung oft durch die ganze Kolonie – genau wie «La Ola» über die Ränge eines Stadions.

Ständig auf der Hut vor Feinden

Es gab verschiedene Theorien darüber, was die Tiere mit diesen seltsamen Aktionen bezwecken. Wollen sie auf diese Weise ihr Territorium markieren? Stärkt die von einem Koloniemitglied zum nächsten übertragene Bewegung den sozialen Zusammenhalt? Oder signalisiert die Präriehund-Welle, dass ein zuvor entdeckter Feind wieder abgezogen und die Luft rein ist? Um der Sache auf den Grund zu gehen, haben James Hare und seine Kollegen von der University of Manitoba im kanadischen Winnipeg mehr als 170 Videos aus 16 Kolonien von Schwarzschwanz-Präriehunden analysiert. Sie wollten wissen, in welchen Situationen das kollektive Aufspringen und Jaulen auftritt und welche Reaktionen es nach sich zieht. Dabei sind die Forscher auf einen auffälligen Zusammenhang gestossen: Je länger die Welle dauerte und je mehr Artgenossen sich daran beteiligten, umso mehr Zeit verbrachte der Initiator der Aktion anschliessend mit Fressen.

Das aber lieferte den entscheidenden Hinweis auf den Sinn des bizarren Verhaltens. Eine ausgiebige und entspannte Mahlzeit zu sich nehmen zu können, ist für einen Präriehund nämlich keine Selbstverständlichkeit. Denn da von Greifvögeln über Klapperschlangen bis zu Kojoten ein Heer von Feinden auf sie lauert, müssen die Nager ständig auf der Hut sein. Ein Teil der Koloniemitglieder mustert daher ständig den Himmel und die Landschaft, ihren Gefährten bleibt derweil Zeit zum Fressen oder für andere Aktivitäten.

Diese Strategie geht allerdings nur auf, wenn die diensthabenden Wächter auch wirklich aufpassen und nicht etwa vor sich hindösen oder abgelenkt sind. Und genau das scheinen die Präriehunde mithilfe ihrer Kolonie-Wellen sicherstellen zu wollen. Wer so eine Aktion anstösst, testet die Aufmerksamkeit seiner Nachbarn: Je mehr seiner Kollegen die Bewegung aufnehmen, umso wachsamer ist das Kollektiv – und umso eher kann sich der Initiator eine Auszeit nehmen und eine Mahlzeit gönnen.

Konzerte wie Lauffeuer

Kollektives Aufspringen ist allerdings nicht das einzige «ansteckende» Verhalten, zu dem sich Tiere von ihren Gefährten anstacheln lassen. Das Pendant der anschwellenden Fangesänge im Fussballstadion findet sich zum Beispiel bei den Mantelaffen. Diese auch als Guerezas bekannten Bewohner des afrikanischen Regenwaldes stimmen jeden Morgen beeindruckende Konzerte an, die sich wie ein Lauffeuer verbreiten. Sobald eine Gruppe die Darbietungen ihrer Nachbarn hört, stimmt sie ebenfalls mit ein. Hinter diesem Spektakel scheint eine Art akustischer Wettbewerb zu stecken, vermuten Anne Marijke Schel und Klaus Zuberbühler von der University of St. Andrews in Schottland: Ein kleineres Männchen fängt an zu rufen, und immer mehr Konkurrenten fallen ein, um stimmlich ihre eigene Grösse und Stärke zu demonstrieren.

Auch Schimpansen wissen den Reiz von akustischen Gemeinschaftserlebnissen durchaus zu schätzen. Zwar sind sie nicht als sonderlich musikalische Zeitgenossen bekannt, sie verwenden aber eine ganze Palette von Rufen für die unterschiedlichsten Gelegenheiten. Wenn sie aufgeregt sind, lassen sie zum Beispiel eine Art keuchendes Johlen ertönen, das Schimpansenforscher als «pant-hoot» bezeichnen. Je nach Situation kann das alles Mögliche bedeuten. Vielleicht haben die Tiere Futter entdeckt, vielleicht haben sie auch Gefährten wiedergetroffen, die sie eine Zeit lang aus den Augen verloren hatten. Oder sie antworten einfach auf die pant-hoots anderer Artgenossen. Diese Laute können sowohl freundliche als auch feindselige Botschaften übermitteln – und sie wirken so ansteckend wie die Anfeuerungsrufe in der Fankurve.

Gute Freunde im Gesang

Allerdings lassen sich die Tiere keineswegs von jedem Artgenossen zum Mitgrölen animieren. Für ein Duett muss schon gute Stimmung herrschen, haben Pawel Fedurek von der University of York und seine Kollegen bei einer Studie an Schimpansen-Männchen in Uganda festgestellt. So kann die gemeinsame Schreierei Ausdruck sozialer Bindung sein. Doch auch Affen, die sich nur kurzzeitig gut verstehen, bringen das stimmlich zum Ausdruck. An Tagen, an denen sie einen Pant-hoot-Chor anstimmen, neigen die Tiere häufiger zu gegenseitiger Fellpflege und anderen freundlichen Kontakten – egal, ob es sich um Kumpel handelt oder nicht.

Gerade in unübersichtlichen Schimpansen-Gesellschaften könnten solche sozialen Signale wichtig sein. Akustische Botschaften haben den Vorteil, dass man die Artgenossen nicht sehen muss, um ihre Stimmung einzuschätzen. Das zeigt sich bei Zoo-Schimpansen. Selbst wenn sie ihre Kollegen im Nachbargehege nicht sehen, reagieren sie auf deren Lautäusserungen. Klingen die Nachbarn gut gelaunt, macht sich auch in der eigenen Gruppe beste Stimmung breit. Aber auch Aggressionen werden so von Gehege zu Gehege weitergegeben.

Wie beim Menschen wirken Emotionen also auch bei Tieren ansteckend. Selbst kollektiver Freudentaumel ist ihnen nicht fremd. Tonkean-Makaken sind begeistert, wenn sie nach einer Trennung ihre Artgenossen wiedersehen: Die Tiere rennen minutenlang herum und umarmen sich, halten sich fest und zeigen mit einer ganzen Reihe von typischen Lauten und Gesichtsausdrücken ihre Verbundenheit. Fast als wären sie gerade Europameister geworden.

Gähnen wie Lachen steckt an

Studien kv. Beim Menschen kennen Wissenschaftler eine ganze Reihe von Verhaltensweisen, die sich leicht von einer Person zur nächsten übertragen können. Zu den bekanntesten Beispielen gehören das Lachen und das Gähnen.

Warum Letzteres so ansteckend ist, haben Wissenschaftler noch nicht im Detail geklärt. Einer gängigen Theorie zufolge erfordert diese Reaktion jedenfalls ein gewisses Einfühlungsvermögen: Wer mitgähnt, muss sich in sein Gegenüber hineinversetzen können. Das gelingt neueren Studien zufolge nicht nur Menschen, sondern auch verschiedenen Affen wie Schimpansen und Pavianen. Hunde lassen sich sogar von menschlichem Gähnen anstecken – und zwar von dem ihrer Besitzer noch leichter als von dem eines Fremden.

Viele Menschen sind auch empfänglich für fremden Juckreiz: Wenn sich andere vor ihren Augen kratzen, können sie die Hände oft ebenfalls nicht stillhalten.

Auch das ist allerdings kein speziell menschliches Phänomen. So beginnen sich Rhesusaffen sehr schnell zu kratzen, wenn ihnen Artgenossen ein entsprechendes Vorbild liefern. Es genügt schon, wenn sie nur ein Video des von Juckreiz geplagten Artgenossen sehen. Schon wandern die Pfoten ins Fell.

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