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VERHÜLLUNGSVERBOT: Schleierhafte Kleiderordnung

Die Schweiz wird über ein Burkaverbot abstimmen. Ist der Vollschleier ein Symbol für die ­Unterdrückung der Frau – oder sollte jede tragen können, was sie will? Die Feministinnen sind sich nicht einig.
Melissa Müller
Ein Kleidungsstück macht Politik: Der Vollschleier, Symbol für religiösen Extremismus. (Bild: Picture Alliance)

Ein Kleidungsstück macht Politik: Der Vollschleier, Symbol für religiösen Extremismus. (Bild: Picture Alliance)

Melissa Müller

Im Wartezimmer einer Arztpraxis nahm die Muslima Emel Zeynelabidin ihr Kopftuch das erste Mal ab. Sie wollte wissen, was geschieht. Ohne Kopftuch, war ihr beigebracht worden, würde sie von den Männern belästigt werden. Doch es geschah – nichts. Nicht einmal der Mann gegenüber würdigte sie eines Blickes. Merkt er denn nicht, dass sich hier eine muslimische Frau vor ihm entblösst, dachte sie. Das war ihr Aha-Erlebnis. «Ich begriff, dass in der westlichen Gesellschaft kaum etwas ungefährlicher ist, als kein Kopftuch zu tragen», erzählte die in Deutschland aufgewachsene Tochter eines Irakers der Zeitschrift «Annabelle». Wenig später zog sie das Kopftuch für immer ab. Die Enthüllung habe sie zu einem offeneren Menschen gemacht. «Heute weiss ich: Ich habe ein Recht auf Selbstbestimmung. Mein Kopf und meine Lebenszeit gehören mir», sagt Zeynelabidin, die sich inzwischen als Aktivistin im interreligiösen Dialog einsetzt.

Alice Schwarzer: «Leichentuch für Frauen»

Die Muslima spricht sich auch für die Einführung eines Burkaverbots aus. Burka und Niqab sind in ihren Augen «Ausdruck eines pervertierten Patriarchats». Es sei schlimm, dass für diese «Maskerade» Gott und der Islam herhalten müssten. Dem stimmt auch Ur-Feministin Alice Schwarzer zu: «Die Burka ist ein Leichentuch für die Frauen», sagte sie einmal. Das grosse Stofftuch, das Körper und Gesicht verhüllt, ist ein plakatives Symbol für religiösen Extremismus, in dem die Frauen machtlos gehalten werden – und damit für viele eine Provokation.

Die Schweiz stimmt in den nächsten zwei Jahren über ein Burkaverbot ab. Rechtsbürgerliche haben über 100000 Unterschriften eingereicht, womit ihre Initiative zu Stande gekommen ist. Der St. Galler Kantonsrat hat bereits ein Verhüllungsverbot im öffentlichen Raum beschlossen. Die St. Galler Kantonsrätin Bettina Surber (SP) ist gegen ein Burkaverbot. Sie ärgert sich über die «Scheindebatte»: «Ich sehe hier nirgendwo Burkas. Und damit kann man doch auch nicht sagen, dass die hier ansässigen Muslime von den Frauen verlangen würden, dass sie Burka tragen.» Autorin Michèle Binswanger wundert sich hingegen nicht über die emotionale Debatte: «Hier werden Metathemen verhandelt, die die Gesellschaft seit Jahren in Atem halten und an einer empfindlichen Stelle berühren: Migration und Gleichstellung.»

Bekleidungsregeln neu verhandeln

In feministischen Kreisen ist die Burka-Frage umstritten. Die Zürcher SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr findet, es sei das Recht jeder Frau anzuziehen, worauf sie Lust hat: «Als emanzipierte Frau halte ich es für fragwürdig, Frauen vorschreiben zu wollen, was sie tragen sollen, ob Bikini oder Burka», äusserte sie sich in der «WoZ» gegen staatliche Kleidervorschriften.

Die individuelle Freiheit ist für Michèle Binswanger jedoch kein absoluter Wert und verhandelbar. «Wenn es da zu Konflikten kommt, dann darf, ja muss die Gesellschaft die Regeln des Zusammenlebens festlegen, um übergeordnete Interessen zu wahren.» Das Thema sei nicht neu; in manchen Kantonen sind bereits Vermummungsverbote in Kraft, in anderen ein Nacktwanderverbot. «Dass blutte Leute herumspazieren, ist ebenso wenig erwünscht wie dass man sein Gesicht hinter einem Schleier versteckt.» Die prominenteste Muslima der Schweiz plädiert ebenfalls für ein Verhüllungsverbot: Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam. Der politische Islam vertrete die Haltung, dass der Körper der Frau im öffentlichen Raum nichts zu suchen habe, legte sie in der «WOZ» dar. Die Frau habe sich für ihren Körper im öffentlichen Raum zu schämen, er sei Quelle von Sünde, deshalb solle sie unsichtbar werden. Das Fazit der Aktivistin: Für Frauen, die sich freiwillig total verschleiern wollten, sei unsere Gesellschaft der falsche Platz.

Wie Befragungen zeigen, würde heute die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung einem Burkaverbot zustimmen. Schweizer Hoteliers befürchten daher, dass vermögende arabische Gäste künftig ausbleiben werden, etwa in Interlaken. «Das müsste man halt in Kauf nehmen», findet Michèle Binswanger. «Wenn wir in muslimische Länder reisen, bedecken wir auch Beine und Schultern.» Auch im Bundeshaus gelte der Dresscode, die Schultern zu bedecken.

Kopftuch soll Männer vor Versuchungen schützen

Die Burka-Debatte färbt auch auf Frauen mit Hijab ab, dem islamischen Kopftuch, das lediglich die Haare bedeckt. Ursprünglich diente es dazu, Männer vor allzu tiefen Einblicken zu bewahren. Gläubige Muslimas sollen sich durch das Tuch vor sexuellen Übergriffen schützen. «Ein muslimischer Mann müsste sich doch für das Kopftuch schämen, weil es suggeriert, dass er seine Triebe nicht unter Kontrolle hat», findet Menschenrechtsaktivistin Emel Zeynelabidin.

Die einen finden, muslimische Frauen würden mit dem Kopftuch selbstbewusst ihre Religiosität zum Ausdruck bringen. Die anderen sehen darin ein Zeichen der Unterdrückung. Kopftuchträgerinnen müssen feindselige Blicke über sich ergehen lassen. Etlichen Polterern fehlt die Empathie für Frauen aus dem Nahen Osten. Sie finden, die «anderen» sollen sich anpassen und ihr Kopftuch abnehmen, als gebe es nichts Leichteres. «Man kann das Kopftuch, das man jahrzehntelang getragen und mit moralischen Werten verbunden hat, nicht einfach so ablegen», weiss Emel Zeynelabidin aus eigener Erfahrung. Bei ihr habe dieser Prozess ein Jahr gedauert.

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